Bernd Kehren schrieb:
>
> bei zugegeben flüchtiger Betrachtrung finde ich in dem Dokument nur
> Selbstverständlichkeiten, die ich aus meinem Studium in Bochum an der
> Ev. Fakultät und in der rheinischen Diskussion vor mehr als 20 Jahren
> schon gehört habe. Schade, dass dies immer noch für Aufruhr sorgen
> muss und in den Gemeinden noch nicht selbstverständlich geworden ist.
>
> Ich sehe da weniger die Protagonisten des jüdisch-christlichen Dialogs
> in der sprachlich-vermittelnden Bringschuld als vielmehr Landeskirchen
> und Bistümer, denen die Brisanz und die Notwendigkeit oft nicht
> genügend präsent ist.
Lieber Bernd,
http://www.christ-in-der-gegenwart.de/aktuell/artikel_html?wkz=CGWWW11
ist noch ein interessanter Artikel in CiG zum Thema.
Wenn der Autor allerdings meint, Paulus "eiert rum", stimmt das nicht.
Paulus hat m.E. eine erstaunlich klare Linie, die sowohl den
Entscheidungskairos jetzt wie die Treue zur Vergangenheit mit den
Bundesschlüssen mit Israel in einem eschatologischen Konzept verbindet,
das zwei Erbarmensvollzüge Gottes benennt (und diese nicht einfach in
EIN christologisches Modell der Soteriologie auflöst). Diese
dramaturgisch aufbauende Doppelstrategie Gottes muss man akzeptieren und
darf man nicht in eine monolithische christologische Soteriologie
zusammenkochen.
Die unterschiedlichen Ebenen bei Paulus in Röm 9-11:
* Gotte Treue zu seinen Bundesschlüssen mit Israel
* Gottes Erbarmen mit allen aus Juden und Heiden, die sich glaubend
darauf einlassen, Jesus als Retter anzurufen
* Gottes Erbarmen mit ganz Israel am Ende der Tage *Röm 11,25* Damit ihr
euch nicht auf eigene Einsicht verlasst, Brüder, sollt ihr dieses
Geheimnis wissen: Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die
Heiden in voller Zahl das Heil erlangt haben;
*26* dann wird ganz Israel gerettet werden, wie es in der Schrift heißt:
Der Retter wird aus Zion kommen, / er wird alle Gottlosigkeit von Jakob
entfernen.
Ganz Israel.
*29* Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt.
*30* Und wie ihr einst Gott ungehorsam wart, jetzt aber infolge ihres
Ungehorsams Erbarmen gefunden habt,
*31* so sind sie infolge des Erbarmens, das ihr gefunden habt,
ungehorsam geworden, damit jetzt auch sie Erbarmen finden.
*32* Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu
erbarmen.
Wir Christen sollten im Blick auf die Kirchengeschichte sagen können:
"Unser Umgang mit Euch Juden war davon geprägt, dass wir diese
christliche 'Gott-rettet-am-Ende-ganz-Israel-Theologie' nicht wahrhaben
wollten. Zukünftig soll jede christliche Äußerung und Haltung gegenüber
Euch Juden von dieser paulinischen Grundhaltung geprägt sein."
Unter dieser Prämisse wird dann die christliche Überzeugung, die Sendung
des Jesus von Nazaret und das Angebot des göttlichen Erbarmens allen
Menschen weitersagen zu müssen, anders ausschauen als in den 2000
Jahren vorher. Bestimmte Formen des Zeugnisses wie "Judenmission" (m
engen Sinne) kommen nicht mehr vor. Das denke ich ist das Anliegen der
Dokumente des Arbeitskreises "Juden und Christen". Umgekehrt ist die
klare Aussage des Paulus, dass wir Christen gerettet werden unter dem
Bekenntnis "Jesus ist der Kyrios" und "Gott hat ihn von den Toten
erweckt" (Röm 10,9) Anhaltspunkt dafür, dass dieser christliche Anspruch
allen gegenüber aufrecht erhalten wird. Einfach 2 gleichwertige Wege zu
postulieren wäre nicht im Sinne des Paulus.
Je näher die kirchlichen Dokumente und Diskussionsbeiträge zum Thema an
der Sprache des Paulus bleiben, desto besser wohl die Lösungen.
Ich hoffe, ich verstehe Paulus richtig, wenn ich diese "Doppelstrategie"
aus Röm 9-11 herauslese.
Lieben Gruß, Franz