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nordkoreainfo · Nordkorea: Menschenrechte + Arbeitslager
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Sklavin in einem nordkoreanischen KZ (Der Tagesspiegel, 06.03.2005)   Beitragsliste  
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Die Sklavin

Sie sagten ihr, sie sei ein Tier, und folterten sie. Die
Nordkoreanerin Sun-Ok Li war sechs Jahre im KZ

Quelle: Der Tagesspiegel, 06. 03. 2005
(http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/06.03.2005/1654913.asp)

Von Rico Czerwinski

Nachts lagen 80 Frauen in einer Zelle, und jede von ihnen glaubte
daran, dass ihr Aufenthalt im Lager ein Irrtum war. Sie lagen da,
dachten an die Schande, die über sie gefallen war, und zupften an dem
Flaum auf ihren Köpfen herum und an den Männerunterhemden, die sie
bei ihrer Ankunft vor Jahren erhalten hatten. Einmal hörte Frau Li
die Nachbarin flüstern, dass sie in Wirklichkeit unschuldig war und
alles nur der Rachsucht eines kleinen Beamten aus Pjòktong zu
verdanken habe. Die Frau erzählte später sogar den Aufsehern davon,
dass die Regierung in ihrem Fall einen Fehler gemacht habe, und die
Aufseher traten und schlugen sie dafür, und als sie nach ein paar
Wochen wie durch ein Wunder nicht gestorben war, glaubte sie wie alle
anderen einfach weiter daran, dass die Partei ihr Verfahren neu
eröffnen würde. Denn das hatten sie ihr ja versprochen, das hatten
sie allen versprochen, nachdem sie ihnen einen Trichter in die
Speiseröhre gesteckt und Wasser hineingepumpt hatten. Sie hatten
gepumpt, es versprochen und den Stift hingehalten, und irgendwann
hatte man dann unterschrieben, dass man schuldig war, dass man den
Führer und seinen Sohn und das Volk betrogen hatte. So wie alle
anderen in diesem Lager auch.

Frau Li war im Oktober 1987 nach Nummer 14 gekommen, das im Gebirge
über der Stadt Kaechon im Süden von Nordkorea liegt. Nummer 14 gehört
zu einem System von Konzentrationslagern, von deren Innenleben man
seit einigen Jahren durch die Erzählungen von sechs Männern und einer
Frau weiß und für die die Sicherheitsbehörden des Landes den Namen
Kjohwa-soh benutzten, als sie Frau Li am Bahnhof von Kaechon in einen
Militärtransporter luden: Erziehungslager für die
Gedankenveränderung. Frau Li erschrak über dieses Wort, denn nach dem
wenigen, was man in Nordkorea darüber flüsterte, wusste sie, dass
Kjohwa-soh kein Ort für eine Frau wie sie war. Eine vorbildliche
Funktionärin und Kriegsheldentochter, die nun einem von
wahrscheinlich zehn Komplexen entgegenfuhr, in denen sich heute jeden
Tag Dinge ereignen, die man sich lieber in einer anderen Zeit
vorstellen möchte.

Da war zunächst ein Geruch. Das letzte Dorf lag 50 Kilometer zurück,
es hatte angefangen zu schneien, und ein Talkessel öffnete sich. Der
Geruch wurde stärker, man sah Fabrikanlagen und niedrige Baracken bis
zum Horizont, auch Lastwagen, die auf einer zehn Meter hohen
Betonmauer den Komplex umfuhren. Der Transporter hielt, der Geruch
wurde penetrant, und Frau Li dachte, dass sie diesen Geruch kannte.
Sie dachte, dass es so manchmal in ihrer Küche gerochen hatte, und
als sich das Tor öffnete und sie die Hundertschaften, die das Gelände
dahinter bevölkerten, sah und roch mit ihren Wunden und
Verwachsungen, da fielen ihr wieder die Fischabfälle ein, die zu
Hause manchmal noch einige Zeit im Mülleimer gelegen hatten.

Die Gefangenen von Nummer 14 wurden nach ihrer Ankunft über ihren
Status aufgeklärt. Die meisten hatten, als sie noch in der Außenwelt
lebten, die man das „Paradies des Volkes" nannte, gedacht, dass ein
Krimineller „menschlicher Unrat" war. Das steht in einem Werk, das
1000 Bände umfasst und das Kim Il Sung erdachte. Kim Il Sung, vor dem
sich die Vögel verneigen. Der den Regenbogen ergriff. Der Genosse
Großer Führer, Generalissimus. Der Allvater, der elf Jahre nach
seinem Tod noch immer Staatsoberhaupt des Landes ist und der Korea
einst aus der Klammer der Weltmächte befreite, der Korea vom
unterdrückten Objekt zum Subjekt der Geschichte machte: indem er
Juche-sasang schuf, den Kimilsungismus, die Lehre von der
Eigenständigkeit des Neuen Koreanischen Menschen.

