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07.11.11: Nachrichten aus der Marktwirtschaft (Nov. 2011): 1. Gier /   Beitragsliste  
Antworten Beitrag #416 von 423 |

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora Muenchen vom 7. November 2011

Nachrichten aus der Marktwirtschaft (November 2011):

1. „Gier“ – jetzt auch auf den Weltmeeren

Die Standard-Erklärung, warum es zu der großen Finanzkrise kommen konnte, ist: die „Gier“ war’s. Gemeint ist, dass ein zweifelhafter menschlicher Trieb die Oberhand über die ökonomische Vernunft gewonnen hat. Bei ihrer Jagd nach immer größeren Gelderträgen, die ihnen auch die schönen Boni einbrachten, hätten die Banker – von ihrer „Gier“ geblendet – eine ökonomische Binsenweisheit mit Füßen getreten: dass mit jeder Geldanlage auch ein Risiko verbunden ist, dass ein Zinsversprechen noch lange keine Zinsgarantie ist. Weil und indem sie das ignorierten und auf jede „Wette“ gleich die nächste draufsetzten, hätten sie sich immer größere Zahlen in ihre Bücher geschrieben, und so getan, als ginge das ewig so weiter – bis die Katastrophe da war. Die „Süddeutsche Zeitung“ entdeckt nun, dass „Gier“ nicht auf den Finanzsektor beschränkt ist, sondern ihr Unwesen auch in der so genannten Realwirtschaft treibt, in diesem Fall in der Handelsschifffahrt. Von einem Fondsmanager, der sich im Finanzwesen und dessen „Gier“ ja auskennen muss, lässt sie sich sagen: „Die Vorgehensweise der Reeder ist der grenzenlosen Gier geschuldet“ (SZ, 20.10.). Die „Vorgehensweise“, die der Fachmann meint und an der sich die Zeitung stört, sieht so aus, dass sich in der Handelsschifffahrt jede Menge „Überkapazitäten“, also unausgenutzter Frachtraum, feststellen lässt, dass zugleich aber die Reeder ständig neue und immer größere Containerschiffe ordern. Stimmt es nun, dass auch hier dieser angebliche menschliche Trieb statt der ökonomischen Rationalität zugeschlagen und jegliches Risikobewusstsein außer Kraft gesetzt hat?

Bis 2009, so erfahren wir, gingen die Geschäfte der Reeder nicht so gut, was zu den erwähnten „Überkapazitäten“ geführt habe. Dann setzte im Welthandel der Aufschwung ein: Mehr Güter mussten verschifft werden, die Nachfrage nach Frachtraum stieg. Natürlich haben die Reeder nicht ihre Überkapazitäten zusammengezählt, um dann das zusätzliche Frachtaufkommen gemeinschaftlich darauf zu verteilen, also die Überkapazitäten zu beseitigen – das wäre ja Plan‑, also Miss‑, statt Marktwirtschaft, und in der wird nicht zusammengearbeitet, sondern gegeneinander konkurriert. In einer Hinsicht waren sich die Reeder jedoch einig: Das war eine günstige Gelegenheit, die Preise zu erhöhen: „Der Welthandel zog an und mit ihm die Preise für den Transport einzelner Container (Frachtraten) und für die Vermietung von Schiffen (Charterraten).“ Dadurch fuhren – wie die „SZ“ anerkennend vermerkt – die großen Linienreedereien, wie z. B. Hapag-Lloyd, Rekordgewinne ein. Das hatte seinen Grund darin, das sie die Marktführer waren, was heißt: Sie traten aufgrund ihrer Kapitalgröße mit der besten Preis-Kosten-Relation an, konnten den Nachfrage­schub also am besten nutzen. Zwei Jahre später muss die „SZ“ aber eine „Paradoxie“ feststellen: Die Rekordgewinne sind verschwunden, obwohl „der Welthandel brummt“:

„Seit Jahresbeginn sinken die Preise wieder. Die Frachtraten sind seither um 20 bis 30 Prozent gefallen. Die Situation ist paradox: Der Welthandel brummt, der Warentransport wird 2011 um acht bis zehn Prozent zulegen – doch die Reeder verdienen kaum. ‚Die Schiffe sind voll, und trotzdem macht keiner Gewinn‘, sagt ein Reeder.“

Das ist allerdings „paradox“, aber nicht, wie die „SZ“ meint, im Sinne eines unerklärlichen und unnötigen Ereignisses. Es handelt sich vielmehr um die Paradoxie der kapitalistischen Konkurrenz, und die kommt gewiss nicht durch „grenzenlose Gier“ zustande. Sondern:

