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Rezension: Gemeinwohl-Ökonomie   Beitragsliste  
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Aus CONTRASTE Nr. 318 (März 2011, Seite 4)

REZENSION

Gemeinwohl-Ökonomie

In einer Gemeinwohl-Ökonomie ist alles anders. Das Streben nach Gewinn
wird ersetzt durch das Streben nach Gemeinwohl, denn Menschenwürde ist
der höchste Wert dieser Wirtschaftsweise, dem ordnet sich alles andere
unter.

Der österreichische Attac-Aktivist Christian Felber legt mit großer
Ernsthaftigkeit dar, wie er sich eine andere Ökonomie vorstellt, die
nach seiner Überzeugung eine »unmittelbar umsetzbare Alternative zu dem
Wirtschaftssystem, in dem wir derzeit gefangen sind« darstellt. Dessen
Ursache sieht er in einem Anreizsystem, das Konkurrenz und Gewinnstreben
belohnt.

Er identifiziert 10 Krisen des Kapitalismus, zum Beispiel Konzentration
und Missbrauch von Macht, Soziale Polarisierung und Angst, Ausschaltung
der Demokratie. Diese Fehlentwicklungen möchte er korrigieren und
unternehmerischen Erfolg neu definieren. Gemeinsam mit etwa 30
Attac-UnternehmerInnen hat er einen Entwurf einer Gemeinwohl-Bilanz und
eine zugrunde liegende Gemeinwohlmatrix entwickelt, mit den Werten
Menschenwürde, Vertrauen, Solidarität, Ökologische Nachhaltigkeit,
Soziale Gerechtigkeit und Demokratische Mitbestimmung. Auf der Suche
nach betrieblicher Selbstverwaltung finde ich unter dem letztgenannten
Punkt auf der Ebene der MitarbeiterInnen die »Freiwillige Basisdemokratie«.

Unternehmen, die in den angesprochenen Bereichen mehr tun, als nur die
gesetzlichen Mindeststandards einzuhalten, sollen dafür Gemeinwohlpunkte
bekommen. Dafür soll es verschiedene Arten der Belohnung geben, zum
Beispiel Steuervergünstigungen, Bevorzugung bei der öffentlichen
Auftragsvergabe, Fördermittel etc. Denn: »Die Gemeinwohl-Ökonomie ist
somit nicht primär eine Strafökonomie, sondern eine Belohnungsökonomie.«

Die Idee

Weitere Aspekte der Gemeinwohl-Ökonomie: Gewinne sollen nicht mehr
beliebig privat angeeignet, aber zum Beispiel auch nicht an Parteien
gespendet werden können. Und jeder Mensch soll alle 10 Jahre ein Jahr
von der Erwerbsarbeit freigestellt werden – damit wäre auch die
Arbeitslosigkeit in der EU beseitigt.

Für mehr Gleichheit zwischen den Menschen sollen die höchsten Gehälter
maximal das 20-fache des Mindestlohns betragen, das Privateigentum soll
begrenzt werden. Es kann dann noch private Kleinunternehmen geben, große
Firmen müssen sich jedoch in gemeinschaftlichem Besitz befinden. Daneben
soll es in Schlüsselbereichen demokratisch kontrollierte Unternehmen
(»demokratische Allmenden«) geben.

In dieser anderen Ökonomie soll auch die Finanzwirtschaft umgestaltet
werden, ein wichtiger Bestandteil ist die Demokratische Bank, an deren
Vorbereitung Christian Felber in Österreich bereits arbeitet, und die er
hier ebenfalls kurz vorstellt. Die Finanzmärkte sollen abgeschafft
werden, es gibt keine Aktiengesellschaften mehr, Geld wird ein
öffentliches Gut. Der Autor bezieht seine Ideen auf Europa, räumt aber
ein, dass es auch sein könnte, dass Lateinamerika schneller ist mit der
Umgestaltung seiner Ökonomie. Global möchte er – wie schon in den 1940er
Jahren von Keynes vorgeschlagen – eine internationale Welthandelswährung
einführen.

