Liebe Freunde der Ersatzstadt,
Die ErsatzStadt geht in die vierte Runde. Mit Rio de Janeiro und Buenos Aires beschäftigt sich „City of COOP“, die erste Veranstaltung in der 4. Staffel des ErsatzStadt-Projekts der Volksbühne. Dazu möchten wir Sie herzlich einladen und bitten, den Termin weiter zu verbreiten:
City of COOP
Ersatzökonomien und
städtische Bewegungen
in Rio de Janeiro und Buenos Aires
Fr. 7. - So. 9.
November
im Prater der Volksbühne, Kastanienallee 7-9, Berlin
Freitag ab 20 Uhr, Samstag und Sonntag ab 15 Uhr
Schwerpunkt des Themenwochenendes sind die in den Favelas von Rio und in Buenos Aires nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch 2001 entstandenen Projekte, die Kulturproduktion, Sozialarbeit und Überlebenskampf mit politischem Protest kombinieren. Mit Filmen, Diskussionen, Performances und Musik beschreiben die eingeladenen AktivistInnen, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen ihre Projekte und die Situation in den beiden lateinamerikanischen Städten. Themen der Gespräche sind z.B. Repräsentation von Favela im Film, Kollektive und autonome Medien und Stadtentwicklung, marginale Räume, Öffentlichkeiten, soziale Bewegungen. Eingeladen sind u.a. Ivana Bentes, Filmkuratorin und Professorin an der Universität von Rio de Janeiro und Andres di Tella, Leiter des Unabhängigen Filmfestivals in Buenos Aires, DJs des Radios „La Tribu“ aus Buenos Aires und Mitglieder der Nähkooperative COOPA ROCA aus der größten Favela Rios. Näherinnen der Coopa Roca arbeiten schon vor der Veranstaltung in einem zehntägigen Workshop mit der Kostümschneiderei der Volksbühne. Die Ergebnisse des Workshops werden vom 2.-9. November im Glaspavillon der Volksbühne ausgestellt und in einer Performance auf der Praterbühne am 9.11. präsentiert.
Ein detailliertes Programm folgt unten und findet sich auf www.ersatzmedia.info . Für weitere Informationen stehe auch ich gerne zur Verfügung (Ferdinand Muggenthaler, Öffentlichkeitsarbeit ErsatzStadt, Telefon: 030-440373-62, e-mail: info@...).
Mit freundlichen Grüßen
Ferdinand Muggenthaler
(Öffentlichkeitsarbeit ErsatzStadt)
City of COOP- Das Programm
Fr., 7.11.
Kinosaal
20 Uhr Filmpremiere von AK KRAAK: "Mate, Ton und Produktion. Zanon - eine Fabrik unter Arbeiterkontrolle". Ein Dokumentarfilm über eine besetzte Fabrik in der argentinischen Provinz Neuquén. Mit anschließender Diskussion
Sa., 8.11.
Kinosaal
15 Uhr
Das Copyright des Elends und das Bild als
Kapital.
Vortrag von Ivana Bentes
16-18:30 Uhr Filme zu Rio de Janeiro, ausgewählt und moderiert von Ivana Bentes. Gezeigt werden: Casa de Cachorro, Onde a Coruja Dorme, Soldado do Morro, Notícias de uma Guerra Particular
18:45 Uhr O Invasor
20:45 Uhr Boca do Lixo, Atrocidades Maravilhosas
22:15 Uhr Diário de um Detento, Notícias de uma Guerra Particular (Wdh.)
Zelt in der Praterbühne
19 Uhr Ersatzkulturen. Gespräch über die Repräsentation der Favela in der städtischen Gesellschaft mit Dietmar Starke (Célula Urbana), Isabel Martins (Rede CCAP) und Ivana Bentes. Moderation: Ute Hermanns
20:30 Uhr Ersatzökonomien. Gespräch über Solidarische Ökonomien mit María Teresa Leal (Coopa-Roca) und Pepe Córdoba (Nuevo Rumbo). Moderation: Stephan Lanz
22 Uhr FruFru de Escada. Präsentation Coopa-Roca
Bühne
15-22 Uhr Applikationsservice. Bring your shirts! Coopa-Roca veredeln mitgebrachte und eigene Stoffe mit Applikationen aus FruFru, Nozinho, Fuxico oder Crochet.
