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Haberle zur Sexualität und Kinsey-Skala zum Verhältnis zwischen heterosexuellem und homosexuellem Verhalten

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  • fritz Letsch
    Auszug aus: Formen des Sexualverhaltens Seite 236 ff in: E.J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Handbuch und Atlas, Berlin New York 1985 (de Gruyter)
    Nachricht 1 von 1 , 3. Jan. 2004
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      Auszug aus:
       
      Formen des Sexualverhaltens   Seite 236 ff in: E.J. Haeberle,
      Die Sexualität des Menschen, Handbuch und Atlas, Berlin New York 1985 (de Gruyter)
       
      Homosexueller Geschlechtsverkehr
       
      Menschen können nicht nur Geschlechtsverkehr mit Partnern des anderen Geschlechts haben, sondern auch mit solchen gleichen Geschlechts. Anders ausgedrückt: Männer und Frauen können sowohl heterosexuellen als auch homosexuellen Geschlechtsverkehr haben. Die Vorsilben "hetero-" und "homo-"- kommen aus dem Griechischen und bedeuten "anders-" bzw. "gleich-".
       
      Wie bereits erwähnt, ist gleichgeschlechtliches Verhalten unter Kindern häufig und unter heranwachsenden Jugendlichen nicht ungewöhnlich. In den Jahren vor der Pubertät haben Kinder in unserem Kulturkreis häufiger sexuellen Kontakt zu Menschen gleichen Geschlechts als zu solchen des anderen Geschlechts. In dieser Zeit werden heterosexuelle Spiele sogar eher unterbunden. während homosexuelle Aktivitäten kaum Beachtung finden.
       
      Erst später kehrt sich die Situation um. Wenn Jugendliche die Pubertät erreicht haben. wird von Jungen und Mädchen erwartet, daß sie ausschließlich heterosexuelle Interessen entwickeln. Jeder Versuch homosexueller Aktivität wird streng verurteilt. Trotzdem haben viele Menschen weiterhin - auch bis ins hohe Alter - homosexuelle Kontakte. Für viele von ihnen stellen diese Kontakte nur vereinzelte Episoden in einem sonst heterosexuellen Leben dar. Für andere werden sie zu gelegentlichen Erlebnissen, für wieder andere sind sie die bevorzugte oder auch einzige Form sexuellen Verhaltens.
       
      In ihren beiden Studien des menschlichen Sexualverhaltens haben Kinsey und seine Mitarbeiter zur Klärung des Sachverhalts eine sehr praktische Methode benutzt. Sie erfanden eine siebenteilige Skala, die das Verhältnis von heterosexuellem zu homosexuellem Verhalten in der Bevölkerung insgesamt messen sollte. Am einen Ende dieser Skala (Kategorie 0) wurden Menschen eingeordnet, die ausschließlich heterosexuelle Erfahrung hatten; am anderen Ende (Kategorie 6) wurden Menschen eingeordnet, die ausschließlich homosexuelle Erfahrungen hatten. Zwischen diesen beiden Extremen lagen Menschen, die sowohl heterosexuelle als auch homosexuelle Erfahrungen hatten (Kategorien 1-5). Es ergab sich so die folgende Einteilung:
       
      Kategorie 0: Ausschließlich heterosexuelles Verhalten
      Kategorie 1: Überwiegend heterosexuelles, gelegentlich homosexuelles Verhalten
      Kategorie 2: Überwiegend heterosexuelles, jedoch häufiger als gelegentlich homosexuelles Verhalten
      Kategorie 3: Heterosexuelles und homosexuelles Verhalten zu gleichen Teilen
      Kategorie 4: Überwiegend homosexuelles, jedoch häufiger als gelegentlich heterosexuelles Verhalten
      Kategorie 5: Überwiegend homosexuelles, gelegentlich heterosexuelles Verhalten
      Kategorie 6: Ausschließlich homosexuelles Verhalten. (Siehe auch Schaubild und Tabelle S. 237)
       
      Diese Kategorien haben natürlich an sich nichts Neues oder Revolutionäres. Man wußte immer schon, daß es Menschen gibt, die nur heterosexuellen Verkehr haben, und andere mit ausschließlich homosexuellem Verkehr. Man wußte auch, daß einige Menschen mit Partnern beiderlei Geschlechts sexuellen Verkehr haben. Tatsächlich haben die Menschen vermutlich schon lange vor Kinsey diese grundlegende Einsicht gehabt. Aber zumindest in unserer westlichen Kultur war für die öffentliche Meinung eine solche Idee niemals akzeptabel, weil man einfach annahm, die Prozentzahl derer mit ausschließlich heterosexuellen Erfahrungen sei so groß und der Prozentsatz aller anderen Gruppen so klein, daß eine solche Einteilungsskala wenig sinnvoll sei.
       
