Die Analyse des
GegenStandpunkt-Verlags in Radio
Lora Muenchen vom 7. November 2011
Nachrichten aus der Marktwirtschaft (November 2011):
1. „Gier“ –
jetzt auch auf den Weltmeeren
Die
Standard-Erklärung, warum es zu der großen Finanzkrise kommen konnte, ist: die
„Gier“ war’s. Gemeint ist, dass ein zweifelhafter menschlicher Trieb die
Oberhand über die ökonomische Vernunft gewonnen hat. Bei ihrer Jagd nach immer
größeren Gelderträgen, die ihnen auch die schönen Boni einbrachten, hätten die
Banker – von ihrer „Gier“ geblendet – eine ökonomische Binsenweisheit mit Füßen
getreten: dass mit jeder Geldanlage auch ein Risiko verbunden ist, dass ein
Zinsversprechen noch lange keine Zinsgarantie
ist. Weil und indem sie das ignorierten und auf jede „Wette“ gleich die nächste
draufsetzten, hätten sie sich immer größere Zahlen in ihre Bücher geschrieben,
und so getan, als ginge das ewig so weiter – bis die Katastrophe da war. Die
„Süddeutsche Zeitung“ entdeckt nun, dass „Gier“ nicht auf den Finanzsektor
beschränkt ist, sondern ihr Unwesen auch in der so genannten Realwirtschaft
treibt, in diesem Fall in der Handelsschifffahrt. Von einem Fondsmanager, der
sich im Finanzwesen und dessen „Gier“ ja auskennen muss, lässt sie sich sagen: „Die
Vorgehensweise der Reeder ist der grenzenlosen Gier geschuldet“ (SZ,
20.10.). Die „Vorgehensweise“, die der Fachmann meint und an der sich die
Zeitung stört, sieht so aus, dass sich in der Handelsschifffahrt jede Menge
„Überkapazitäten“, also unausgenutzter Frachtraum, feststellen lässt, dass
zugleich aber die Reeder ständig neue und immer größere Containerschiffe
ordern. Stimmt es nun, dass auch hier dieser angebliche menschliche Trieb statt
der ökonomischen Rationalität zugeschlagen und jegliches Risikobewusstsein
außer Kraft gesetzt hat?
Bis 2009, so
erfahren wir, gingen die Geschäfte der Reeder nicht so gut, was zu den
erwähnten „Überkapazitäten“ geführt habe. Dann setzte im Welthandel der
Aufschwung ein: Mehr Güter mussten verschifft werden, die Nachfrage nach
Frachtraum stieg. Natürlich haben die Reeder nicht ihre Überkapazitäten
zusammengezählt, um dann das zusätzliche Frachtaufkommen gemeinschaftlich
darauf zu verteilen, also die Überkapazitäten zu beseitigen – das wäre ja Plan‑,
also Miss‑, statt Marktwirtschaft, und in der wird nicht zusammengearbeitet,
sondern gegeneinander konkurriert. In einer Hinsicht waren sich die Reeder
jedoch einig: Das war eine günstige Gelegenheit, die Preise zu erhöhen: „Der
Welthandel zog an und mit ihm die Preise für den Transport einzelner Container
(Frachtraten) und für die Vermietung von Schiffen (Charterraten).“ Dadurch
fuhren – wie die „SZ“ anerkennend vermerkt – die großen Linienreedereien, wie
z. B. Hapag-Lloyd, Rekordgewinne ein. Das hatte seinen Grund darin, das
sie die Marktführer waren, was heißt: Sie traten aufgrund ihrer Kapitalgröße
mit der besten Preis-Kosten-Relation an, konnten den Nachfrageschub also am besten
nutzen. Zwei Jahre später muss die „SZ“ aber eine „Paradoxie“ feststellen: Die
Rekordgewinne sind verschwunden, obwohl „der Welthandel brummt“:
„Seit
Jahresbeginn sinken die Preise wieder. Die Frachtraten sind seither um 20 bis
30 Prozent gefallen. Die Situation ist paradox: Der Welthandel brummt, der
Warentransport wird 2011 um acht bis zehn Prozent zulegen – doch die Reeder
verdienen kaum. ‚Die Schiffe sind voll, und trotzdem macht keiner Gewinn‘, sagt
ein Reeder.“
Das ist
allerdings „paradox“, aber nicht, wie die „SZ“ meint, im Sinne eines
unerklärlichen und unnötigen Ereignisses. Es handelt sich vielmehr um die
Paradoxie der kapitalistischen Konkurrenz, und die kommt gewiss nicht durch
„grenzenlose Gier“ zustande. Sondern:
Die großen
Reedereien mit den Rekordgewinnen haben gleich vorgemacht, wie mit diesen
Gewinnen zu verfahren ist. Die sind dafür da, die Marktführerposition zu sichern,
was damit identisch ist, sie beständig auszubauen. Das führt zu der
„Vorgehensweise“, die der Fondsmanager als „grenzenlose Gier“ kennzeichnet und
die sich – wenn schon – vom Rest der „Realwirtschaft“ nicht im Geringsten unterscheidet.
