Wenn's Kati zu heiß wird, geht sie aufs Eis
Katarina Witt ist die erfolgreichste deutsche Eiskunstläuferin. Nach
über 30 Jahren auf dem Eis verabschiedet sich die zweifache
Olympiasiegerin mit einer Abschiedstournee von ihren Fans. WELT
ONLINE sprach mit der 42-Jährigen über ihre Erfolge, das Karriereende
und ihre Zukunftspläne.
WELT ONLINE: Frau Witt, was machen Sie am 5. März?
Katarina Witt: Hören Sie auf. Da will ich noch gar nicht drüber
nachdenken.
WELT ONLINE: Am Abend zuvor wird ihre Abschiedstournee in Hannover zu
Ende gegangen und ihre Eislaufkarriere endgültig beendet sein.
Witt: Das wird mir wohl erst ein paar Wochen später bewusst werden.
Es ist schon immer so gewesen, dass ich nur Schritt für Schritt nach
vorne denke. Deshalb genieße ich erst mal jeden Tag der Tour. Ich
genieße es, live vor Publikum zu laufen, mit den Zuschauern die
Emotionen zu teilen, aber auch mal wieder richtig kindisch sein zu
können. Mit unserer jungen Crew schießen wir uns jeden Tag mit
Wasserpistolen ab – ein Riesenspaß.
WELT ONLINE: Aber sicher haben Sie schon Zukunftspläne gemacht?
Witt: Noch nicht. Zum ersten Mal in meiner Karriere habe ich keinen
direkten Plan. Es gibt viele Anfragen, aber ich schiebe alles weg.
Ich will einfach mal Leerlauf haben. Seit ich ein kleines Kind bin,
hatte ich in jedem Jahr ein Ziel. Ich bin von einem Projekt ins
nächste gefallen, ob es nun eine Weltmeisterschaft war, eine
Eislaufproduktion oder ein Fitnessbuch. Jetzt will ich mal ein paar
Wochen einfach erleben, ohne bestimmte Aufgabe.
WELT ONLINE: Haben Sie gar keine Angst vor Langeweile?
Witt: Nein. Langfristig gibt es Ziele. Ich habe viel angefangen, zum
Beispiel das Moderieren der Show „Stars auf Eis" bei ProSieben und
habe tausend Ideen. Ich muss mich aber erst einmal zurückziehen
können, um zu erkennen, was für mich wirklich wichtig ist. Sicher
werde ich irgendwie im Eis weitermachen. Moderieren. Shows
produzieren, Schauspielern – all das sind Möglichkeiten. Und ich
werde mich noch stärker um meine Stiftung, die Katarina Witt
Stiftung, kümmern, die sich für behinderte Kinder einsetzt. Das ist
Etwas, wo ich sehr große Erfüllung drin finden werde.
WELT ONLINE: Viele Sportler scheitern mit dem Versuch, nach ihrer
Karriere auf anderen Feldern Fuß zu fassen.
Witt: Man muss lernen, dass man nicht alles kann, nur weil man auf
einem Gebiet die Weltbeste war. Ich kenne aber meine Grenzen. Meine
Messlatte ist und bleibt Qualität.
WELT ONLINE: Wie läuft Ihre Abschiedstournee bislang?
Witt: Toll. Die Show kommt beim Publikum sehr gut an. Das ist ein
schönes Gefühl, wenn sich die eigenen Visionen und Ideen so umsetzten
lassen, das am Ende die Zuschauer vom Ergebnis total überwältigt
sind.
WELT ONLINE: Was war bislang der emotionalste Moment der Tour?
Witt: Die ersten beiden Shows in Berlin waren natürlich etwas ganz
Besonders. Schließlich lebe ich da seit zwanzig Jahren. Und vor dem
Auftritt in Chemnitz war ich so aufgeregt, dass ich vorher nur vier
Stunden geschlafen habe. In dieser Stadt bin ich aufgewachsen und
habe meine größten Erfolge als Sportlerin gefeiert. Meine ehemaligen
Trainer waren da, und auch Lehrer, Eislaufkolleginnen, Freunde und
Familie. Meine ganze Vergangenheit war vor Ort. Es wird ein
unvergesslicher Abend bleiben.
WELT ONLINE: Ist ihre Abschiedstour noch Sport oder nur Show?