      Bevor Kinsey also seine umfangreichen Untersuchungen machte, war man der Auffassung, homosexuelle Handlungen seien nur seltene und unnatürliche Ausnahmen. Kinsey bewies, daß diese überkommene Ansicht falsch war. So zeigen seine Statistiken beispielsweise, daß etwa 50 Prozent aller Männer und 20 Prozent aller Frauen, bevor sie das mittlere Lebensalter erreichen, in irgendeiner Form eindeutige sexuelle Erlebnisse mit Partnern des gleichen Geschlechts gehabt haben. 37 Prozent aller Männer und 13 Prozent aller Frauen haben nach ihrer Pubertät zumindest ein homosexuelles Erlebnis, das zum Orgasmus führte. Dies betrifft also fast zwei von fünf Männern und mehr als eine von acht Frauen. Nach Kinseys Feststellungen verhalten sich darüber hinaus vier Prozent aller Männer (und ungefähr zwei Prozent aller Frauen) während ihres ganzen Lebens ausschließlich homosexuell.
       
      Als diese Ergebnisse zum erstenmal veröffentlicht wurden, erregten sie in der Öffentlichkeit großes Aufsehen. Viele Menschen weigerten sich, die große Anzahl der berichteten homosexuellen Kontakte zu akzeptieren. Selbst heute noch bezweifeln verschiedene Experten, daß die Zahlen repräsentativ sind. Allerdings hat sie bis heute kein Forschungsergebnis widerlegt. Die Arbeit Kinseys mag einige Irrtümer enthalten und zeitgebunden sein, sie ist aber bis heute noch die zuverlässigste Untersuchung über die Häufigkeit homosexuellen Verhaltens.

      Eine heute erstellte Studie könnte sehr wohl ergeben, daß die Zahl derer, die sich homosexuell verhalten, noch sehr viel größer ist (besonders bei den Frauen). Der größte Schock für die Öffentlichkeit war jedoch die Schlußfolgerung, die Kinsey aus seinen Erkenntnissen zog.

      Bis dahin war es üblich gewesen, "Heterosexuelle" und "Homosexuelle" als zwei verschiedene Menschenklassen anzusehen. Man bezeichnete "Homosexuelle" gelegentlich als "sexuell Invertierte", "psychosexuelle Hermaphroditen" oder "das dritte Geschlecht". Man glaubte, sie litten an einer besonderen Krankheit, "Homosexualität" genannt, und seien daher vom Rest der Menschheit deutlich verschieden. Homosexuelle, die sowohl mit Männern als auch mit Frauen Geschlechtsverkehr hatten, bezeichnete man als getarnte Homosexuelle, die irgendwie "mogelten".

      Angesichts der wissenschaftlichen Ergebnisse wurden all diese Vorurteile aber gegenstandslos. Die Statistiken zeigten einfach, daß "Heterosexualität" und "Homosexualität" keine klar umrissenen, trennbaren und unvereinbaren Eigenschaften sind. Kinsey hat es einmal so ausgedrückt, daß es falsch sei, "zwischen zwei deutlich verschiedenen Gruppen, Heterosexuellen und Homosexuellen, zu unterscheiden. Man kann die Welt nicht in Schafe und Ziegen einteilen. Nicht alle Dinge sind schwarz oder weiß ... Die Natur kennt keine scharfen Einteilungen. Nur der Mensch erfindet Kategorien und versucht, die Wirklichkeit in verschiedene Schubfächer zu

      zwingen. Alles Leben ist in jeder Hinsicht ein Kontinuum. Je früher wir dies im Hinblick auf das menschliche Sexualverhalten lernen, um so eher werden wir die Wahrheit über die Sexualität begreifen."