Hinterbühne
15-18 Uhr
Die Projekte aus Buenos Aires stellen sich vor:
15 Uhr Mutual Sentimiento, 16 Uhr Nuevo Rumbo, 17 Uhr La Tribu/La Colifata
15-23 Uhr Infostände der beteiligten Organisationen und Videosichtplätze mit Materialen und Dokumentationen zu den Projekten und Städten
So., 9.11.
Kinosaal
15-18:30 Uhr Filmprogramm zu Buenos Aires, moderiert und zusammengestellt von Andrés Di Tella. Gezeigt werden: Gustavo Benedetto presente!; Compañero piquetero cineasta; El bonaerense
18:30 Uhr Obreras sin patrón
19:00 Uhr Yo no sé qué me han hecho sus ojos
20:15 Uhr Matanza
21:45 Uhr El bonaerense (Wdh.)
Zelt
18:30 Uhr Soziale Bewegungen in Buenos Aires nach dem Zusammenbruch des neoliberalen Modells. Vortrag von Myriam Pelazas
19:30 Uhr Ersatzgesellschaften. Gespräch über Kulturproduktion und Bürgerrechte, Sozialarbeit und politischen Aktivismus mit Micheli Sobral (Grupo Clutural Afro Reggae) und Graciela Draguicevich (Asociación Mutual Sentimento). Moderation: Myriam Pelazas
20:30 Uhr Ersatzmedien. Gespräch über autonome und kollektive Medien mit Marcio de Souza (aTreVer) und Ximena Tordini (La Tribu)
21:30 Uhr Ersatzstädte. Abschlussdiskussion über marginale Räume, soziale Bewegungen und städtische Öffentlichkeiten in Buenos Aires und Rio de Janeiro mit Dietmar Starke, Graciela Draguicevich, Isabel Martins, Ivana Bentes, Myriam Pelazas, Ximena Tordini. Moderation: Max Welch Guerra
Bühne
15-22 Uhr Applikationsservice. Bring your shirts! Coopa-Roca veredeln mitgebrachte und eigene Stoffe mit Applikationen aus FruFru, Nozinho, Fuxico oder Crochet.
Hinterbühne
15 – 18 Uhr
Die Projekte aus Rio de Janeiro stellen sich
vor:
15 Uhr Grupo Cultural Afro Reggae, 16 Uhr Rede CCAP, 17 Uhr Célula Urbana
15 - 23 Uhr Infostände der beteiligten Organisationen und Videosichtplätze mit Materialen und Dokumentationen zu den Projekten und Städten
Bastard
18 Uhr Un grito para Buenos Aires. Audio-Kino von La Tribu
23 Uhr Musik aus Buenos Aires und Rio de Janeiro. Präsentiert von DJ Banhon und DJ agapê
Die Veranstaltung findet im Prater, Kastanienallee 7-9, U2 Eberswalder Straße, Bus 157, Tram 13/20/50/53 statt.
Eintritt: Fr: 3 Euro, Sa oder So 5 Euro/3 Euro erm., Sa und So: 8 Euro
Das Kartentelefon: 2476772 oder 2477694 oder 24065662, Fax: 24065631; E-mail: ticket@.... Informationen: www.ersatzmedia.info
City of COOP
Ersatzökonomien
und städtische Bewegungen
in Rio de Janeiro und Buenos Aires
Die Kooperative ist Ersatz für den regulären Arbeitsmarkt, Ersatz für staatliche Unterstützung, Ausdruck politischen Protests. Krise und Armut machen informelle Strukturen überlebensnotwendig. Es bilden sich Ersatzstädte in, neben und gegen die offizielle Stadt.
Rio ist Samba und Karneval. So will es das Klischee. Die Kultur, die Touristen mit Rio verbinden, ist ein Produkt der Illegalität, der Favelas. Jahrelang versuchte der Staat, die illegalen Armutssiedlungen zu räumen, die Bewohner in Vororte umzusiedeln – vergeblich. Die Favelas sind längst mehr als aus der Not geborener Ersatz, sie sind hochproduktiver Teil der städtischen Ökonomie. Inzwischen beginnt die Stadtverwaltung, einige der Favelas in die offizielle Infrastruktur einzubinden. Andererseits haben sich dort zahlreiche Projekte gegründet, die Kulturproduktion, Sozialarbeit und Überlebenskampf mit politischem Protest kombinieren.
