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116TELEPOLIS: Russland, die USA und der Krieg in Georg...

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  • larrycook08@yahoo.es
    18. Aug. 2008
      Dieser TELEPOLIS Artikel wurde Ihnen
      von <larrycook08@...> gesandt.
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      Russland, die USA und der Krieg in Georgien
      Rudolf Maresch 18.08.2008

      Der Bär zeigt wieder Krallen - Teil III

      Hat der Einmarsch der russischen Armee in Georgien für den Westen eine
      ähnliche Bedeutung wie der Fall der Berliner Mauer 1989? Markiert der
      8. August 2008 gar jene Singularität, die das "Ende der Geschichte"
      endgültig zu Grabe trägt? Diese Formulierungen, mit denen Robert
      Kagan (Putin Makes His Move) den Georgien-Konflikt zu deuten versucht,
      sind nicht nur ziemlich hoch gegriffen, sie künden auch von einer
      bewusst simplifizierenden Sicht des Westens auf die Vorgänge im
      Kaukasus. Sollte die Geschichte sich jemals überhaupt den Luxus
      gegönnt haben, sich nach 1989, wie allenthalben behauptet wird, eine
      "geopolitische" Auszeit zu nehmen, dann hat ihr Sommerurlaub oder die
      "europäische Friedensdividende", wie der neue Wortführer des
      amerikanischen Neokonservatismus gern dezent zu spötteln pflegt, schon
      auf den Balkan abrupt geendet. Und wenn nicht dort - aber das mögen
      Historiker zu einem späteren Zeitpunkt klären, dann spätestens mit
      dem "elften September", dem Angriff islamistischer Fanatiker auf das
      Welthandelszentrum in New York.

      Diejenigen, die uns belehren, wollen selbst nicht lernen.

      Wladimir Putin in München, 2007

      Der Bär ist zurück

      All diese Widersprüche und Paradoxien, die Alexandre Kojèves
      geschichtsphilosophische Formel der Nachwelt hinterlassen hat, haben
      John McCains außenpolitischen Berater und Redenschreiber zuletzt nicht
      davon abhalten können, immer wieder darauf zurückzukommen (The Return
      of History). Vor allem seit dem barschen Auftreten Wladimir Putins auf
      der Münchner Sicherheitskonferenz im Frühjahr letzten Jahres, wo sich
      der noch amtierende russische Präsident jede "Belehrung von außen in
      Sachen Demokratie" verbat. In klaren, jede diplomatische Floskel
      vermeidenden Worten ("Das Format der Konferenz erlaubt, das zu sagen,
      was ich wirklich über die Probleme der internationalen Sicherheit
      denke") erklärte er den Anwesenden, dass "ein unipolares Modell" weder
      etwas mit Demokratie zu tun habe noch für Russland annehmbar sei. Die
      NATO-Erweiterung, also das stetige Heranschieben an russisches
      Territorium, halte er ebenso für einen "provozierenden Faktor" wie die
      Dislozierung amerikanischer Patriots in Polen (Die Raketen sind
      angekommen) und Radar- und Abhöranlagen in Tschechien.

      Spätestens seit dieser Zeit hört Kagan nicht auf, "den Westen" (Der
      "Westen" als Einheit existiert nicht) vor einem "zaristischen",
      "chauvinistischen" und "revanchistischen" Russland zu warnen, das sich
      in Eurasien wieder zum Hauptakteur aufschwingen will. Er vergleicht die
      politische Situation des Landes nicht nur mit der von Deutschland nach
      dem als nationale Schmach empfundenen "Diktat von Versailles", er
      stellt Russland auch auf eine Stufe mit jenen Großmächten des 19.
      Jahrhunderts, die militärische Stärke eingesetzt haben, um Macht und
      Anerkennung auf der internationalen Bühne zu gewinnen.