Dabei beruft sich Christian Felber auf eine Reihe von Studien, die zum
Beispiel belegen, dass Gleichheit glücklich macht, oder dass eine
intrinsische (innere) Motivation wirksamer ist und bessere
Arbeitsergebnisse bringt als Druck und Konkurrenz. Statt miteinander zu
»konkurrenzieren«, kooperieren die Menschen in einer
Gemeinwohl-Ökonomie, und dabei geht es allen besser. Die Erziehung und
Bildung ist auf dieses Menschenbild ausgerichtet.

Christian Felbers optimistische und eingängige Art der Erläuterung und
Argumentation wirkt sehr idealistisch, seine Vorschläge beinhalten nicht
viel Neues – können sie die reale wirtschaftliche und politische
Entwicklung beeinflussen? Und könnten richtige Anreize Unternehmen in
größerem Stil auf freiwilliger Basis zu einer anderen
Unternehmenspolitik bewegen? Wer hätte die Macht, solche Anreize zu setzen?

Der Autor beansprucht nicht ein vollständiges Modell zu erstellen,
sondern führt aus, dass die Details in demokratischen Prozessen
festgelegt werden sollen. Diese reißt er auf den verschiedenen Ebenen
kurz an. In einem 3-Säulen-Modell ergänzt er die repräsentative
parlamentarische Demokratie durch Elemente direkter Demokratie (z.B.
BürgerInneninitiativen und Volksabstimmungen) und partizipativer
Demokratie (z.B. demokratische Allmenden und Beteiligungsbudgets). Zu
zentralen Themen wie Wirtschaft, Bildung, Daseinsvorsorge und Medien
sollen jeweils die Betroffenen in Konventen mit Entscheidungsbefugnis
zusammentreten. Branchenbezogene Kooperationsausschüsse ersetzen die
bisherige Konkurrenz durch gemeinsame Maßnahmen zur Entwicklung ihrer
Branche im Sinne des Gemeinwohls.

Und die Praxis?

Immerhin gibt es einige, vor allem kleinere Unternehmen, die nun mit der
Gemeinwohl-Bilanzierung beginnen. Es bleibt abzuwarten, ob sie aufgrund
dessen reale Änderungen einführen, oder sich nur mit dem neuen
Instrumentarium marketingstrategisch besser darstellen, und welche
gesellschaftspolitische Relevanz sie damit entfalten können.

Unangenehm aufgestoßen ist mir das häufige und undifferenzierte »wir«
und »unser«, weil ich es gewohnt bin, nach Interessenlagen zu
differenzieren. Aber in sich ist die Argumentation des Autors schlüssig,
denn er geht davon aus, dass eine solche Wirtschaft das Leben für alle
verbessern würde, auch für diejenigen, die ihre materiellen Privilegien
verlieren. Die potentiell totalitäre Dominanz der Interessen der
Gemeinschaft über die Interessen Einzelner reflektiert Christian Felber
in diesem Buch nicht.

Wenn der vom Autor eingeführte neue Trinkspruch »Zum Gemeinwohl«
wenigstens in einem kleinen Teil der Unternehmenslandschaft eine sozial,
ökologisch und basisdemokratisch verbesserte Unternehmenskultur
andeutet, wäre immerhin schon etwas gewonnen.

Elisabeth Voß

Christian Felber: Gemeinwohl-Ökonomie. Das Wirtschaftsmodell der
Zukunft, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2010, 144 Seiten, 15,90 EUR

Kasten:

Gemeinwohl-Ökonomie online

»Die ‘Gemeinwohl-Ökonomie’ ist tendenziell eine Form der
Marktwirtschaft, in der jedoch die Motiv- und Zielkoordinaten des
(privaten) unternehmerischen Strebens ‘umgepolt’ werden – von
Gewinnstreben und Konkurrenz auf Gemeinwohlstreben und Kooperation.«

Diese Idee hat aktuell (Februar 2011) 440 UnterstützerInnen, darunter
190 Unternehmen, die größten sind die Sparda Bank München mit 650 und
die KWB – Kraft und Wärme aus Biomasse GmbH in St. Margarethen
(Österreich) mit 300 Beschäftigten, jedoch auch viele einzelne
Selbstständige.

gemeinwohl-oekonomie.org

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