Was ist Buenos Aires? Lang galt es als europäische Metropole in Lateinamerika. Ein funktionierender Sozialstaat ersparte der Stadt die Slums anderer südamerikanischer Städte. Im Dezember 2001 brach nach einem Jahrzehnt neoliberaler Politik die Wirtschaft Argentiniens zusammen. Die schlagartige Verarmung führte in eine vorrevolutionäre Situation, Massenproteste stürzten innerhalb von zwei Wochen mehrere Präsidenten. Mit Stadtteilversammlungen, Kooperativen, Tauschringen und Fabrikbesetzungen versuchten die Menschen, das Überleben zu organisieren und Alternativen zum neoliberalen Kapitalismus zu fordern.
ErsatzStadt (Kuratorenteam metroZones) hat Menschen aus den Ersatzökonomien von Buenos Aires und Rio de Janeiro eingeladen, analysiert das Spannungsfeld von formeller Stadt und selbst organisierten Strukturen, bringt alternative Produktionsformen auf die Bühne. Filme, Gespräche und Performance, eine Ausstellung und Musik mit AktivistInnen, FilmemacherInnen und WissenschaftlerInnen aus Rio de Janeiro und Buenos Aires.
Die Filme
Filme zu Rio de Janeiro
Atrocidades Maravilhosas
(„Wunderbare Abscheulichkeiten“)
Von Renato Martins, Lula Carvalho und Pedro Peregrino.
Dokumentarfilm. 2002. 18 min
Protagonisten sind die Stadt Rio de Janeiro und ihre Künstler. Ein ästhetisch-urbaner
Eingriff im Namen der Freiheit, sich die Stadt anzueignen, sie neu zu
erschaffen und sie mit eigenen Zeichen zu versehen.
Boca do Lixo (“Müllhalde”)
Von Eduardo Coutinho. Dokumentarfilm. 1992. 54 min.
Eduardo Coutinho drehte diesen Film auf der Mülldeponie Itaóca in São Gonçalo,
etwa 40 km außerhalb von Rio de Janeiro. Jenseits der verbreiteten Stereotype
werden die Müllsammler als stolze Menschen portraitiert, die mit ihrer Arbeit
auf der Müllhalde ein Weg aus dem Elend gefunden haben.
Casa de Cachorro (“Hundehütte”)
Von Thiago Villas Boas. Dokumentarfilm. 2003. 27 min.
Gezeigt wird eine Favela neben der Marginal,
der größten Verkehrsader São Paulos, deren Bewohner Hundehütten bauen. Sie
leben unter dem Viadukt des staatlichen Lager- und Verteilunternehmens für
Lebensmittel Ceagesp, einem
ungesunden, schmutzigen Ort. Doch für die Bewohner, die mehrheitlich aus dem
Nordosten Brasiliens auf der Suche nach einem würdigen Leben nach São Paulo
gekommen sind, ist ein Traum in Erfüllung gegangen: eine Arbeit. Der Ort
versorgt sich selbst, es gibt eine kleine Schreinerei mit Sägen und dem notwendigen Material für das
Anfertigen der Hütten.
Diário de um Detento („Tagebuch eines Häftlings“)
Von Maurício Eça. Videoclip. 1998. 10 min.
Der Videoclip der Rap-Gruppe Racionais MCs
berichtet über das 1992 von der Militärpolizei durchgeführte Massaker an den
Häftlingen im Abschnitt Pavilhão 9 des Gefängnisses Carandiru in São Paulo. Der
Text basiert auf dem Bericht eines überlebenden Häftlings, der in seinem
Kalender die Ereignisse, die 111 Gefangenen das Leben kostete, festgehalten
hat.
Notícias
de uma Guerra Particular („Nachrichten
von einem persönlichen Krieg“)
Von João Moreira Salles und Kátia Lund. Dokumentarfilm. 1998. 57 min.
Die Ordnung der Favelas in Rio de Janeiro verändert sich unter der Herrschaft
des Drogenhandels. Polizisten, Regierungsvertreter, Sozialwissenschaftler und
Drogenhändler beschreibenden den „Bürgerkrieg“, der tagtäglich in
den Favelas geführt wird, aus ihrer jeweiligen Sicht.
O Invasor („Der
Eindringling“)
Von
Beto Brant. Spielfilm. 2002. 97 min.
Der Film
beschreibt die Beziehung von korrupten und erfolgreichen Bauunternehmern in São
Paulo und einem bedrohlichen und verführerischen Banditen, der die Peripherie
verlässt und sich in der Wohnung der Unternehmer festsetzt.