      Putins Russland will, so der Post-Cold-War Krieger, "Nationalstaat und
      Machtpolitik wieder restaurieren". Es ist zum "Großmachtnationalismus
      zurückgekehrt", zum " traditionellen Kalkül und Ambitionen einer
      Großmacht"; es möchte "hegemonialen Einfluss über die Baltischen
      Staaten und Osteuropa gewinnen, außerdem über die Ukraine, Georgien,
      Moldawien und über all jene Staaten, die Russland als sein ‚nahes
      Ausland' bezeichnet". Die Blockierung von Zugverbindungen und
      Cyberattacken auf das Computersystem der estnischen Regierung; die
      kurzzeitige Abschneidung der Ukraine und Moldawien von der
      Gasversorgung und die Unterbrechung der Öllieferungen an Litauen,
      Lettland und Weißrussland ordnet er ebenso dieser Agenda zu wie das
      Handelsembargo gegen Georgien oder die Unterstützung dortiger
      Separatisten (New Europe, Old Russia). "Der Krieg gegen Georgien" ist
      für ihn nichts anderes als "Teil dieser Großen Strategie" (Putin
      Makes His Move).

      Historische Dramatisierung

      Kagan war aber nicht der einzige, der geschichtliche Vergleiche
      bemühte und Analogien zog, um den fünf Tage währenden Kleinkrieg im
      Kaukasus zu dramatisieren. William Kristol etwa verglich die aktuelle
      Krise gar mit der sowjetischen Besatzung Georgiens in den zwanziger
      Jahren (Will Russia Get Away With It?), während Zbigniew Brzezinski
      Russlands militärischen Einsatz für die südossetische Minderheit in
      Georgien erst mit der Instrumentalisierung der Sudetenfrage durch
      Hitler-Deutschland in Zusammenhang brachte, um sie danach mit Stalins
      Einfall in Finnland zu toppen (Russia's Invasion of Georgia Is
      Reminiscent of Stalin's Attack on Finland) "Georgien", so der alte Mann
      realistischer Machtpolitik, "sei sozusagen das Finnland von heute."

      Charles Krauthammer sah das nicht anders: "Das eigentliche Ziel ist die
      Finnlandisierung Georgiens, die Absetzung des amtierenden Präsidenten
      und seine Ersetzung durch eine russische Marionette. Die
      Finnlandisierung werde Russland die Kontrolle über die
      Baku-Ceyhan-Pipline geben." Auch wenn das eine bewusste Zuspitzung der
      russischen Aktion war - tatsächlich machte bekanntlich die russische
      Armee zum großen Erstaunen vieler US-Beobachter hinter der Stadt Gori
      Halt. Selten hat man Neocons und Realisten, die Berater des einen und
      des anderen Präsidentschaftsbewerbers, so einmütig argumentieren
      gesehen.

      Nach soviel historischem Schnickschnack wollte die von den Ereignissen
      düpierte noch amtierende Außenministerin nicht zurückstehen. Auch
      sie bemühte eine historische Analogie. In Washington sagte sie der
      Presse: "Das ist nicht wie 1968 bei der Invasion der Tschechoslowakei,
      als Russland seine Nachbarn bedrohen, eine Hauptstadt besetzen, eine
      Regierung stürzen konnte und damit davonkam. Die Dinge haben sich
      geändert."

      So weit hatten sich nicht einmal die Neokonservativen aus dem Fenster
      gelegt. Auch William Kristol nicht, Herausgeber des Weekly Standard und
      geschätzter Kolumnist der New York Times. Sogar er hatte zugestanden:
      "Russland ist zwar aggressiv, China despotisch und Iran messianisch -
      aber keiner von den dreien ist so gefährlich wie die totalitären
      Staaten des 20. Jahrhunderts."

      Ablauf nebensächlich

      Derweil die US-Geostrategen die Historie bemühten und gewagte
      geschichtsphilosophische Spekulationen anstellten, kümmerte sich der
      investigative Journalismus um die Aufklärung der politischen
      Hintergründe und den zeitlichen Ablauf der Ereignisse. Anders als
      Robert Kagan interessierte er sich vornehmlich für die Frage, warum
      aus einem als "eingefroren" geltenden Konflikt quasi über Nacht ein
      "heißer" geworden ist. Denn Scharmützel und Provokationen gab es
      immer wieder, seitdem die Südosseten und Abchasier sich Anfang der
      1990er vom georgischen Mutterland losgesagt haben - auf und von beiden
      Seiten.

