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Auf dem Weg zur letzten Pirouette   Beitragsliste  
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Folgender Artikel ist in der Welt am Sonntag (2.11.2003) erschienen
(Quelle: www.wams.de)


Auf dem Weg zur letzten Pirouette

In Chemnitz, wo alles begann, will Katarina Witt ihre große Karriere
beenden. Doch der Gedanke an das letzte Mal macht ihr Angst
von Michael Witt und Markus Burkhardt

Durch das Glas ist sie kaum zu erkennen, ist nur eine der
schemenhaften Gestalten, die über den Boden gleiten, wie auf
unsichtbaren Schienen. Erst wenn man näher an die Scheiben herantritt,
sticht sie heraus. Ihr schwarzer Trainingsdress hat nichts
Spektakuläres und doch unterscheidet sie sich von den anderen, die in
der Eiskunstlaufhalle des Sportforums in Berlin-Hohenschönhausen
trainieren. Der Umgebung fehlt jeglicher Glamour, rings um sie üben
Paare mit ihrem Trainer Knut Schubert, junge Eisprinzessinnen lassen
sich drillen, Kufen kratzen, Rufe schallen durch die Halle, es ist
eine Atmosphäre der Arbeit. Dazwischen, ganz für sich, eine, die
ausstrahlt - nie vergehende Grazie und Eleganz. Für immer Carmen.


Im Gehen verabschiedet sie sich noch von Emanuel Raasch, dem
ehemaligen Radweltmeister, der jetzt Hallenwart im Sportforum ist und
aufpasst, dass niemand Katarina Witt stört. Jeden Tag ist sie hier,
manchmal zwei Mal, seit dem Hochsommer, um sich in Form zu bringen für
ihre Show "Enjoy the Stars", mit der sie im Dezember in Deutschland
auf Tournee ist. "Ich muss mittlerweile ein bisschen mehr an mir
arbeiten, um in Schwung zu kommen", sagt sie. Sie wird am 3. Dezember
38 Jahre alt, und doch wirkt so eine Bemerkung von ihr mädchenhaft
kokett.


Mit dem Gedanken ans Aufhören wollte sie sich nie beschäftigen, das
haben immer andere getan. "Wissen Sie, schon seit ich 19 bin, werde
ich gefragt: Wie lange laufen Sie denn noch? Und bis vor kurzem habe
ich auch immer geantwortet: So lange es geht", sagt sie im Gespräch
mit der WELT am SONNTAG. Über ihr Alter habe sie sich nie Gedanken
gemacht, weil sie noch immer denselben Sport aktiv ausübt, den sie
schon mit fünf Jahren betrieben hat. Sie sagte immer, dass sie sich
viel jünger fühle, als jemand, der den klassischen Weg gegangen ist:
Schule, Studium, Beruf, Familie. Und sie fühlt sich immer noch fit.
"Doch so langsam", schränkt sie ein, "höre ich auf die Signale, die
mein Körper schon seit geraumer Zeit versucht, mir beizubringen. Ich
rechne damit, dass jeder Auftritt mein letzter sein könnte."


Und es sind immer noch viele Auftritte, die sie absolviert. Im
vergangenen Winter tourte sie durch 65 Städte der USA, ab dem 17.
Dezember dann durch Deutschland, sie beginnt in Nürnberg, ist am 21.
Dezember in Berlin, und einen Tag vorher gastiert sie mit anderen
Weltstars wie Oksana Bajul, Todd Eldredge und Viktor Petrenko in
Chemnitz. Ein ganz spezielles Erlebnis. "Ich habe 22 Jahre in Chemnitz
gelebt und bin sogar Ehrenbürgerin der Stadt", sagt sie. "Die
Chemnitzer haben immer mit mir gefiebert, gebangt, sich mit mir über
meine Siege gefreut und zu mir gehalten. Die Chemnitzer bereiteten mir
nach Weltmeisterschaften oder Winterspielen stets warme, herzliche
Empfänge. Die Erinnerungen haben sich für mein ganzes Leben in mein
Herz eingebrannt."


