Anmelden
Neuer Nutzer? Registrieren
lora-gegenstandpunkt · GegenStandpunkt-Verlag bei Lora München

Group-Information

  • Mitglieder: 467
  • Gegründet: Sep 26, 2000
  • Sprache: Englisch
? Bereits Mitglied? Anmelden bei Yahoo!

Tipps für Yahoo! Groups

Gut zu wissen...
Sie können die Anordnung Ihrer Beiträge einstellen. Klicken Sie einfach auf Datum über der Spalte. Die Einstellungen werden gespeichert, sodass Sie nicht immer dasselbe anklicken müssen.

Beiträge

  Beiträge Hilfe
Erweitert
09.01.12: Der Protest der Occupy-Bewegung: Das Volk der 99 % gegen d   Beitragsliste  
Antworten Beitrag #419 von 423 |

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora Muenchen vom 9. Januar 2012

Der Protest der Occupy-Bewegung:

Das Volk der 99 % wird gegen die 1‑%‑Übermacht der Profiteure des Finanzsystems demonstrativ moralisch ins Recht gesetzt.

Wozu und was dann?

Die Lager der Occupy-Bewegung auf öffentlichen Plätzen sind weitgehend geräumt, ihre Bewohner verjagt oder von selbst in die Winterpause gegangen. Jetzt geht das große Kommentieren los, ob es sich hier um den Beginn einer großen Protestwelle neuen Typs handelt, oder nur um die Mode eines Herbstes. Diese Frage verweist auf die Eigenart dieses Protestes, bei dem niemanden sonderlich zu interessieren scheint, gegen was da eigentlich warum und wie protestiert wurde. Möglichst in unmittelbarer Nähe der führenden Finanzzentren dieser Welt protestieren die Occupyler gegen die Agenten und Institutionen des Finanzkapitals und präsentieren sich der Öffentlichkeit als die friedliche Alternative von

99 % gegen 1 %

– die „Macht der Banken“ und des „Finanzsystems“. In den Banken haben sie nämlich die Verursacher der Krise ausgemacht und damit die Verantwortlichen für all das, was dem Volk seitdem an materiellen Lasten zugemutet wird.

Mit ihrer demonstrativen Ablehnung der Machenschaften der Banken unterstellen die Protestierer zwar einen Zusammenhang zwischen dem finanzkapitalistischen Geschäft mit Geld und Schulden und ihrer jeweiligen Lebenssituation. Sich diesen Zusammenhang zu erklären, ist allerdings überhaupt nicht ihre Sache. Dazu müssten sie sich Klarheit verschaffen über den gesellschaftlichen Zwangscharakter dieses Zusammenhangs, dem sich die „99 %“ ebenso willig unterwerfen wie „1 %“, das von ihm profitiert, weil es über das Geld verfügt, das diesen Zwangszusammenhang als für alle gleichermaßen unerlässliche Existenzbedingung verkörpert. Die einen haben es. Für sie, die Finanzkapitalisten, ist Geld als Kredit in ihren Bilanzen das Material ihres Geschäfts. Jeder Geldbetrag verkörpert für sie einen unbedingten Anspruch auf Vermehrung, auf einen Ertrag, den es einzulösen gilt. Und die anderen brauchen es. Für die von den Occupylern entdeckten „99 %“ ist das Geld schlicht ihre Lebensbedingung, das Mittel, um an alles zum Leben auch nur irgendwie Nötige zu kommen. Um daran zu kommen, verkaufen sie das Einzige, was sie haben, ihre Arbeitskraft – und machen sich dabei auch noch als Konkurrenten um die gebotenen Verdienstmöglichkeiten gegenseitig das Leben schwer.

