Folgender Artikel ist in Die Welt am 3.11.2003 erschienen (Wuelle:
www.wams.de)
"Talente müssen sich dumm vorkommen"
Katarina Witt sorgt sich um die Zukunft des deutschen Eiskunstlaufs
und hat Angst vor dem letzten Auftritt
Berlin - Der Anlauf zur letzten Pirouette hat begonnen, verriet
Katarina Witt (37) der WELT am SONNTAG. Über ihren endgültigen
Abschied vom Eis und die Zukunft ihres Sports unterhielt sich die
zweimalige Olympiasiegerin mit WELT-Mitarbeiter Markus Burkhardt.
DIE WELT: Frau Witt, Sie gehörten bei den Olympischen Winterspielen in
Salt Lake City zu den großen Kritikern der Preisrichter. In diesem
Jahr wird ein ganz neues Wertungssystem bei einigen Wettbewerben
praktiziert. Haben Sie sich mit den Neuerungen schon beschäftigt?
Katarina Witt: Nach meinem ersten Eindruck scheint mir die Wertung
schon gerechter zu sein. Ob sie dem Zuschauer verständlich ist, muss
die Praxis zeigen. Die neue Wertung ist nur durch Hightech zu
beherrschen. Die Preisrichter geben nach streng vorgeschriebenen
Bewertungsrichtlinien Punkte für die technische Hälfte, also die
Sprünge, und für die künstlerische Hälfte ein. Dabei werden bei
Technik und Kunst alle Elemente einzeln bewertet. Der Computer
errechnet dann aus den eingegebenen Teilpunkten die Gesamtpunktzahl
aus. Bei insgesamt neun Preisrichtern fallen die beiden höchsten und
die beiden niedrigsten Wertungen heraus. Aus der Punktzahl der
verbliebenen fünf Preisrichter wird der mathematische Mittelwert als
Endpunktzahl ermittelt. Alles verstanden?
DIE WELT: Nein.
Katarina Witt: Nicht schlimm. Selbst Experten haben an dem neuen
System noch zu knabbern. Mit zunehmender Praxis wird sich alles
einspielen. Wenn unser Sport dadurch gerechter wird, sollte man nicht
vor der Technik zurückschrecken.
DIE WELT: Im vergangenen Winter gehörten Sie zu einer Gruppe Rebellen,
die sich vom über 100 Jahre alten Weltverband, der Internationalen
Skating Union (ISU) trennen wollten, um eine eigene Föderation zu
gründen. Was ist aus dieser Idee geworden?
Katarina Witt: Die Rebellen, wie Sie es nennen, waren die Creme de la
Creme des Profisports wie die Olympiasiegerin Kristi Yamaguchi, der
Olympiasieger Scott Hamilton, der Olympiazweite Paul Wylie, der
Weltmeister Kurt Browning. Und diese Liste lässt sich beliebig lang
fortsetzen. Das Hauptproblem, das wir mit der ISU sehen, ist die Art
und Weise, wie sie in den letzten Jahren agiert hat. Dies gefährdet
unserer Meinung nach den Eislaufsport. Veranstaltungen und Initiativen
werden häufig seitens der ISU unterbunden, um deren Fernseh- und
Sponsorenverträge zu optimieren. Die ISU blockiert mit harten Bandagen
erfolgreiche Maßnahmen, die geeignet wären, den Eiskunstlaufsport
weltweit zu fördern. Dass wir, wenn wir einen Amateurläufer mitten im
Sommer - also weit vor der Wettkampfsaison - zu einer Show einladen
wollten, dies teilweise nicht durften oder aber viel Geld an die
jeweilige nationale Föderation dafür bezahlen sollten, davon spreche
ich schon gar nicht mehr. Die deutsche Eislauf-Union war übrigens hier
die rühmliche Ausnahme. Oder ein anderes Beispiel war der
Preisrichterskandal in Salt Lake City und die Art und Weise, wie die
ISU damit umgegangen ist. Es ging ja soweit, dass sich die Fans
teilweise abgewandt haben. Und darauf wollten wir hinweisen. Deshalb
diese Pressekonferenz im vergangenen Jahr.
DIE WELT: Im März findet die WM in Dortmund statt, leider haben die
Deutschen kaum Medaillenchancen. ?
Katarina Witt: Es gibt konkrete Probleme, denn man kann von einer
13-jährigen Nachwuchssportlerin, nachdem sie sieben Stunden in der
Schule gesessen hat, nicht verlangen, dass sie anschließend noch sechs
Stunden lang trainiert. Dies wäre das notwendige Pensum. Es fehlen
also kombinierte Schul- und Trainingsmodelle. Unter Präsident Reinhard
Mirmseker hat die Deutsche Eiskunstlauf-Union den Weg in die richtige
Richtung eingeschlagen. Unsere Eiskunstläufer treffen sich wieder zu
mehr gemeinsamen Trainingslehrgängen und das nicht nur in Deutschland.