Eine Lehre, auf die sich auch die Offiziere beriefen, die in Nummer
14 die Einweisung abwickelten. Sie erklärten, dass man als
Krimineller in einem Kjohwa-soh noch weniger als menschlicher Unrat
war. Das habe mit der Evolution zu tun. Das begriffen die meisten
nicht. Es gibt, sagte einer der Leutnants am Empfang, wo man die
Kleider auszog, von nun an nur noch einen Unterschied zwischen euch
und Ratten und Hunden. Er deutete auf das Gesäß einer Frau. Es habe
bei diesen Gefangenen eine Rückverwandlung stattgefunden, die nicht
ganz vollständig verlaufen war. An ihren Gesäßen fehlte das vielen
Tieren typische Schwanzende der Wirbelsäule. Gefangene in Nummer 14
gehörten daher zum Stamm der Kkori-Eopneun-Jimseung, dem Stamm
der „schwanzlosen Tiere".

In Nummer 14 kamen viele an, die Mitglied der Partei waren. Wie gut
ein Mensch ist, bemisst sich in Nordkorea daran, wie sehr sein Leben
der Partei gewidmet ist. Mit der Einweisung in Nummer 14 hatte man
seine Mitgliedschaft in dieser Partei verloren. Man hatte auch sein
Wahlrecht und alle anderen Bürgerrechte verloren. Die Lagerordnung
von Nummer 14 sah unter anderem folgende Regeln vor: Gefangene
durften nicht sprechen. Anliegen hatten sie mit Handzeichen zu
kommunizieren, so etwa das Bedürfnis, mit ihrer Gruppe auf die
Toilette zu gehen. Wenn ein Wärter einen Gefangenen rief, musste
dieser zu ihm rennen und sich mit gesenktem Kopf vor seine Füße
knien. Für langsames Antworten wurde man mit Schlägen bestraft. Für
das Heben des Kopfes mit schweren Misshandlungen. Es war den
Häftlingen verboten, zu weinen oder ihr Spiegelbild in einem
Fensterglas oder einer Pfütze anzusehen. Wem es unterlief, den
Kreidekreis zu übertreten, den die Aufseher um jeden Arbeitsplatz
gezogen hatten, der wurde ohne Warnung erschossen. Wem wiederholt
Fehler bei der Arbeit unterliefen, der wurde öffentlich exekutiert.
Frau Li nahm sich vor, diese Regeln aufs Genaueste zu befolgen. Sie
hatte in der Volksrepublik einen Sohn. Sie wollte, sagt sie heute,
nicht „seinen Namen beschädigen", mit einer Mutter, die in einem
Kjohwa-soh gestorben war.

Frau Li war 23 gewesen, als sie in die Partei eintrat. Frau Li war
erfolgreich. Und sie war dankbar dafür.

„Ich bedankte mich so viel aus meinem Herzen. Ich war loyal, weil die
Partei zu mir wie eine Mutter war. Ich war auch fanatisch."

Sie sitzt auf einem Stuhl im Büro des Gemeindezentrums einer
christlichen Kirche in Rochester Hills, einem Vorort von Detroit,
Michigan, USA.

„Fanatisch. Was bedeutete das?"

„Ich habe alles hingegeben, meine Familie, meine Liebe, alle meine
persönlichen Sachen. Ich konnte nicht zu den Elternabenden in der
Schule meines Sohnes gehen. Mein Mann wollte mit mir in den Urlaub
fahren, ich konnte nicht. Ich wollte meiner Partei und Führer Kim Il
Sung dienen. Sogar im Lager, als ich schon gefoltert worden war. Doch
menschliches Leben war nicht möglich ohne Führer Kim Il Sungs Wesen.
Die Welt und die Menschheit konnten nicht existieren ohne ihn."