Onde a Coruja Dorme („Wo
die Eule schläft“)
Von Márcia
Derraik und Simplício Neto. Dokumentarfilm. 2001. 14 min.
Ein musikalisch formuliertes politisches Zeugnis vom Widerstand der Bewohner
der Favelas in Rio de Janeiro und der Baixada Fluminense, der sich in Sambas
ausdrückt, die von Arbeitern und unbekannten Komponisten verfasst und von
Bezerra da Silva zusammengetragen wurden.
Soldado
do Morro (“Favela-Soldat”)
Von Roberto Oliveira. Videoclip.
2000. 10 min.
Der Rapper MV Bill aus Rio de
Janeiro erzählt aus der Perspektive eines kleinen Drogenhändlers seine Version
von Gewalt und Alltag in den Favelas. Dem Clip wurde vorgeworfen, das
organisierte Verbrechen zu verherrlichen. Er zeigt Kinder aus den Favelas mit Waffen
und beim Drogenverkauf und macht sichtbar, wie der Drogenhandel den Raum von
Staat und Politik einnimmt.
Filme zu Buenos Aires:
Compañero piquetero cineasta ("Genosse Piquetero Cineast")
Von Tino, einem Piquetero
der MTD. 2002. 14min.
Studenten der Nationalen Filmakademie schlossen sich zu einem der vielen
Filmkollektive zusammen, die während des Zusammenbruchs 2001 in Argentinien
entstanden. In einem Experiment gaben sie die Kamera einem jungen Arbeitslosen,
einem “Piquetero”. Es entstand ein einfaches aber überraschend
poetisches und subjektives Portrait seiner Umgebung.
El
bonaerense
Von Pablo Trapero. 2002. 98 min.
Ein Schlosser und ein Teilzeit-Ganove treten in die berüchtigte Polizeieinheit „La
Bonaerense“ ein. Ein Spielfilm, der die Realität der armen Vororte von
Buenos Aires eindringlicher beschreibt als jeder Dokumentarfilm.
Gustavo Benedetto presente!
Von Avi Lewis / Naomi Klein. 2002. 25 min.
Gustavo Benedetto, Angestellter eines Supermarkts, verliert seinen Job, nachdem
seine Arbeitsstelle in den Hungerkrawallen von 2001 geplündert wird. Daraufhin
entscheidet er sich, an den Straßenprotesten in der Innenstadt teilzunehmen und
wird von einer Polizeikugel getötet. “Jedes Opfer der Polizeirepression
verdient, dass seine Geschichte erzählt wird”, sagt Naomi Klein, die
zusammen mit ihrem Mann Avi Lewis diese Dokumentation gedreht hat.
Matanza
Von Nicolás Batlle, Rubén Delgado, Fernando Menéndez und Emiliano Penelas.
2001. 73 min.
Das Portrait einer Familie aus La Matanza, einem der ärmsten Vororte von Buenos
Aires. Geplagt von Arbeitslosigkeit und Armut kämpfen sie für ihre
grundlegenden Rechte.
Obreras sin patrón (“Arbeiterinnen ohne Chef”)
Vom Filmkollektiv Kino
Nuestra Lucha. 2003. 20 min.
Die Brukman Textilfabrik in Buenos Aires wird besetzt und von ihren vor allem
weiblichen ArbeiterInnen wieder in Gang gesetzt – eine von vielen von
ihren ArbeiterInnen im Laufe der Krise in Argentinien übernommenen Fabriken.
Die Polizei räumt die Fabrik immer wieder, aber die „Arbeiterinnen ohne
Chef“ geben nicht auf und halten die Produktion am laufen.
Yo
no sé qué me han hecho sus ojos (“Ich weiß nicht, was seine Augen mit mir
gemacht haben.”)
Von Sergio Wolf und Lorena Muñoz. 2003, 70 min.
Mit der faszinierenden Geschichte
von Ada Falcón, der großen Tangosängerin, die sich auf dem Gipfel ihres
Erfolges in ein Kloster zurückgezogen hat, lässt der Film den Geist der
Hauptstadt des Tangos wieder aufleben. Ein Geist der unwiederbringlichen Vergangenheit,
der immer noch durch Buenos Aires spukt.
Alle Filme laufen in der Originalsprache mit deutschen oder englischen Untertiteln.
