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  • larrycook08@yahoo.es
    18. Aug. 2008
      Dieser TELEPOLIS Artikel wurde Ihnen
      von <larrycook08@...> gesandt.
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      In Russland gedeiht die Sorge vor subliminaler Werbung
      Florian Rötzer 28.06.2002

      Die Angst vor der Manipulation durch Medien über das Bewusstsein
      unterlaufende Botschaften stammt aus den Zeiten des Kalten Kriegs und
      könnte sich einer neuen Konjunktur erfreuen

      Die Faszination an und die Angst vor subluminalen, also nicht bewusst
      wahrnehmbaren Botschaften, die in Medieninhalten versteckt werden, um
      Menschen heimlich zu beeinflussen, stammt aus der Zeit des Kalten
      Kriegs, als auch die Macht der Geheimdienste groß war. Während in den
      USA, wo der CIA wirkt, der Verdacht auf versteckte Botschaften nach dem
      11.9. in etwas veränderter Form wieder aufkam (Benutzen Terroristen
      versteckte Botschaften?), scheinen russische Politiker, geprägt vom
      Wirken des KGB, geradezu einen Totalverdacht vornehmlich gegen das
      Fernsehen zu entwickeln.

         

      Auch wenn es Vermutungen über die Wirkung von nicht bewusst
      wahrgenommenen Eindrücken schon länger gibt und diese im Rahmen der
      Reaktionen auf Reize auch tatsächlich eine Rolle spielen, brach die
      Manipulationsdebatte über subliminale Botschaften zur gezielten
      Beeinflussung von Menschen erst in den 60er Jahren wirklich durch. 1957
      hatte James Vicary, ein Marktforscher behauptet, dass viel mehr
      Coca-Cola und Popcorn bei einem Experiment in einem Kino verkauft
      worden seien, nachdem dort in einem Film wiederholt für den Bruchteil
      einer Sekunde die Sätze "Drink Coca-Cola" und "Eat Popcorn" für die
      Zuschauer unbemerkbar aufblitzten.

      Versteckte Botschaften vermuten manche auch in Dollarscheinen. Schritt
      1: Man falte einen 20-Dollar-Schein

      Die Reaktionen lösten eine richtiggehende Hysterie aus. Die Angst vor
      den Machenschaften aus dem damaligen Reich des Bösen und den eigenen
      Geheimdiensten, die alles Mögliche anstellten und wie der CIA natürlich
      auch Forschung über subluminale Botschaften betrieben, kam hier mit dem
      unbedingten Fortschrittsglauben in Wissenschaft und Technik und den
      Ängsten zusammen, die von den Massenmedien ausgingen, in deren Welt man
      gerade erst wirklich eintauchte. Die Debatte über die Manipulierbarkeit
      der Menschen ging bis zum Parlament. Abgeordnete ließen sich den Film
      von Vicary vorführen, allerdings kam es damals nicht zu einem direkten
      Verbot. Erst seit 1974 kann die FCC einschreiten, da sublimale Werbung
      unabhängig von der tatsächlichen Wirksamkeit als Täuschungsversuch gilt.

      "Subliminal Programming. We sometimes receive complaints regarding the
      alleged use of subliminal techniques in radio and TV programming.
      Subliminal programming is designed to be perceived on a subconscious
      level only. Regardless of whether it is effective, the use of
      subliminal perception is inconsistent with a station's obligation to
      serve the public interest because the broadcast is intended to be
      deceptive."

      Ein Werbespot der Republikaner im US-Präsidentschaftswahlkampf

      Pikanterweise räumte Vicary einige Jahre später ein, dass sein
      Experiment nicht mehr als ein Gag war. Das allerdings kam schon zu
      spät, um die Faszination an und die Ängste vor den subliminalen
      Botschaften wieder aus der Welt zu schaffen. Obgleich es bislang keine
      empirischen Nachweise für deren Wirkung gibt, glauben noch immer viele
      Menschen daran und versuchen andere, den Glauben an die
      Manipulierbarkeit zu Geld zu machen, indem sie Produkte mit "guten"
      subliminalen Botschaften anbieten, um das Selbstbewusstsein zu
      steigern, Ängste zu vertreiben oder eine Sucht aufzulösen.

