Wird geladen ...
Beim Laden des Inhalts ist leider ein Fehler aufgetreten.

Queere Politik im Zeitalter des neoliberalen Individualismus

Nachrichten erweitern
  • Fritz Letsch
    Der folgende Text ist im Internet zur Diskussion gestaltet, und wartet dort auf deine Anmerkungen. Lass dich bitte nicht vom Umfang erschrecken, es ist eben
    Nachricht 1 von 1 , 21. Mai 2002
    Quelle anzeigen
    • 0 Anhang
      Der folgende Text ist im Internet zur Diskussion gestaltet, und wartet dort
      auf deine Anmerkungen.
      Lass dich bitte nicht vom Umfang erschrecken, es ist eben eine
      wissenschaftliche Arbeit.

      Queere Politik im Zeitalter des neoliberalen Individualismus
      Maintainer: Jonas Becker-Tietz, Version 1, 18.05.2002
      Quelle: http://www.opentheory.org/queertheory/text.phtml

      (1) Die Idee der Queer Theorie und Queer Politics entstand Anfang der 90er
      Jahren in den USA vor dem Hintergrund der Re-Ideoligisierung von
      (Hetero-)Sexualität im Zusammenhang mit AIDS und des zunehmenden
      Identitätsdenkens. Queer umfasst in seiner Beschreibung alles was nicht
      monogam, heterosexuell ist und zeichnet sich dadurch als Begriff besonders
      durch die sonstige Nicht-Eingrenzung und somit Offenheit aus, die
      Theoriebewegung entwickelte sich aus den Erfahrungen des AIDS-Aktivismus,
      der nicht auf identitären Zuordnungen basierte. Queer Theorie ist dabei im
      besonderen ein Versuch eine neue Theorievielfalt zu schaffen, welche im
      Gegensatz zu früheren Theorieansätzen besonders von Seiten der Schwulen
      Szene, Frauen/Lesben Fragen aber auch Fragen des Transgender Bereichs oder
      der Bisexualität mit einbezieht und versucht die Problematik von Identität
      zum Gegenstand der Kritik an Normen und Zwängen von Heterosexualität zu
      machen. Von einigen werden queere und feministische Thesen vereint um eine
      Umfassende Kritik einer normalisierten heterosexuellen und
      geschlechterhierarchisch patriarchalen Gesellschaft zu entwerfen.

      (2) Ich will in diesem Artikel der Frage nachgehen, wie sich die Lage von
      queeren Menschen innerhalb der letzten Jahre verändert hat, und diese
      Veränderung in den Kontext der neoliberalen Entwicklung vor allem aber des
      neoliberalen Individualismus betrachten. Mein Ziel ist es mit dieser
      Grundlage auf Strategiedebatten innerhalb der (Männerdominierten)
      homosexuellen Bewegung eingehen und als Gegenentwurf zu bürgerlichen
      Eingliederungsversuchen seitens des LSVD eine weitgehende und queere
      Normenkritik darstellen. Dadurch ergibt sich natürlich ein Schwerpunkt auf
      Unterdrückung von Homosexuellen, ich werde aber dennoch versuchen z.B.
      Transgender nicht auszusparen.

      (3) Heutzutage hört mensch immer öfter von "selbsternannten Wortführern" der
      Homosexuellenbewegung, dass die Gleichstellung von Lesben und Schwulen
      zumindest in Deutschland den Siegeszug angetreten hätte. Und tatsächlich
      bietet sich einem auf den ersten Blick ein Bild der Entspannung, Schwule und
      Lesben sind scheinbar aus der Nische der Marginalisierung und der
      Todgeschwiegenen herausgetreten und haben zumindest in Europa Einzug in
      Fernseh- Soaps, in die Werbung und vereinzelt sogar in die Politik gehalten.
      In Paris und Berlin regiert ein schwuler Bürgermeister, der sich offen zu
      seiner Homosexualität bekennt und die Homo-Ehe scheint ein weiteres
      Beispiel, dass Lesben und Schwule auf dem Weg der Gleichberechtigung sind.
      Selbst in Ländern in denen Religiöse und Konservative noch offen gegen die
      "Sünde Homosexualität" wettern wie den USA, hat sich mit Ally McBeal eine
      Serien-Figur im Staatlichen Fernsehen als Lesbe geoutet. Auch wenn die
      Entwicklung in dieser Serie einen Homophoben Aufschrei ausgelöst hat und sie
      letztlich abgesetzt wurde (nicht im direkten Zusammenhang mit der
      konservativen Reaktion), scheint es doch als Fortschritt, dass eine
      Serien-Sympathie-Figur eine Lesbe sein kann.

