Lebensqualität - weniger ist mehr
Wenn die Grundbedürfnisse wie ein Dach über dem Kopf,genug zu essen, angemessene
Kleidung, befriedigt sind, kann ich da schon von Lebensqualität sprechen, oder
beginnt die, wenn der Luxus einsetzt? Und was ist Luxus? Im Lexikon steht:
reiche Ausstattung, Verschwendung. In unserer kapitalistischen Welt strebt die
Masse Verschwendung an. Je mehr, desto besser. Damit scheint Glück und Reichtum
verbunden zu sein.
Obwohl ich kein eigenes Dach über dem Kopf habe, nicht einmal ein gemietetes,
obwohl ich heute nicht weiss, was ich morgen essen werde, wie ich von einem Ort
zum anderen komme, und andere Selbstverständlichkeiten in meinem Leben nicht
selbstverständlich sind, weil ich seit Jahren kein Geld mehr benutze, wächst
meine Lebensqualität ständig. Von allem gibt es genug und mehr, so dass ich
vieles weiterschenken kann, weil ich mich nicht mit überflüssigen Dingen
belasten möchte. Das gehört zu meiner neuen Lebensform, die mit einer
Verschiebung der Wichtigkeiten zu tun hat. Mein Lebensentwurf basiert nicht auf
Verzicht und Askese sondern auf Einfachheit. Ich strebe nur das an, was ich
wirklich brauche. Dadurch schaffe ich mir mehr Zeit für Wesentliches. Die Zeit,
die ich sinnvoll nutzen kann und die Freude, die dadurch entsteht, sind in
meinem Leben der Luxus.
Zwar erhalte ich die meisten für mich notwendigen Dinge von anderen Menschen,
die von ihrem Überfluss abgeben, den sie sich mit Geld erwirtschaftet haben, und
so scheint es, dass ich statt vom Geld nun von ihnen abhängig bin und mein Leben
komplizierter als vorher sein müsse. Das ist jedoch ein Trugschluss. Achtete ich
zu Beginn meines neuen Lebens akribisch darauf, dass ich durch mein Geben das
Nehmen sofort ausglich, damit niemand mich für eine Schnorrerin halten könnte,
hat sich in den letzten Jahren etwas verändert. Jetzt muss die Gabe anderer
keineswegs sofort von mir beglichen werden. Manchmal liegen lange Zeiten
dazwischen, oder ein Ausgleich erfolgt durch eine dritte Person. Ausserdem
gelingt es mir zusehendst, statt meiner Hände meine Gedanken einzusetzen. So
formuliere ich mir einen Wunsch, schicke ihn in den Kosmos und lasse wieder los.
Ich erhalte das Gewünschte meistens schon nach kurzer Zeit. Obwohl diese Wunder
täglich geschehen und ich sie für selbstverständlich halten könnte, bin ich
jedesmal von Freude und Dankbarkeit erfüllt.
Dankbarkeit ist ein wichtiger Schlüssel für die Öffnung der neuen Türen und der
neuen Lebensqualität, Dank-barkeit und meine Ge- dank- en. Gelingt es mir,
Ängste und Zweifel aufzulösen, dann kann ich etwas überwinden, was als normal
angesehen wird, weil wir ja Menschen sind, die sich bestimmten Zwängen
unterwerfen müssen. Es gibt schon einige Lebensentwürfe, in denen die
Betroffenen sich von diesen Zwängen befreit haben. Vor ein paar Jahren wurde
eine junge Frau in verschiedenen Fernsehsendungen präsentiert, weil sie auf die
herkömmliche Nahrung verzichtet und nur noch von Licht lebt. Wie oft haben mir
Menschen dazu gesagt, dass diese Frau eine Spinnerin sei, dass sie heimlich ässe
und was ihnen sonst noch dazu einfiel. Sie wollten nicht glauben, was nicht sein
kann.
Ich glaube, dass wir in einer neuen Zeit leben, in der Dinge geschehen, die wir
früher nicht für möglich gehalten hätten. Sowie vor 100 Jahren sich kaum jemand
vorstellen konnte, dass ein Mensch auf dem Mond landen würde, so werden die
Prozesse im geistigen Bereich beschleunigt. Ich nenne das geistige Wachstum.
Geistiges Wachstum können wir dann erzielen, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen.
Es bedeutet, über Erfahrungen zu Erkenntnissen zu kommen, die neue
Verhaltensweisen ermöglichen. Ein wichtiger Prozess besteht im Weg nach Innen,
im Meditieren oder Beten, im Sich Besinnen und Sich Ruhe Gönnen. Dabei kann es
geschehen, dass sich uns eine ganz neue Welt präsentiert, eine Welt mit Tiefgang
und gleichzeitig Einfachheit. Dinge geschehen, die wie Wunder erscheinen,
Wünsche und Gedanken erfüllen sich, ohne dass ich handeln muss. Durch das Nach
Innen Schauen erreichen wir eine anderen Ebene. Das Leben gewinnt an Qualität
und hört auf, ein ewiger Kampf zu sein.
Ich sitze auf dem Bahnhof in Essen und möchte etwas essen, weil mein Magen laut
knurrt. Da meine Tasche nichts, aber auch gar nichts Essbares enthält, fange ich
an, mir in Gedanken Leckeres vorzustellen. Pizza wäre das Richtige, mit
Champignons und Käse oder Artischocken und anderem Gemüse. Hmmm- das Wasser
läuft mir im Mund zusammen. Käme doch schon der Zug, damit ich mir in Dortmund
wenigstens ne Stulle schmieren könnte. Der kommt aber erst in 20 Minuten. O.k.
da kann ich nichts machen. Jetzt beginne ich mich ein wenig umzusehen. Rechts
neben mir auf der Bank entdecke ich eine Tüte. Was da wohl drin ist? Ob die
jemand vergessen hat? Ich greife danach und merke, dass sie etwas Warmes
enthält. Tja, es sind drei kleine Pizzen mit Champignons und Käse und anderem
Gemüse. Vor Freude lache ich auf, bedanke mich, nehme mir eine Pizza heraus und
lege die Tüte wieder an ihren Platz für den nächsten Hungrigen.
Was ist geschehen? Hat das mit Zauberei zu tun oder mit Mystik? Sicherlich hat
jemand die Tüte liegen lassen, weil er oder sie schnell in den Zug springen
musste. Wir alle haben schon mal Dinge irgendwo vergessen. Für diese Situation
gäbe es auf jeden Fall mehrere Erklärungen. Und dennoch hat sie auch etwas mit
mir und meinen Gedanken zu tun.
Vor einiger Zeit las ich, dass unser Gehirn nur zu 10 % entwickelt sei und 90 %
brachliegen. Grosse Genies wie Albert Einstein kämen vielleicht auf 15 %. Ich
stelle mir vor, was alles möglich sein könnte, wenn wir unser Gehirn
weiterentwickeln würden. Stattdessen haben wir unseren Schwerpunkt auf die
Beschaffung von materiellem Eigentum gelegt. Wir ackern und rackern von morgens
bis abends, um an die wertvollen Dinge zu kommen. Um uns in Schwung zu halten,
bestimmen wir selber, dass unser Eigentum sich vergrössern und ständig erneuert
werden muss. So gibt es genügend zu tun und kaum noch Zeit, um über das Wieso
und Warum nachzudenken. Manchmal fragen wir uns, ob das alles Sinn macht. Aber
dann beruhigen wir uns wieder, weil alle es so machen. Dann muss es doch in
Ordnung sein. Diejenigen, die nicht mitmachen, aus welchen Gründen auch immer,
sind die Verlierer. Sie gelten nichts, weil sie nichts haben. Die meisten dieser
Habenichts fühlen sich im Defizit und hätten gern mehr. Also können wir doch
froh sein, nicht zu ihnen zu zählen und wenigstens eine Arbeitsstelle zu haben,
auch wenn sie uns nicht gefällt. Und so bleibt alles beim Alten.
Wie oft höre ich die Frage:" Warum lebst du ohne Geld? Geld ist doch nicht
Schuld am Zustand in der Welt. Wir brauchen es nicht zu verteufeln, im
Gegenteil, es vereinfacht die Dinge. Ohne die geniale Erfindung des Geldes
hätten wir uns nicht so schnell weiterentwickelt. Das Geld trägt zu einer
Motivation für unser Handeln bei. Die Menschen brauchen den Ansporn. Deine
Lebensweise würde uns in unserer Entwicklung zurückwerfen und hat darum keine
Zukunft für die Masse."