      Beim letzten US-Präsidentschaftswahlkampf wurde allerdings das Thema
      kurzzeitig wieder hochgespült, nachdem Mitarbeiter von Al Gore in einem
      Werbespot der Republikaner gegen den Präsidentschaftskandidaten der
      Demokraten im Sommer 2000 entdeckt hatten, dass dort kurz "RATS"
      (Ratten) aufblitzte (Unterschwellige Werbung im amerikanischen
      Präsidentschaftswahlkampf?). Die Federal Communications Commission
      (FCC) hatte im März des letzten Jahrs allerdings endgültig abgelehnt,
      den Vorfall näher zu untersuchen. Die meisten der Sender, die den Spot
      ausgestrahlt hatten, gaben an, nichts von der Botschaft gewusst zu
      haben, ein paar, denen es aufgefallen war, sagten, sie hätten das Wort
      lesen können, weswegen sie annahmen, es habe sich eben nicht um eine
      subliminale Botschaft gehandelt. Etwas seltsam freilich ist die
      Begründung für die Einstellung der Überprüfung, weil 90 Prozent der
      befragten Fernsehsender "nicht einmal das Wort RATS bemerkt hatten,
      bevor sie den Spot gebracht hatten".

      Bleibe sitzen und schaue nur ATN

      In Russland geht man freilich härter zur Sache. Dort wird nicht nur
      Alkoholsucht mit dem "Codieren" des Gehirns durch Botschaften bekämpft,
      sondern veröffentlichte beispielsweise auch die neue Prawda letztes
      Jahr einen langen Artikel eines gewissen John Fleming über all die
      außerordentlichen Dinge, die man mit Überwachungssatelliten machen
      könne. Nichts könne den Augen aus dem All mehr entgehen, mit denen man
      auch Gespräche abhören, elektronische Instrumente wie Lampen aus der
      Ferne manipulieren, Menscher mit der Hilfe eines Laserstrahls töten
      oder den Geist eines Menschen "lesen" könne. Auch aus dem All bedrohen
      uns nach diesem wilden Schreiber bereits subliminale auditive
      Botschaften, mit denen Menschen dazu gebracht werden können, egal ob
      sie schlafen oder wach sind, etwas zu machen.

      Schritt 2: Weiteres Falten ist notwendig

      Auf jeden Fall wurde in Russland im Sommer 2000 der im sibirischen
      Yekaterinburg ansässige Sender Avtorskiye Televisionniye Novosti, kurz:
      ATN, dicht gemacht, weil er immer wieder schnell die Botschaft hatte
      aufblitzen lassen: "Bleib sitzen und schaue nur ATN an." Ob sich
      daraufhin die Zahl der Zuschauer auffällig vermehrt hatte oder diese
      süchtig vor dem Fernseher klebten, interessierte in dem Fall nicht. Der
      für die Medien zuständige Minister Michail Seslavinsky schloss
      kurzerhand Sender (Subliminale Werbung - die geheime Verführung?).

      "Gefährliche Programme" in vielen russischen TV-Sendungen

      Vielleicht sind die Politiker dadurch erst wirklich auf den Geschmack
      gekommen - oder man glaubt in Russland eifrig an die Wirksamkeit
      solcher subliminaler Botschaften, die bislang offensichtlich vor allem
      bei den Fernsehsendern vermutet werden. Wie Moscow Times berichtete,
      hat Valery Sirazhenko, die für die Presse zuständige Staatssekretärin,
      nach einem Treffen von Mitarbeitern des Presseministeriums mit dem
      Kartellamt "einige Fernsehsender" gewarnt, von denen man wisse, das sie
      "subliminale Werbung" senden: "Es ist ein nachgewiesener Sachverhalt,
      dass einige Fernsehsender subliminale Aufnahmen verwenden."

      Das sei zwar schwierig zu entdecken, soll Sirazhenko gesagt haben.
      Deswegen habe man dies bislang auch nur dem oben erwähnten
      Fernsehsender nachweisen können. Damals habe man das Gesamtrussische
      Wissenschaftliche Institut für Fersnehen und Radio (VNIITR)
      eingeschaltet, das zu dem Schluss gekommen sei, ATN beeinflusse die
      Zuschauer psychologisch negativ. Seitdem aber sei man technisch weiter
      gekommen und könne bald solche verbotenen Sendungen erkennen.