      (4) Komplett falsch ist diese Analyse meiner Meinung nach nicht. Eine
      (Männerdominierte) Homosexuellenbewegung seit den 70gern hat es zumindest
      geschafft Homosexualität zumindest Formal aus der Illegalität zu befreien
      und vielen Politikern einen Maulkorb der Toleranz aufzusetzen. Doch in der
      Realität sehen die Unterdrückungsmechanismen die Homosexuelle belasten
      anders aus. Die Diskriminierung von Nicht- Heterosexuellen in der Schule und
      in Betrieben, in der Familie oder in der Öffentlichkeit hält unvermindert an
      (Beispiele hierfür sind von vielen anderen Autoren erbracht worden und
      ohnehin den meisten queeren Menschen vertraut, deshalb will ich nicht näher,
      und in der Kürze undifferenziert, darauf eingehen).

      (5) Aus diesen beiden Zustandsbeschreibungen müsste mensch die Fatale
      Schlussfolgerung ziehen, dass die Medien und die Regierung, im Vergleich zum
      "Normalbürger", eine progressive Rolle im Kampf gegen Homophobie einnehmen.
      Demgegenüber stehen jedoch Fälle wie die Zwangsversetzung eines Schwulen
      Offiziers der Bundeswehr ("Homosexualität begründet erhebliche Zweifel an
      der Eignung und schließt eine Verwendung in solchen Funktionen aus, die an
      Führung, Erziehung und Ausbildung von Soldaten gebunden ist"(Scharping)),
      die von der gleichen Regierung betrieben wird, die die Homo-Ehe einführen
      möchte. Ebenso wie die Nicht-Thematisierung von Repressionen gegen queere
      Menschen in den gleichen Sendern die in ihren Soaps Schwule und Lesbische
      Akteure auftreten lassen. Angebliche Liberalisierungen für alle Homosexuelle
      wie die Homo-Ehe scheinen beim genauerem hinsehen nicht als Fortschritt, da
      sie wichtige Verbesserungen wie z.B. ein Adoptionsrecht für Homosexuelle
      Paare von vorneherein ausklammern, anstatt eine Umfassende Gleichbehandlung
      aller Lebensformen zu verwirklichen, dienen sie vor allem einem kleinen Teil
      von Homosexuellen, denen, die sich unkritisch in die Bürgerliche
      Gesellschaft eingliedern wollen. Die Homo-Ehe drängt so Homosexuelle so zu
      einer Übernahme von Heterosexuellen Lebensnormen wie der Kleinfamilie und
      stellt sich letztlich ebenso dar wie die Forderrungen, Frauen in die
      Bundeswehr aufzunehmen.

      (6) Dieser scheinbare Gegensatz von Verbesserungen und
      Ausgrenzungsmechanismen lässt sich nicht als Teilverbesserung abfeiern.
      Natürlich haben sich einige rechtliche Bedingungen für Homosexuelle
      verbessert, zumindest wird mensch nicht mehr Strafverfolgt, gleichzeitig hat
      die scheinbare Eingliederung von Homosexuellen in die "Legale Gesellschaft"
      auch vielfältige Kontroll- und Manipulationsmöglichkeiten geschaffen. Und
      abgesehen davon, dass die Einbeziehung von Homosexuellen dort aufhört wo
      "reflektierte" oder "andersartige" homosexuelle Lebensweise anfängt, dort wo
      die künstlichen Gegensatzpaare Frau/Mann Hetero/Homo etc. in Frage gestellt
      werden, dort wo durch die Dynamik der Szene neue, noch unvermarktbare Kultur
      entsteht, oder dort wo alternative Zusammenlebensformen die Bürgerliche
      Monogamie und Zweier-Beziehungen in Frage stellen. Abgesehen davon, dass
      große Gruppen von Menschen wie Transgender von jeglichen Verbesserungen
      komplett ausgeschlossen sind, lässt sich die heutige Entwicklung nicht bloß
      auf eine progressive Reformierung zurückführen.