Bei einem meiner Vorträge sprang genau an dieser Stelle eine junge Frau auf und
sagte: "Ich komme aus der ehemaligen DDR. Wir haben uns damals auf die Mauer
eingestellt. Niemals hätte jemand auch nur im Traum daran gedacht, dass diese
Mauer so einfach verschwinden würde. Sie sollte uns ja schützen vor unserm
Feind, der über Nacht unser Retter wurde. Genauso wird es mit dem Geld gehen. Es
schafft sich von allein ab, weil es seine Funktion nicht mehr erfüllt sondern
inzwischen die Menschen zugrunde richtet." Obwohl ich durchaus der gleichen
Meinung bin, glaube ich nicht, dass eine Abschaffung des Geldes von heute auf
morgen uns wohltun würde. Auch der Mauerfall hat seine Mängel. Er geschah zu
schnell. Die Menschen konnten sich nicht bewusstseinsmässig darauf einstellen.
Sie schlidderten in eine Freiheit, die rein äusserlich war. Inzwischen
präsentieren sich neue Abhängigkeiten, die so manchen Bürger den alten Zustand
zurücksehnen lässt. Eine Lösung der Probleme geht nur über
Bewusstseinserweiterung und die Arbeit eines jeden an sich selbst.
Das ist mein Kerngedanke für eine neue Zeit. Mitläufertum, Fremdbestimmung,
Selbstverleugnung sind vorbei. Stattdessen gehts um Selbstbestimmung,
Eigenverantwortung, Selbstbewusstsein. Sicherlich hat unsere Entwicklung-
besonders im technischen Bereich - viel mit dem Geld zu tun. Meine Kritiker
haben Recht in diesem Punkt. Aber ich glaube, dass der Umgang mit dem Geld ein
Übergang ist. Und dass wir jetzt in eine neue Zeit hineinwachsen können, wenn
wir uns dafür öffnen.
Dazu fällt mir der Bestseller "Die Möwe Jonathan" von Richard Bach ein. Es ist
inzwischen zu einem Kultbuch geworden, weil die LeserInnen sich mit der Möwe
Jonathan identifizieren. Sie kann eines Tages nicht mehr viel Sinn darin sehen,
nur hinter den Brotkrumen und Fischen für die Ernährung her zu sein und beginnt
darum, die Kunst des Fliegens zu entwickeln. Dabei kommt Jonathan an seine
Grenzen, seine Gefühle, seine Begeisterung. Täglich lernt er Neues und möchte
von dem neuen Lebensgefühl und der Freude über seine Erfolge abgeben. Die
anderen Vögel wollen davon aber nichts wissen. Jonathans Höhenflüge erschrecken
und beunruhigen sie, und sie verurteilen ihn zur Emigration. Sie wollen ihn
nicht bei sich haben, damit sie ihren gewohnten Lebensstil beibehalten können,
ohne etwas zu hinterfragen.
Ich möchte niemanden verurteilen, möchte mich nicht über andere erheben, auch
nicht missionieren. Manchmal überfällt mich jedoch eine Traurigkeit und
Einsamkeit, weil ich nicht weiss, wo der Ansatz für eine Veränderung in der Welt
sein kann. Klar ist mir, dass es nicht wie früher geht, dass eine Idee von allen
übernommen werden muss. Oft werde ich gefragt, wieviele meinem Beispiel denn
schon gefolgt sind. Meistens wird es nicht verstanden, wenn ich erkläre, dass es
darum nicht geht. Ich möchte keine Kopien von mir, nicht den einen Massenweg mit
einem neuen austauschen. Vielmehr geht es darum, dass jede den eigenen Weg
findet, um in die Kraft zu kommen. Aus dem funktionierenden Menschen soll ein
aktiver, lebendiger, freudvoller, solidarischer, verantwortungsbewusster Mensch
werden, der den Sinn seines Lebens im geistigen Wachstum sehen kann.
Tja, und wie soll das gehen, wenn wir doch eingebunden sind in die täglichen
Aufgaben? Wir können nicht einfach unser Hab und Gut verschenken und als Nomaden
durch die Welt ziehen, zumal die meisten eine Familie haben. Nein, darum geht es
auch nicht! Der erste Schritt für eine Veränderung besteht darin, im Kopf zu
erkennen, dass das heutige System so nicht weitergehen darf. Was zu Beginn ein
Ansporn war und durchaus positive Kräfte mobilisierte, hat heute
ausgewirtschaftet. Der Kapitalismus mit seiner Profitgier, dem
Wachstumswahnsinn, der Ausbeutung, dem Egoismus und dem Machtgehabe darf nicht
weiter idealisiert werden. Er hat die Menschen nicht glücklich oder zufrieden
gemacht sondern sie in Abhängigkeiten gebracht, die an Sklaverei und Zerstörung
grenzen.
Gut, der erste Schritt ist getan. Wir haben etwas erkannt, und nun? Nun geht es
darum, herauszufinden, was wir wirklich brauchen. Statt von vornherein das Immer
Mehr, Immer Schneller, Immer Besser anzustreben, geht es um die Frage: Was ist
wirklich wichtig? Auszurechnen, wieviel Fixkosten auf uns zukommen und wo es
Möglichkeiten der Einsparung gibt. Vielleicht ist das Auto längst überflüssig
oder der Zeitpunkt gekommen, wo wir die Idee endlich umsetzen, mit der Nachbarin
das Auto oder andere Maschinen zu teilen, Kontakt aufzunehmen mit Tauschringen,
Umsonstläden und anderen alternativen Gruppierungen. Es gibt schon viele
Menschen, die an einem alternativen Leben arbeiten und einiges auf die Beine
gestellt haben. Unsere Gedanken dort hinzurichten, bringt auch Farbe in den
Alltag. Denn bei allen Unternehmungen spielen die Menschen die Hauptrolle, und
darum geht es schliesslich auch: interessante Menschen kennenzulernen.
Bei einem meiner Vorträge kam ich an diesen Punkt. Ich schwärmte über die vielen
Kontakte und Freundschaften mit anderen und erboste damit einen Mann, der den
Raum verliess mit der Bemerkung: Die hat ja Vitamin B. Dieser Mann führte ein
isoliertes Leben und konnte sich nicht vorstellen, wie es anders möglich sein
könne. Es geht jedoch darum, die Fähigkeit zu entwickeln, mit anderen zu
kooperieren, die Isolation zu überwinden, auf andere zuzugehen und Konflikte
auszuhalten und zu bearbeiten. Die Zeit der Individuation war wichtig. Es konnte
uns nichts Besseres passieren, als zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Herren
Freud, Jung, Adler, und wie sie alle hiessen, zu Wort kommen zu lassen und ihnen
Gehör zu schenken. So bekamen wir Zugang zu unserer Psyche, entdeckten, dass wir
Individuen sind, die mit bestimmten Fähigkeiten ausgestattet und angefüllt sind.
Wir lernten uns schätzen und wollten uns nicht mehr von anderen bestimmen
lassen. Unser Ego trat an die erste Stelle, die Sippen lösten sich auf.
Kleinfamilien und Singledasein spielen nach wie vor eine wichtige Rolle. Die
Schattenseite dieser Entwicklung besteht in der Unfähigkeit, unser Herz zu
öffnen. Wir halten fest an der eroberten Unabhängigkeit, die uns längst wieder
in neue Abhängigkeiten gebracht hat. Als Individuum stehen wir allein da, haben
die Geborgenheit der Gruppe verloren, und Kampf bestimmt den Alltag. Kampf um
Rechte, um Vorteile, um Ansehen und viele Dinge, die uns wichtig scheinen. Diese
Kämpfe rauben uns Energien und es bleibt nichts für eine Umpolung.