Dabei hatte man sie in seinem Namen unschuldig inhaftiert. Im
Frühling 1985 hatte der Sohn des Großen Führers, den Frau Li nur
den „Geliebten Führer Genosse Kim Jong Il" nannte, begonnen, bei
seinen Auftritten mit einer seltsamen Jacke mit Stehkragen
herumzulaufen. Im Land entwickelte sich eine Art Mode. Zu Frau Lis
Unglück, die Leiterin des Versorgungsamtes der Provinz Onsung war,
denn diese Jacke bestand aus einem Tuch, das in China gekauft werden
musste. Frau Li war nicht wohl dabei, als sie dem Sicherheitschef
ihrer Provinz immer wieder sagte, dass sie ihm aus den Beständen, die
für die Schneidereien bestimmt waren, Stoff für eine, aber nicht für
zwei Jacken geben könne. Vielleicht brachte sie ihm damals nicht
genügend Respekt entgegen? Zehn Monate später wurde Sun-Ok Li an
einem Sonntag verhaftet. Wegen Veruntreuung von Volkseigentum und der
Annahme von Bestechungsgeld. Sie hatte damit, wie der Richter
sagte, „Kim Il Sungs Vertrauen enttäuscht". Er verurteilte sie in 15
Minuten zu 13 Jahren Haft in einer „Besserungseinrichtung".

Politische Bildung war das offizielle Ziel der Haft in Nummer 14. In
Wirklichkeit bestand sie aus Sklavenarbeit. Die Häftlinge standen um
fünf Uhr auf und gingen um null Uhr dreißig schlafen. Sie
produzierten Schuhe, Hemden, Bürsten. Papierrosen waren für den
Export nach Frankreich, Tischdecken für Polen und Pullover für Japan
bestimmt. Wer seine Quoten nicht erfüllte, wurde mit Schlägen
bestraft und mit einer Herabsetzung der täglichen Getreideration von
100 auf 80 Gramm. Es gab Gefangene, die Lehm aßen und daran starben,
und es gab welche, die Ratten und Mäuse aßen, die die einzige
Proteinquelle im Lager waren. Frau Li war auf Grund ihrer Erfahrung
irgendwann mit Arbeiten in der Lagerbuchhaltung betraut worden: Jedes
Jahr starben zwischen zehn und 20 Prozent der Insassen, die meisten
an Entkräftung und Krankheit. Andere, nachdem sie gefoltert worden
waren.

Vor einer Methode, die man die „Kammer des Todes" nannte, hatten alle
am meisten Angst. Als Frau Li das erste Mal eine dieser Kammern sah,
dachte sie an einen Käfig, in dem Hühner gehalten wurden. Es war ein
mit einer Stahltür versperrtes, unfassbar schmutziges und 60
Zentimeter breites Loch in einer Betonwand. Man musste in die Wand
hineinkriechen, nachdem man die Kleidung ausgezogen hatte. Das Loch
war einen Meter zehn hoch. Man hatte also keinen Platz, um
aufzustehen, die Beine auszustrecken oder sich hinzulegen. Man
hockte. Unter einem der Abfluss, in den man seine Notdurft geben
konnte. Sonst geschah nichts. Im Sommer sah man die Maden, die aus
dem Abfluss krochen, und in der Nacht den Schein des Ganglichts. Die
meisten hielten so sechs bis acht Tage durch. Wenn sie aus der Kammer
entlassen wurden, fielen sie um.

Dann waren ihre Gesäße entzündet, ihre Beine und Schultern krumm. Die
meisten blieben auf Dauer verkrüppelt. Auch Frau Li hatte eines Tages
in diese Zelle gemusst, weil sie versucht hatte, eine Arbeiterin zu
schützen, die ein fehlerhaftes Hemdteil genäht hatte. Sie erholte
sich nach ihrer Entlassung wieder, weil sie sich als Buchhalterin
täglich waschen durfte und weil ihre Arbeit leicht war. Das Mädchen,
das sie geschützt hatte, wurde im Vorhof der Stahlfabrik
hingerichtet.

Wie immer traten dazu die 6000 Häftlinge an. Die Gefangene wurde vor
ihnen mit verbundenen Augen an einen Pfosten gefesselt. Der
Vizedirektor hielt eine Rede, in der er erklärte, warum der Tod der
Gefangenen unvermeidlich war. Er zitierte die Lehren Kim Il Sungs,
nach denen dieser „das fehlerlose Gehirn" war, das erst „den Körper",
also die Massen, „mit Leben ausstatten" würde – im Austausch für ihre
Loyalität zu ihm. Kim Il Sung hatte diese Anschauung im Laufe der
80er Jahre in Korea entwickelt. Nach dieser Führerdoktrin,
der „Theorie des Unsterblichen Soziopolitischen Körpers", war ein
Mensch ohne Loyalität zur Führung totes Fleisch. Die Hinrichtung von
Young Sun Suh wurde von sechs Soldaten mit Schnellfeuergewehren
ausgeführt, die Mitglieder ihrer früheren Arbeitsgruppe mussten ihren
Tod aus der ersten Reihe mit ansehen.

