Anmelden
Neuer Nutzer? Registrieren
nordkoreainfo · Nordkorea: Menschenrechte + Arbeitslager
? Bereits Mitglied? Anmelden bei Yahoo!

Tipps für Yahoo! Groups

Gut zu wissen...
Sie können die Anordnung Ihrer Beiträge einstellen. Klicken Sie einfach auf Datum über der Spalte. Die Einstellungen werden gespeichert, sodass Sie nicht immer dasselbe anklicken müssen.

Beiträge

  Beiträge Hilfe
Erweitert
Nordkorea: Widerstand gegen den Diktator? (Der Spiegel, 30.10.2004)   Beitragsliste  
Antworten | Weiterleiten Beitrag #7 von 9 |


Fröhliche Tänze

Die Bevölkerung ist nicht so willfährig, wie es scheint. Von
der Außenwelt unbemerkt, flammt heftiger Widerstand gegen das
Regime von Diktator Kim Jong Il auf.

Am 22. April explodierten in der Stadt Ryongchon zwei mit Chemikalien
beladene Eisenbahnzüge. Obwohl 169 Menschen, darunter viele Kinder
aus einer nahen Schule, sterben oder grausam entstellt werden, taucht
kein Funktionär auf, um Verletzte und Hinterbliebene zu
trösten.
Staatschef Kim Jong Il lässt sich nicht einmal zu einem
Beileidstelegramm herab.

Die amtliche Nachrichtenagentur quält sich gerade mal ein paar
Zeilen über die Katastrophe ab. Stattdessen feiert das Militär
in der Hauptstadt mit \\\"fröhlichen Tänzen\\\" (so die Propaganda)
den 72. Gründungstag der Armee und den \\\"Lieben Führer\\\" Kim.

Kein Mitleid, kein Erbarmen für das leidende Volk. Das Regime
zeigt sein wahres Gesicht - wieder einmal. Wenige Stunden vor der
Tragödie ist Kim von einem China-Besuch mit seinem Sonderzug durch
den Bahnhof von Ryongchon gerollt. Handelte es sich womöglich gar
nicht um ein Unglück, sondern haben Regimegegner versucht, den
Diktator samt Begleitung in die Luft zu sprengen?

Die Welt hatte bislang den Eindruck, die Nordkoreaner seien - von
Informationen abgeschottet, durch Hunger geschwächt und durch ein
perfektes Überwachungssystem tyrannisiert - nicht in der Lage,
sich aufzulehnen. Waren sie nach Jahrzehnten des Personenkults 1994
nicht in eine kollektive Hysterie verfallen, als der Vater Kims, der
Staatsgründer und \\\"Große Führer\\\" Kim Il Sung, starb?

Doch die Bevölkerung des 22,4-Millionen-Einwohner-Staats ist nicht
so willfährig, wie es nach außen hin den Anschein hat. Vor allem
in den bitteren Zeiten Mitte der neunziger Jahre, als das Regime bis
zu drei Millionen Menschen an Mangelernährung und Schwäche sterben
ließ, loderten immer wieder Proteste gegen den bizarren Herrscher
auf, der gern mit aufgeföhntem Haar und phantasievoller Uniformkluft
seine ausgelaugten Bürger in so genannten Spontanlektionen belehrt.

Slogans gegen den Diktator (\\\"Nieder mit Kim Jong Il\\\")
erschienen auf Eisenbahnwaggons, Brückenpfeilern und Fabrikwänden.
Sogar außerhalb des Kumsusan-Mausoleums in Pjöngjang, in dem Kim der
Ältere einbalsamiert ist, flatterten Flugblätter, die den
unglaublichen Pomp der Dynastie geißelten.

Fabriken und Militäreinheiten, ja ganze Ortschaften revoltierten
gegen die Führung in Pjöngjang. Dies enthüllt der in Peking lebende
britische Autor und Journalist Jasper Becker, 48, in einem bald
erscheinenden Buch über Nordkorea*. In Gesprächen mit
nordkoreanischen Flüchtlingen, südkoreanischen Geheimdienstlern
und Wissenschaftlern bietet er wie kaum ein Autor zuvor einen tiefen
Einblick in das geheimnisvolle Reich.