Die Gespräche
Sa 15 Uhr: Das Copyright des Elends und das Bild als Kapital. Ivana Bentes spricht über die Geschichte der Repräsentation der Armut und der Favelas im brasilianischen Film.
Sa 19 Uhr: Ersatzkulturen. Dietmar Starke, Isabel Martins und Ivana Bentes sprechen über die Repräsentation der Favela in der Gesellschaft Rio de Janeiros. Stets wurde das Wissen über die Favelas vom Blick aus der bürgerlichen Stadt dominiert. Inzwischen setzen AktivistInnen und kulturelle ProduzentInnen aus den Favelas dieser diskriminierenden, fremd gesteuerten Repräsentation eine eigene Deutung ihres Alltags entgegen.
Sa 20:30 Uhr: Ersatzökonomien. María Teresa Leal von Coopa-Roca aus Rio de Janeiro und Pepe Córdoba von Nuevo Rumbo aus Buenos Aires sprechen über ihre unterschiedlichen Strategien beim Versuch, ökonomische und soziale Ausgrenzung zu durchbrechen. Beide Projekte begnügen sich nicht mit dem billigen Verkauf marginalisierter Arbeitskraft, sondern versuchen, dem neoliberalen Imperativ eigene, solidarisch funktionierende Kooperativen entgegenzusetzen.
So 18:30 Uhr: Soziale Bewegungen in Buenos Aires nach dem Zusammenbruch des neoliberalen Modells. Eine Einführung von Myriam Pelazas.
So 19:30 Uhr: Ersatzgesellschaften. Die Keimzelle der Asociatión Mutual Sentimiento lag im Widerstand gegen die argentinische Militärdiktatur, die Kulturinitiative Grupo Cultural Afro Reggae gründete sich aus Anlass eines polizeilichen Massakers in einer Favela Rio de Janeiros. Graciela Draguicevich und Micheli Sobral sprechen darüber, wie ihre Projekte angesichts eines repressiven Staates Kulturproduktion und Bürgerrechte, öffentliche Gesundheit und Antirassismus, Sozialarbeit und politischen Aktivismus verknüpfen.
So 20:30 Uhr: Ersatzmedien. Marcio de Souza von aTreVer (Rede CCAP), einem kommunitären Fernseh- und Videoprojekt in Rio de Janeiro und Ximena Tordini, vom freien Radio und autonomen Kulturzentrum La Tribu in Buenos Aires sprechen über ihre Strategien beim Aufbau autonomer Medien für und von marginalisierten Stadtvierteln und sozialen Bewegungen.
So 21:30 Ersatzstädte. Abschlussdiskussion über marginale Räume, soziale Bewegungen und städtische Öffentlichkeiten in Buenos Aires und Rio de Janeiro mit Dietmar Starke, Graciela Draguicevich, Isabel Martins, Ivana Bentes, Myriam Pelazas und Ximena Tordini. Moderation Max Welch Guerra.
Sa/So 15-18 Projektvorstellungen
Alle beteiligten Projekte stellen sich einzeln mit Vorträgen und Filmausschnitten vor. Anschließend ist Zeit nachzufragen.
Alle Vorträge und Diskussionen werden ins Deutsche übersetzt.
Die Performances
Applikationsservice
Die Kooperative Coopa-Roca ist spezialisiert auf Knüpf- und
Häkeltechniken, die so hergestellten Materialen heißen FruFru, Nozinho, Fuxico
und Crochet. Die Frauen von Coopa-Roca beliefern damit normalerweise
renommierte Modedesigner. In Berlin kann sich jeder und jede mitgebrachte oder
vorbereitete Kleidungsstücke verschönern lassen.
Performance
und Präsentation mit Coopa-Roca
Vier Frauen aus der brasilianischen Kooperative arbeiten schon vor der Veranstaltung
in einem zehntägigen Workshop mit der Kostümschneiderei der Volksbühne. Die
Ergebnisse dieses Workshops und des Applikationsservices werden unter der Regie
von Hermann Hiller von Tänzern und dem Publikum zu einer Soundcollage
präsentiert.
Un
grito para Buenos Aires - Audiokino von La Tribu.
Das Radioprojekt sendet von der Bühne Töne und Bilder und
beamt das Publikum in die Straßen von Buenos und zurück in der Zeit, zur Krise im Dezember 2001 und den
Aktionen der Piqueteros.