Frau Li hatte es inzwischen verstanden, wertvolle Arbeit im
Offiziersbüro zu leisten. Sie konnte sich im Lager relativ frei
bewegen. Eines Tages stand sie in einem Raum der „Nervenanstalt", den
die Wärter als „Erholungsraum" bezeichneten. Auf dem Boden lagen
sechs schwangere Frauen, bei denen Ärzte mit einer Injektion die
Geburt eingeleitet hatten. Sie trugen die Nachkommen von
Klassenfeinden in sich. Klassenfeinde sind bis in die dritte
Generation verdorben, hatte Kim Il Sung geschrieben. Kinder der
Frauen, die schwanger ins Lager gekommen oder nach einer
Vergewaltigung durch einen Wärter schwanger geworden waren, wurden
nach der Geburt erwürgt. Bestattet wurden die Leichen der Gefangenen,
indem die Wärter sie in Schluchten des Gebirges warfen. „Sie waren
Teufel", sagt Frau Li, „diese Wärter hatten keine menschlichen
Gedanken und Gefühle mehr."

„Dachte niemand an einen Aufstand? Oder an Flucht?"

„Wir hatten gelernt, dass menschliches Leben und Schicksal nicht ohne
Führer Kim Il Sung existieren. Mein Leben und Schicksal konnten nicht
entwickelt sein ohne ihn."

„Sie hatten keinen Mut ohne seinen Segen?"

„Die Welt und die Menschheit konnten nicht existieren ohne ihn."

„Denken Sie, dass Nordkorea ein kommunistisches Land ist?"

„Das ist lächerlich. Nordkorea ist eine Sekte, eine Pseudoreligion."

Frau Li ist 1992 nach sechs Jahren Haft aus Nummer 14 entlassen
worden. „Sun-Ok Li hat gewissenhaft für Kim Il Sung gearbeitet,
deshalb haben wir beschlossen, ihre Leistung zu belohnen", verkündete
ein Offizier. Zum ersten Mal seit Errichtung des Lagers habe man eine
Gefangene wegen vorbildlicher Führung entlassen. Im Winter 1994 ist
Sun-Ok Li mit ihrem Sohn über den Fluss Tjumen nach Nordostchina
geflohen.

Seitdem sie aus ihrem Land entkommen ist, hat Frau Li Leuten auf der
ganzen Welt von Nummer 14 erzählt. Menschenrechtsorganisationen wie
Amnesty International und Human Rights Watch bestätigen, dass ihre
Aussagen in vielen Details mit denen der früheren Häftlinge Chul-Hwan
Kang, Hyuk Ahn, Young-Kuk Li, Choon-Hwa Jung, Tae-Jin Kim und mit der
des ehemaligen Wärters Myung Chul-Ahn übereinstimmen, die aus
ähnlichen Lagern nach Südkorea entkommen sind. Frau Li hat vor dem
Senat und dem Repräsentantenhaus der USA ausgesagt. Sie redet in
Kirchen und wurde vom englischen Parlament vernommen. Sie glaubt,
dass der Westen auf ihrer Seite ist.

Die UN-Menschenrechtskommission hat der nordkoreanischen Regierung im
April 2003 zum ersten Mal scharfe Vorwürfe wegen systematischer
Verletzung von Menschenrechten gemacht. Kim Jong Il wurde offen für
die große Zahl von Gefangenenlagern, für weit verbreitete
Zwangsarbeit, Folter und öffentliche Hinrichtungen kritisiert.
Seitdem wird diese Kritik regelmäßig wiederholt, zuletzt in einem
Report vom 10. Januar 2005.

In den Lagern des Landes sind Hilfsorganisationen zufolge heute
200000 Menschen inhaftiert. Doch westliche Diplomaten und Regierungen
meiden das Thema. Im Vergleich zum Atomprogramm Nordkoreas scheinen
die Lager bedeutungslos zu sein. Gerade hat Frau Li ein paar jungen
Leuten in Los Angeles ihre Erlebnisse geschildert. Sie haben ihr
aufmerksam zugehört und sie beim Abschied, nach zwei Stunden,
gefragt, wann sie wieder nach Hause fährt. „Sie meinten Nordkorea",
sagt Frau Li. „Sie haben mir einen guten Flug gewünscht."









Mit 9. Mrz 2005 16:58

jiri1915m
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Die Sklavin Sie sagten ihr, sie sei ein Tier, und folterten sie. Die Nordkoreanerin Sun-Ok Li war sechs Jahre im KZ Quelle: Der Tagesspiegel, 06. 03. 2005 ...
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9. Mrz 2005
17:02
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