Becker erfuhr zum Beispiel Einzelheiten über den größten
Arbeiterprotest in der Geschichte Nordkoreas 1998 in der
Industriestadt Songrim. Der Aufruhr begann an einem kalten
Februarmorgen nach der öffentlichen Exekution von acht Männern
- alle Manager des Hwanghae-Eisen-und Stahlwerks. Ihr Verbrechen: Um
den Arbeitern und ihren Familien Nahrungsmittel zu verschaffen,
hatten sie Teile des Werks an chinesische Händler verscherbelt.

Obwohl zahlreiche Bewohner Songrims damals verhungerten, galt der
Versuch, außerhalb des - längst zusammengebrochenen - öffentlichen
Versorgungssystems Nahrung heranzuschaffen, als Sabotage und
Landesverrat. Der Handel mit den reichen Genossen jenseits der Grenze
flog schnell auf, zumal chinesische Getreidefrachter im Hafen Nampo
die für Songrim bestimmte Ladung offen löschten.

Nachdem die acht Funktionäre, darunter zwei ZK-Mitglieder, tot in
den Staub gesunken waren, schrie eine Frau in der Menge: \\\"Sie
haben nicht versucht, sich zu bereichern, sondern den Arbeitern zu
helfen. Es ist brutal, sie zu erschießen.\\\"

Die mutige Frau gehörte zu den angesehensten Bürgern des Ortes
und hatte als Krankenschwester in einem Nomenklatura-Hospital in
Pjöngjang sogar die Führung gepflegt. Das schützte sie allerdings
nicht: Drei Soldaten ergriffen sie und erschossen sie auf der Stelle.
Die Menge löste sich schweigend vor Angst und Schreck auf. Doch
wenige Stunden später legte die Belegschaft des Werks die Arbeit
nieder.

Der friedliche Aufstand währte nur kurz. Am nächsten Morgen
brachen Panzer durch die Fabriktore und walzten die Demonstranten
nieder, Hunderte kamen nach Augenzeugenberichten ums Leben. Noch Tage
später wurden Dutzende vermeintlicher Aufrührer erschossen, zahllose
so genannte Konterrevolutionäre und ihre Familien in Arbeitslager
abtransportiert.

Kein Einzelfall offenbar: Der Groll gegen Kim sitzt tief in der
Bevölkerung. Sogar einige der handverlesenen Leibwächter aus der 450
Mann starken Garde, die nach seinem Geburtstag am 16. Februar \\\"2-
16-Einheit\\\" heißt, sollen Mitte der neunziger Jahre versucht
haben, ihren Chef zu erschießen. Generäle, die für wirtschaftliche
Reformen plädierten, planten 1992 einen Staatsstreich.

Unter den Anführern waren der Vizekommandeur eines Armeekorps in
Hamhung und Vize-Generalstabschef An Jong Ho. Die beiden wurden
enttarnt und exekutiert, ihren Kameraden gelang es, nach Russland zu
fliehen.

In der düsteren Industriestadt Chongjin im Norden des Landes wollten
1995 mehrere Offiziere den Hafen und Raketenbasen besetzen und
weitere Einheiten auf ihre Seite ziehen, um dann auf Pjöngjang zu
marschieren. Andere Militärs verabredeten, während einer Armeeparade
in der Hauptstadt eine Panzergranate auf die Tribüne Kims abzufeuern.
Die militärische Widerstandsgruppe \\\"Der Oberste Rat der Nationalen
Rettung\\\" warf Flugblätter aus Zügen und Lastwagen: \\\"Wir
appellieren an die Soldaten der Volksarmee und an das Volk, sich an
unserem Kampf zu beteiligen.\\\"

Der allgegenwärtige Staatssicherheitsdienst deckte die Verschwörungen
auf. Kim selbst hat mittlerweile einen Schutzwall um sich errichtet:
Er wechselt ständig den Wohnsitz, seine Domizile in Pjöngjang sind
durch ein Tunnelsystem verbunden. 100 000 Soldaten einer ihm
besonders verschworenen Eliteeinheit sind nur dazu da, ihn vor einem
Komplott zu schützen.