Erinnerungen an die Anfänge. "Ich rutschte mit fünf Jahren zum ersten
Mal im Chemnitzer Küchwald über das Eis", sagt sie. Hier begann der
Aufstieg der kleinen Witt zu Katarina der Großen. "Wenn ich im
Dezember auf dem gleichen Eis meine Schlusspirouette drehe, schließt
sich der Kreis zum Anfang."


Wo alles anfing, soll alles enden. Doch das Gefühl, nie mehr vor
Publikum auf dem Eis zu stehen, macht ihr noch Angst. Sie, die in
ihren Kürprogrammen die größten Emotionen gespielt und so ihr Publikum
becirct hat, fürchtet sich davor, selbst übermannt zu werden. "Es
würde mir das Herz brechen, mit dem Gedanken auf dem Eis zu stehen:
Dies ist jetzt das letzte Mal. Da würde mir vor lauter Traurigkeit und
Wehmut die Luft wegbleiben und ich wäre total gelähmt. Stellen Sie
sich mal diese Schlagzeile vor: ,Katarina Witt stand flennend auf dem
Eis und konnte keinen Fuß vor den anderen setzten! Ist sie zu alt?"
Kein Mensch würde das verstehen." An einem besonderen Tag soll eben
alles stimmen, denn er wird immerfort in Erinnerung bleiben. Es möchte
auch niemand Regen an seinem Hochzeitstag.


Der 20. Dezember wird ein besonderer Tag, sie hat sogar Jutta Müller
als Ehrengast eingeladen. Ihre gestrenge Lehrmeisterin, zu der sie
immer noch Kontakt hält und mit der sie noch im Oktober eine Woche
trainiert hat. "Durch die Anwesenheit von Frau Müller platze ich vor
Disziplin und Ehrfurcht", sagt Katarina Witt.


Es soll die perfekte Schlusspirouette werden für eine
Eiskunstläuferin, wie es noch keine gab. Die das schönste Gesicht des
Sozialismus war und dann MacGyver liebte. Ein Leben zwischen Honecker
und Hollywood.


Sie möchte nicht laut vom Abschied sprechen und macht sich schon
Gedanken über die Zeit danach. Wer soll eine Katarina werden,
zumindest eine kleine? Wo ist der Nachwuchs? "Man kann von einer
13-jährigen Sportlerin, nachdem sie sieben Stunden in der Schule
gesessen hat, nicht verlangen, dass sie anschließend noch sechs
Stunden lang trainiert", sagt Witt, "dies wäre das notwendige Pensum.
Es fehlen also kombinierte Schul- und Trainingsmodelle." Immerhin:
Unter Präsident Reinhard Mirmseker sieht sie Fortschritte bei der
Deutschen Eiskunstlaufunion. Und sie zweifelt, dass die jungen
Menschen sich noch so quälen wollen, wie sie sich quälte - und dabei
noch lächelte. "In einer Gesellschaft, in der junge Menschen durch
TV-Auftritte wie Big Brother oder den vielen neuen Casting-Shows
innerhalb kürzester Zeit zum Sternchen am Himmel werden, kann man doch
wohl kaum noch von einem jungen, talentierten Sportler verlangen, dass
er 15 Jahre lang auf einen Erfolg hinarbeitet. Der muss sich ja ganz
dumm vorkommen."


Sie kam sich nie dumm vor. Sie hat immer gearbeitet, mit großer
Hingabe und Disziplin. Sie hat immer an sich geglaubt und war manchmal
zu gutgläubig. Sie wollte Perfektion auf dem Eis, wurde dafür erst vom
Osten, dann von der ganzen Welt umarmt. Sie arbeitet weiter an sich,
selbst für den letzten Auftritt. Und sie glaubt immer noch an einen
Abschied ohne Tränen.





Die 4. Nov 2003 14:18

neferka2002
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Guido Rick
neferka2002
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4. Nov 2003
14:18
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