Die großen Reedereien mit den Rekordgewinnen haben gleich vorgemacht, wie mit diesen Gewinnen zu verfahren ist. Die sind dafür da, die Marktführerposition zu sichern, was damit identisch ist, sie beständig auszubauen. Das führt zu der „Vorgehensweise“, die der Fondsmanager als „grenzenlose Gier“ kennzeichnet und die sich – wenn schon – vom Rest der „Realwirtschaft“ nicht im Geringsten unterscheidet. Den Reedern ist klar – und zu dem Zeitpunkt wird das dann auch als „unternehmerische Weitsicht“ gelobt –, dass die gestiegenen Preise auch wieder fallen werden: Jeder weiß vom anderen, dass er versuchen wird, sich durch Preissenkungen größere Marktanteile zu sichern. Eine „nachhaltige“ Unternehmensstrategie, die den Preissenkungskampf überstehen will, sieht darum so aus, dass bei sinkenden Preisen die Kosten gesenkt werden müssen, so dass aufgrund der veränderten Preis-Kosten-Relation immer noch – ein möglichst steigender – Gewinn erzielt wird. In der Schifffahrt sieht das so aus – auch hier kein Unterschied zur „Realwirtschaft“ –, dass der Kapitalvorschuss erhöht wird, wobei wiederum diejenigen mit den „Rekordgewinnen“ in der besten Ausgangssituation sind. Sie geben den Konkurrenten vor, wie der Kampf um die Preis-Kosten-Relation zu führen ist. In den Worten der „SZ“: „Da niemand in diesem Rennen verlieren will, ordert jeder, der kann, diese gigantischen Schiffe.“ Die einen verteidigen ihre Marktführerposition, was, wie gesagt, identisch damit ist, sie auszubauen. Die anderen müssen, wenn sie nicht aus dem Markt gedrängt werden wollen, die Marktführer angreifen – und für alle ist dabei das eine Mittel von entscheidender Bedeutung: Sie brauchen mehr und billigeren Frachtraum, eben diese neuen „gigantischen Schiffe“, die noch mehr Güter auf einen Schlag transportieren können. Womit wir bei der Paradoxie der kapitalistischen Konkurrenz sind: Jeder sucht den Preissenkungskampf für sich zu entscheiden, indem er sein vergrößertes Kapital dafür einsetzt, die Preise noch mehr senken zu können – eben durch den Einsatz von noch größeren Containerschiffen, die eine noch günstigere Preis-Kosten-Relation aufweisen. Es ist also nicht so, dass die Reeder jegliches Risikobewusstsein verloren hätten – sie wirken vielmehr dem Risiko entgegen, aus dem Markt verdrängt zu werden. Deswegen ist die Konkurrenzanstrengung des einen, sein erhöhter Kapitaleinsatz, darauf gerichtet, die Konkurrenzanstrengung des anderen, also dessen Einsatz von Kapital, wirkungslos, zunichte zu machen. So kommt es zu dem Ergebnis, das die „SZ“ nicht verstehen will: Bei zunehmendem Welthandel fallen sowohl die Preise als auch die Gewinne – und es entstehen neue „Überkapazitäten“. Die zeugen so nebenbei davon, dass in diesem Konkurrenzkampf – in all seinen Phasen, sei es zu Beginn des Aufschwungs, sei es wenn „der Welthandel brummt“ – jede Menge stofflicher Reichtum kaputt geht: Schiffe, für deren Bau haufenweise Material, Arbeit und sonst was aufgebracht wurde. Kann sein, dass sich die Konkurrenzgewinner das eine oder andere Schiff billig kaufen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil von ihnen ist aber unbrauchbar. Nicht, dass sie irgendeinen technischen Mangel aufwiesen – sie funktionieren einwandfrei, zum Teil sind sie sogar brandneu. Aber sie haben den Mangel, für die Konkurrenz und für die Bedienung der zu ihrem Bau aufgenommenen Kredite nicht tauglich gewesen zu sein, also kommen sie auf den Schiffsfriedhof. Wo „Überkapazitäten aufgebaut“ werden, müssen halt auch „Überkapazitäten abgebaut“ werden – Verschwendung und Zerstörung gehören zur kapitalistischen Konkurrenz einfach dazu.

Für all das eine ominöse „Gier“ verantwortlich zu machen, zeugt – höflich gesagt – von völligem Unverständnis, – unhöflich gesagt – von bei allem Kopfschütteln unerschütterlicher Parteilichkeit für die kapitalistische Wirtschaftsweise. Unnötig zu betonen, dass das auch für die moralische Verdammung des Finanzsektors gilt. Dieses Unverständnis hat nämlich einen ideologischen Ertrag: Wohin man auch schaut, in diesem Fall in die Handelsschifffahrt, passieren ziemlich absurde Dinge – aber mit dem Hinweis auf die menschliche Natur und ihre Triebe ist eines auf jeden Fall geleistet: An den Gesetzmäßigkeiten von kapitalistischer Ökonomie und Konkurrenz kann es nicht liegen, wenn es zu diesen Absurditäten kommt.

2. Wie man „entsicherte Handgranaten“ sichert

Für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS)  stellt sich das Zusammenwirken von Staaten auf der einen Seite und Börsen, Banken und Versicherungen auf der anderen zur Zeit so dar:

„Wie Zuschauer eines Tennismatches blicken wir von der Spielhälfte der Staaten zu der Spielhälfte der Banken, Börsen und Versicherungen und wieder zurück und verfolgen, wie sie einander entsicherte Handgranaten zuspielen.“ (23.10.)