      Warum, so fragten sich Journalisten, hat der georgische Präsident in
      der Nacht vom 6. auf den 7. August die schlafende südossetische
      Hauptstaat Zchinvali in Grund und Boden schießen lassen - zumal er
      vier Jahre zuvor an der gewaltsamen Zurückeroberung Südossetiens
      kläglich gescheitert war; zumal er mit ernsten russischen Konsequenzen
      auf seinen Beschuss hin hatte rechnen müssen und zumal er Stunden
      vorher noch im staatlich kontrolliertem Fernsehen ein Ende der
      Feindseligkeiten angekündigt hatte?

      War Georgiens Präsident vielleicht in eine russische Falle getappt
      (Eine Schande für Moskaus Streitkräfte? Hatte Saakaschwili, den
      manche schon zum "Wunderkind" oder "Fackelträger der Demokratie"
      hochgejubelt hatten, seine Kräfte maßlos überschätzt? Oder war er
      einfach einer fatalen Fehleinschatzung seiner Lage erlegen, als er
      aufmunternde Signale aus Washington falsch auslegte? War er mithin
      einem klassischen Double Bind erlegen? Der investigative Journalismus
      bietet als Antwort auf diese Fragen bislang zwei Versionen an.

      Double Bind

      Als die US-Außenministerin vor einem Monat in der georgischen
      Hauptstadt Halt machte, soll sie danach während eines privaten
      Abendessens den georgischen Präsidenten von etwaigen Gewalthandlungen
      gegen die südossetischen Rebellen abgeraten haben. In einem
      militärischen Konflikt mit Russland könne er nichts gewinnen. Das ist
      aber nur die privat-esoterische Seite der Nachricht. Öffentlich
      dagegen soll Frau Rice einen völlig anderen Ton angeschlagen haben.
      Die USA würden, und das wäre dann der exoterische Teil der Nachricht,
      bei andauerndem russischem Druck eng an der Seite Georgiens
      marschieren. Denn Saakaschwili, so Rice, sei "unser Freund."

      Und in der Tat haben die USA in den letzten Jahren und Monaten alles
      unternommen, um Saakaschwili in dieser Richtung zu ermutigen. Die
      Rosen-Revolution, mit der Saakaschwili das abgewirtschaftete Regime
      Schewardnadse vor fünf Jahren aus dem Amt gejagt hat, war von
      amerikanischen Idealen getragen. Das neue Georgien war und ist seitdem
      ein Mündel Amerikas. Viele in Georgiens Regierung haben eine westliche
      Erziehung hinter sich und werden von amerikanischen NGOs aktiv
      unterstützt. Die Radikalreformen, die Saakaschwili seinen Landsleuten
      verordnet hatte, speisten sich aus amerikanischen Erfahrungen.

      Hinzu kommt, dass Washington Georgiens Armee in den letzten Jahren mit
      Millionen Dollars und Waffenlieferungen aus Amerika und Israel massiv
      aufgerüstet und modernisiert hat. Seitdem galt sie als eine der
      schlagkräftigsten in der Region. Georgien konnte es sich sogar
      erlauben, ein Kontingent von zweitausend Mann in den Irak zu schicken.
      Schließlich haben die USA Militärberater nach Tiflis geschickt, um
      das georgische Militär zu schulen; sie haben gemeinsame Manöver
      abgehalten und mit Nachdruck die Aufnahme des Landes in die NATO
      betrieben. In dem kleinen Land sehen sie einen weiteren Stützpunkt und
      Außenposten der freien Welt, um den russischen Bären einzukreisen.
      Seither unterhält Tiflis die größte Dichte an ausländischen
      Spionen. Nicht zufällig machte der letzte Bond-Film auch dort Station.
      Legendär ist Bushs Auftritt anno 2005, als er knapp 150.000 Georgiern
      in Tiflis signalisierte, ihnen beim "Bau eines freien und
      demokratischen Georgiens" beizustehen. Als Dank trägt der Boulevard,
      der zum Flughafen von Tiflis führt, seitdem auch seinen Namen.

      Von solchen verdeckten Operationen und esoterisch-exoterischen
      Sprachspielen a la Leo Strauss will die US-Außenministerin aber nichts
      wissen. Umgehend ließ sie alle derartige Spekulationen dementieren.
      Vielmehr habe sie auf den georgischen Präsidenten mäßigend
      eingewirkt und nichts unternommen, die in diese Richtung deuten
      könnten. Noch Stunden zuvor habe ihr Sekretär Daniel Fried die
      Georgier vor einer Eskalation der Lage gewarnt.

