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16.01.12: Rechter Terror - Mord aus hoeheren Beweggruenden   Beitragsliste  
Antworten Beitrag #420 von 434 |

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora Muenchen vom 16. Januar 2012

Notwendige Anmerkungen zu den Recherchen der demokratischen Öffentlichkeit über die Morde der „Zwickauer Terrorzelle“:
Warum der Patriotismus zum Mord aus höheren Beweggründen verleiten kann.

Zumindest der demokratischen Presse kann man nicht vorwerfen, sie sei auf „dem rechten Auge blind“. Seit der Gewissheit, dass bislang unaufgeklärte Mordtaten an Bürgern mit Migrationshintergrund auf das Konto rechtsextremistischer deutschnationaler Patrioten gehen, vergeht kein Tag ohne neue „Enthüllungen“ und hintergründige Recherchen. Als verdanke sich der rechte Terror seiner unterlassenen Verhinderung, informieren die Medien das deutsche Volk seit Bekanntwerden der Morde der „Zwickauer Terrorzelle“ über zahlreiche Versäumnisse der zuständigen Staatsorgane. Und selbst Regierungsstellen warten mit Selbstkritik auf. Von mangelnder Wachsamkeit ist die Rede, „unglaublichen Ermittlungs- und Fahndungspannen“, einer „gefährlichen Nähe“ der V-Leute zu ihren Observationsobjekten bis zu dem Verdacht, die Ordnungshüter hätten „bewusst weggeschaut“. Das wirft eher die Frage nach dem Grund solcher Verhältnisse auf, als dass diese über die Triebkraft des rechten Terrors Aufschluss geben. Die Bundeskanzlerin sieht in ihrer Neujahrsansprache in den Morden ein „unfassbares Maß an Hass und Fremdenfeindlichkeit“. Das soll wohl kein Plädoyer für das rechte Maß, sondern die Klarstellung sein, dass diese nicht hierher gehören. Natürlich nicht – deutsche Bürger verstehen sich als „weltoffen“, der deutsche Staat bringt keinen Ausländer um, er steht unter seinem Schutz wie Inländer auch, und Übergriffe seiner Bürger verfolgt er mit allen zu Gebote stehenden Mitteln und „der ganzen Härte des Gesetzes“, jedenfalls ab sofort.

Von wegen „unfassbar“. Die Täter selbst halten ihre Morde bei ihren Adressaten – Sympathisanten und Ausländer – für nicht weiter erläuterungsbedürftig. Die Botschaft ist ja auch ebenso einfach wie eindeutig: „Das sind Ausländer, die gehören nicht hierher, sondern weg.“ Mit ihrer Mordaktion vollstrecken sie eine fundamentale Differenz zwischen Deutschen und Ausländern, die jedermann geläufig ist. Diesen Unterschied mussten sie nicht erst erfinden. Ihn hat schließlich der Staat, der sie jetzt ächtet und verfolgt, mit seiner ganzen Hoheit geschaffen. Mit Staatsbürger- und Ausländerrecht legt der Staat den Umfang seines menschlichen Besitzstandes fest, unterteilt die auf seinem Territorium befindlichen Zeitgenossen in mit allen Rechten und Pflichten ausgestattete Eingeborene und solche, die dort prinzipiell nichts zu suchen haben, weil sie anderen Staaten (an)gehören und deshalb nur ausnahmsweise und nach Maßgabe staatlicher Nutzenerwägungen mit abgestuften Daseinsrechten versehen werden; der Großteil von ihnen genießt Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, weil er für die Wachstumsbedürfnisse des deutschen Kapitals zu gebrauchen ist, einige werden als Asylanten anerkannt, einige geduldet und nicht wenige abgeschoben, wenn der Staat nichts Nützliches an ihnen finden kann. So schafft sich der Staat sein Volk, das ihm unbedingt verfügbar ist und dessen Nutzen zu mehren er sich deswegen verpflichtet, weil er es für seinen Nutzen exklusiv in Anspruch nimmt, und eine restliche Bevölkerung. Manchen von der gestattet er auch, seinen Volksbestand zu erweitern, wenn sie sich zu ihm bekennen und die erforderliche Loyalität nachweisen, die er bei seinen Eingeborenen unterstellt. So schafft der Staat mit seinem nutzenorientiert-opportunistischen Umgang mit Ausländern aber Verhältnisse im Lande, die auch wohlmeinende einheimische Bürger nachdenklich werden lassen. Sie fragen sich, ob so mancher Zuwanderer nicht bloß seines Vorteils wegen ein Deutscher werden wolle. Sie kennen Deutsche, die aussehen wie Türken, und Türken, die trotzdem fast dasselbe dürfen wie „echte“ Deutsche. Und jede Menge sonstige „ausländische Mitbürger“, in deren Anwesenheit sie nicht erkennen können, wofür die „für uns“ gut sein soll und die ihnen „Angst“ macht, wenn sie als zu viel empfunden wird, was die Politiker gefälligst „ernst nehmen“ sollen. Nicht wenige gute Deutsche erkennen offenbar in dem staatlichen Umgang mit Ausländern eine Relativierung ihres Verhältnisses zu ihrem Staat, eine Infragestellung der nationalen Sonderstellung, die ihr Staat ihnen schuldet.