Witt: Die Mischung von hoher Sportlichkeit, sowie den Showelementen
mit einem traumhaften Licht, den Videoeinspielungen und der Kraft und
Choreografie der Eisläufer ist uns richtig gut gelungen. Die Show ist
unterteilt in die Etappen meiner Karriere. Von den Anfängen bis zur
neuen Interpretation der Carmen. Bei dem Lied „Sag mir wo die Blumen
sind" ist es in der Halle so ruhig, dass man eine Stecknadel fallen
hören kann. Und ich erfülle mir einen Traum und trete endlich einmal
als Piratin auf.
WELT ONLINE: Blicken Sie derzeit oft auf Ihre Karriere zurück?
Witt: Ja. Vor allem, als wir Bilder für die Show zusammengestellt
haben. Mit Youtube ist das heutzutage toll, man findet sofort alles.
Manchmal saß ich stundenlang vor dem Bildsschirm und dachte: es war
eine tolle Zeit.
WELT ONLINE: Was war für Sie der Höhepunkt?
Witt: Sicher die Olympischen Spiele 1988 in Calgary in Kanada und
1994 in Lillehammer in Norwegen. Natürlich auch meine ersten Spiele
1984. Erst bei Carmen 1988 in Kanada begriff ich, dass die ganze Welt
zuschaut. Unvergesslich war auch die Weltmeisterschaft 1987 in
Cincinnati. Es war meine Schwierigste. Nie vergessen werde ich auch
den Moment, als ich in Lillehammer vor meinem Auftritt im Publikum
verzweifelt meine Eltern gesucht habe. Bis zum letzten Moment wusste
ich nicht, ob sie da sind. Aber als Vati dann pfiff und ich ihn sah,
konnte ich beruhigt laufen.
WELT ONLINE: Was war während ihrer aktiven Zeit Ihr Erfolgsrezept?
Witt: Das ich wenn es drauf ankam, meine Leistung abrufen konnte und
unter dem nervlichen Druck nie zerbrochen bin. Der Wettkampf war
immer meine Stärke. Heute ist es mein Perfektionismus. Ich quäle alle
mit meinem Qualitätsanspruch in meinem Umfeld. Allerdings ohne
Verbissenheit, sondern auf eine motivierende Art und Weise.
WELT ONLINE: Wie geht es ohne Sie für ihren Sport weiter?
Witt: Leider war Eiskunstlaufen in den vergangenen Jahren nicht
gerade das Aushängeschild des deutschen Sports weil die Stars
fehlten. Jetzt haben wir mit Aljona Savchenko und Robin Szolkowy
wieder ein Paar, das eine Chance hat, Weltmeister zu werden. Sport
funktioniert aber nur über Weltklasse-Leistungen. Eislauf wird erst
wieder populärer, wenn wir jemand haben, der Weltmeister oder
Olympiasieger ist. Und das am Besten nicht nur einmal, sondern über
mehrere Jahre.
WELT ONLINE: War es auch eine Last, über Jahrzehnte das Gesicht des
Eiskunstlaufs zu sein?
Witt: Nie. Für mich war es immer eine Ehre. Auch, wenn die
Erwartungen und der Druck groß waren. Dadurch, dass ich in diese
Rolle rein gewachsen bin, konnte ich damit umgehen. Es ist schön, den
Sport geprägt zu haben.
WELT ONLINE: Erinnern Sie sich an ihre ersten Schritte auf dem Eis?
Witt: Ich war damals fünf Jahre alt. Nachdem ich meine Mutti ein
halbes Jahr lang angebettelt hatte, meldete sie mich im Verein an.
Ich habe mich auf dem Eis schnell wohlgefühlt. Der Trainer meinte
nach dem ersten Training: "Sie kann wieder kommen". Dabei war die
Anmeldefrist eigentlich schon abgelaufen. Und dann bin ich halt
wiedergekommen – und nie wieder weggegangen.
WELT ONLINE: Sammeln Sie noch ihre Schlittschuhe?
Witt: Ja, ich habe noch alle, von 1988 an. Inzwischen sind es zwanzig
Paar. Museen haben deswegen öfters angefragt, aber ich rücke die
nicht raus. Dann würde ich ja einen Teil von mir abgeben.
WELT ONLINE: Wissen Sie eigentlich, was Sie und Marilyn Monroe
gemeinsam haben?
Witt: Sowohl die Ausgabe mit mir auf dem Titel als auch mit Monroe
war ausverkauft. Das war irre, damit hatte selbst der Playboy nicht
gerechnet. Aber uns unterscheidet auch etwas ganz Grundlegendes: ich
lebe noch (lacht).
WELT ONLINE: Was muss passieren, damit Sie auf das Eis zurückkehren
und ein Comeback starten?
Witt: Also, nur wenn es mir mal zu heiß würde, ginge ich wieder aufs
Eis.