Dieses Zwangsverhältnis zu kritisieren und mit guten Gründen dagegen zu kämpfen, das ist nicht das, was die Occupy-Bewegten im Sinn haben. Aus der unterstellten verhängnisvollen Bösartigkeit des bei den Banken konzentrierten Finanzwesen und der großen Zahl der dadurch zu Betroffenen gemachten Bürger machen sie eine ganz andere Frage auf: Sind sie auch berechtigt zum Protest? Und sie setzen ihren Protest moralisch dadurch ins Recht, dass sie auf sich als Repräsentanten einer möglichst großen Zahl von Betroffenen und Betroffenheiten verweisen, deren Schädigung nach gesellschaftlicher Anerkennung und politischer Genugtuung schreit. Damit ist die Bewegung erst einmal ganz weit weg von einer Kritik am Finanzkapital und erst recht von Überlegungen, wie man gegen die Ursachen der erfahrenen Schädigung organisiert vorgehen kann. Weil es ihr um den permanenten larmoyanten Beleg für Schädigungen, verursacht durch Wall Street und Co., geht, präsentiert sich die Occupy-Bewegung als Fürsprecherin einer möglichst großen Gemeinschaft von irgendwie Geschädigten. Mit ihrer Auflistung von allen möglichen gesellschaftlichen „Missständen“ erinnert sie an Zwangsräumungen von Wohnungen und Häusern, an sexuelle und Rassendiskriminierung, Nahrungsmittelverseuchung, Lohndrückerei, politische Korruption und Tierquälerei. Den Occupylern genügt es, dass in ihren Augen an all dem das Geschäftsgebaren der „Wall Street“ und ihrer Agenten irgendwie schuld ist, sodass sich nähere Auf- und Erklärung erübrigt. Wie alles in dieser Gesellschaft dem Zwang zum Geldvermehren bzw. Geldbeschaffen unterworfen ist, so dass man dann wüsste, wie man dagegen vorgehen kann – darum geht’s den Occupylern nicht. Für sie sind die von ihnen beschworenen 99 % vielmehr der Beweis dafür, dass sie moralisch schwer im Recht sind und das eine Prozent der Banker und Superreichen im Unrecht. Aus ihrer Hauptparole „Wir sind die 99 Prozent!“ entnehmen sie ihr ganzes Selbstbewusstsein, indem sie aus den konkreten Beschwernissen der Leute eine ganz allgemeine Betroffenheit durch „massive Ungerechtigkeit“ machen. Ihre Wucht gewinnt diese Anklage allein daraus, dass die – beliebig erweiterbare – Liste der aufgeführten Übel den immer gleichen Übeltätern zur Last gelegt werden. Denn für die Occupyler ist es die Betroffenheit selbst, die der Protestbewegung die nötige Einheit und den politischen Schwung verleiht.

Damit sind dann Gott und die Welt eingeladen, sich in ihren Protest einzureihen und so die 99 % wahr werden zulassen: Wer immer mit etwas unzufrieden ist, dem wird versichert, Teil der Bewegung zu sein, denn er steht ja auf der Seite derer, die betroffen gemacht wurden von dem einen Prozent der Finanzgrößen. Diese Gleichgültigkeit gegenüber den politischen und ökonomischen Gründen, an denen lauter Lebensinteressen zuschanden werden, ist der notwendige Fehler einer Bewegung, die jeden, der bei der Verfolgung eines Anliegens zu kurz gekommen ist, als geborenen Mitmacher eingemeinden und damit sich selbst als Bewegung des ganzen Volkes beweisen will. Daher scheren Occupyler Leute, die aus ihren erlittenen Schädigungen ganz unterschiedliche Schlüsse ziehen, über den Kamm „der Betroffenheit“ und erklären sie darüber zu Mitgliedern der fiktiven Gemeinschaft namens „99 %“.

Im Sinne dieser Gemeinsamkeit jenseits aller konkreten Interessen stellt die Bewegung demonstrativ ihren un- und überparteilichen Charakter heraus, der sich in der Absage an die Teilnahme von Parteipolitikern bei ihren Kundgebungen ebenso niederschlägt wie in der Weigerung, überhaupt politische Erklärungen anzuhören, die aus individueller Betroffenheit gemeinsame politische Interessen machen wollen. Im Gegenteil: Occupyler wenden sich offensiv gegen alle, die irgendwie konkretere Ursachen statt schlicht böse kleine Minderheit gegen gute große Mehrheit für die beschissene Lebenslage der Leute namhaft machen wollen. Das könnte ja Differenzen in der Bewegung aufbringen und ihr damit ihr einziges „Argument“ nehmen, gemeinsam „99 % gegen 1 %“ zu sein. Wer bestimmte Interessen gegen bestimmte Gegner durchsetzen will, kündigt die eingebildete Zusammengehörigkeit aller individuell Betroffenen gegenüber den wenigen Schädigern auf. Wer andere für einen Kampf gegen die Gründe seiner und ihrer miesen Lebensumstände gewinnen will, der verstößt gegen den Grundsatz der Occupy-Bewegung: jede individuelle Betroffenheit sei gleichberechtigt, keine dürfe deshalb gegen andere einen höheren Grad von Allgemeinheit beanspruchen wollen. Wenn es nur auf die „solidarische Organisierung“ von Protest ankommt gilt das Pochen auf bestimmte Inhalte glatt als unsolidarisch!

Das erste und wichtigste Ziel des Occupy-Protests ist es nämlich, sich selbst das „Erlebnis“ zu vermitteln, dass „Protest möglich ist“. Zweitens soll damit dem Publikum bewiesen werden, dass man die gute Mehrheit der 99 % repräsentiert und daher die Demonstration eigener Betroffenheit im Recht ist. Für solchen Protest ist das Besetzen von Plätzen mittels Camping, die Show, dass man nicht nur da ist, sondern auch da bleibt, die passende Praxis als Repräsentation der Mehrheit der 99 %, denen sich folglich jedermann anschließen kann, weil er definitionsgemäß sowieso schon dazugehört.