DJ-Battle
Zum Abschluss treffen die beiden Metropolen auch musikalisch in einem Clubabend aufeinander: Wenn DJ Banhon vom argentinischen Radiokollektiv La Tribu und DJ agapê von respect.brazil zur DJ-Battle mit Latin Classics und den neuesten Rhythmen aus Buenos Aires und Rio de Janeiro antreten, kann der Wettstreit um die gewagtesten Bewegungen auf der Tanzfläche beginnen.
Die Ausstellung
2.-9. November im Glaspavillon an der Volksbühne
Ausgestellt werden tägliche Updates der Produktionen aus dem Workshop von Coopa-Roca mit der Kostümschneiderei der Volksbühne.
Die beteiligten Projekte und Personen
AK Kraak produziert seit 1990 ein Videokassettenmagazin und Dokumentarfilme. Das Berliner Kollektiv will Teil eines weltweiten sozialen Aufbruchs zu medialer Selbstbestimmung sein.
Andrés Di Tella ist Regisseur zahlreicher Dokumentarfilme und gründete 1999 das Internationale Festival des unabhängigen Films in Buenos Aires und leitet zurzeit das Princeton Documentary Festival in den USA.
Die Asosiación Mutual Sentimiento gründete sich 1998 in Buenos Aires. Sie ging hervor aus einer Gruppe ehemaliger politischer Gefangener und Exilierter, die im Widerstand gegen die Militärdiktatur aktiv waren. Ziel war ein solidarisches Netzwerk aufzubauen, das den Prinzipien der Gegenseitigkeit und einem sozialen, alternativen Wirtschaften verpflichtet ist. Die Asosiación betreibt und unterstützt verschiedene selbst verwaltete Projekte wie das Kulturzentrum “La Estación”, ein Gesundheitsprojekt und eine organische Gärtnerei.
Célula Urbana ist ein Modellprojekt in der Favela Jacarezinho in Rio de Janeiro, das von der Stadtverwaltung gemeinsam mit dem Bauhaus Dessau entwickelt wird. Jacarezinho ist mit 60000 Bewohnern die zweitgrößte Favela in Rio. Die Grundidee des Modellprojektes, das auf die Mitarbeiter der Stadtverwaltung Rio de Janeiros, die Planer Lu Petersen und Dietmar Starke zurückgeht, ist, die in der Favela gewachsenen Strukturen sowie die Favela-Architektur als etwas Entwicklungsfähiges anzuerkennen. Kern ist die „urbane Zelle“, in der Lösungen für prototypische, in der gesamten Favela anwendbare städtebaulich-architektonische Eingriffe vorgeschlagen werden, die punktuell und in Selbstorganisation vorgenommen werden können. Parallel dazu wird die Errichtung einer „Taba universitaria“ vorgeschlagen. Dieses internationale Zentrum für Projekte in Armutsgebieten verfolgt einen Bildungsauftrag gegenüber den FavelabewohnerInnen und soll den internationalen Austausch im Umgang mit solchen Gebieten fördern.
Coopa-Roca ist eine Kooperative in Rocinha, der größten Favela von Rio de Janeiro. Ein Jahr nach der Gründung, 1982, arbeiteten acht Frauen in Coopa-Roca. Die Zahl der Mitglieder wuchs langsam auf 16 im Jahr 2000. Sie verwendeten gespendete und gesammelte Stoffreste als Rohmaterial und verkauft sie zunächst vor allem auf lokalen Märkten. Inzwischen sind über 100 Frauen beteiligt. Das rasante Wachstum wurde möglich, weil des der Kooperative gelang, ihre Produkte an international renommierte Modedesigner zu verkaufen. Hochwertige Stoffe wollen zwar die Textilhersteller aus Sicherheitsgründen nach wie vor nicht nach Rocinha liefern, aber die Kooperative darf sich z.B. gespendete Seidenreste selbst abholen. So kommt es, dass in Rocinha veredelte Stoffreste inzwischen von Models auf den Laufstegen von Rio, London und Paris getragen werden.
Dietmar Starke ist Stadtplaner und arbeitet für die Stadtverwaltung von Rio de Janeiro. Zusammen mit Lu Petersen hat er das Konzept für das Modellprojekt „Célula Urbana“ in der Favela Jacarezinho entwickelt und arbeitet zusammen mit der Stiftung Bauhaus Dessau an dessen Realisierung.