      (7) Wir befinden uns in einem Jahrzehnt des Neoliberalismus und mit den
      Wirtschaftlichen folgen hat Neoliberale Individualisierungspolitik längst
      Einfluss auf den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexuellen bekommen. Die
      Individualisierung hat zumindest in der "ersten Welt" zu einer scheinbaren
      Verwischung von Klassen und (Rand-)Gruppen geführt. Nicht im Sinne einer
      Gleichstellung, sondern strikt nach dem Konzept von Verwertbarkeit innerhalb
      des Systems, nach dem Konzept der Vermarktung und der Konsumgesellschaft.
      Einzelne, individuelle Personen, wurden mit dieser Logik in das
      hierarchische System eingegliedert. Der Sohn eines Fabrikarbeiters kann -
      wenn auch nie gleichberechtigt mit dem Sohn eines Unternehmers - solange er
      sich komplett der Verwertungslogik hingibt in die hohen Etagen von Konzernen
      aufsteigen, die Tochter kann so sie der Norm "schön" entspricht und genügend
      Zeit und möglichst auch Geld in körperliche Entstellung investiert als Model
      Kaiere machen. Esoterische und alternative Ideen werden von modernen
      Managern genutzt, um die Arbeitsfähigkeit ihrer Arbeiter zu optimieren usw.
      und so fort. Der Vorteil für die Mächtigen dieser Welt liegt auf der Hand,
      die Ökonomie muss nicht auf Grund von ideologischen Barrieren auf wichtige
      Möglichkeiten verzichten Profit zu maximieren, der Feldzug der Vermarktung
      aller Lebensbereiche kann sich ausweiten und nebenbei gibt man(n) sich ein
      Tolerantes Image. In der Realität werden alle Menschen in den doppelten
      Zwang gestellt einerseits, über verschiedenen Klassen stehenden Normen zu
      genügen und andererseits auf grund ihrer sozialen Lage/ ihrer Stellung im
      Produktionsprozess, "Normalerweise" nicht die Möglichkeit zu haben, dies
      auch nur annährend zu erreichen.

      (8) Die neoliberale Individualisierung führte in einigen Ländern auch mit
      sich, dass Schwule und Lesben Einzug in die Werbung halten, aber eben nur
      solange mensch daraus Profit schlagen kann und nur ein bestimmter Typ
      Schwuler, ein bestimmter Typ Lesbe. Mit diesen zur Stereotypen
      hochsterilisierten Individuen wird einerseits Toleranz vorgetäuscht und
      andererseits werden Randgruppen in neue Normierungen gepresst, um sie besser
      unter Kontrolle zu halten und Widerstand zu brechen. Das diese Profitlogik
      und Normierungslogik nicht zu Emanzipation führt, haben schon ähnliche
      Entwicklungen in früheren Zeiten des Kapitalismus gezeigt. Gleichzeitig
      möchte ich radikalen Queer Theorien widersprechen, die diese Entwicklungen
      einseitig als Rückschritt verstehen, eben diese Analyse von Neoliberalismus
      finde ich verkürzt, da sie nicht berücksichtigt, das trotz aller Gefahren
      und Nachteile, die die Verwertungslogik mit sich bringt, der Individualismus
      auch Freiräume für Einzelne schafft, die für diese von Vorteil sind. So ist
      die Homo-Ehe sicherlich kein Vorschritt für die Homosexuellen an sich und
      erst recht nicht für deren Bewegung, dennoch mag es für einige eine
      Erleichterung bringen und ist deshalb auch nicht strikt abzulehnen.
      Deutlicher wird dies aber bei anderen Entwicklungen wie der Medienpräsentz
      von Lesben und Schwulen. Diese Entwicklung führt als Nebenprodukt mit sich,
      dass Jugendliche, als Zielgruppe von Soaps, mit Homosexualität Konfrontiert
      werden und so Toleranz und Respektierung von Homosexuellen in der heutigen
      Jugend zunimmt. Es ist auch zu bemerken, dass die heutige Jugend im
      Gegensatz zu der 80'er Generation wieder Ideen der Selbstbewussten Frau
      aufnimmt, meiner Meinung nach ein Produkt der unfreien Freiräume des
      Individualismus. Ein Schwuler der bei seinem Coming out in der Schule von
      den beschriebenen Folgen der Individualisierung profitieren kann, muss nicht
      automatisch dadurch in das kapitalistische Verwertungsdenken fallen.