Wie oft höre ich Menschen sagen: Was soll ich denn tun? In meinem Leben gibt es
überhaupt keine Möglichkeit, auszubrechen. Alles ist so festgefahren. Ich wüsste
z.B. nicht, wo ich anfangen könnte mit dem Sparen, von dem du sprichst. Auch die
Menschen, die in meiner Umgebung wohnen, interessieren mich nicht. Darum hätte
ich keine Lust, irgendetwas mit ihnen zu teilen. Trotzdem fühle ich mich einsam
und hätte gern Freunde. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich eine Änderung
erzielen kann.
Da wären wir beim nächsten Schritt, der mit der Veränderung unserer Sichtweise
zu tun hat und mit der Dankbarkeit. Um die Schwere und Aussichtslosigkeit
unserer Situation zu überwinden, müssen wir in eine neue Leichtigkeit kommen.
Statt zu sagen: "Womit habe ich das verdient" oder "warum ausgerechnet ich?"
oder "Der oder die hat Schuld an meinem Leid" legen wir nun den Focus auf die
vielen Geschenke, mit denen wir verwöhnt werden. Der Tag könnte so beginnen:
Danke, dass ich einen neuen Tag erleben darf, dass die Sonne scheint, dass ich
keine Schmerzen habe. Danke, dass es den Luxus einer Dusche gibt, dass ich genug
zu essen habe, dass ein Kind an meiner Seite ist. Danke, dass ich laufen,
sprechen, sehen, hören kann. Danke, danke!
Vor Jahren habe ich mir ein kleines Lied ausgedacht mit einer eigenen Melodie,
das ich ständig in meinem Kopf bewegte und sang: Dankbarkeit füllt mich aus;
Dankbarkeit füllt mich aus. Wenn ich allein in der Natur war, sang ich es auch
laut. Beim Singen geschah etwas: Alle Sorgen lösten sich auf - zumindest für den
Augenblick des Gesangs. Eine Leichtigkeit stellte sich ein, die jedesmal länger
anhielt. Der Druck der Schwere, den ich oft in der Magengegend verspürt hatte,
löste sich allmählich auf. Natürlich gibt es auch heute immer mal wieder
Situationen, bei denen ich in eine Schwere falle. Im Gegensatz zu früher weiss
ich, dass diese Knoten auch Geschenke für mich sind, aus denen ich lernen kann.
Weil ich heute nicht mehr lange im Lamentieren steckenbleibe, löst sich alles
schneller auf. Und dafür bin ich dankbar.
Zu Zeit beobachte ich, dass viele Menschen nach gemeinschaftlichem Wohnen
streben. Jahrelang planen und suchen sie nach geeigneten Objekten. Haben sie
endlich gefunden, was finanziell erschwinglich, in guter Lage und überhaupt
ideal zu sein scheint, wechseln sie beglückt in ihr neues Domizil. Ein paar
Monate oder sogar Jahre läuft alles gut. Dann jedoch lassen die gemeinsamen
Aktionen nach, und die ersten ziehen aus. Ähnlich geschieht es in den Ehen, in
denen sich die Brautleute ewige Treue versprochen hatten. So viele
Ehescheidungen wie heute gab es noch nie. Was geschieht da? Gibt es Lösungen?
Die meisten Konflikte entstehen, weil wir so leicht verletzbar sind. Ein
falsches Wort kann uns aus der Bahn werfen, ein schiefer Blick uns in Rage
bringen und nach Rache sinnen lassen. Der Feldzug ist eröffnet und führt uns in
eine Richtung, die alles zerstören kann. Das kennen wir zur Genüge. Darum müssen
wir in unsere Kraft kommen, jede Einzelne von uns. Die begonnene Individuation
ist im Äusseren steckengeblieben, hat die Tiefe nicht erreicht und darum viele
Nachteile erzielt. Jetzt können wir das Versäumte nachholen, uns in Dankbarkeit
nach Innen richten und dort die Geheimnisse des Lebens entdecken.
Unsere Gedanken spielen dabei eine wichtige Rolle. Beim Meditieren geht es
darum, sie zur Ruhe zu bringen, uns leer zu machen, damit etwas Neues einkehren
kann. Die alten Glaubenssätze aufzulösen, die uns suggerieren, dass wir nicht
genügen und ersetzen durch unser Wissen um unsere wunderbare Einmaligkeit. Da
jeder von uns nur ein Rädchen im Getriebe ist, nicht mehr und nicht weniger,
tragen wir alle bei zum Gelingen des Ganzen. Jeder von uns ist darum etwas
Besonderes. Unsere individuellen Glaubenssätze, die meistens sehr negativ sind,
stören die Harmonie und das Gleichgewicht und müssen darum aufgelöst werden.
Das kapitalistische System ist da ganz anderer Meinung. Denn hier zählt nur, wer
etwas leistet. Menschen zwischen 25 und 40 Jahren sind am wertvollsten, weil sie
auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit stehen. Wenn sie dann noch studiert und
sich sogar einen Titel erworben haben, können sie nicht überboten werden. Es sei
denn, wir schauen in die Branche der Medien, wo Schönheits- und Körperwahn
herrscht, der mit viel Geld ausgezeichnet wird. Allerdings ist die
Schnelllebigkeit hier am deutlichsten zu spüren, denn wieviele Hochgepriesene
werden bald wieder fallengelassen und in die Anonymität verabschiedet.
Auf einer meiner Reisen wohnte ich für drei Tage in einer Familie, in der es
neben den Eltern vier Töchter gab. Drei von ihnen lernte ich kennen, weil sie
noch zu Hause wohnten. Darunter war eine mit einem down syndrom. Sie begrüsste
mich mit den Worten: "Ich mag dich" und umarmte mich. Dann kehrte sie in ihr
Zimmer zurück und beschäftigte sich mit ihren eigenen Angelegenheiten. Im Laufe
meines Besuchs erfuhr ich, dass durch die Geburt dieses Kindes sehr viel
geschehen war. Da die Eltern nicht wollten, dass ihre Tochter isoliert von den
"normalen" Kindern aufwuchs, gründeten sie zunächst mit 10 anderen Familien ein
Dorf, in dem viele Kinder zusammenspielten und sich alle austauschten.
Angestachelt von dem erfolgreichen Unternehmen initiierten die Eltern dann noch
eine freie Schule, die das behinderte Kind gemeinsam mit den Schwestern
besuchte. Jetzt stand das Mädchen gerade vor der Entscheidung, wie es
weitergehen sollte. Trotz der Behinderung verfügte sie über eine grosse Portion
Selbstbewusstsein und verbreitete mit ihrem freundlichen Wesen und ihrer
Direktheit viel Freude. Sie hatte Mitspracherecht in Familienangelegenheiten und
wurde von der Familie und den Nachbarn sehr geliebt. Noch ist es gar nicht
solange her, dass Behinderte bei uns keine Lebensberechtigung hatten. Schwangere
Frauen dürfen heute noch abtreiben, wenn sich bei der Untersuchung herausstellt,
dass das Kind behindert ist. Es ist unsere kollektive Einstellung, die bestimmt,
was wertvoll oder minderwertig ist. Auch davon werden wir geprägt und unsere
Glaubenssätze beeinflusst. Dagegen anzugehen, ist gar nicht so einfach und
erfordert viel Stärke.
Es ist wichtig, dass wir anfangen, die Dinge zu überprüfen, unsere Meinung zu
entwickeln und sie zu vertreten. Es handelt sich sozusagen um einen
Reinigungsprozess, um eine Umstrukturierung unserer Gedankenwelt. Vor einiger
Zeit erhielt ich eine Flasche mit Wasser, das von allen Schadstoffen befreit
ist. Ein paar Tropfen aus dieser einen Flasche säubern alles andere verschmutzte
Wasser, das dazukommt. Und so kann alles durch die Vermischung wieder lebendig
werden. Genauso stelle ich mir das mit den Menschen vor. Jeder beginnt bei sich
mit der Heilung und kann dann viel weitergeben. Die Aufräumarbeiten in uns
lassen sich nicht von heute auf morgen erledigen. Dieser Prozess dauert unser
ganzes Leben lang. Schritt für Schritt geht es voran, und manchmal sind die
Schritte so klein, dass wir unseren Fortschritt bezweifeln und am liebsten alles
aufgeben. Aber das Durchhalten lohnt sich, denn es führt uns in ein sinnvolles
Sein. Plötzlich bemerken wir, dass der Nachbar, den wir nicht leiden konnten
über all die Jahre, auch Liebenswertes hat. Wir spüren, dass die Konkurrenz
zwischen uns und anderen sich aufgelöst hat. Dann stellen wir fest, dass das
Körpergefühl ein anderes geworden ist. Die Schwere hat einer Leichtigkeit Platz
gemacht. Wir atmen tiefer durch und fühlen uns häufig beschwingt. Nun müssen wir
nicht mehr so viel konsumieren, sind nicht mehr so abhängig von der Meinung
anderer, und alles wird leichter. Und dann sind da die Zeichen. Sagen wir am
Anfang noch ganz erstaunt: "Was für ein Zufall" merken wir bald, dass es sich
nicht um Zufälle handelt sondern um Führung. Die Zeichen, die für jeden da sind,
gilt es, zu entdecken und wertzuschätzen. Denn durch sie wachsen wir in eine
neue Dimension. Wir fühlen uns beschützt und geborgen, eingebettet in das grosse
Ganze und können unsere Sorgen ablegen.