Dass sich diese einem staatliche Rechtsakt verdankt, kommt in ihrem Bewusstsein nicht vor. Der Bürger sieht sich hier als Patriot betroffen, für den die Frage der Volkszugehörigkeit keine Frage und schon gar nicht eine des Willens und der Wahl ist. Deutscher ist man oder man ist es nicht, und man ist für Deutschland, weil man Deutscher ist. Der Wille zur politischen Gewalt ist in diesem Verständnis durch eine vorpolitische, völkische Eigenschaft determiniert: Das völkische Kollektiv schafft sich den Staat, dessen vornehmste Aufgabe dann darin besteht, dem Volk zu dienen und dessen Privileg, sein Staat zu sein, gerecht zu werden.

Diese Verkehrung des Verhältnisses von Staat und Volk im Bewusstsein der Bürger ist Resultat gelungener Politisierung. Die besteht in ihrer Elementarform in der Selbstverständlichkeit und Gewohnheit der Bürger, in den Kategorien „wir“ und „die anderen“ zu denken, jedes Interesse zum Gemeinwohl ins Verhältnis zu setzen und fraglos und unverbrüchlich parteilich für Volk und Nation zu sein. Dann fühlen und denken sie deutsch und bei nicht wenigen wird die Sache der Nation auch eine Herzensangelegenheit. Sie finden im Schicksal der Nation Quelle für Erbauung und Enttäuschung, teilen mit ihr Sieg und Niederlage. So geht ihnen die Sache der Nation buchstäblich in Fleisch und Blut über und macht ihr praktisches Gefühl aus. Die Leute machen sich die staatliche Funktionszuweisung zu eigen und konstituieren sich als Volk, von dem „die anderen“ selbstverständlich ausgeschlossen sind. Die Begriffe „Volkskörper“ und „Fremdkörper“ gehören hierher, wenn auch nicht zum politisch korrekten Sprachgebrauch in der Demokratie. Der Staat pflegt und fördert die Unart patriotischen Denkens und Fühlens, von der Indoktrination im Kindesalter bis zur Organisation nationaler Groß­ereignisse, bei denen das Volk sich feiert und die Identität von „ich“ und „wir“ genießt, die es in der sozialen Marktwirtschaft und ihrer freien Konkurrenz sonst nicht gibt.

Ausländerkritische Ressentiments gehören zur politischen Kultur im Lande, ihre Bedienung ist probates Mittel in der demokratischen Konkurrenz um die Gunst des Wahlvolks. Demokratische Politiker wollen ihre Klientel vor „Zuwanderung in unsere Sozialsysteme“ schützen, wollen lieber „Kinder statt Inder“, Ausländer, „die uns nutzen, statt solcher, die uns ausnutzen“, führen Wahlkämpfe mit Kampagnen gegen die „doppelte Staatsbürgerschaft“ und „entgleisen“ auch schon mal gezielt, wenn sie vor „Überfremdung“ und „Durchrassung“ warnen.