      (9) Im Zuge der neoliberalen Umstrukturierung ist auch eine Neuformierung
      von Gender-Rollen zu bemerken. Es gibt neue Rollen-Vorbilder die wesentlich
      differenzierter daher kommen, so gibt es gleichzeitig ein neues Hoch der
      Macho-Kultur, wie sich auch akzeptierte Rollen des sensiblen, "weiblichen"
      Mannes ausbreiten. Die Individualisierung spült einiges nach oben, was
      durchaus angenehmer zu ertragen sein kann, ohne jedoch jemals in irgend
      einer Form dabei die Geschlechternormierung anzuzweifeln, somit auch ohne
      Verbesserungen für Transgender.

      (10) Nichtsdestotrotz hat die Individualisierungsideologie fatale Folgen auf
      politisches Bewusstsein und verschiedensten Bewegungen. Sie spaltet die
      Menschen leichter voneinander und führt zu getrennten, entsolidarisierten
      Prozessen. Wichtig ist mir jedoch lediglich die Erkenntnis, dass die
      positiven und die negativen Entwicklungen nicht von einender losgelöst
      ablaufen, sondern zwei Auswirkungen einer Entwicklung sind, die im
      dialektischen, in sich selbst vereinten Widerspruch zueinander stehen, die
      Ausprägung dieser Entwicklung ist, je nachdem wie stark konservative/
      modernisierende Kräfte gerade sind unterschiedlich. Will heißen, dass auch
      konservative und religiös beeinflusste Regierungen/ Personen Neoliberal sein
      können und dennoch queere Menschen am liebsten hinter Gittern sehen.

      (11) Nichtsdestotrotz bleibt für die homosexuelle Bewegung entscheidend,
      dass die angebliche Liberalisierung ein Irrweg ist, den mensch sich nicht
      auf die Fahnen schreiben sollte. Das ist natürlich einfach gesagt, die
      Realität ist jedoch, dass mensch schon froh sein kann, wenn bei einer der
      zur Exotenschau verkommenen CSD-Paraden überhaupt irgendein Inhalt
      Transportiert wird. Doch gerade angesichts des konservativen Role-Backs,
      dass es in der Zukunft geben könnte, einhergehend mit einer zunehmenden
      Rechtsentwicklung in Europa, ist eine Queere Bewegung, die mit politischen
      Inhalten, die über Exoten-Toleranz-Bestrebungen hinausgehen an die
      Öffentlichkeit tritt und politisch Kampffähig ist absolut notwendig. Dabei
      müssen die strategischen Möglichkeiten vor Ort ausgelotet werden, in welcher
      Form mensch Einfluss auf die Bewegung haben kann, oder mit dem Aufbau einer
      alternativen Bewegung beginnen muss. Es gibt Beispiele, wo eine politische
      Ausrichtung wie "Queer gegen Rechts" zumindest zum Teil, zu einer
      Politisierung führen konnte. Auch der World-Proud-March, der letztes Jahr in
      Italien durch Angriffe von Rechts aufgrund des Heiligen Jahres wieder einen
      Demo- Charakter angenommen hat, lässt auf die weltweite Bewegung hoffen.
      Überall dort wo frontale Angriffe auf Homosexuelle stattfinden, wird die
      Bewegung lebendiger und integriert mehr und mehr Frauen/Lesben
      zusammenhänge, aber auch Randgruppen wie Transgender Menschen. Die Bewegung
      weitet sich weltweit aus und in immer mehr Ländern finden Gay-Pride Demos
      statt.