Aber es gibt noch ein zweites Moment, das ich beobachte: In einer
Gesellschaft, in der junge Menschen durch TV-Auftritte wie Big Brother
oder den vielen neuen Talentscouting-Wettbewerben innerhalb kürzester
Zeit zum Sternchen am Himmel werden, kann man doch wohl kaum noch von
einem jungen talentierten Sportler verlangen, dass er 15 Jahre lang
auf einen Erfolg hinarbeitet. Der muss sich ja ganz dumm vorkommen.
DIE WELT: Im Dezember sind sie mit einer Eis-Show unterwegs,die sie
auch selbst produzieren. Warum nehmen Sie die Doppelbelastung auf
sich?
Katarina Witt: Eiskunstlaufen ist meine große Leidenschaft. Ich bin
ehrlich genug zuzugeben, dass ich gerade in Deutschland zufriedene
Zuschauer erleben will. Es gibt nichts Schöneres, als am Ende einer
Show in zufriedene, glückliche Zuschauergesichter zu sehen, das
Leuchten in ihren Augen zu bemerken und ihren Applaus zu genießen.
DIE WELT: Ihre Show gastiert zum ersten Mal in Chemnitz. Mit welchen
Gefühlen und Gedanken kehren Sie zum Ursprung ihrer glanzvollen
Erfolge zurück?
Katarina Witt: Ich spüre schon jetzt, wie Lampenfieber in mir
aufsteigt. Im vergangenen Winter tourte ich durch 65 Städte der USA.
Das war ein anstrengendes, aber sehr schönes Erlebnis. Bei meinen
Auftritten in Deutschland und ganz besonders in Chemnitz sind noch
viel mehr Emotionen und Gefühle dabei. Ich habe 22 Jahre in Chemnitz
gelebt und bin sogar Ehrenbürgerin der Stadt. Die Chemnitzer haben
immer mit mir gefiebert, gebangt, sich mit mir über meine Siege
gefreut und zu mir gehalten. Die Chemnitzer bereiteten mir nach
Weltmeisterschaften oder Olympischen Winterspielen stets warme,
herzliche Empfänge. Die Erinnerungen haben sich für mein ganzes Leben
in mein Herz eingebrannt. Ich rutschte mit fünf Jahren zum ersten Mal
im Chemnitzer Küchwald über das Eis. Wenn ich im Dezember auf dem
gleichen Eis meine Schlusspirouette drehe, schließt sich der Kreis zum
Anfang.
DIE WELT: Heißt das, Sie nehmen wirklich Abschied vom Eis?
Katarina Witt: Wissen Sie, schon seit ich 19 bin, werde ich gefragt,
wie lange laufen Sie denn noch? Und bis vor kurzem habe ich auch immer
geantwortet, so lange es geht. Die Wahrheit ist, dass ich mich immer
noch sehr fit fühle, doch so langsam auch auf die Signale höre, die
mein Körper schon seit geraumer Zeit versucht, mir schonend
beizubringen. Ich rechne schon damit, dass jeder Auftritt mein letzter
sein könnte. Aber nie im Leben werde ich meinen Abschied ankündigen.
Es würde mir das Herz brechen, mit dem Gedanken auf dem Eis zu stehen:
dies ist jetzt das letzte Mal. Da würde mir vor lauter Traurigkeit und
Wehmut die Luft wegbleiben und ich wäre total gelähmt. Stellen Sie
sich mal diese Schlagzeile vor: "Katarina Witt stand flennend auf dem
Eis und konnte keinen Fuß vor den anderen setzten! Ist sie zu alt?"
Kein Mensch würde das verstehen."
DIE WELT: Sie werden vom Internationalen Olympischen Komitee hoch
geschätzt. Wollen Sie sich nicht für Leipzig 2012 stark machen?
Katarina Witt: Natürlich habe ich mich von Anfang an für Leipzig
eingesetzt und würde weiterhin alles tun, um die Spiele nach Leipzig
zu holen. Es ist aber doch schade, wenn nach der anfänglichen Euphorie
nun Stück für Stück die Probleme gewälzt werden müssen, die im Vorfeld
hätten geklärt werden sollen. Es ist auffällig, wie sich die Presse
derzeit an den Biografien einzelner Personen weidet. Was ist denn
unser Ziel? Wir wollen doch die Olympischen Spiele in Deutschland
haben, oder etwa nicht?
DIE WELT: Nach dem Abschied vom Eis ist vielleicht mehr Zeit für
Herzensangelegenheiten. Gibt es in Ihrem Leben einen festen Partner?
Katarina Witt (lacht): Mein Herz ist in Ordnung. Ich bin glücklich und
genieße mein Leben.