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197650.000 v.Ztr. - Europäer wandern in Amerika ein? (Die Welt)

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  • erime
    18. Dez. 2004
       
      DIE WELT.de

      Streit um den ersten Amerikaner

      Forscher behaupten: Die Neue Welt wurde schon vor 50 000 Jahren besiedelt - vielleicht sogar per Schiff

      von Ulli Kulke

      New York - Gut, daß die heutigen Amerikaner von Einwanderern der Neuzeit abstammen. Unerhörten Erschütterungen ausgesetzt wäre sonst ihr Selbstverständnis: Wo kamen sie her? Und wie? Wie wurden sie, was sie sind? Für die ersten Amerikaner nämlich sind die Fragen seit einigen Jahren so unbeantwortet wie nie. Längst ist die Debatte über die alte Zeit der Neuen Welt zu einem Streit zwischen anglophilen nord- und hispanophilen südamerikanischen Forschern ausgeartet: Welches Amerika war zuerst besiedelt?

      Da kommt nun Albert Goodyear, renommierter Archäologe und Anthropologe von der University of South Carolina (USC), mit seinem unerhörten Coup: Er datiert das Alter der ersten Einwanderer auf das Vierfache der bisherigen Schulweisheit: "50 000 Jahre, mindestens."

      Dabei taxieren die Anthropologen den Moment, da die Menschen überhaupt erst Afrika verlassen haben, auf nur wenig früher: vor 60 000 bis 80 000 Jahren. Muß die Geschichte des langen Marsches "out of Africa" umgeschrieben werden? War er eher kurz? Betrat Homo sapiens Amerika früher als Europa? Zumindest die bislang gültige These, daß die ersten Amerikaner alle über die damals trockene Beringstraße nach Alaska kamen, vor 12 000 bis 13 000 Jahren, gerät ins Wanken. Für Friedemann Schrenk, Deutschlands führenden Paläoanthropologen, wäre dies "eine grundlegend veränderte Weltsicht auf die Besiedlung Amerikas", falls Goodyears Thesen allen Prüfungen standhalten, wie er gegenüber der WELT sagte. Schon geht die Rede, vor 50 000 Jahren könnte die große Überfahrt über den Pazifik oder Atlantik stattgefunden haben. Wenn das der alte Erlebnisarchäologe Thor Heyerdahl noch erlebt hätte!

      Allendale County im US-Bundesstaat South Carolina, Südstaaten-Landschaft mit Baumwollfeldern, großbäuerliche Kulturflächen. Daneben, am Savannah, dem Grenzfluß zu Florida, ist es urwüchsiger. Knorrige, moosbewachsene Eichen begrünen die Hügel am Nordostufer. Seit 1981 gräbt Albert Goodyear hier Löcher in den Waldboden. "Topper Site" heißt der Platz; benannt nach einem Forstmann, der Archäologen alarmiert hatte, hier sei was zu holen. Der Ort schien schlüssig, angenehm für Ur-Amerikaner: komfortables Klima, fischreicher Fluß, wildreicher Wald.

      Immer tiefer gruben sich dort die Wissenschaftler vor, ins Erdreich und in die Urgeschichte Amerikas. Ein Meter, zwei, drei. Holzkohleschichten fanden sie, Steinwerkzeuge. 10 000 Jahre ergaben die Radiokarbondatierungen, 16 000, 20 000, 25 000. Längst waren die Funde aus dem kleinen Ort Clovis in Mexiko an Jahren überholt, den die etablierte Wissenschaft hartnäckig als Verteilerstation aller amerikanischen Besiedlungsströme vor 12 000 Jahren ansieht.

      Bis jetzt Messungen einer Holzkohleschicht und mehrerer Steindolche aus vier Metern Tiefe bei 50 000 Jahren plus X ausschlugen. Objekte mitten aus einer Sedimentschicht also, die insgesamt auf den Höhepunkt der letzten Eiszeit vor einem halben Jahrhunderttausend taxiert wird. Topper, eine menschliche Siedlung, 15mal länger bewohnt als Rom?