      (12) Die Bewegung in Deutschland lahmt an ihrer bürgerlichen Führung dem
      LSVD, dieser hat die Homo-Ehe als einzige politische Forderung an die Front
      gestellt und wirbt dafür mit Plakaten, die Schwule Paare als die bessere
      Familie darstellen. Diese Forderung muss auch inhaltlich geknackt und als
      Front-Forderung abgelöst werden. Dies kann unabhängig von der regionalen
      Situation nur dann geschehen, wenn es gelingt, wieder größere Strukturen zu
      schaffen, die die radikale und normenkritischen queeren Gruppen und
      Szene-Strukturen umfasst, die auf einer Queer-Politischen und offenen
      Grundlage zusammenarbeiten und eine weitergehende Kritik in die queere/
      homosexuelle Bewegung, an die Öffentlichkeit und in andere soziale
      Bewegungen tragen. Eine wichtige Anregung hierfür kann die
      Antiglobalisierungsbewegung sein, hier ist es zumindest zum Teil gelungen
      mit den Pink und Silver Blocks queere Identität und Theorie in die Bewegung
      zu importieren. Dennoch, ein Hauptgrund, warum die homosexuelle Bewegung
      nicht politischer ist, ist die Nichtbehandlung queerer Fragestellungen durch
      linke Strukturen. Besonders der Transgenderbereich wird komplett ignoriert.
      Strikte Zwei-Geschlechter Trennung in Frau/Mann als Gegensatzpaar dominiert
      auch die Linke und bestimmt alle Bereiche unseres Denkens. Die meisten
      Gruppen setzten sich aber nicht einmal ein bisschen mit queeren Themen
      auseinander, geschweige denn betreiben queere Politik. Dieses Verhalten an
      sich ist schon homophob, da durch die Nichteinbeziehung queerer Fragen die
      Heteronormativen Verhältnisse bestätigt und gestärkt werden, so tragen die
      meisten linken Strukturen selbst zur Unterdrückung von queeren Menschen bei.
      Demgegenüber müssen Gruppen die sich in queeren Zusammenhängen einbringen
      wollen politische Strategien entwerfen, wie Homophobie, Geschlechter und
      Gendernormen bekämpft werden können.

      (13) Es ist besonders in der Revolutionären Linken endlich der Irrglaube zu
      brechen, Unterdrückung von queeren Menschen, oder sonst eine Unterdrückung
      die auf von der Gesellschaft getragenen Normen basiert, würde sich
      automatisch und ohne eine offensiven streit innerhalb der Arbeiterschaft und
      innerhalb des heutigen Systems, nach einer sozialen Revolution ergeben oder
      verbessern. Es ist wichtig, bei Wechselwirkungen zwischen Normierungen,
      Interessen von Kapitalisten und der Sozialisation des "kleinen Menschens"
      genau zu trennen und zu differenzieren. Simple Denkmodelle, wie "die
      Herrschende Klasse benutzt die Unterdrückung von ... als
      Spaltungsmechanismus gegen die Arbeiterschaft" verkennen die Ausmaße der
      systemerhaltenden, aber auch teilweise lenkenden Eigenschaften von
      bestimmten Normen im Kapitalismus. Es bleibt dabei trotzdem wichtig, das
      Interesse von Großkonzernen z.B. an unbezahlten Hausfrauen zu erkennen,
      dennoch reicht dies nicht aus um eine Gegenstrategie für zukünftige Zeiten
      zu entwickeln, sondern es ist vor allem entscheidend, die Normierungen zu
      erkennen und ihren Wirkungsweisen schon jetzt etwas entgegen zu stellen, was
      wiederum eine umfassende queere Gesellschaftskritik voraussetzt