Leute, die also programmatisch nicht wissen wollen, warum und wie das Bankengeflecht dem Großteil der Menschheit Schaden zufügt, weil das beim Sammeln möglichst vieler Geschädigter eher hinderlich wäre, wenden sich dann konsequenterweise ausgerechnet an die Politik, also die Staatsmacht, die es für sie richten soll. Unterstellt wird dabei eine unerschütterlich positive Meinung über die öffentlichen Gewalthaber, die „eigentlich“ doch den 99 % dienen müssten. Die Occupyler halten sich nicht mit der Aufklärung der Frage auf, warum denn alle demokratischen Parteien und verantwortungsbewussten Staatenlenker immer auf der Seite Wall Streets bzw. der Deutschen Bank stehen, was also der politische Grund dafür ist, dass in den marktwirtschaftlichen Demokratien die erfolgreiche Kapitalakkumulation Staatsraison ist. Stattdessen glaubt man voller Empörung und Enttäuschung an eine plumpe Agententheorie, derzufolge das böse eine Prozent die angeblich von Haus aus zu positivem Wirken verpflichtete Politikerklasse korrumpiert hat. Aus dieser frommen Weltsicht werden dann die Regierungsmitglieder genauso wie die geschädigte Mehrheit auch Betroffene der unlauteren Machenschaften von Bankern und Superreichen. Folglich richtet die Occupy-Bewegung ihre ganze Hoffnung darauf, dass die Politiker unter dem Eindruck des öffentlichen Protests sich selbst und dann auch die 99 % aus der Knechtschaft des einen Prozents befreien. Deshalb auch das penetrante Bemühen, sich durch gesetz- und regelkonformes Wohlverhalten der Politik und der Öffentlichkeit als die bessere moralische Bezugsinstanz zu empfehlen. Sollte mal jemand nicht einfach individuelle Betroffenheit artikulieren – „ich bin empört“ –, sondern womöglich gar die anderen Empörten mit Argumenten für eine bestimmte Richtung ihrer Empörung, gar eine daraus folgende Praxis gewinnen wollen, wird durch entsprechendes Händewedeln schnell klargestellt, dass so was nicht vorgesehen ist.

Für sich fordert die Protestbewegung nichts von ihrer Herrschaft; einen bestimmten Auftrag, dass die Politik mal dies oder jenes zum Wohl der Menschheit unternehmen sollte, haben sie nicht. Wenn nur die Politik sich aus den Klauen des einen Prozents befreite und damit wieder Handlungsfähigkeit gewönne, dann könnte sie wieder Politik für die 99 % machen. – Soll dann die Welt wohl wirklich wieder in Ordnung sein? Für Occupyler offenbar schon, wofür ihre bewusste Gleichgültigkeit gegen die konkreten Gegensätze, die die kapitalistische Konkurrenz unter den Leuten hervorbringt, ebenso steht wie das so moralisch selbstbewusste wie praktisch hilflose Absehen von der realen Gewalt, mit der der demokratische Staat diese Gegensätze regelt und so die nützlichen Dienste des einen Prozents genauso wie die der 99 % rechtlich und praktisch sicherstellt. Gegen Wasserwerfer und polizeiliche Platzräumungen fällt Empörten leider nur – Empörung ein…


Lesetipps:
Occupy-Wallstreet: Das Volk gegen die 1‑%-Übermacht der Wallstreetprofiteure
Die Bewegung der Betroffenen will ihre demokratische Regierung zurück
in: GegenStandpunkt 4‑11, Link: www.gegenstandpunkt.com/gs/11/4/gs20114c05.html

Zu den Protestbewegungen „Die Empörten!“, „15-M“ und „Echte Demokratie jetzt!“:
Eure Empörung ist verkehrt – sie lebt von Illusionen über Krise, Demokratie und Marktwirtschaft
in GegenStandpunkt 3‑11, Link: www.gegenstandpunkt.com/gs/11/3/gs20113c06.html

 



Anhang
GA120109_Occupy.rtf
Art:
application/msword
Beitrag #419 von 423 |
Beiträge erweitern Verfasser Nach Datum sortieren

09.01.12: Der Protest der Occupy-Bewegung: Das Volk der 99 % gegen die 1-%-Uebermacht der Profiteure des Finanzsystems Die Analyse des GegenStandpunkt -Verlags...
theo wentzke
theo6493233 Offline Mail senden
9. Jan 2012
23:59
Erweitert

Copyright © 2010 Yahoo! Deutschland GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
Datenschutz NEU - Allgemeine Geschäftsbedingungen - Richtlinien - Hilfe