      Das sehen die Rechercheure der New York Times und der Los Angeles Times
      aber etwas anders. Führt diese einen Analytiker, der namentlich nicht
      genannt werden will, aus dem Umfeld der Außenministerin an, der Rice
      mit den Worten zitiert: "Wir werden immer für unsere Freunde
      kämpfen", nennt jene Robert Hunter, den früheren US-Botschafter bei
      der NATO. Die Tatsache, dass Saakaschwili auf Provokationen
      hereingefallen sei, beweise, so Hunter, dass er in dem Glauben
      gehandelt habe, für seinen Angriff die volle Rückendeckung der
      Bush-Regierung zu haben. "Saakaschwili tat es, weil er
      fälschlicherweise glaubte, einflussreiche Freunde im Bush-Umfeld zu
      haben", die ihm helfen würden.

      Oder politische Verschwörung?

      Diese Aussage könnte möglicherweise jene andere Version stützen, die
      eine neokonservativen Kabale hinter dem Georgien-Konflikt vermutet
      (Georgia War: A Neocon Election Ploy?). Warum, so spekuliert der Autor
      des Artikels, habe die "Oktoberüberraschung diesmal im August
      stattgefunden", just wo die heiße Phase des amerikanischen Wahlkampfes
      bevorsteht und ein solcher Konflikt mit Russland die US-Wahlen
      beeinflussen kann? Und wem nützt eine solche Krise?

      Nicht Russland, sondern vielmehr der georgische Präsident habe die
      präsidiale Übergangsphase zur Provokation genutzt. Zumal enge
      Freundschaftsbeziehungen zwischen John McCain und dem georgischen
      Präsidenten bestehen. Vor zwei Jahren urlaubten beide beim
      Wasserskilauf am Schwarzen Meer. Seit dieser Zeit telefonierten sie
      häufig miteinander. Ins Bild passt auch die undurchsichtige Rolle, die
      Randy Scheunemann, mittlerweile John McCains größter Strippenzieher,
      hinter den Kulissen spielt.

      Scheunemann gilt als einer der Hauptarchitekten der Irak-Kampagne, als
      er noch Direktor der mittlerweile aufgelösten Denkfabrik Project for a
      New American Century war. Zudem war er der verantwortliche Kopf des
      Committee for the Liberation of Iraq, das die Invasion in den Irak
      propagandistisch vorbereitete und auch begleitete. Nach gleich
      lautenden Berichten der New York Times und der Washington Post war er
      vier Jahre lang bezahlter Lobbyist der georgischen Regierung. Erst im
      März, als John McCain ihn zu seinem außenpolitischen Topberater
      machte, endete seine Amtszeit dort.

      Wie immer man diese Bezüge und persönlichen Verwicklungen auch
      beurteilen wird -erstaunlich war, wie schnell John McCain die
      Initiative ergriff und Solidarität mit den Georgiern bekundete: "Wir
      sind alle Georgier!" ließ McCain denn auch in einer Grußadresse im
      Wall Street Journal verkünden. Was den georgischen Präsidenten
      wiederum via Bildschirm zu der bissigen Bemerkung veranlasste, McCain
      solle den schönen Worten doch auch Taten folgen lassen.

      Mitverantwortung für Debakel

      Paranoiker, Pynchon-Verehrer und andere Verschwörungsfans werden hier
      also wieder, wie seinerzeit bei Nine-Eleven, reichlich Nahrung und
      Anhaltspunkte für ihre Theorien finden. Das hindert aber einige
      amerikanische Scharfmacher nicht, den Ablauf der Geschehnisse auf den
      Kopf zu stellen. Kein Wort verloren etwa die beiden Obama-Unterstützer
      Ronald D. Asmus und Richard Holbrooke über die heimtückische
      Beschießung der südossetischen Hauptstadt durch georgische Truppen.
      "Das ist kein Krieg, den Georgien wollte", schrieben sie. "Die Georgier
      hätten nur auf Provokationen reagiert." Als die Russen Pässe an
      Südosseten und Abchasier verteilten, hätten sie Taktiken benutzt, wie
      wir sie von Hitler-Deutschland her kennen.