      (14) Entscheidend für eine queere Gesellschaftskritik ist dabei der Begriff
      der Heteronormativität, Er bezeichnet die vorherrschende Norm, dass z.B.
      jeder Mensch den wir kennen lernen erst einmal heterosexuell ist bis er uns
      das Gegenteil erzählt, also Heterosexualität als Normenzustand begriffen
      wird. Er bezieht sich aber nicht nur auf sexuelle Fragen sondern weißt
      darauf hin, dass Heterosexuelle Normierung, die damit verbundene
      Hierarchisierung von Geschlechtern und die Rollen-Schemata unser gesamtes
      gesellschaftliches, politisches und vor allem auch ökonomisches Leben
      bestimmt. Aufgrund der heteronormativen Zustände in dieser Gesellschaft ist
      es nötig und wichtig das queere Menschen sich outen müssen und nicht einfach
      als Menschen mit unbestimmten vorlieben Leben können. Heteronormativität
      dring aber zum Bespiel auch in viele homosexuelle Beziehungen ein, in denen
      einer den weiblichen und der andere den männlichen Part übernimmt.

      (15) Die heteronormativen Zustände stehen also in engem Zusammenhang zur
      strikten Zwei- Geschlechter Trennung in Frau/ Mann als Gegensatzpaar. Die
      Gesellschaft basiert dabei in allen Teilen ihrer Organisation auf einer
      Hierarchisierung dieser Geschlechter und ihrer Beziehung zueinander, der
      sogenannte Geschlechterkampf verdeutlicht diese Auffassung. Die Frau/ Mann
      Aufteilung und die damit eng Verbundene Hierarchisierung müssen Kritisiert
      werden, um eine Theorie zu schaffen, die Transgender Menschen und alle die
      sich selbst als außerhalb der Geschlechterzuordnung definieren, mit
      einbezieht. Das heißt auch sich aus einem gesellschaftlich toleriertem
      Meinungsspektrum zu verabschieden und nicht mehr ausschließlich historische
      Gegebenheiten zu hinterfragen, sondern vor allem die Infragestellung dieser
      Geschlechter in der heutigen Zeit zu betrachten.

      (16) Die Trennung und die inhaltliche Normierung von zwei Geschlechtern ist
      zwar keinesfalls Gott gegeben, es gibt z.B. einige Stämme von Uhreinwohnern
      in Afrika und Amerika die mehr als nur zwei Geschlechter kannten und es gibt
      Fälle bei denen sich Menschen in diesen Stämmen selbst für den Wechsel eines
      Geschlechte entschieden und auch so Akzeptiert wurden, trotzdem hat sich
      nach Auffassung vieler Historiker schon recht früh eine bestimmte
      Arbeitsteilung der Geschlechter ergeben, die wir in unserer heutigen Zeit
      jedoch hinterfragen müssen.

      (17) Vor allem aber die heutige Existenz von Transgender-Lebensweisen
      beweisen, sofern mensch sie nicht als biologischen Fehler ansieht, dass eine
      rein biologische Unterschiedlichkeit, zwischen geborenen Frauen und
      geborenen Männern nicht zu einem spezifischen Verhaltensmuster oder
      bestimmten Rollen führt. Das heißt in der letztlichen Konsequenz also, dass
      wenn wir als Frau geboren werden, wir deswegen nicht als Frau leben. Nach
      dem heutigen Stand der wissenschaftlichen Forschung lässt sich meiner
      Meinung nach nicht genau bestimmen, welche Faktoren genau dazu führen wie
      sich ein Charakter entwickelt. Fest steht für mich, dass wir den
      marxistischen Satz "Das Sein bestimmt das Bewusstsein" auch weitgehend auf
      die Geschlechterzuordnung, im Sinne einer Inhaltlichen also einer auf das
      Verhalten bezogenen Zuordnung beziehen kann. Das heißt also, dass sich aus
      einer wie auch immer gebildeten Schnittmenge aus Erfahrungen die wir während
      unseres Lebens machen unsere Persönlichkeit bildet. Diese Unbewiesene
      Auffassung steht in direktem Gegensatz von der Auffassung vieler Biologen
      und Genforscher, die das Verhalten eines Menschen vor allem durch die
      genetische Vorbestimmung gebildet sehen. Doch betrachten wir heutige
      Lebensweisen hinken viele dieser radikalbiologischen Argumente, zum Beispiel
      das Argument, dass Transgender Menschen jeweils mehr weibliche oder mehr
      männliche Hormone im Körper hätten ist nur ein Versuch von Wissenschaftlern
      ihre wissenschaftliche Normierung und zweifelhaften biologischen Zuordnungen
      aufrecht zu erhalten. Es mag durchaus Fälle geben, auf die diese Analysen
      zutreffen, aber es gibt ebenso viele Transgender Menschen, bei denen keine
      andere Hormonverteilung nachweisbar ist, was wiederum dazu führt, dass weder
      deren Veranlagung noch sonst irgendwelche angeborenen Grundlagen zu deren
      Persönlichkeit geführt haben.

