http://www.thueringer-allgemeine.de 24.11.2003
Weimar: Oper als szenischer Liederabend
Zu Vorwendezeiten galt das Deutsche Nationaltheater Weimar als
Sprungbrett zu Höherem oder als Altersruhesitz. Seine
Sprungbrettfunktion hat das Haus weitgehend verloren. Mit der Premiere
der romantischen Oper "Der Fliegende Holländer" von Richard Wagner
unterstrich das DNT vergangenen Sonnabend seinen Ruheanspruch.
In Konkurrenz zur Erfurter Oper setzt Intendant Märki auf den Glanz
großer Namen. Dieser Weg birgt aber auch Gefahren. Wenn jemand lange
Jahre Außerordentliches in seinem Beruf geleistet hat und dann das
Fach wechselt, muss das nicht automatisch von Erfolg gekrönt sein.
Zweifelsfrei ist Dame Gwyneth Jones eine große, eine verdienstvolle
Sängerin, die in al-len bedeutenden Opernhäusern der Welt gefeiert
wurde. Und der Verehrten und Geehrten, der vielfach Preisgekrönten
folgte denn auch eine Fangemeinde nach Weimar, eine, die selbst dann
noch applaudierte, als sich Ränge und Parkett bereits geleert hatten.
Doch nur eine Legende zu feiern, ist keine angemessene Reaktion zur
Bewertung einer Regiearbeit. Ganz offensichtlich standen große Namen
wie Chèreau, Kupfer, Ponnelle, Zefirelli u. a., in deren
Inszenierungen Dame Gwyneth Jones auf der Bühne stand, nicht beratend
zur Seite. Den nachhaltigsten Eindruck der "Holländer"-Premiere
hinterließen die spartanischen, aber aufs Wesentliche fixierten
Bühnenbilder des Pariser Kunsthochschul-Absolventen Laurent P. Berger,
welcher zudem für Gwyneth Jones als Kostümpate fungierte. Leider war
in diesem bildnerischen Stimmungsfilter etwas wie Personenführung kaum
auszumachen. Per balladesker Regieauffassung mutierte der "Holländer"
zum szenischen Liederabend. Männer und Frauen wurden wie in einer
Tanzstunde auf Distanz gehalten. Und der die Wacht haltende Steuermann
musste sich mit inszeniertem Gesichtsverlust zufrieden geben. Die
Abmachung zwischen Holländer, Senta und Daland trug Züge eines
emotionslosen Rütli-Schwurs. Dass Daland seine Tochter über einem
Haufen Schmuck verschacherte, führte ganz am Rande Richard Wagners
revolutionäre Utopien ins Bühnenfeld.
Mit dem beweglichsten Opernpotenzial, den von Andreas Korn gut
einstudierten Chören, wusste die Regisseurin am wenigsten anzufangen,
zwang - wohlgemerkt stilisierte nicht - die Steuermänner zu
aufstampfenden Wesen im biedermeierlichen Fitness-Studio. Wenigstens
den Frauen erging es in Bergers am Norwegen des 19. Jahrhunderts
orientierter Bildsprache besser. Angesichts der Spinnstubenlösung
stellte sich jedoch die Frage - spinnst du noch oder strickst du
schon? Der Amme Mary jedenfalls strickte Christine Hansmann das Gewand
einer gestrengen Oberin, deren geheimnisvoll timbrierter Spielalt ein
Gefühl von Bangigkeit vermittelte.
"Die Frist ist um!", und die ersten Schritte des Holländers auf festem
Boden trugen Züge märchenhaft-fantastischer Realistik, unterstützt von
geschickt eingesetzten Lichtfiltern sowie die Wirklichkeit in Frage
stellenden Gazevorhängen.
Der Holländer (Theodor Carlson) holte die Szene schnell auf den Boden
der Tatsachen zurück. Mit resonanzloser Mattigkeit erfüllte sein
knorriger Charakterbariton den Raum. Und sein altväterisches
Ansprechen Sentas verschlug sogar den Hörnern den sauberen Ton.
Überhaupt hatte sich die Weimarer Staatskapelle elementaren Urgewalten
zu beugen, denn Jac van Steen brachte als Flying Dutchman die
Fortissimo-Wetterfahnen mächtig zum Drehen. Wobei die partiturfixierte
Mitsprachefunktion des Orchesters unterminiert wurde. Fest an der
Seite des Generalmusikdirektors stand die männliche Crew des
Holländerschiffes. Des Jägers Herz (Erin Caves) ist zwar voll Treue,
aber nicht unbedingt zur Intonation. Sein lyrischer Stimmfachbruder
Juhan Tralla führte diesbezüglich ein wesentlich festeres Ruder. Mit
wohlig voluminöser Gestaltung trug Hidekazu Tsumaya der Partie des
Daland seriöse Bass-Ehre an.
Doch zum Beglänzen der gesamten Szene war nur eine Künstlerin berufen.
Catherine Foster war der unerreichte und umjubelte Stern. Ihrem
hellwachen dramatischen Sopran assistierte darstellerische
Glaubwürdigkeit. Dem Bild des von seinem Fluch zu erlösenden
Holländers näherte sie sich in Trance steigernd, so dass ihrer finalen
Ohnmacht nichts Gekünsteltes anhaftete.
Versöhnlich stimmte auch das ein Versinken in des Meeres Weite
suggerierende Schlussbild, aus welchem die Weimarer Inszenierungsidee
wie ein zarter Nachhall aufleuchtete: eine Regisseurin in romantischer
Verklärung die Oper betrachtend, wie Caspar David Friedrichs Figuren.
Dr. Ursula MIELKE.
Nächste Aufführung am 29. November.