      Derartige Argumentationen sind nicht neu. Sie haben bislang noch jeden
      Krieg begleitet. Den Krieg Hitlers gegen die Tschechoslowakei und Polen
      genauso wie den Vietnam-Krieg oder den zweiten Golfkrieg, den
      Bosnien-Krieg oder den dritten Golfkrieg. Mal war es die Eroberung
      ominöser Radiosender, der Beschuss eines vor Anker liegenden Schiffes
      oder es waren gerade geborene Babys, die man aus Brutkästen gerissen
      hat; mal waren es geheime Hufeisenpläne oder verheimlichte
      Massenvernichtungswaffen.

      Fakt ist, dass die US-Regierung eine gehörige Portion Mitschuld am
      Debakel in Georgien trägt. "Die Bush-Administration hat Saakaschwili
      vielleicht nicht zum Angriff auf die Russen ermutigt, sie hat aber auch
      nicht genügend getan, um ihn davon abzuhalten", sagte Charles Kupchan,
      Analytiker der Theorie vom "Endes des Westens" (Das neue Byzanz).
      Dadurch trug sie wesentlich "zur Schaffung eines georgischen
      Präsidenten bei, dem die Reiterhosen dafür viel zu groß waren."

      Kosovo, der Präzedenzfall

      Und nicht nur sie. Namentlich auch und vor allem jene, die sich so
      wortreich und zornig über die Politik der Russen ereifern und
      härteste Sanktionen fordern. Sie haben mit dem Einmarsch im Irak, mit
      Preemption und Bestrafung, mit ethnischer Säuberung und Regime Change,
      den Russen eine argumentative Steilvorlage gegeben, ihre Intervention
      zu legitimieren und die Infrastruktur des Landes, militärische Anlagen
      und Verkehrsknotenpunkte, wenn auch nicht mit dieser technischen
      Präzision, zu zerstören.

      Und das gilt nicht nur für den Irak. Auch die Intervention im Kosovo
      gab und gibt den Russen die Möglichkeit dazu (Russia's Ominous New
      Doctrine?). Viele haben Amerikaner und Europäer davor gewarnt, die
      Anerkennung des Kosovo ohne die Zustimmung Serbiens unter Aushebelung
      des völkerrechtlichen Grundsatzes der Unverletzlichkeit territorialer
      Grenzen zugunsten des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu betreiben.
      Dadurch würde die Präsenz der Russen in Abchasien und Südossetien
      nur verstärkt. Selbst Moskau hatte für diesen Fall bereits
      angekündigt, den Fall Kosovo als Präzedenzfall für die zwei de-facto
      unabhängigen Enklaven zu nehmen. Doch darauf haben weder Europäer
      noch Amerikaner Rücksicht genommen.

      Dass weder die so genannten BRIC-Staaten, Brasilien, Indien, China und
      Russland, das Balkanland anerkannt haben, noch Indonesien, das größte
      muslimische Land, oder irgendein arabisches Land, verwundert daher
      nicht. Mit ihrer Willfährigkeit gegenüber den Kosovaren haben
      Amerikaner und Europäer aber die Büchse der Pandora geöffnet. Sie
      haben das Übel des ethnischen Nationalismus herausgelassen, der die
      Kraft und den Atem hat, zur Geißel dieses Jahrhunderts zu werden (Us
      and Them. The Enduring Power of Ethnic Nationalism). Seitdem ist der
      Kosovo, so hat es der russische Präsident Medwedjew treffend
      ausgedrückt, für die Europäer das, was der Irak für die Amerikaner
      ist.

      Planlos in die Krise

      Wie immer man die Dinge auch wendet, einen Plan für den Fall aller
      Fälle hatte Washington nicht in der Tasche. Auch keinen, wie man den
      georgischen Heißsporn bremsen oder möglicherweise schützen könnte.
      Die meiste Zeit war diese Regierung auf den Nahen Osten, nicht aber auf
      Russland und Georgien fixiert, kritisierte Sarah Mendelson vom CSIS im
      Wall Street Journal. Eine neutrale Friedenstruppe rechtzeitig dorthin
      geschickt, hätte den Krieg vielleicht verhindert, ließ Ronald Asmus
      verlauten, und ein einstimmiges Signal an Georgien im März auf dem
      NATO-Gipfel in Bukarest, hätte die Russen vom Zugriff auf Georgien
      vielleicht abgehalten.