Die Meutereien fanden in einer Zeit statt, als sogar die
privilegierte Armee litt und Soldaten in ihren Kasernen verhungerten.
Uniformierte zogen in den neunziger Jahren marodierend durch das
Land, um sich etwas zu essen zu besorgen. Damals standen die meisten
Fabriken still, Strom gab es, wenn überhaupt, nur ein paar Stunden
am Tag, aus den Hähnen floss kein Wasser mehr.

Schuld an der Lage waren nicht nur Dürren, wie die Regierung ihren
Untertanen weiszumachen versuchte. Die Kim-Dynastie hatte das Land
heruntergewirtschaftet, weil sie sich weigerte, ihre verknöcherte
Planwirtschaft zu lockern und der Bevölkerung kleine Privatschollen
zuzubilligen. Erst als die Elite den Mangel zu spüren bekam, bat Kim
1994 um Hilfe im Ausland.

Die Hungersnot begann nicht, wie allgemein angenommen, Anfang der
neunziger Jahre, sondern früher: Ein geflüchteter Agrarexperte
entdeckte schon 1987 die ersten Hungertoten. Doch im Nordkorea des
Personenkults wagte es niemand, den alten Kim Il Sung über die Lage
aufzuklären.

Als der \\\"Große Führer\\\" schließlich aufmerksam wurde, war es zu
spät. In dieser Phase muss es wohl, wie Becker herausfand, zu einem
schweren Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn gekommen sein. Der
Patriarch zürnte, weil ihm sein Sohn die wirtschaftliche Notlage
lange verheimlicht hatte. Kim junior, so heißt es, wehrte sich
wiederum gegen die Pläne des Vaters, die Wirtschaft nach chinesischem
Modell zu reformieren und den Ausgleich mit den südkoreanischen
Landsleuten zu suchen.

Als Kim Il Sung am 8. Juli 1994 an Herzversagen in seiner Villa
starb, ist es möglicherweise nicht mit rechten Dingen zugegangen.
Sein Sohn soll lange Zeit keine Ärzte ins Zimmer seines Vaters
gelassen haben. Von fünf Hubschraubern, die den Leichnam und die
Entourage des Toten nach Pjöngjang zurückschaffen sollten, stürzten
zwei mit Medizinern und Leibwachen an Bord ab. Andere Funktionäre
verschwanden später spurlos.

Während die Nordkoreaner darbten und das Land immer tiefer in Armut
versank, baute sich der jüngere Kim wenigstens zehn Paläste mit
Golfplätzen, Pferdeställen und Kinos. Die Garagen sind voller
Edelkarossen. Die CIA schätzt das Vermögen der Familie auf vier
Milliarden Dollar, die unter anderem auf Schweizer Konten deponiert
sind.

Über den Lebensstil des heutigen Staatschefs wurden mittlerweile
erstaunliche Dinge bekannt: Schon in den achtziger Jahren hatte er
das \\\"Projekt zur Garantie der Langlebigkeit des Großen und des
Lieben Führers\\\" gestartet. Konkret bedeutet dies: Rund 2000 junge
Frauen sind der Führung unter anderem in \\\"Befriedigungsteams\\\"
(sexueller Service) und \\\"Glücksteams\\\" (Massage) zu Diensten.

Kim selbst wählte sich Ko Jong Hi, eine Tänzerin, zur
Lebenspartnerin, obwohl er zu dieser Zeit bereits verheiratet war und
eine Geliebte hatte. Ko gebar ihm zwei Söhne und erhielt die
Ehrentitel \\\"Große Frau\\\" und \\\"Geliebte Mutter\\\". Sie ist
jüngst gestorben - an Krebs, wie es heißt. Einer ihrer Söhne wird
womöglich die Dynastie fortführen.

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,325656,00.html









Die 9. Nov 2004 16:25

jiri1915m
Offline Offline
Mail senden Mail senden

Weiterleiten Beitrag #7 von 9 |
Beiträge erweitern Verfasser Nach Datum sortieren

Fröhliche Tänze Die Bevölkerung ist nicht so willfährig, wie es scheint. Von der Außenwelt unbemerkt, flammt heftiger Widerstand gegen das Regime von...
jiri1915m
Offline Mail senden
9. Nov 2004
16:32
Erweitert

Copyright © 2009 Yahoo! Deutschland GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
Datenschutz - Allgemeine Geschäftsbedingungen - Richtlinien - Hilfe