Eine Freundin besucht mich in dem Haus, das ich hüte. Da es etwas einsam gelegen
und schlecht zu erreichen ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln, leistet sie sich
für die Hinfahrt ein Taxi. Die Rückfahrt muss jedoch anders gestaltet werden. Es
gibt eine Bushaltestelle, zu der ich sie begleite. Eine Passantin teilt uns mit,
dass der Bus wahrscheinlich heute nicht fährt. Wir überlegen noch, was sie
stattdessen machen könnte, als sich die Tür des gegenüberliegenden Hauses
öffnet, ein junger Mann herauskommt mit gezücktem Autoschlüssel und in sein
geparktes Auto steigen will. "Entschuldigung", spreche ich ihn an, "fahren Sie
vielleicht in die Stadt?" "Ich kann Sie gern mitnehmen", bietet er sofort an.
Die Freundin sagt:"Was für ein Zufall" und steigt ein. Können wir solche
Situationen als freudige Überraschungen und Geschenke empfinden, hellt sich
unser Alltag auf und wird abenteuerlich. Oft sind es Kleinigkeiten, nicht der
Rede wert, eben Zufälle, aber gerade auf sie kommt es an. Sie bringen uns in den
Augenblick, unterbrechen unsere Grübeleien und schenken uns das Gefühl der
Geborgenheit.
In vielen Gesprächen mit ganz unterschiedlichen Menschen geht es um die Frage:
Wer bestimmt eigentlich unser Leben? Sind wir es selber mit unserer
Gedankenkraft oder gibt es auch noch Kräfte von aussen, die alles regeln? Haben
die Kirchen Recht, wenn sie behaupten, dass nur mit Gott etwas laufen kann? Dass
wir ohne Gott aufgeschmissen sind und schon sehen werden, was wir davon haben?
Vor ein paar Tagen wurden einige Passanten auf der Strasse vom Fernsehen
interviewt zu der Frage: Haben Sie heute schon gebetet? Fast alle bejahten,
verneinten jedoch die zweite Frage: Gehen Sie regelmässig in die Kirche? In
einer Zeit, in der Hektik und Betriebsamkeit an erster Stelle stehen, ist für
Einkehr und Ruhe nicht viel Platz. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe hat
die Menschen aber nie verlassen. Das konnten auch der Rationalismus und die
Aufklärung nicht verhindern. Der Esoterikboom in den 80ern hat damit zu tun. Und
die neue Friedensbewegung, die Millionen von Menschen zu Beginn dieses
Jahrtausends auf die Strassen und in die Kirchen trieb, zeigt, dass schon viele
in den Startlöchern stehen und nur darauf warten, sinnvoller zu leben.
Instinktiv spüren wir, dass es noch mehr geben muss als das, was zu Zeit
idealisiert wird. Aber die Lehre der Kirche leuchtet uns nicht mehr ein. Der
patriachalische Gottvater auf dem Thron hat an Überzeugungskraft verloren. Zu
viel Leid hat er in der Welt zugelassen zum Unverständnis der Gläubigen. In
seinem Namen geschahen Kriege, Zerstörung, Verfolgung, Unrecht. Der Begriff Gott
wurde über Jahrtausende missbraucht und oft für eigene Zwecke ausgenutzt.
Heute stehen wir an einem Wendepunkt. Auch hier gilt es, die Abtrennungen
aufzuheben und in eine Einheit zu tauchen. Religionskriege gibt es, weil die
sich gegenüberstehenden Gegner glauben, ihr Gott sei der beste. Missioniert wird
aus ideellen oder ökonomischen Gründen oder aber aus Machtgelüsten. Konkurrenz
und Machtkämpfe haben in Glaubensfragen nichts zu suchen. Würden wir uns
gegenseitig zugestehen, dass wir durchaus in der Lage sind, unseren eigenen Weg
zu finden und zu beschreiten, müsste sich niemand über den anderen stellen, um
zu bestimmen, wo es langzugehen hat. Religionsgemeinschaften waren durchaus
berechtigt und brachten die Menschen in ihrer Entwicklung weiter - genau wie das
Geld. Aber auch sie sind meiner Meinung nach ein Übergang. Natürlich darf es
weiterhin Lehrer oder Priester geben, die eine Botschaft vermitteln, allerdings
nur unter der Prämisse des Angebots nicht des Zwangs. Wir müssen endlich lernen,
tolerant zu sein. Das könnte uns gelingen, wenn wir im anderen den Kern
entdecken, der uns alle miteinander verbindet. Unsere gegenseitige Akzeptanz
brächte uns zu einer Kooperation. Zusammen würden wir beginnen, eine harmonische
Weltordnung herzustellen.
Ich bin mal wieder in einer Schule zu Gast. Auf dem Stundenplan steht Ethik. Die
Schüler wählten dieses Fach als Ersatz für Religion. Die meisten von ihnen
glauben an keinen Gott. Meine Beweggründe für ein Leben ohne Geld können sie
kaum verstehen. Ich spreche von meiner Vision einer neuen Welt. Meine
Begleiterin, eine erklärte Atheistin, ergänzt meine Vision mit ihren Worten.
Überrascht lausche ich, hatte ich doch bislang geglaubt, dass nur spirituelle
Menschen mich verstehen könnten. Da jedoch sitzt eine, die genau dasselbe
vertritt wie ich und kein bischen spirituell zu sein scheint. Dankbar bin ich
für diese Erfahrung, denn sie bringt mich zu der Erkenntnis, dass ich noch mehr
Urteile loslassen und toleranter werden kann. Es ist egal, ob wir Christen,
Buddhisten, Mohamedaner oder anders Gläubige sind, ob wir den Begriff Gott
verwenden oder Energie, Universum oder Kosmos dazu sagen, ob wir mit den Engeln
kooperieren oder in der Natur unser Glück finden. Ja, sogar Atheisten,
Agnostiker und wie sie alle heissen, die Gottlosen, können zu einer schöneren
Welt beitragen, und darum geht es letztendlich. Die Trennung zwischen Himmel und
Erde - im Himmel ist die Freude, auf der Erde das Leid angesiedelt- hat die
Menschheit in grosse Abhängigkeit und Ohnmacht gebracht. Jetzt geht es darum,
den Himmel auf die Erde zu holen. Dazu müssen wir Ängste auflösen, die meist
unbegründet sind. Die Angst ist unser grösster Feind, sie gilt es zu überwinden
und sie durch Liebe zu ersetzen.
Folgende Geschichte wurde mir vor einiger Zeit erzählt:
Eine gestorbene Seele wird im Jenseits herumgeführt, um sich alles anzuschauen
und zu entscheiden, wo sie sich in Zukunft aufhalten möchte. Sie betritt mit
ihrem Begleiter einen Raum, in dem viele Wesen um einen Tisch herum sitzen.
Jedes ist mit zwei langen Gabel versehen, die an den Armen festgebunden sind.
Die Wesen bemühen sich eifrigst, die Speisen, die auf dem Tisch stehen, in den
Mund zu bugsieren. Es geht eine grosse Verzweiflung von ihnen aus, denn
niemandem gelingt es, auch nur ein aufgespiesstes Stück in den Mund zu bringen.
Stöhnen und Jammern erfüllt den Raum, weil der Hunger nicht gestillt werden
kann. "Das ist die Hölle", sagt der Begleiter. "Jetzt gehen wir in den Himmel."