      Spannend dürfte es im kommenden Jahr werden, wenn in Columbia, Hauptstadt South Carolinas, eine internationale Konferenz von Archäologen tagen wird, auf der wie seit längerem geplant über die weitere Haltbarkeit der "Clovis-These" debattiert wird. Nun hat man einen neuen Tagesordnungspunkt: die eingehende Besichtigung der Grabung von Topper. Doch nicht nur Topper könnte Clovis zu Fall bringen.

      1. Der Streit um den "Kennewick-Mann" steht vor dem Ende: Ein 9400 Jahre altes Skelett aus dem US-Staat Washington, dessen Schädel deutliche osteuropäische Züge trägt, könnte auf vorzeitlichen Transatlantikverkehr deuten. Indianerstämme verhinderten bislang seine Untersuchung, weil sie ihn als ihren Vorfahren ansehen und auf sofortiger Bestattung bestanden. Ein Gericht entschied jüngst zugunsten der Wissenschaft.

      2. An mehreren Stellen zwischen Mexiko und Chile fanden südamerikanische Archäologen in den letzten Jahren menschliche Knochen, die keine Verwandtschaft zu den Beringstraßen-Wanderern aufwiesen, aber zu Ur-Australiern.

      3. In der chilenischen Atacama-Wüste stieß man bei Mumien auf Spuren eines Leukämievirus, das ansonsten nur in Japan, aber in keiner anderen amerikanischen Grabungsstätte auftauchte.

      4. Neue genetische Untersuchungen und Rückverfolgungen der Verwandtschaft heute lebender Indianer deuten an, daß sich vor vielen Jahrtausenden ein "kaukasischer" Faktor im Erbgut der "Neuen Welt" festsetzte.

      5. Das Süßkartoffel-Rätsel: Die Knolle ist nirgendwo auf der Welt bekannt, außer in Südamerika, auf Pazifik-Inseln und in Neuseeland - Gegenden, zwischen denen angeblich keine Verbindung bestand.

      Südamerikanische Archäologen kritisieren, daß alle Hinweise auf eine frühere, zumindest unabhängige Besiedlung Lateinamerikas über den Seeweg in der nordamerikanischen Wissenschaft ignoriert werden. US-Forscher würden die Fundstätten nicht mal besichtigen, heißt es. "Wir durchdringen die englische Sprachbarriere nicht", klagt der mexikanische Anthropologe Gustavo Vargas, der Beweise für einen frühen Austausch zwischen dem vorkolumbischen Amerika und China gefunden haben will, über mangelnden Respekt.

      Und jetzt also Goodyear mit seinem 50 000 Jahre alten Holzkohlen-Grillplatz samt gleichaltriger Werkzeuge. Eine Frage, die sich in dem Zusammenhang sofort aufdrängt: War die Beringstraße zu der Zeit überhaupt passierbar? Vor 13 000 Jahren, zur angeblichen "rush hour" gegen Ende der letzten Eiszeit, war der Meeresspiegel um 170 Meter tiefer, gab es eine bequeme Landbrücke. Aber 40 000 Jahre zuvor, als das Eis in den Süden reichte, da hatte dieser Paß viele Jahrtausende lang Wintersperre - bis weit hinunter in den Pazifik. Nur große Seefahrt hätte damals weitergeholfen.

      Friedemann Schrenk jedenfalls geht davon aus, daß Nordamerika vor 20 000 bis 30 000 Jahren komplett unbewohnbar war: zu kalt. Für ihn steht gerade deshalb aber fest, daß zu dieser Zeit die ersten Bewohner Amerikas nach Süden vordrangen, per Boot entlang der Westküste. Die Seefahrt könnten sie beherrscht haben. Schrenk: "Der Homo erectus ist schon vor 800 000 Jahren mit Flößen übers Meer gefahren." Warum soll dann sein Verwandter, Homo sapiens sapiens, aus dieser Fähigkeit nicht in 750 000 Jahren gelernt haben, auch über große Ozeane zu segeln?

      Artikel erschienen am Sa, 18. Dezember 2004

      © WELT.de 1995 - 2004

      http://www.welt.de/data/2004/12/18/376356.html

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