Den Reedern ist klar – und zu dem Zeitpunkt wird das dann auch als
„unternehmerische Weitsicht“ gelobt –, dass die gestiegenen Preise auch wieder
fallen werden: Jeder weiß vom anderen, dass er versuchen wird, sich durch
Preissenkungen größere Marktanteile zu sichern. Eine „nachhaltige“
Unternehmensstrategie, die den Preissenkungskampf überstehen will, sieht darum
so aus, dass bei sinkenden Preisen die Kosten gesenkt werden müssen, so
dass aufgrund der veränderten Preis-Kosten-Relation immer noch – ein möglichst
steigender – Gewinn erzielt wird. In der Schifffahrt sieht das so aus – auch
hier kein Unterschied zur „Realwirtschaft“ –, dass der Kapitalvorschuss erhöht
wird, wobei wiederum diejenigen mit den „Rekordgewinnen“ in der besten
Ausgangssituation sind. Sie geben den Konkurrenten vor, wie der Kampf um die
Preis-Kosten-Relation zu führen ist. In den Worten der „SZ“: „Da niemand in
diesem Rennen verlieren will, ordert jeder, der kann, diese gigantischen Schiffe.“
Die einen verteidigen ihre Marktführerposition, was, wie gesagt,
identisch damit ist, sie auszubauen. Die anderen müssen, wenn sie nicht aus dem
Markt gedrängt werden wollen, die Marktführer angreifen – und für alle ist
dabei das eine Mittel von entscheidender Bedeutung: Sie brauchen mehr
und billigeren Frachtraum, eben diese neuen „gigantischen Schiffe“, die
noch mehr Güter auf einen Schlag transportieren können. Womit wir bei der
Paradoxie der kapitalistischen Konkurrenz sind: Jeder sucht den
Preissenkungskampf für sich zu entscheiden, indem er sein vergrößertes Kapital
dafür einsetzt, die Preise noch mehr senken zu können – eben durch den
Einsatz von noch größeren Containerschiffen, die eine noch günstigere
Preis-Kosten-Relation aufweisen. Es ist also nicht so, dass die Reeder
jegliches Risikobewusstsein verloren hätten – sie wirken vielmehr dem Risiko
entgegen, aus dem Markt verdrängt zu werden. Deswegen ist die
Konkurrenzanstrengung des einen, sein erhöhter Kapitaleinsatz, darauf
gerichtet, die Konkurrenzanstrengung des anderen, also dessen Einsatz
von Kapital, wirkungslos, zunichte zu machen. So kommt es zu dem
Ergebnis, das die „SZ“ nicht verstehen will: Bei zunehmendem Welthandel fallen
sowohl die Preise als auch die Gewinne – und es entstehen neue
„Überkapazitäten“. Die zeugen so nebenbei davon, dass in diesem Konkurrenzkampf
– in all seinen Phasen, sei es zu Beginn des Aufschwungs, sei es wenn „der
Welthandel brummt“ – jede Menge stofflicher Reichtum kaputt geht:
Schiffe, für deren Bau haufenweise Material, Arbeit und sonst was aufgebracht
wurde. Kann sein, dass sich die Konkurrenzgewinner das eine oder andere Schiff
billig kaufen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil von ihnen ist aber unbrauchbar.
Nicht, dass sie irgendeinen technischen Mangel aufwiesen – sie funktionieren
einwandfrei, zum Teil sind sie sogar brandneu. Aber sie haben den Mangel, für
die Konkurrenz und für die Bedienung der zu ihrem Bau aufgenommenen Kredite
nicht tauglich gewesen zu sein, also kommen sie auf den Schiffsfriedhof. Wo
„Überkapazitäten aufgebaut“ werden,
müssen halt auch „Überkapazitäten abgebaut“ werden – Verschwendung und
Zerstörung gehören zur kapitalistischen Konkurrenz einfach dazu.
Für all das
eine ominöse „Gier“ verantwortlich zu machen, zeugt – höflich gesagt – von
völligem Unverständnis, – unhöflich gesagt – von bei allem Kopfschütteln unerschütterlicher
Parteilichkeit für die kapitalistische Wirtschaftsweise. Unnötig zu betonen,
dass das auch für die moralische Verdammung des Finanzsektors gilt. Dieses
Unverständnis hat nämlich einen ideologischen Ertrag: Wohin man auch schaut, in
diesem Fall in die Handelsschifffahrt, passieren ziemlich absurde Dinge – aber
mit dem Hinweis auf die menschliche Natur
und ihre Triebe ist eines auf jeden Fall geleistet: An den Gesetzmäßigkeiten
von kapitalistischer Ökonomie und
Konkurrenz kann es nicht liegen, wenn es zu diesen Absurditäten kommt.