Auch hier steht ein Tisch in der Mitte des Raums, und auch die langen Gabeln
sind da. Aber etwas ist ganz anders, nämlich das Verhalten der Wesen um den
Tisch herum. Sie lachen und scherzen und - füttern sich gegenseitig. Jedes gibt
und nimmt gleichzeitig. Das aufgespiesste Essen wandert in den Mund des
Nachbarn, und von einer anderen Seite wird Leckeres gereicht. Mir gefällt diese
Geschichte sehr, zeigt sie doch, dass allein durch unser Verhalten die Welt sich
komplett veändert. Solange jeder für sich rackert, sich bemüht, sein Schäfchen
ins Trockene zu bringen, wird das Leben mühselig und freudlos sein. Im
Miteinander sieht es ganz anders aus. Wir können uns gegenseitig die Sorgen
abnehmen, können den anderen mit unserer Präsenz bereichern und erfreuen. Je
mehr wir uns verschenken, desto mehr erhalten wir. So sind die Gesetze im
Kosmos.
Oft werde ich gefragt, ob es nicht demütigend für mich sei, immer von der Hilfe
anderer abhängig zu sein. Schliesslich würden andere für mich die Brötchen
kaufen, und ich sei doch so etwas wie eine Almosenempfängerin. "Sicher haben Sie
viele Freunde, die Ihnen helfen", heisst es dann. Aus der Sicht der Geldlogik
haben sie Recht. Das Geld schafft Unabhängigkeit und ohne Geld bin ich zunächst
mal ein "armer" Mensch, der von anderen versorgt werden muss. Auch wenn das
Tauschen an erster Stelle steht, scheine ich aber doch die Unterlegene zu sein,
denn ich brauche die Gaben der anderen, während diese meine Gegengaben als
Zusatz bekommen. Wäre es nicht einfacher, die Grundbedürfnisse sich selber zu
erfüllen und aus dieser Sicherheit heraus zu tauschen und zu teilen? Das ist
eine der häufigsten Fragen an mich.
Es ist der Prozess des Loslassens der eigenen Welt, der Aufösung der eigenen
Grenzen, um mit dem Ganzen zu verschmelzen, was ich in den letzten Jahren
gelernt habe. Die Wesen in der Geschichte mit den langen Gabeln mussten sich
auch aus ihrer eigenen Welt lösen, um zu entdecken, dass die gegenseitige
Abhängigkeit zum Wohle aller war. Sich mit dem Herzen begegnen, will gelernt
sein. Hochmut, Dünkel, Misstrauen, Zweifel u.a. müssen wir auflösen, um frei und
liebevoll zu werden. Dann können wir die Ängste aufgeben, die uns zu Zeit
belasten. Im Miteinander stark zu werden und gemeinsam unsere Werte zu schätzen
und selbstbewusst zu sein, wird eine wichtige Aufgabe in der neuen Welt.
Bei der Einrichtung meines einfachen Lebensstils werde ich unterstützt von den
Engeln, die mit Eifer sich Dinge ausdenken, um auf sich aufmerksam zu machen.
Sei es, dass sie minutenlang Uhren anhalten, um sie dann normal weitergehen zu
lassen, dass sie Radios an und ausstellen, dass sie mir Dinge hinlegen oder
bringen lassen, dass sie mir Texte zuspielen, die ich gerade brauche und vieles
mehr. Es ist eine grosse Freude für mich, die Zeichen aus einer anderen Welt
wahrzunehmen und mich mit ihnen einzurichten. Dadurch wächst mein Vertrauen, das
ich auch mit Gottvertrauen bezeichne, denn Gott spielt in meinem Leben auch eine
wichtige Rolle. Wenn mir eine Freundin sagt, dass es die Buddhas sind, die sie
unterstützen oder die eigene Gedankenkraft oder die Naturgeister ist mir alles
Recht. Letztendlich geht es darum, dass wir das irdische Leid verlassen, um in
himmlische Glückseligkeit zu wachsen.
Und wie soll das gehen? Himmlische Glückseligkeit können doch höchstens ein paar
Heilige erreichen, die sich mit nichts anderem beschäftigen als mit der
geistigen Welt. Für uns Menschen, die wir in einer Realität leben, die eher
düster aussieht, kommt das wohl nicht in Frage, wenn wir uns nicht den Engeln
verschreiben wollen, oder?
Glückseligkeit hat mit Leichtigkeit zu tun. Kann es uns gelingen, im Alltag die
erdrückende Schwere loszuwerden?
Ich fahre mit dem Zug in eine andere Stadt. Ein älteres Ehepaar steht hibbelig
am Ausgang und wartet darauf, dass der Zug endlich zum Stehen kommt. Aber das
Signal springt einfach nicht auf grün und so verstreichen die Minuten. "Wir
schaffen den anderen Zug nicht mehr. Jetzt müssen wir eine Stunde warten. So ein
Ärger", jammert die Frau. "Oh", sage ich, "darf ich mich mal einmischen? Ich
habe für solche Fälle eine Lösung gefunden. Nämlich mir den nächsten Zug
herauszusuchen, der zu meinem Ziel fährt. Ist es zufällig ein Zug, für den
normalerweise Zuschlag gilt, steige ich trotzdem ein." "Das darf man doch nicht.
Da müssen Sie Strafe zahlen", sagt der Mann. "Muss ich nicht", antworte ich.
"Wie oft sind im letzten Jahr Züge einfach ausgefallen, ohne dass die Bahn
Ersatz dafür geschaffen hat. Wie oft habe ich gedacht warum beschwert sich
niemand? Und nun habe ich für mich diese Lösung gefunden, für die ich auch
kämpfe. Bislang musste ich keine Strafe zahlen." "Nein, das bringt doch nichts,
das ist viel zu aufregend. Das lassen wir lieber." Bevor sie aussteigen, weil
der Zug nun endlich hält, sagt die Frau noch: "Was nützt es, wenn wir so
handeln? Die andern machen doch sowieso nicht mit." "Es geht darum, dass
irgendwer irgendwo mal anfängt, Eigenverantwortung zu übernehmen. Schliesslich
sind wir keine Marionetten, die sich alles gefallen lassen müssen", rufe ich
noch hinterher und setze mich zufrieden auf meinen Platz. Vielleicht ist dieses
Beispiel nicht so gut, weil das Recht nicht ganz auf meiner Seite ist. Dennoch
handelt es sich für mich um "zivilen Ungehorsam". Ich möchte mich nicht abfinden
mit etwas, was leicht zu verändern ist. Und wenn die andere Seite nicht darauf
kommt, bringe ich sie dazu mit meiner Handlung. Bei solchen Situationen schlägt
mein Herz schneller, denn natürlich bin ich aufgeregt, wenn der Schaffner kommt
und ich nicht weiss, wie er reagieren wird. Bei den Demonstrationen in den 80er
Jahren ging es mir ähnlich, denn damals bin ich auch schon mal von Polizisten
gejagt worden. Die Kraft, dennoch wieder teilzunehmen am nächsten Protestmarsch
erhielt ich durch die Überzeugung, dass es richtig war, sich gegen Dinge zu
stellen, die der Menschheit schaden. Mit meinem Bewusstsein hinterfrage ich
Gegebenheiten, die von Menschen erfunden wurden, um sie notfalls zu korrigieren.
Ich fühle mich nicht ausgeliefert sondern bin verantwortliche Akteurin. Dadurch
bringe ich meine Energien in Fluss und wachse in eine körperliche und geistige
Leichtigkeit.