      (18) Diese Analyse führt mich aller Gegenargumente zum Trotz zu der Annahme,
      dass die heutige Einteilung von Geschlecht und nicht nur die mit ihr
      verbundenen Gendernormen nicht einer "natürlichen" Persönlichkeit der
      Menschen entsprechen und daher gesellschaftlich konstruiert sind. Auf Basis
      dieser Feststellung gilt es sich zu überlegen, wie menschliches Leben in
      einer Zukünftigen Gesellschaft, weitgehend frei von Normierungen zu Leben
      ist und wie es zu Leben sein soll. Ich hoffen, dass letztlich freiere
      Entfaltungsmöglichkeiten von Geist und eine Verringerung der normierenden
      Außeneinflüsse, verbunden mit einer nicht hierarchischen und auf Vermarktung
      ausgerichteten Gesellschaftsordnung, dazu führen können, dass es zu einer
      Veruneindeutigung von Geschlechtern kommt, also einer Verwischung und
      Vermischung von geschlechtlichen Barrieren und damit einer freieren
      Entwicklung über Gender- Barrieren und Einteilungen in Geschlechtergruppen
      hinaus. Diese auf Verhaltensmuster bezogene Behauptung trifft auch auf
      sexuelle Ausrichtungen wie Heterosexualität/Homosexualität zu. Eine
      Veruneindeutigung von Geschlechtern, auch auf das Äußere bezogen, würde auch
      eine genauere Festlegung auf das gleiche oder das andere Geschlecht
      erschweren. Der einzige Unterscheidungspunkt, wären nur noch biologischen
      Äußerlichkeiten die aber durch eine abrücken von der Erotik durch
      Geschlechtsabgrenzung, wie sie heute gesehen wird, an Bedeutung verlieren
      würden. Somit wären die Gegensatzpaare Frau/Mann, wie auch Homo/Hetero,
      Grundvoraussetzungen für irgend geartete Unterdrückung auf grund von
      Geschlecht oder Sexualität verwischt und letztlich aufgelöst.

      ----------------------------------------------------------------------------
      ----

      Copyright (c) 2002 Jonas Becker-Tietz

      Permission is granted to copy, distribute and/or modify this document under
      the terms of the GNU Free Documentation License, Version 1.1 or any later
      version published by the Free Software Foundation; with no Invariant
      Sections, with no Front-Cover Texts, and with no Back-Cover Texts. A copy of
      the license is included in the section "GNU Free Documentation License".

      ----------------------------------------------------------------------------
      ----

      Quelle: http://www.opentheory.org/queertheory/text.phtml
      Kontakt: stefan.meretz@...
      (Last Update: 18.05.2002, 15:55)

      lieben gruss,
      fritz www.joker-netz.de

      aktuelles auf http://de.groups.yahoo.com/group/fritz-letsch/
    Deine Nachricht wurde erfolgreich abgeschickt und wird in Kürze an die Empfänger geliefert.