2. Wie man
„entsicherte Handgranaten“ sichert
Für die
„Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS)
stellt sich das Zusammenwirken von Staaten auf der einen Seite und
Börsen, Banken und Versicherungen auf der anderen zur Zeit so dar:
„Wie
Zuschauer eines Tennismatches blicken wir von der Spielhälfte der Staaten zu
der Spielhälfte der Banken, Börsen und Versicherungen und wieder zurück und
verfolgen, wie sie einander entsicherte Handgranaten zuspielen.“ (23.10.)
Damit nicht
genug: In unserer hoch entwickelten, aufgeklärten, zivilisierten Welt macht
sich in den höchsten Schaltstellen finsterster Aberglaube breit:
„Der
Versuch, die Mittel der EFSF zu erhöhen, gleicht den verzweifelten Bemühungen
des späten Michael Jackson, einen Koffer voller Dollarnoten durch die Kräfte
von Stierblut oder eines afrikanischen Marabus auf den vielfachen Wert zu
hebeln. Es ist moderne Alchimie.“
Um ihrer
Empörung über den Finanzsektor Ausdruck zu geben, findet die Zeitung noch extra
starke Worte: Da handele es sich um eine „manisch-depressiven Branche von
Börsenhysterikern, die keinen nennenswerten realwirtschaftlichen Zweck erfüllt
und bleibende Werte nur für wenige schafft.“ Aber auch die Staaten kommen
nicht besser weg, denn sie bilden mit dem Finanzsektor eine unheilvolle Allianz:
„Staat
und Finanzsektor erpressen sich gegenseitig. Fordert eine Seite todesmutig die
Eigenkapitalerhöhung, antwortet die Gegenseite mit der Herabstufung eines
Staates oder mit einer Rede von Josef Ackermann – als ob sich der eine Sektor
von dem anderen lösen könnte. […] Drohen Banken, Versicherungen oder
Rentenfonds unter dieser Last zu fallen, springt wieder ein Staat ein. Was sich
gegenwärtig Politik nennt, ist also nichts anderes als das Weiterreichen von
Zeitbomben, deren Auslösezeitpunkt niemand kennt.“
Ein
„Wahnsinn“ ist das, meint die Zeitung, dazu noch ein auswegloser:
„Der
Wahnsinn der blitzschnell zirkulierenden, ungedeckten Schuldscheine hat zu
einer Situation wechselseitig garantierter Zerstörung geführt.“
„Wechselseitig
garantierte Zerstörung“ – soll das heißen: Nichts zu machen, der Laden geht den
Bach hinunter? Natürlich nicht. Das große Schreckensgemälde hat sich die
Frankfurter Zeitung ja nicht ausgedacht, um zu einer Absage an diesen
kapitalistischen Laden zu gelangen, im Gegenteil. Die ganz große Gefahr
beschwört sie nur, weil sie auf ganz große Anstrengungen zur Abwendung
dieser Gefahr hinaus will. Die Gefahr besteht in den Schulden, die sich Staaten
und Banken wie „entsicherte Handgranaten“ wechselseitig zuspielen. Diese
Handgranaten, respektive Schulden,
müssen „entsichert“, also beglichen werden. Von den Staaten und den
Banken, die sich in ihrem Wahnsinn diese Schulden immer nur wechselseitig
zuwerfen, ist da nichts zu erwarten. Leisten kann das – welche Überraschung –
nur „der Bürger“:
„Den
europäischen Regierungen bleibt, um die Schulden zu bezahlen, eigentlich nur
mehr eine Ressource: der private Wohlstand ihrer Bürger. […] mit einer
einmaligen Wohlstandsabgabe irgendwo zwischen zwanzig und dreißig Prozent.“
Mit viel
aufgeblasener Metaphorik landet die Zeitung bei dem immergleichen banalen und
brutalen „Weg aus der Krise“: bei den Sparprogrammen, die sich die europäischen
Staaten schon längst ins Pflichtenheft geschrieben haben. Und mutig schiebt die
FAS noch nach:
„Es
sollte jetzt ein Satz fallen, den sich seit Jahrzehnten niemand auszusprechen
traut: dass die Steuern steigen werden, dauerhaft und spürbar, und dass sie der
Preis unserer Zivilisation sind.“
Das ist doch
mal erhellend. Seine Zivilisation muss sich „der Bürger“ schon was kosten
lassen, wenn Staat und Kapital sie so sehr aufs Spiel setzen. Und zu dieser
Zivilisation gehört zum guten Schluss die soeben noch beschimpfte „manisch-depressive
Branche von Börsenhysterikern, die keinen nennenswerten realwirtschaftlichen
Zweck erfüllt und bleibende Werte nur für wenige schafft“, natürlich dazu.
Mehr noch: Die ganze Gesellschaft hat für die in dieser Branche zirkulierenden
Schulden einzustehen – daran geht kein Weg vorbei. Eine schöne Zivilisation ist
das, in der die einen mit „entsicherten Handgranaten“ um sich werfen und die
anderen deswegen ärmer werden müssen.