Es sind die kleinen Schritte, die uns weiterbringen, kleine Schritte in Richtung
Vision. Die allerdings ist überaus wichtig. Ohne Vision geht nichts. Auch wenn
sie idealistisch und unerreichbar scheint, sollte sie stehenbleiben und nicht
ständig verändert werden. Auf dem Weg zur Vision dürfen wir uns einzelne Ziele
setzen, die in verschiedene Richtungen gehen können. Ziel kann z.B sein, in
unterschiedlichen Lebensbereichen etwas zu verändern. Sei es dass wir an unserem
ganz speziellen Lebensmuster arbeiten oder uns mit anderen auseinandersetzen,
dass wir im Grösseren auf der politischen Ebene etwas erkämpfen oder oder. Es
gibt so viele Möglichkeiten und Herangehensweisen, um kreativ und aktiv
mitzuwirken am grossen Ganzen. Mahatma Gandhi sagt in einem Gedicht, das grösste
Hindernis für den Fortschritt sei, dass die Menschen skeptisch gegenüber der
Erreichung ihres Ziels sind und darum erst gar nicht mit der Verwirklichung
anfangen. Das hat mit der Angst vor Versagen, vor Schmerzen oder vor Fehlern zu
tun. In unserer Gesellschaft sind Fehler nicht erwünscht. Schnell wird die
Schublade Verlierer aufgezogen, und da möchte niemand hinein. Also hält er fest
an dem Bekannten, wagt kein Risiko und verkümmert lieber im grauen Alltag. Das
senkt die Lebensqualität und schränkt die Menschen ein. Wieviel angenehmer ist
ein Leben, in dem ausprobiert werden darf, in dem geprüft wird, ob etwas so
stimmt oder nicht, um notfalls einen anderen Weg einzuschlagen, immer die grosse
Vision im Herzen.
Meine Vision hat mit einer neuen Welt zu tun. Es ist eine Welt, in der es keine
Kriege gibt, in der die Menschen wohlwollend, sich gegenseitig unterstützend
miteinander umgehen. Das Wort Konkurrenz wird durch Mit- und Füreinander
ersetzt, Hass und Angst durch Liebe, Geiz durch Teilen, Gier durch Zufriedenheit
und und und. Wenn ich von dieser Vision spreche, werde ich oft gebremst oder
erheische ein skeptisches Lächeln, weil die Welt zu Zeit so ganz anders
aussieht. Doch schon unsere Gedanken in eine Vision zu geben, bewirkt etwas.
Durch unsere positive Haltung reinigen wir die Energien um uns herum. Wenn das
jede tut, kann die Welt in einem neuen Licht erstrahlen. Mir ist natürlich
bewusst, dass es eine Menge Störungen in uns gibt. Wären wir so rein und klar
wie das Licht, hätten wir nicht auf die Erde kommen müssen, denn ich glaube, wir
sind hier, um unser Bewusstsein zu erweitern. Das geschieht durch die kleinen
Schritte, mit denen wir Hindernisse und Störungen bearbeiten können. Die meisten
Menschen möchten Harmonie und Eintracht im Alltag haben und neigen dazu, Dinge
zu verdrängen, nicht hinzuschauen, sich etwas vorzugaukeln. Störungen als Hilfe
anzunehmen, ist nicht leicht. Inzwischen erkennen aber immer mehr Menschen, dass
z. B. Krankheiten uns Botschaften geben wollen oder Misserfolge eine Wegänderung
verlangen. Auch Probleme, die mit anderen Menschen auftreten, haben ihren Sinn.
Statt den Störenfried zu verdammen oder sich an ihm zu rächen, sollten wir uns
bemühen, herauszufinden, warum wir so erbost oder verletzt sind. Sicher steckt
eine Lektion für uns dahinter. Oft wird uns etwas gespiegelt, was wir an uns
selber nicht leiden können und so gut verdrängt hatten. Nun kommt jemand daher
und verursacht ein negatives Gefühl in uns. Dieses negative Gefühl gilt es
aufzulösen. Andernfalls verfallen wir in Depressionen, Aggressionen oder andere
Krankheiten.
Eine Freundin besucht ihre Mutter im Krankenhaus. Der Arzt hat der Tochter
erzählt, dass die Krankheit tödlich ist. Die Mutter will davon nichts wissen und
gibt sich fröhlich. "Ich kann sicher bald wieder nach Hause und werde gesund",
freut sie sich. Die Tochter ist verwirrt und bemerkt plötzlich einen leichten
Ärger in sich hochsteigen. Warum muss die Mutter sogar noch am Ende ihres Lebens
sich etwas vormachen? Warum ist sie nicht bereit, die Chance wahrzunehmen und
sich auseinanderzusetzen, ihre Lage zu thematisieren und Erkenntnisse daraus zu
erlangen? Und dann die Frage: Warum ärgere ich mich darüber? Ich kann doch froh
sein, dass es ihr nicht so schlecht geht, dass sie sich selber Mut machen möchte
und vielleicht sogar Erfolg damit hat. Bei weiterer Überlegung stellt sie fest,
dass sie früher genau wie die Mutter alles verdrängt hatte und sich dadurch sehr
viele Wachstumschancen hat entgehen lassen. Sie ärgert sich über sich selber.
Als sie das klar hat, fühlt sie sich besser. Sie kann jetzt ihrer Mutter Licht
und Liebe schicken und ihr das Beste wünschen, was sie nötig hat. Für sich
selber beschliesst sie, noch aufmerksamer zu sein und alle Schatten und
unangenehmen Gefühle in Zukunft hochkommen zu lassen, um sie zu bearbeiten.
Eine andere Freundin beschwert sich über ihre Schwester, die neidisch und
missgünstig sei. "Fürchterlich, immer diese Konkurrenz", stöhnt sie. In einem
Gespräch klären wir, dass sie selber genau diese Gefühle gegenüber ihrer
Schwester empfindet und sich deswegen darüber aufregt. Nach ihrer Erkenntnis
kann sie anders mit der Situation umgehen, nämlich verständnisvoll und
verzeihend.
Hier noch ein weiteres Beispiel:
Ich bin mal wieder zu einem Tauscheinsatz geladen. Die Mutter geht aus, und ich
hüte ihren kleinen Sohn. Wir haben viel Spass, und ich freue mich, bei ihm zu
sein. Nach einiger Zeit spüre ich Hunger. Leider hat die Mutter vergessen, uns
etwas hinzustellen. Auch als sie wiederkommt, bietet sie nichts an, und ich
verlasse hungrig diese Stätte. Schon unterwegs auf meinem Weg in die Wohnung, in
der ich zu Zeit lebe, merke ich eine Traurigkeit in mir aufsteigen. Tränen
rollen mir übers Gesicht. " Warum sind die Menschen so gleichgültig
gegeneinander", schluchzt es in mir. Eine Flut von Vorwürfen habe ich parat,
auch gegen andere Bekannte und Freunde, die nur ihr eigenes Wohl im Auge haben.
Bei dem Gedanken "sie sind einfach blind für andere" horche ich auf. Gerade bin
ich dabei, ein Buch über klares Sehen durchzuarbeiten und stelle immer wieder
fest, wie schlecht ich sehen kann. Natürlich habe ich mir schon häufig die Frage
gestellt, was ich mir denn nicht anschauen möchte in meinem Leben. Nun knüpfe
ich eine Verbindung. Im Grunde bin ich es, die das Leid der anderen nicht sehen
möchte. Ich habe mich eingerichtet in meinem Netzwerk und begegne anderen, die
nicht dazu in der Lage sind, sich so ein Werk aufzubauen, oftmals gleichgültig
oder sogar hochmütig. Dieser Gedanke sitzt. An ihm denke ich weiter und
beschliesse ein paar Veränderungen in der nächsten Zeit. Damit fühle ich mich
viel besser, sogar der Hunger ist vergangen. Als ich später der Mutter von
meiner Pein berichte, schimpft sie mit mir: "Warum hast du denn nicht gesagt,
dass du Hunger hast. Ich kann doch nicht in dich hineinsehen."Natürlich hat sie
Recht. Trotzdem bedanke ich mich bei ihr für ihr Verhalten, weil ich durch sie
eine wichtige Lektion gelernt habe. Bei unserem üppigen Mahl, das sie mir nun
beschert, versuche ich zu erklären, wie das mit dem Spiegeln geht.
Weniger ist mehr - was bedeutet das? In einer Gesellschaft, in der der
Produktionszuwachs, das übermässige Konsumieren, das Haben Wollen und Sollen,
das immer mehr Teil des Systems ist und zur Zielsetzung gehört, scheint es
schwer verständlich, das Weniger ist mehr als Ideal anzunehmen. Darum ist es
wichtig, sich in verschiedenen Bereichen umzusehen, um die Bedeutung zu
überprüfen.
