Kontrovers: Feministische Linguistik
Von der PräsidentIn zur Mitgliederin: Die künstliche Verweiblichung der
Sprache bringt die Gleichberechtigung nicht voran, kritisieren
Sprachforscher
Sprachregeln wie das Binnen-I, die aus dem Professor eine ProfessorIn machen
oder Doppelnennungen wie Präsident/Präsidentin sollen die Gleichberechtigung
der Frau in der Gesellschaft vorantreiben. Doch viele Sprachforscher halten
das nicht nur für sinnlos, sondern sogar für kontraproduktiv. Die
Gesellschaft könne die Sprache verändern und nicht umgekehrt, argumentieren
sie.
"Die Universitätsprä
Dienstbehörde und Dienstvorgesetzte/
und Beamten der Universität". Solche Satz-Ungetüme tummeln sich spätestens
seit 2001 in den deutschen Gesetzen und Regelwerken. Damals trat das
Bundesgleichstellun
und Frau auch in der Sprache gewährleisten soll. Was Feministinnen als
Fortschritt und Erfolg werteten, wird von anderen Sprachforschern hingegen
als kontraproduktiv kritisiert: Solche Doppelnennungen schärften erst die
Gegensätze, die sie eigentlich beseitigen wollen, erklärt etwa Wolfgang
Klein, Leiter des Max-Planck-Institut
der Februarausgabe der Zeitschrift "bild der wissenschaft"
der eigentlich bekämpft werden soll, werde mit diesen Schreibweisen erst in
die Sprache eingeführt.
Das sehen die Vertreterinnen feministischer Sprachreformen freilich anders.
Die deutsche Sprache sei männerzentriert und damit frauenfeindlich,
argumentieren sie. Wenn von Studenten, Professoren, Politikern oder
Demonstranten die Rede sei, so reiche es eben nicht, einfach anzunehmen, die
Frauen seien eben mitgemeint. "Die deutsche Sprache ist, wie die meisten
Sprachen, ein patriachalisch organisiertes System", erklärt etwa Luise Pusch
in "bild der wissenschaft"
Frauenbiografie-
Verfechterinnen weiblicher Formen in der Sprache.
Knackpunkt der Diskussion um die männliche und weibliche Bedeutung von
Begriffen ist das sogenannte generische Maskulinum, wie
Sprachwissenschaftl
maskuline Form auch dann verwendet wird, wenn das tatsächliche Geschlecht
unwichtig ist oder wenn Frauen und Männer gleichermaßen gemeint sind. Das
Maskulinum wird hier als neutralisierend und verallgemeinernd empfunden - so
zumindest definiert es der Duden.
Wer also von einem Protestmarsch von zweitausend Demonstranten erzählt,
meint damit nicht nur die männlichen Demonstranten, sondern auch die
mitmarschierenden Frauen. Wer von den Rechten der Indianer in Nordamerika
berichtet, geht nicht davon aus, dass damit nur die Rechte von Männern
gemeint sind, sondern schließt die weiblichen Angehörigen dieser Kulturen
mit ein. Bei Worten wie Gast oder Mitglied, die keine explizite weibliche
Form kennen, tritt das Wesen dieses generischen Maskulinums am deutlichsten
zutage. Dennoch tauchen immer wieder Worterfindungen auf wie Mitgliederinnen
oder gar Gästinnen - manchmal provozierend gebraucht, manchmal schlichtweg
aus sprachlicher Unkenntnis.
Dieses generische Maskulinum durch alternative Rede- und Schreibweisen zu
ersetzen, dafür kämpfen feministische Linguistinnen schon seit mehr als zwei
Jahrzehnten. Teilerfolge haben sie längst errungen: "Den Professor", wie
vorgeschlagen durch "das Professor" zu ersetzen, ist zwar nicht geglückt,
doch Doppelschreibweisen wie Professor/Professor
Stellenanzeigen mehr oder minder beliebte große Binnen-I mit Formulierungen
wie "ProfessorIn" sind ein Folge dieser Bemühungen.
Doch eben diese Fixierung auf die männliche und weibliche Bezeichnung hat
erst die Trennung geschaffen, die sie eigentlich beseitigen wollte,
kritisieren Psycholinguisten wie Wolfgang Klein. "Früher wäre es mir nicht
im Traum eingefallen, Frauen nicht einzubeziehen"
Sprachwissenschaftl
Maskulinums. Doch die Doppelnennungen unterstreichen jetzt erst, dass ein
weiblicher Professor nur eine Professorin sein kann und möglicherweise doch
keine Frauen gemeint sein könnten, wenn von Politikern die Rede ist. Die
gesellschaftlichen Bedingungen, die dazu führen, werde man durch die
Umbenennungen jedoch nicht ändern, merkt Klein in "bild der wissenschaft"
an.
In die gleiche Kerbe schlägt auch Gisela Klann-Delius, Linguistikprofessor
am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien
Universität Berlin: Die Sprache sei für gesellschaftliche Probleme weder
verantwortlich, noch könne sie diese beheben, erklärt die Forscherin. Jedes
Wort besitzt die Bedeutung, die sich geschichtlich herausgebildet hat, und
lässt im Kopf das zugehörige Stereotyp entstehen. So ist der Begriff
"Koryphäe" beispielsweise weiblich, und dennoch denken die meisten dabei
eher an einen kahlhäuptigen männlichen Gelehrten im Studierzimmer als an
eine hochkompetente Wissenschaftlerin.
"Der Gebrauch der Sprache ist ein Spiegel der Gesellschaft - und in dieser
Gesellschaft ist der Mann die Norm", bilanziert Klann-Delius. Von
Zwangsmaßnahmen zur Reform der Sprache hält sie dennoch nichts, denn an den
wahren gesellschaftlichen Gegebenheiten ändern diese nichts: "Das sind die
üblichen Beruhigungsmittel, mit denen Frauenrechtler besänftigt werden."
Bücher:
"Die Amtsmännin als Reisegästin", Artikel in "bild der wissenschaft"
Ausgabe 2/2008, S. 86
Gisela Klann-Delius: "Sprache und Geschlecht - eine Einführung", Metzler
Verlag Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 3476103498, 14,95 Euro.
Luise Pusch: "Die Frau ist nicht der Rede wert - Aufsätze, Reden und
Glossen", Suhrkamp Taschenbücher 1999, ISBN 3-518-39421-
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