Damit nicht genug: In unserer hoch entwickelten, aufgeklärten, zivilisierten Welt macht sich in den höchsten Schaltstellen finsterster Aberglaube breit:

„Der Versuch, die Mittel der EFSF zu erhöhen, gleicht den verzweifelten Bemühungen des späten Michael Jackson, einen Koffer voller Dollarnoten durch die Kräfte von Stierblut oder eines afrikanischen Marabus auf den vielfachen Wert zu hebeln. Es ist moderne Alchimie.“

Um ihrer Empörung über den Finanzsektor Ausdruck zu geben, findet die Zeitung noch extra starke Worte: Da handele es sich um eine „manisch-depressiven Branche von Börsenhysterikern, die keinen nennenswerten realwirtschaftlichen Zweck erfüllt und bleibende Werte nur für wenige schafft.“ Aber auch die Staaten kommen nicht besser weg, denn sie bilden mit dem Finanzsektor eine unheilvolle Allianz:

„Staat und Finanzsektor erpressen sich gegenseitig. Fordert eine Seite todesmutig die Eigenkapitalerhöhung, antwortet die Gegenseite mit der Herabstufung eines Staates oder mit einer Rede von Josef Ackermann – als ob sich der eine Sektor von dem anderen lösen könnte. […] Drohen Banken, Versicherungen oder Rentenfonds unter dieser Last zu fallen, springt wieder ein Staat ein. Was sich gegenwärtig Politik nennt, ist also nichts anderes als das Weiterreichen von Zeitbomben, deren Auslösezeitpunkt niemand kennt.“

Ein „Wahnsinn“ ist das, meint die Zeitung, dazu noch ein auswegloser:

„Der Wahnsinn der blitzschnell zirkulierenden, ungedeckten Schuldscheine hat zu einer Situation wechselseitig garantierter Zerstörung geführt.“

„Wechselseitig garantierte Zerstörung“ – soll das heißen: Nichts zu machen, der Laden geht den Bach hinunter? Natürlich nicht. Das große Schreckensgemälde hat sich die Frankfurter Zeitung ja nicht ausgedacht, um zu einer Absage an diesen kapitalistischen Laden zu gelangen, im Gegenteil. Die ganz große Gefahr beschwört sie nur, weil sie auf ganz große Anstrengungen zur Abwendung dieser Gefahr hinaus will. Die Gefahr besteht in den Schulden, die sich Staaten und Banken wie „entsicherte Handgranaten“ wechselseitig zuspielen. Diese Handgranaten, respektive Schulden, müssen „entsichert“, also beglichen werden. Von den Staaten und den Banken, die sich in ihrem Wahnsinn diese Schulden immer nur wechselseitig zuwerfen, ist da nichts zu erwarten. Leisten kann das – welche Überraschung – nur „der Bürger“:

„Den europäischen Regierungen bleibt, um die Schulden zu bezahlen, eigentlich nur mehr eine Ressource: der private Wohlstand ihrer Bürger. […] mit einer einmaligen Wohlstandsabgabe irgendwo zwischen zwanzig und dreißig Prozent.“

Mit viel aufgeblasener Metaphorik landet die Zeitung bei dem immergleichen banalen und brutalen „Weg aus der Krise“: bei den Sparprogrammen, die sich die europäischen Staaten schon längst ins Pflichtenheft geschrieben haben. Und mutig schiebt die FAS noch nach:

„Es sollte jetzt ein Satz fallen, den sich seit Jahrzehnten niemand auszusprechen traut: dass die Steuern steigen werden, dauerhaft und spürbar, und dass sie der Preis unserer Zivilisation sind.“

Das ist doch mal erhellend. Seine Zivilisation muss sich „der Bürger“ schon was kosten lassen, wenn Staat und Kapital sie so sehr aufs Spiel setzen. Und zu dieser Zivilisation gehört zum guten Schluss die soeben noch beschimpfte „manisch-depressive Branche von Börsenhysterikern, die keinen nennenswerten realwirtschaftlichen Zweck erfüllt und bleibende Werte nur für wenige schafft“, natürlich dazu. Mehr noch: Die ganze Gesellschaft hat für die in dieser Branche zirkulierenden Schulden einzustehen – daran geht kein Weg vorbei. Eine schöne Zivilisation ist das, in der die einen mit „entsicherten Handgranaten“ um sich werfen und die anderen deswegen ärmer werden müssen.

 



Anhang
GA111107_NadMW_Gier+Handgranaten.rtf
Art:
application/msword
Beitrag #416 von 423 |
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07.11.11: Nachrichten aus der Marktwirtschaft (Nov. 2011): 1. Gier / 2. "entsicherte Handgranaten" Die Analyse des GegenStandpunkt -Verlags in Radio Lora...
theo wentzke
theo6493233 Offline Mail senden
30. Nov 2011
0:51
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