      Schritt 3: Voilà, ein WTC-Turm brennt

      So hat Svetlana Nemtsova Moscow Times gesagt, dass man bald ein
      Computersystem entwickelt habe, um gleichzeitig alle Fernsehsender zu
      überwachen. "Verdächtige Bilder" würden automatisch in einer Datei
      gespeichert, um sie später genauer überprüfen zu können. Auch sie
      scheint der Meinung zu sein, dass viele Agenturen subliminale
      Botschaften in den Bildern verstecken: "Viele Sender strahlen sehr
      gefährliche Programme aus." Rechtlich aber könne man noch nicht
      wirklich dagegen vorgehe, da Artikel 4 des Gesetzes für Massenmedien
      nur die Verwendung von Bildern verbiete, die "gesundheitsschädlich"
      sind, ohne dies näher zu definieren.

      Kartellminister Ilya Yuzhanov erklärte, dass mit der Zunahme der
      Werbung in den Massenmedien auch die Verstöße mehr werden, weswegen ein
      neues Gesetz für die Werbung notwendig sei. Meist handelt es sich bei
      den Verstößen um die Verwendung von Bildern von Kindern, die für Banken
      oder Bier werben sollen oder in gefährlichen Situationen, aber auch mit
      mangelndem Respekt gegenüber den Eltern gezeigt würden. Er erwähnte
      auch, dass Fernsehstationen manche Werbespots lauter ausstrahlen
      würden, was man aber nicht verhindern könne.

      Kontrolle der Medien

      Ob das Vorgehen gegen subliminale Botschaften in der Fernsehwerbung
      eine genuine Sorge ist oder möglicherweise allgemein ein Misstrauen
      gegenüber den medialen Manipulationsmöglichkeiten zum Ausdruck bringt,
      muss offen gelassen werden. Politisch wird jedenfalls von der
      russischen Regierung versucht, die Medien zu kontrollieren und
      unabhängige Sender wie NTV oder TV-6 auszuschalten, was wiederum die
      Angst vor Manipulation in der Bevölkerung schüren könnte (Keine
      Revolte). Gerade erst wurde ein Geheimdienstoffizier des
      KGB-Nachfolgers FSB zum Direktor des Gesamtrussischen Fernseh- und
      Radiounternehmens (VGTRK) ernannt, das für "Informationssicherheit"
      zuständig ist. General Kobaladze vom Auslandsgeheimdienst wurde bereits
      zuvor zum stellvertretenden Direktor der offiziellen Nachrichtenagentur
      ITAR-TASS ernannt, General Vladimir Kozlov vom FSB zum
      stellvertretenden Medienminister.

      Auch das Pentagon geht in Flammen auf

      Auf dem Tisch liegt auch ein neues Gesetz, mit dem der Extremismus
      bekämpft werden soll. Es hat bereits die erste und die zweite Lesung in
      der Duma mit großer Mehrheit passiert. Man erwartet, dass es auf Druck
      des russischen Präsidenten schon im Sommer verabschiedet werden kann.
      Dann könnten Behörden nicht nur Parteien oder Organisationen verbieten,
      die des Extremismus verdächtigt werden, sondern auch Zeitungen,
      Fernsehsender oder Websites schließen, die extremistische Ideen
      verbreiten. Überdies soll eine Behörde eingerichtet werden, dei
      Informationen über verdächtige Extremisten sammelt.

      Auch wenn es heißt, dass davon das "Vertreten legitimer Rechte und
      Freiheiten" nicht behindert werden darf, ist für Kritiker die
      Definition des Extremismus viel zu ungenau, unter die fast jede
      politische oder religiöse Aktivität fallen könne. Als Extremismus gilt
      jede Tätigkeit, die darauf abzielt, die bestehende Ordnung zu stürzen,
      die den Rassenhass fördert oder "die legitime Arbeit der Behörden
      behindert".

      Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/12/12809/1.html

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