Die Kehrseite des gesunden Patriotismus ist ein prinzipiell kritisches Verhältnis des Volks zur Staatsgewalt. Der demokratische Staat vergeht sich tendenziell an der ideellen Einheit von Volk und Nation, weil ein in Treue zu ihm stehendes Volk seine Basis und Manövriermasse, aber nicht sein Zweck ist. Er geht außer der Pflege des Volkstums noch anderen Aufgaben nach, vorrangig der Förderung des kapitalistischen Wachstums, weshalb die Beurteilung der Ausländer im Volk und bei den verantwortlichen Politikern auseinanderfallen und bisweilen konfligieren. Zuwanderung von „Hochqualifizierten“ oder aus „demographischen Gründen“ hat das Volk nicht bestellt. Für Hartz IV für Ausländer hat der Staat seine Gründe, aber das Volk wenig Verständnis. Ob Ausländer stören oder nicht, sehen Staat und Volk ganz unterschiedlich, daher auch die Klage über dessen Pflichtvergessenheit gegenüber dem eigenen Volk. Er kümmere sich zu wenig um die „berechtigten Sorgen der Bürger“ und sollte die Ausländer öfter mal wissen lassen, „wer Herr im Haus ist“ (so ein neue Studie).

Der Übergang zur Gewalt ist hier nicht fern, aber der gesinnungsfeste Patriot bleibt kritischer Untertan, respektiert das staatliche Gewaltmonopol und verlangt von seinem Staat, die Sache in seinem Sinne zu regeln. An diese Aufgabenverteilung hält sich der staatsbürgerlich domestizierte Rassist meist auch dann noch, wenn sein Ressentiment gegenüber Ausländern in Feindseligkeit übergeht und sich zum Hass auswächst, weil er sich Volk und Nation dermaßen zum Anliegen gemacht hat, dass er die Anwesenheit „volksfremder Elemente“ einfach nicht aushält und als persönliches Unrecht empfindet, als Bestreitung seines Rechts auf ein Deutschland, das exklusiv seinem deutschen Volk gehören soll.

Der rechtsradikale Aktivist teilt die Gesinnung seiner staatsverdrossen schimpfenden Volksgenossen, hält sie aber für inkonsequent, weil sie die Gefahr für Volk und Nation ebenso wie er sehen, aber nichts dagegen unternehmen. Er kündigt den patriotischen Gehorsam und dem Staat das Vertrauen, die Sache der Nation im Sinne des Volkes zu regeln – und schreitet zur Tat.

Er veranstaltet mit Gleichgesinnten Hetzjagden auf Asylanten und „Andersfarbige“, zerlegt Pizza- oder Dönerbuden und schüchtert die „ausländischen Mitbürger“ so ein, dass schon mal „ausländerfreie Zonen“ entstehen. Oder er macht sich wie der norwegische Patriot Breivik die „Rettung des christlichen Abendlandes und seiner Werte vor dem Islam“ zur höchstpersönlichen Pflicht und erinnert die Staatsgewalt mit einem blutigen Attentat auf den Nachwuchs der Regierungspartei daran, was sie sich mit ihrer Ausländerpolitik zuschulden kommen lasse. Die „Zwickauer Terrorzelle“ vollzog ihre Kritik an der Säumnis des Staats an den Ausländern selber und setzte dabei auf die Abschreckung bei denen und die Signalwirkung bei der eigenen Szene. Ohne eine höhere Mission ist auch dieser „Wahnsinn“ nicht zu haben. In einem jetzt aufgetauchten Bekennervideo heißt es: „Jetzt ist klar, wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist“.


Mehr zu diesem Thema im GegenStandpunkt:

„Der Aufruhr um die Aufklärung der rechtsradikalen Mordserie:
Deutschland entdeckt ein neues Terrorproblem von rechts
“, in: GegenStandpunkt 4‑11
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/11/4/gs20114c07.html
„Flugblatt des GegenStandpunkt zu Antifa-Demos: Die Nazis passen nicht zu D – ihre Parolen schon“,
in: GegenStandpunkt 4‑10
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/10/4/gs20104c06.html

GegenStandpunkt 4‑10:

„Nationalismus global: Der Ausländer & das Problem, das er darstellt“:
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/10/4/gs20104055.html

„Thilo Sarrazin...“
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/10/4/gs20104062.html
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/10/4/gs20104077.html

„Die USA ...: Was ist ... ein richtiger Amerikaner?“

„Wahlen in Wien ...: ... Führung und Volk in Sachen Ausländer & deren Integration“:
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/10/4/gs20104102.html

„Das Volk, in: GegenStandpunkt 1‑2006
„Rassismus“, GegenStandpunkt 1‑1995
www.gegenstandpunkt.com

Konrad Hecker: Der Faschismus, München: GegenStandpunkt-Verlag 1996, 354 Seiten A5, € 20.–

 



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GA121016_RechterTerror.rtf
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