In Ernährungsfragen wird am ehesten deutlich, wie sehr das Immer Mehr schaden
kann. Wir stopfen uns voll, ohne darüber nachzudenken, was die Dinge, die wir
essen, in unserem Körper bewirken. Viele Krankheiten entstehen durch zu vieles
und falsches Essen. Daraus wiederum Schuldgefühle und Unwohlsein... Es gibt
unzählige Bücher über Ernährung. Neben wissenschaftlichen Untersuchungen stehen
die Erfahrungsberichte, Diätpläne und und...
Vor mehr als zwanzig Jahren begann ich, mich mit diesen Fragen
auseinanderzusetzen. Mein erstes Fasten - sorgfältig vorbereitet und mit zwei
Freundinnen gleichzeitig durchgeführt- prägte sich mir derart ein, dass ich
heute noch die Gefühle von damals abrufen kann. Ich weinte, morgens, mittags,
abends. Die grosse Trauer überfiel und erschreckte mich. War mein Leben bislang
doch nicht schlecht gewesen, normal so wie die vielen Leben um mich herum auch.
Funktioniert hatte ich, gelernt, studiert, meinen Beruf ausgeübt, meine Kinder
versorgt. Und nun das! Meine Gefühle lagen bloss, liessen sich nicht verdrängen,
nicht zustopfen oder wegtrinken. Nein, diese traurige Frau war ich! Drei Tage
weinte ich und dachte über die Gründe nach. Dann beschloss ich, Dinge in meinem
Leben zu ändern. Ich wollte wahrhaftiger und ehrlicher mir selbst und anderen
gegenüber werden. Die 10 Fastentage waren so intensiv, so lebendig und brachten
mich an meine unterschiedlichen Gefühle - die anfängliche Trauer machte einer
Freude und später unbeschreiblichen Glücksgefühlen Platz - dass ich von da an
dreimal im Jahr diese Prozedur wiederholte. Der Reinigungsprozess, der sich auf
der körperlichen, seelischen und geistigen Ebene vollzog, brachte mich jedesmal
ein Stück weiter. Der Verzicht machte mich reich! Im Laufe der Jahre kam ich zu
einer bewussten Ernährung, die ich hin und wieder ein wenig korrigiere, wenn es
mir nötig erscheint.
Zehn Tage nichts zu essen, ist für viele Menschen nicht durchführbar. Beruf,
Kinder, Haushalt oder andere Umstände lassen es nicht zu. Hier zählen wieder die
kleinen Schritte. Einmal in der Woche oder sogar nur einmel im Monat einen Tag
verzichten, kann schon eine Menge bewirken. Oder nur mal für eine Woche den
Alkohol, den Kaffee oder die Süssigkeiten weglassen. Letzendlich geht es um
Bewusstmachen und den Alltagstrott verlassen, um wach und lebendig für den
Augenblick zu werden.
Eine andere Übung, die ich sehr empfehlen kann, sind die Wüstentage. Ein
Wüstentag sieht so aus, dass es keinerlei Planung für den Verlauf des Tages
gibt, nur den Vorsatz, sich einzulassen. Eine Zeitlang machte ich das einmal im
Monat und erlebte Abenteuer, die sich meist im Innern abspielten, die mich zu
mir selber brachten und mir neue Erkenntnisse verschafften. Am Vorabend packte
ich einen kleinen Rucksack für ein Picknick und schlief mit meinem bekannten
Reisegefühl ein, das aus Vorfreude und Abenteuerlust bestand. Nur diesmal musste
ich keine aufwendigen Flugtickets buchen oder andere Ausgaben tätigen. Nein,
alles war sehr einfach. Beim Verlassen des Hauses erlebte ich das erste
Abenteuer unmittelbar vor der Tür. In welche Richtung würde ich gehen? Nach
rechts, nach links, zum Bahnhof? Wem würde ich begegnen, wo mein Picknick
einnehmen? Jede Faser in mir war hellwach, um auch ja nichts zu übersehen, was
den Tag zu einem Abenteuer machen konnte. Oft landete ich im Wald, manchmal aber
auch in einer Kunstausstellung, in einer anderen Stadt oder an der Seite eines
Flusses, der mich Fliessen und Loslassen lehrte. Die Natur öffnete sich für mich
oder besser, ich nahm sie anders wahr und lernte von ihr. Bäume winkten mit
ihren Blättern, Blumen lächelten mir zu, Schmetterlinge tanzten für mich oder
manchmal auch mit mir, wenn es keine anderen Spaziergänger gab. Das Gefühl,
dazuzugehören, Teil von allem zu sein, stellte sich fast jedesmal ein und füllte
mich total aus.
Das Weniger ist mehr wird zu Zeit in manchen Kindergärten ausprobiert. Als
Experiment verschwinden alle gekauften Spielsachen für eine Weile, und die
Kinder lernen wieder, sich selber und die anderen zu entdecken. Die
Waldkindergärten, bei denen es von Anfang an nur die Natur gibt, sind
erfolgreich, denn es existieren davon schon einige und neue kommen dazu.
Kreativität und Ideenreichtum sind gefragt, und darum sollte es überall gehen,
auch in den Kinderzimmern. Wie erschreckend sieht es hier manchmal aus. Obwohl
schon bei den ganz Kleinen die Regale und Schränke überfüllt sind, kommt doch
ständig etwas hinzu, spätestens zu Weihnachten oder dem nächsten Geburtstag.
Dabei könnten wir als Erwachsene hier kreativ und schöpferisch sein: Statt
krampfhaft nach dem x-ten Puzzle oder Quartett zu suchen, das dann meistens nach
kurzer Zeit in die Galerie der überflüssigen Dinge aufgenommen wird, könnten wir
Gutscheine ausstellen, sie schön gestalten und darin gemeinsame Unternehmnugen
anbieten, wie z.B. Picknick, Theaterbesuch, gemeinsames Kochen etc.... Vor
langer Zeit schenkte ich einem Neunjährigen einen Gutschein zum Geburtstag mit
folgendem Text: Ein Taglang will ich deine Dienerin sein! Der dafür ausgesuchte
Sonntag wurde ein Tag, den wir beide nie vergessen haben. Er wollte mit mir
Schlittschuhlaufen, was ich viele Jahre nicht mehr gemacht hatte. Welches
Vergnügen hatten wir auf der Eisbahn. Das anschliessende Picknick im
nahegelegenen Wald war auch wunderbar. Wir erzählten uns dabei Geschichten über
uns selbst und andere und kamen uns näher. Als ich am Abend von ihm Abschied
nahm, bedankte er sich für den herrlichen Tag, an dem er alles bestimmen durfte.
Auch für mich war es ein riesiges Geschenk. Eigentlich war es ein Wüstentag zu
zweit. Könnten wir in diese Richtung denken, unsere Kinder so erziehen, dass sie
die materiellen Dinge und das Geld nicht überbewerten, dass sie stattdessen
andere Werte schätzenlernen, gäbe es weniger Konkurrenz, was das Outfit
betrifft. Es wäre nicht mehr wichtig, ob es Markenkleidung ist, die jemand
trägt, nicht mehr wichtig, angepasst und wertend durchs Leben zu laufen. Der
Schwerpunkt läge auf dem Sein und nicht auf dem Haben. Und das führt zu einer
neuen Lebensqualität, die den Kindern im Grunde in die Wiege gelegt wurde. Mit
so einem Fundament könnten alle selbstbewusst und wohlwollend, die anderen
unterstützend und dadurch das eigene Glück findend, ins Erwachsendasein gehen.
