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Sihem Bensedrine: Besiegte Befreite

Sendung vom 15. Mai 2004

Sihem Bensedrine: Besiegte Befreite

Sa, 15. Mai, 21:55 Uhr

Jeden Tag erschüttern uns neue Bilder aus dem Irak. Aber wir erleben das Land vor allem aus dem Blickwinkel westlicher Journalisten. Die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine hat jetzt einen Band mit Impressionen und Reflexionen über ihre Reisen nach Bagdad geschrieben. Das Buch "Besiegte Befreite" ragt heraus aus der Masse der Publikationen, die rund um den Irakkrieg veröffentlicht worden sind.

Sihem Bensedrine ist gerade zurück aus dem Irak. Dort hat sie den Schock über die Folter-Fotos aus irakischen Gefängnissen hautnah erlebt: "Das arabische Volk ist traumatisiert von der Veröffentlichung dieser Bilder. Obwohl das Bilder sind, die wir kennen, denn in unseren Gefängnissen wird genauso gefoltert. In den Gefängnissen von Syrien, Ägypten und Jordanien foltert man auf die gleiche Art und Weise. Der Unterschied ist, dass in einer Demokratie diejenigen, die foltern, dafür verurteilt werden, und bei uns nicht. Und bei uns würde man auch niemals solche Bilder veröffentlichen."

Die 53jährige Journalistin weiß, wovon sie spricht: Sie hat die Hölle kennen gelernt. Als Galionsfigur des Widerstandes gegen die Diktatur in Tunesien wird sie verfolgt, saß schon mehrere Male im Gefängnis. Seit zwei Jahren lebt sie im Exil in
Hamburg. Ihr Buch "Besiegte Befreite" ist ein ganz persönlicher Reise-Bericht in den Nachkriegs-Irak. Dorthin hatte sie sich aufgemacht, ihre vermisste irakische Freundin zu finden. Doch es ging ihr um mehr.

"Ich bin Pazifistin. Dieser Krieg im Irak verletzt nicht nur meine Gefühle als arabische Frau, sondern auch die einer Kämpferin für die Menschenrechte. Für
mich ist es wichtig immer wieder dorthin zu reisen, um dem irakischen Volk meine Solidarität zu zeigen."

Sihem Bensedrine:
Besiegte Befreite
Eine arabische Journalistin
erlebt den besetzten Irak

aus dem Französischen
von Ursel Schäfer
ISBN 3-88897-362-7
Euro 12.90
Kunstmann Verlag

Licht in dunkle Bereiche bringen

Ihr Mann Omar, Herausgeber der regierungskritischen Internet-Zeitung "Kalima", unterstützt ihre mutigen Reportagen. Die beschreiben das Leben im Nachkriegs-Irak: Die drogensüchtigen Straßenkinder um das Hotel Palestine, die verunsicherten Künstler, Eltern, die sich nicht mehr trauen, ihre Töchter in die Schule zu schicken.

Sihem Bensedrine: "Das, was ich mit diesem Buch versucht habe, ist ein bisschen Licht in die dunklen Bereiche zu bringen. Die Bereiche, die nicht von den Medien ausgeleuchtet werden, weil sie bislang niemanden interessieren. Ich weiß nicht warum. Diese Bereiche betreffen die inneren Qualen, das Elend der Menschen und das, was man in ihnen zerstört hat."

Aufregendes Baghdad-Projekt

Hamburg Övelgönne. Philipp Abresch auf dem Weg zu Sihem Bensedrine. Der 28-jährige Journalist und Fotograf trifft sie heute zum ersten Mal, um ihr die Ergebnisse seines Baghdad-Projektes zu zeigen. Auch er wollte wissen, wie die Menschen im Nachkriegs-Irak ihren Alltag erleben. Und zwar aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Sicht der Besatzer und der "besiegten Befreiten". Deshalb ist er im vergangenen Sommer für zehn Tage in den Irak gereist und hat dort 150 Einwegkameras an Kinder und Soldaten verteilt.

Herausgekommen sind 3500 Schnappschüsse, viel direkter, als die Bilder, die wir von professionellen Fotografen kennen. Im Kunsttempel in Kassel kann man jetzt eine Auswahl dieser Fotos sehen. Momentaufnahmen aus einem zerrissenen Land.

Philipp Abresch: "Für
mich ist es ein unglaubliches Kaleidoskop, was da eingefangen wurde an Leben in Bagdad. Es gibt so viele Gemeinsamkeiten in den Bildern, und das finde ich toll. Da gibt es ein Foto von zwei irakischen Frauen, die sich gerade schön machen. Die eine bewundert sich im Spiegel und bekommt dabei die Haare gekämmt. Ein ähnliches Bild gibt es auch auf amerikanischer Seite. Zwei Soldatinnen nach Dienstschluss. Die eine hat sich die Haare gewaschen, und die andere hat sich eine Gesichtscreme aufgelegt. Es ist toll zu sehen, dass trotz dieser unterschiedlichen Herkunft gewisse Dinge einfach gleich sind - überall auf der Welt."

Die Bilder erzählen von Unschuld und Hoffnung, von Fremden in einem
unbekannten Land. Philipp Abresch dokumentiert mit seinem Fotoprojekt genau das, was die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine in ihrem Buch beschreibt: Den Nachkriegs-Alltag mit all seinen Absurditäten, der Gewalt, aber auch der Lust am Leben.

"Trotz allem stehen die Menschen dort jeden Tag wieder auf, gehen zur Schule, an die Arbeit," sagt die Journalistin. "Sie kämpfen, versuchen, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie lachen, sie haben einen wunderbaren Sinn für Ironie, sie führen Theaterstücke auf, machen Musik, schreiben Gedichte, malen. Das heißt, sie bewältigen jeden Tag aufs Neue ihren Alltag. Trotz der Bomben, trotz der vielen Toten und Verletzten und trotz des unglaublichen Leids. Und damit lehren sie uns das Leben." Sihem Bensedrine. Eine mutige Journalistin. Eine Kämpferin für eine demokratische arabische Welt. Die Einblick gibt in eine Nation, die um einen Rest an Würde kämpft. Die sich einfachen Antworten verweigert. Das macht ihr Buch "Besiegte Befreite" so lesenswert.

Bericht: Carola Wittrock

Die Ausstellung:

Baghdad Stories
Irakische Kinder und amerikanische GIs fotografieren ihr
Bagdad

Kunsttempel Kassel
Friedrich-Ebert-Str. 177
34119
Kassel
15. Mai 2004 - 13. Juni 2004
Öffnungszeiten: tägl. 15-18 Uhr
außer montags und nach Vereinbarung

 
Source: http://salam.hr-online.de 15. Mai 2004.
Siehe auch "Tunisnews" 27.09.2004.


Die 28. Sep 2004 21:13

Bericht: Carola Wittrock
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