Der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel über
Nordkorea, Arbeitslager und Menschenrechtsverletzungen
Keine Konzessionen an den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il
Die Presse (Wien), 18.06.2004
http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=m&ressort=q&id=427471
Es ist genau 60 Jahre her, seit die Welt erstmals von der
erfolgreichen Flucht Rudolf Vrbas und Alfred Wetzlers aus Auschwitz
gehört hat, einer Flucht, die Berichte über Hitlers Vernichtungslager
ans Tageslicht brachte. Vrbas und Wetzlers Aussagen zwangen Vertreter
der demokratischen Welt, Tatsachen ins Auge zu sehen, die viele
selbst nach Kriegsende nicht glauben wollten.
Ähnlich wie der Nazi-Holocaust (durch Schilderungen von Augenzeugen,
Anm. d. Red.), wurden die Verbrechen und die brutale Realität des
sowjetischen Kommunismus dank der schriftstellerischen Arbeit von
Arthur Köstler, Jiri Weil und Alexander Solschenitsyn bekannt.
Rithy Panh beschrieb den Terror der Khmer Rouge, Kanan Makiya
schilderte Saddam Husseins brutale Gefängnisse, und Harry Wu hat
versucht, die Perversion des Laogai-Systems in den chinesischen
Zwangsarbeitslagern zu zeigen.
Heute belegen Aussagen tausender nordkoreanischer Flüchtlinge, die
die beschwerliche Reise durch das kommunistische China ins freie
Südkorea überlebt haben, die kriminelle Natur der nordkoreanischen
Diktatur. Moderne Satellitenbilder zeigen eindeutig, dass Nordkorea
über ein funktionierendes System von Konzentrationslagern verfügt.
Bis zu 200.000 Gefangene vegetieren in den Kwan-li-so
oder "politischen Strafarbeiterkolonien" oder sterben unter denselben
Bedingungen, denen Millionen Gefangene in der Vergangenheit im
sowjetischen Gulag-System ausgesetzt waren.
Der nördliche Teil der koreanischen Halbinsel wird vom totalitärsten
Diktator der Welt beherrscht. Kim Jong Il erbte das kommunistische
Regime nach dem Tod seines Vaters Kim Il Sung und hat den
Persönlichkeitskult schamlos weiter gestärkt. Er unterhält eine der
größten Armeen der Welt und stellt Massenvernichtungswaffen her.
Trotz Omnipräsenz von Armee und Polizei konnten zehntausende
verzweifelte Nordkoreaner nach China flüchten. Internationalen
Verträgen zum Trotz weigert sich die chinesische Regierung, den
Flüchtlingsstatus dieser Menschen anzuerkennen. Chinesische Beamte
haben es verhindert, dass das Büro des UN-Flüchtlingshochkommissars
mit auch nur einem Nordkoreaner in China Kontakt aufnehmen konnte.
Die chinesische Regierung jagt Flüchtlinge in den Wäldern entlang der
Grenze und deportiert sie nach Nordkorea, wo die Reise im Kwan-li-so
endet. All dies geschieht jetzt, und die Welt schaut untätig zu.
Einige Flüchtlinge haben Glück und schaffen es, nach Südkorea zu
gelangen. Aber dort läuft ihre Existenz der von dem Land
praktizierten offiziellen "Sonnenschein-Politik" total entgegen, die,
obwohl gut gemeint, auf andauernden Konzessionen und Beschwichtigung
basiert. Die Politik kostet Südkorea hunderte Millionen Dollar,
aber sie ist nicht hilfreich beim Finden einer Lösung für das
Gesamtproblem oder bei der Rettung unschuldiger Menschenleben.
Letztendlich hält die Politik nur den Führer in Pjöngjang an der
Macht.
Mit Hilfe seiner Millionen-Mann-Armee, Atomwaffen, Raketen sowie des
Exports von Waffen und Militärtechnologie an gleich gesinnte
Diktatoren auf der ganzen Welt kann Kim Jong Il die ganze Welt
erpressen. Er ist bereit, sein eigenes Volk an Hunger sterben zu
lassen und verwendet Hungersnöte, um jegliches Zeichen schwankender
Loyalität zu seiner Herrschaft auszulöschen. Durch Erpressung erhält
Kim Jong Il Nahrungsmittel und Öl, das er unter seinen Getreuen
verteilt (vorrangiger Empfänger ist die Armee), während die
internationale Gemeinschaft keine Möglichkeit hat festzustellen, wer
innerhalb von Nordkorea Hilfe erhält.
Während Kim Jong Il fortfährt, die Welt zu erpressen, sterben
unschuldige Nordkoreaner an Hunger oder sind in Konzentrationslagern
eingesperrt. Jetzt ist es für die demokratischen Länder der Welt -
die Europäische Union, die USA, Japan und nicht zuletzt Südkorea - an
der Zeit, zu einer gemeinsamen Position zu finden. Diese Länder
müssen unmissverständlich klarstellen, dass sie keine Konzessionen an
einen totalitären Diktator machen werden. Sie müssen festhalten, dass
Respekt vor grundlegenden Menschenrechten ein wesentlicher
Bestandteil aller künftigen Diskussionen mit Pjöngjang ist.
Entschlusskraft, Beharrlichkeit und Verhandlungen von einer Position
der Stärke aus: Diese Dinge sind das Einzige, das Kim Jong Il und
Gleichgesinnte verstehen. Hoffentlich ist das etwas, das zu erkennen
die Welt keiner weiteren entsetzlichen Beweise bedarf.
Václav Havel
Der Autor war Präsident der
Tschechischen Republik.