Lange bevor ich das Geld aus meinem Leben verbannt hatte, gab es für mich eine
Regel, die ich konsequent einhielt. Bei jedem Neuerwerb - sei es bei der
Kleidung oder bei Haushaltswaren - wurde sofort ein altes Stück weggegeben. Eine
bestimmte Anzahl von Kleiderbügeln durfte nicht überschritten werden. Bücher las
ich und verschenkte sie anschliessend. Bekam ich ein Geschenk doppelt, bat ich
darum, es an jemand weitergeben zu dürfen. So hielt ich meinen Haushalt in
Grenzen und teilte gleichzeitig mit anderen. Heute habe ich diese Idee in das
Gib und Nimm Spiel eingebaut: Das Überflüssige kann an bestimmten, eigens
hierfür eingerichteten Stellen abgelegt und vielleicht für etwas Nützliches
eingetauscht werden. Oft fand ich schon in einer Gib und Nimm Kiste in Dortmund
genau das, was ich in dem Moment brauchte. Ich rechne nicht damit, erwarte
nichts, bin jedoch erfreut über Nützliches und erlebe dadurch ein Stück
Abenteuer im Alltag. Auf einer meiner Reisen, die ich mit einem Freund per Auto
machte, konnten wir unterwegs ein paar Kisten einladen mit Büchern aus dem
Keller einer Buchhändlerin. Es handelte sich dabei um unverkäufliche
Leseexemplare, für die sie keine Abnehmer hatte. Welche Freude für mich, diese
Bücher zu verschenken, einzutauschen gegen anderes, Leseratten damit zu
überraschen. Wir können uns so leicht gegenseitige Freuden bereiten, wenn wir
unsere Herzen öffnen und täglich ein paar Gedanken auch für unsere Nachbarn
erübrigen.
In einigen Großstädten gibt es die Umsonstläden. Zu bestimmten Zeiten sind sie
geöffnet, und Interessierte dürfen Dinge abgeben oder mitnehmen, ohne dass Geld
eine Rolle dabei spielt. Ein Team organisiert und betreut diese Stätten, die
rege in Anspruch genommen werden.
Meine Idee ist es, dass neben den organisierten Einrichtungen überall Plätze für
Überflüssiges geschaffen werden. In jedem privaten Haushalt könnte eine Kiste
mit solchen Dingen stehen. Geschäfte könnten aussortieren und hinstellen, ohne
dass dadurch mehr Arbeit entsteht. Das Kornhaus, ein Bioladen in Dortmund
praktiziert das schon seit acht Jahren. Täglich liegen die nicht mehr ganz
frischen Waren an einer bestimmten Stelle, die von Bedürftigen aufgesucht wird.
Ganz ohne Ärger ging die Eingewöhnung allerdings nicht ab. Zu Beginn dieser
Aktion zeigten sich die Nehmenden oft undankbar und achtlos den Geschenken
gegenüber. Sie wühlten alles durcheinander, räumten nicht auf oder nahmen alles
mit, ohne an die Nachkommenden zu denken. Das Kornhausteam war oft verärgert und
dachte sogar an Abbruch. Inzwischen haben jedoch fast alle AbholerInnen gelernt,
sich für den Platz verantwortlich zu fühlen. Sie räumen auf, machen sauber und
verrichten zusätzliche Arbeiten, so dass nun auch Zufriedenheit bei den Gebenden
ist. Die monatlichen Sperrmüllabholdienste, die es in fast allen Großstädten
gab, wurden u.a. abgeschafft, weil die Stadt jedesmal wie ein Schlachtfeld
aussah an diesen Tagen. Ist es wirklich so, dass die Menschen nicht achten, was
nichts kostet? Hat das Geld uns ganz und gar verdorben?
Immer wenn ich in meinen Vorträgen davon spreche, dass wir eines Tages alle ohne
Geld leben werden, weil es nicht mehr nötig sei, höre ich das Argument: Das kann
gar nicht klappen. Da würde doch niemand die Dreckarbeit machen! Das Geld
scheint alles geregelt zu haben. Es lässt uns funktionieren, lässt uns Dinge
tun, die wir gar nicht lieben. Natürlich würde niemand mehr etwas tun, was ihm
nicht gefällt, wenn er dafür nichts bekäme. Aber warum soll es nicht Menschen
geben, die freiwillig etwas machen, was heute als Dreckarbeit bezeichnet wird?
Freiwillig saubermachen und jederzeit aufhören zu können, um dann etwas anderes
zu tun, hat einen ganz anderen Wert. Ausserdem wird jede Arbeit gleich
wertgeschätzt, egal was es ist. Der Mensch verfügt über eine grosse
Vielfältigkeit. Wer sagt denn, dass es richtig ist, wie wir uns jetzt
eingerichtet haben? Kann es auf Dauer gut sein, wenn jemand rund um die Uhr vorm
Computer sitzt oder eine nur noch für Kinder oder für alte Menschen da ist? Ist
es richtig, dass musikalische und andere künstlerische Fähigkeiten verkümmern,
weil jemand nur noch Zeit für seinen bezahlten job hat? Und was ist mit den
Arbeitslosen? Es gibt soviel zu tun!
Dazu fällt mir wieder eine Geschichte ein, die ich neulich irgendwo las: Eine
Gruppe Außerirdischer besucht die Erde und interessiert sich sehr dafür, was
hier so passiert. Sie treffen auf ein paar junge Männer, die auf einer Baustelle
untätig herumstehen. Um sie herum liegen viele Arbeitsgeräte und verschiedenes
Material. Dennoch jammern die jungen Männer, weil sie gern mit der Arbeit
beginnen würden. Die anderen fragen: "Wo ist das Problem? Es gibt Steine,
Zement, Kellen und anderes. Fangt doch einfach an!" Als Antwort kommt wie aus
einem Mund: "Wir können nicht anfangen, weil kein Geld da ist" Natürlich
verstehen die Außerirdischen das keineswegs, zumal sie nicht mal wissen, was
Geld ist, wozu es gebraucht wird. Wissen wir das? Ein Freund spricht ständig von
der Geldlogik, ein anderer von der Unlogik des Geldes. Ist Geld nötig, oder
könnte es auch ohne gehen? Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich in die
Schublade "Ausnahme" gesteckt werde von denen, die mir glauben. Es gibt auch die
anderen, die bezweifeln, dass ich die Wahrheit sage, weil ohne Geld bei uns
nichts laufen kann, wie sie sagen. Da ich mich auch noch als reich bezeichne,
muss etwas faul sein!
Nein, eigentlich habe ich mich nicht daran gewöhnt, sondern wenn ich ehrlich
bin, ärgert es mich. Täglich jammert mir irgendwer vor, wie furchtbar sein oder
ihr Leben ist, weil das Geld fehlt. Wer nachfragt, wie mein Leben aussieht, tut
es meist, um anschliessend zu konstatieren, dass es nichts für ihn wäre, egal ob
die Jammerer allein oder in Familienverbänden leben. Zwar melden sich auch
diejenigen, die durch mich Mut bekommen haben, die ein wenig ihre Ängste
aufgeben konnten z. B. nach der Lektüre meines Buches oder nach einem Vortrag
von mir. Aber verändern können sie wenig, sagen sie. Mancher wirft mir vor, dass
das, was ich tue, viel zu anstrengend sei, weil Geld nun mal den Alltag
vereinfache.
Die neue Lebensform ohne Geld musste ich mir Stück für Stück erobern. Am Anfang
war es manchmal wirklich sehr anstrengend, und Ängste quälten mich. Da meine
Intention jedoch auch stark politisch ist - ich möchte ja neue Strukturen
schaffen und Möglichkeiten für andere Menschen - konnte ich durchhalten. Das
Experiment hat sich längst zu einem Modell etabliert, das ich mir durchaus
übertragbar auf eine Gesellschaft vorstelle. Allerdings nicht von heute auf
morgen. Kleine Schritte sind notwendig in verschiedenen Richtungen. Ich glaube,
in der westlichen Welt ist die Frage nach den zwischenmenschlichen Beziehungen
ganz wichtig. Wenn wir bereit sind, die anderen in unser Leben einzubeziehen,
von und mit ihnen zu lernen, uns für sie zu öffnen, kann viel geschehen.
Zwischen Freunden ist kein Geld nötig. Sie teilen miteinander, was sie haben,
sorgen füreinander und überraschen sich gegenseitig. Warum ist es so schwer
geworden, wirkliche Freunde zu finden? Wie oft höre ich Sätze wie: Mit meinen
Nachbarn kann ich nichts anfangen. Sie sind primitiv oder hochnäsig oder
sonstwas. Warum brauchen wir grosse oder kleine Katastrophen, um zu entdecken,
dass sich Nachbarn auch gegenseitig helfen können. Warum spielt der Alltag eine
so vernachlässigte Rolle in unserem Leben, werden "highlights" im Urlaub gesucht
und dann wieder für ein Jahr auf Eis gelegt?
Text von Heidemarie Schwermer,
ivory@...
http://projekte.free.de/gibundnimm/sterntaler6.html
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