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Himmlische Stille am «Berg der Knechte Gottes»


Ruhe und Einfachheit machen das Kloster Mor Gabriel attraktiv für
Türkei-Touristen

VON STEPHANIE GEIGER

Auf dem Tur Abdin ist Ruhe eingekehrt. Die Nachmittagssonne macht das
Leben auf dem kargen Hochplateau im Südosten der Türkei träge. Die
Sonne brennt gnadenlos vom Himmel. Über Buscheichen und
Kalksteinfelsen flirrt die Luft.

Ein paar Männer haben im Schatten der dicken Mauern des Klosters von
Mor Gabriel Zuflucht gesucht. Gesprochen wird fast nichts, höchstens
geflüstert.

Ein Würdenträger in einem schwarzen Gewand mit roten Knöpfen und
Knopflöchern tritt hinzu, Ehrfurcht ergreift die Anwesenden. Sie
begrüssen den Abt in gebückter Haltung und reichen ihm die Hand.
Timotheos Samuel Aktas ist nicht nur der Vorsteher des Klosters, er
ist gleichzeitig auch der Bischof mit seinem Sitz in der 20 Kilometer
entfernten Stadt Mydiat.

Eine kilometerlange Mauer schützt das Kloster

Mor Gabriel ist 1500 Jahre alt und liegt in einer majestätischen
Landschaft unweit der irakischen und syrischen Grenze. Christen nennen
die Hochebene, die sich bis zum Tal des Tigris erstreckt, Tur Abdin,
den «Berg der Knechte Gottes». Die Weisen aus dem Morgenland sollen
den christlichen Glauben auf den Tur Abdin gebracht haben. Die
Christen in diesem muslimischen Umfeld sind Vertreter der
syrisch-orthodoxen Glaubensrichtung. Sie gerieten schon vor 30 Jahren
zwischen die Fronten, denn in dieser Region bekämpften sich die
Kurdische Arbeiterpartei PKK und das türkische Militär. Mord,
Totschlag und Vertreibung regierten den Tur Abdin. Viele Christen
flohen. ihre Häuser verfielen oder wurden von Muslimen okkupiert. Das
Kloster Mor Gabriel, geistliches Zentrum der syrisch-orthodoxen
Christen, hielt die Stellung, aber es kämpft in der Diaspora ums
Überleben. Die Ortsvorsteher der umliegenden muslimischen Gemeinden
haben ein gerichtliches Verfahren eingeleitet, behaupten, das Kloster
befinde sich widerrechtlich auf ihrem Territorium.

Eine mehrere Kilometer lange Mauer schützt Mor Gabriel und seine
Gärten, in denen neben Weinstöcken und Gemüse auch Pistazien-,
Pfirsich- und die paradiesischen Granatapfelbäume wachsen. Was die
drei Mönche und 14 Nonnen für sich und die zahlreichen Gäste des
Klosters brauchen, wird hier angebaut. Zum Abendessen, das die Männer
mit den Mönchen, die Frauen bei den Nonnen einnehmen, gibt es für
jeden Tafelnden eine Schale mit gefüllten Weinblättern und Milchreis.

Touristen und Klosterbewohner decken den Tisch und spülen das Geschirr
gemeinsam. Der Mond versteckt sich kurz hinter einem Olivenbaum.
Kreuze aus Neonröhren auf den Türmen leuchten als Wahrzeichen des
Christentums ins Land hinaus.

In Mor Gabriel wird noch
heute Aramäisch gesprochen - ein semitischen Dialekt, den auch Jesus
gesprochen haben soll. Eltern schicken ihre Söhne ins Kloster auf der
osttürkischen Hochebene, damit der Nachwuchs hier die Sprache der
Vorfahren lernt. Die 40 Schüler kommen aus halb Europa. Der 17-jährige
Nuri etwa ist Spross von Auswanderern, die einst von Tur Abdin nach
Gütersloh im deutschen Ostwestfalen zogen. Er verbringt ein Jahr in
Mor Gabriel und zeigt uns unsere Unterkunft.

Es war ein schwieriges Unterfangen, Unterschlupf im Kloster zu finden.
Zwei Stunden diskutierten wir mit einem Lehrer und dem Bischof über
das Kloster und die Sorgen der Christen im Südosten der Türkei, bis
wir das Vertrauen und ein Bett für eine Nacht gesichert hatten. Tief
sitzt die Angst vor ungebetenen Gästen, die hinter den Klostermauern
Unheil anrichten könnten. Das Zimmer ist mit zwei Betten aus Metall,
einem kleinen Tisch und einem Spiegel spartanisch eingerichtet.
Toilette und Dusche teilen wir uns mit einem anderen Gast.

Die Nacht ist kurz. Um 5.45 Uhr ruft eine Glocke zum Gottesdienst.
Nach Geschlechtern getrennt - links die Männer, rechts die Frauen -
versammeln sich die Gläubigen. Die Frauen verhüllen ihr Haupt mit
einem Kopftuch. Wer es vergisst, dem wird wie von unsichtbarer Hand
ein Tuch auf das Haupt gelegt.

Die Frauen lassen sich segnen, die Männer trinken Kaffee

Der untere Teil der Kirche ist aus Sandstein gebaut, das Tonnengewölbe
aus roten Ziegeln. Nur zwei Tücher, einen Meter auf einen Meter gross,
auf denen Heilige dargestellt sind, schmücken den Innenraum. Der
Altarraum liegt verborgen hinter einer dicken Mauer.

Zwei Stunden dauert der Gottesdienst. Am Schluss holen sich die Frauen
den Segen des Priesters. Die Männer treffen sich derweil auf einer der
Terrassen, wo Kaffee gereicht wird, bevor es zum gemeinsamen Frühstück
geht.

Gäste und Pilger kommen aus Deutschland und Schweden, aus Amerika und
Syrien. Die meisten wählen Mor Gabriel als Stützpunkt, um von hier aus
die Klöster und Dörfer des Tur Abdin zu besuchen. Für jene, die vor
Jahren ihre Heimat verlassen mussten, ist es eine Reise in die
Vergangenheit.

Wer abreist, lässt einen Obolus zurück. Mit dem Geld werden
Renovierungsarbeiten finanziert. Manche Spenden sollen üppig
ausfallen, verraten die Klosterbewohner. Denn die Vertriebenen, die
nicht mehr auf dem Berg der Knechte Gottes leben können, wollen ihren
Beitrag leisten, um das aramäische Erbe und das Leben in Mor Gabriel
zu erhalten.

Publiziert am 19.12.2008

http://www.sonntagszeitung.ch/reisen/artikel-detailseite/?newsid=57457





Son 11. Jan 2009 16:46

grabo30
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Gabriel Rabo
grabo30
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