      Kinsey führte weiter aus, welche Folgerungen dieser neue Ansatz nahelegt: "Man könnte über diese Dinge wesentlich präziser nachdenken, wenn Menschen nicht als heterosexuell oder homosexuell bezeichnet würden, sondern als Individuen mit einer bestimmten Anzahl heterosexueller Erfahrungen und einer bestimmten Anzahl homosexueller Erfahrungen. Statt diese Begriffe als Hauptwörter zu verwenden, mit denen Personen bezeichnet werden, oder als Adjektive, die Menschen beschreiben, sollten sie eher dazu verwandt werden, die Form der sexuellen Beziehung oder die Stimuli, auf die ein Mensch erotisch reagiert, zu charakterisieren."

      Diese Feststellung trifft den Sachverhalt genau, weil das "Problem Homosexualität" zumindest zum Teil durch die Gedankenlosigkeit und die sprachliche Schlamperei derer verursacht wird, die über sie sprechen. Um nur ein Beispiel zu geben: In der Armee, im Gefängnis, in psychiatrischen Anstalten werden Menschen manchmal als "Homosexuelle" etikettiert, wenn man feststellt, daß sie eine einzelne homosexuelle Erfahrung gemacht haben. Denjenigen, die solche Etiketten vergeben, fällt es jedoch nicht auf, daß auch jeder Mensch mit nur einer einzelnen heterosexuellen Erfahrung als "Heterosexueller" bezeichnet werden müßte, würde man sich dieser Logik anschließen.

      Dabei geht es allerdings nicht nur um Wortspielereien. In einigen Ländern kann ein Mann ins Gefängnis kommen, seine Arbeit und seinen Beruf verlieren und amtlich als "sexueller Psychopath" registriert werden, und das aufgrund eines einzigen homosexuellen Kontakts. Heranwachsende, die man bei homosexuellen Handlungen ertappt, werden von ihren Freunden und Verwandten als "Schwule" bezeichnet und werden so zu sexuellen und sozialen Einzelgängern. Das kann zur Folge haben, daß man ihnen jegliche Chance nimmt, ihre heterosexuellen Fähigkeiten zu entwickeln. Ein glücklich verheirateter "Familienvater", der etwa in alkoholisiertem Zustand in einer ...

      Bild: Heterosexuelles und homosexuelles Verhalten

      Häufigkeit heterosexuellen und homosexuellen Verhaltens (Altersgruppe von 20-35 Jahren)

      [eine grafik kann ich nicht übernehmen, was ihr jetzt selbst eintragen müsst,
      um eine vorstellung des übergangs zu entwickeln:
      eine schräge linie, die von Feld 2 vorne oben bis feld 6 hinten unten führt]

      1

      2

      3

      4

      5

      6

      7

      Ausschließlich heterosexuelles Verhalten

      Gelegentlich homosexuelles Verhalten

      Häufiger als gelegentlich heterosexuelles Verhalten

      Heterosexuelles und homosexuelles Verhalten zu gleichen Teilen

      Häufiger als gelegentlich homosexuelles Verhalten

      Gelegentlich heterosexuelles Verhalten

      Ausschließlich homosexuelles Verhalten

       

      Ambisexuelles Verhalten

       

      Unverheiratet:

      M =52-78%

      F= 61-72%

      Verheiratet:

      M= 90-92%

      F=89-90%

      Früher verheiratet:

      F = 75-80 % [M ?]

      M =18-42%

      F = 11-20%

      M =13-38%

      F = 6-14%

      M= 9-32%

      F = 4-11 %

      M =7-26%

      F= 3-8%

      M = 5-22%

      F= 2-6%

      M = 3-16%

      F = 1-3%

       
      Kinsey-Skala zum Verhältnis zwischen heterosexuellem und homosexuellem Verhalten. Die Skala und die ihr zugrundeliegenden Daten stammen aus den von Kinsey im Jahre 1953 veröffentlichten Materialien über Männer (M) und Frauen (F). Die Spanne der prozentualen Angaben resultiert aus unterschiedlichen Verteilungen in bestimmten Untergruppen der sieben Kategorien. Diese Kategorien selbst sind in mancher Hinsicht etwas willkürlich, die Skala sollte deshalb eher als Kontinuum verstanden werden.
       
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