      Die Europäer, namentlich die des Alten Europa, hingegen werden
      insgeheim froh sein und sich gratulieren, dass sie Georgiens Begehren
      nach Mitgliedschaft auf die lange Bank geschoben haben. Erneut zieht
      sich ein breiter Riss quer durch den demokratischen Westen, zwischen
      Amerikanern und Europäern einerseits, und Altem und Neuem Europa
      andererseits. Ronald D. Asmus hat Recht, wenn er mit Blick auf Georgien
      von einem Desaster für den Westen und insbesondere für die
      amerikanische Regierung spricht. Georgien war nämlich "unser Projekt."

      Den Konflikt internationalisieren

      Dass der georgische Präsident nicht nur ein politischer Abenteurer,
      sondern auch mediales Talent besitzt, der das Handwerk politischer
      Rhetorik versteht und gekonnt auf der Klaviatur politischer Propaganda
      zu spielen versteht, bewies er, als er bereits Stunden nach Georgiens
      Niederlage vor Kameras und Mikrofone schritt. Fast stündlich gab er
      Interviews, vorwiegend in englischsprachigen Sendern. Wie sein Mentor
      Bush bemühte auch er, um den Westen, die USA und die Europäer zum
      Eingreifen zu bewegen, den Freund-Feind Slogan des Präsidenten ("with
      us or against us") und das Gerede von einer neuen Weltordnung ("new
      world order"). "Ich habe das Schicksal meines Landes", so Saakaschwili,
      "auf die westliche Rhetorik über Demokratie und Freiheit gebaut. Nun,
      unter feindlichem Beschuss, müssen wir fragen: Wenn der Westen nicht
      mit uns ist, wer ist dann mit uns? Wird die rote Linie nicht jetzt
      gezogen, wann wird sie dann gezogen? Georgien kann und darf nicht das
      erste Opfer einer neuen Weltordnung nach Moskaus Vorstellungen werden."

      Damit war die Katze aus dem Sack. Der Hasardeur und Gaukler war nicht
      nur ein politischer Heißsporn, sondern offenbar auch ein kühl
      kalkulierender Pokerspieler, der mit dem Feuer spielt. Ihm ging es
      augenscheinlich um eine "Internationalisierung" des Konflikts, darum
      Amerikaner und Europäer in den Konflikt "hineinzuzwingen". Dafür war
      er sogar bereit, seine Landsleute zu opfern. Anders kann man seine
      wahnwitzige Idee, die südossetische Stadt zu beschießen und die Lunte
      endgültig zum Brennen zu bringen, nicht erklären.

      Zwielichtige Figur

      Spätestens ab diesem Zeitpunkt dürfte einigen in der US-Regierung
      klar geworden sein, welchen Aufschneider und Wichtigtuer sie sich da
      ins Boot geholt haben. Der demokratische Hoffnungsträger und
      "Wunderkind der Demokratie", der sich stets mit EU-Flagge im Fernsehen
      gezeigt hat, war und ist nichts anderes als ein weiterer Potentat, der
      mal ein verrottetes Regime aus dem Amt gejagt hat, um danach ein ebenso
      autokratisches Regime zu errichten.

      Um Georgien zum Außenposten der NATO zu machen und Russland
      einzukreisen, hat man in Washington diverse Kröten geschluckt, die das
      fünfjährige Regime Saakaschwilis begleiten: zwei gefälschte Wahlen;
      Diffamierung der Opposition; Niederknüppeln von Demonstranten mit
      Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen; Schließen von
      TV-Sendern und Universitäten; Knebeln von Presse und Justiz;
      Verhängung des Ausnahmezustands - und das alles im Namen von Freiheit
      und Demokratie. Besser hätte die Bush-Regierung ihre "idealistische"
      Politik der Demokratieverbreitung nicht als reale Machtpolitik
      demaskieren können.

      "Die größte Tragödie ist, was mit den Südosseten passiert ist",
      erklärte Saakaschwili vor dem Besuch der Bundeskanzlerin in Tiflis
      scheinheilig. "Russland kontrolliert dort jetzt ein Territorium, auf
      dem keiner mehr lebt, und das es mit den eigenen Bombardements aus der
      Luft selbst zerstört hat." Und besser hätte der georgische Präsident
      auch nicht seinen Realitätsverlust dokumentieren können.

      Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28543/1.html

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