ErsatzStadt wirft ein ungewohntes Licht auf die Stadt, bringt städtische Widersprüche auf die Bühne. Gilt dem europäischen Stadtbürgertum ein urbanes Leben abseits regulierter Normen als tendenziell anarchisch, zeigen sich jenseits dieser ‚Civitas' konträre Normalitäten: Dem irregulären städtischen Leben der Selbstbau-Siedlungen steht häufig staatliche Repression, private Kontrolle, mafiöse und bürgerkriegsförmige Gewalt gegenüber. Das Bild der "europäischen Stadt" blendet aus, dass "Drittweltstädten" zugeordnete Phänomene wie multinationale Zuwanderung, informelle Märkte und andere Armuts-Ökonomien längst in europäischen Städten existieren. Die ErsatzStadt bildet gleichsam das virtuelle Gegenstück der existierenden Europäischen Stadt. Dabei thematisiert sie öffentliche und private Räume zwischen illegaler Landbesetzung, privatisiertem Konzernland und ‚Gated community' und greift dabei auf Erfahrungen und Lebensweisen in verschiedenen globalen Metropolen zurück.
Esteban Lannutti ist Mitglied im Leitungsgremium von La Tribu, Tontechniker, Musikredakteur und DJ Banhon, Künstler und Radioproduzent.
Graciela Draguicevich hat die Asociación Mutual Sentimiento mitgegründet und ist im Moment Präsidentin des Projekts.
Grupo Cultural Afro Reggae arbeitet seit 1993 in den Favelas Vigário Geral, Cantagalo - Pavão - Pavãozinho und Parada de Lucas in Rio de Janeiro mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Familien. Angeboten werden Tanz, Perkussion, Theater, Capoeira, Zirkus-, Video- und Informatik-Kursen, Musik, Ausbildung von Gruppen und jungen Führungspersönlichkeiten für die Arbeit in den Favelas. Ziel ist die Stärkung und Verbreitung der Kultur afrikanischen Ursprungs, die Bildung und Ausbildung. Konkret heißt das auch, den Jugendlichen einen Weg aus Drogenhandel, fehlenden Freizeitbeschäftigungen und Arbeitslosigkeit aufzuzeigen und zu ermöglichen.
Hermann Hiller lehrt Architektur und Städtebau an der Akademie der Bildenden Künste in München und gestaltete 2001 in Rio de Janeiro das Projekt „Die Kultur der Favela“.
Isabel Martins ist Mitarbeiterin in dem kommunitären Fernsehprojekt aTreVer. aTreVer ist Teil des Netzwerks Rede CCAP in Rio de Janeiro.
Ivana Bentes ist Kulturwissenschaftlerin, Filmkuratorin und Dozentin für Film an der Universidade Federal do Rio de Janeiro.
La Colifata ist ein Radioprojekt von Patienten und ehemaligen Patienten der städtischen psychiatrischen Klinik Dr José T. Borda in Buenos Aires. Das Programm hat nicht nur große therapeutische Effekte, sondern stärkt auch den Dialog zwischen den “Colifatos” und dem Rest der Gesellschaft.
La Tribu ist ein unabhängiges Medien- und Kulturprojekt in Buenos Aires. 1989 ging das Radio FM La Tribu auf Sendung. Angeboten wird außerdem eine öffentliche Bibliothek, eine Bildungszentrum, ein Aufnahmestudio und Internet Service. Seit 14 Jahren arbeitet das La Tribu-Kollektiv an Projekten ohne Gewinnabsichten und versucht, unabhängige soziale Räume zu schaffen und Bedingungen für ein besseres, gerechteres Leben zu schaffen.
Marcio de Souza ist Mitarbeiter von aTreVer, einem kommunitären Fernseh- und Videoprojekt in Rio de Janeiro, das wiederum Teil des Rede CCAP ist.
María Teresa Leal ist Sozialwissenschaftlerin. Sie studierte an der Universität in Rio de Janeiro bei Paulo Freire. Sie suchte nach einem Weg, Freires Bildungsideen in den Favelas anzuwenden und gleichzeitig die ökonomischen Schwierigkeiten der Frauen, die sie dort traf, zu lösen. Ergebnis war die Kooperative Coopa-Roca, für die sie bis heute aktiv ist.
Max Welch Guerra floh 1974 aus Chile nach Deutschland. Er ist Professor für Raumforschung, Raumplanung und Raumentwicklung an der Bauhaus Universität Weimar. 2001/2002 leitete er den Walter-Gropius-Lehrstuhls an der Universidad de Buenos Aires.
Micheli Sobral ist Koordinatorin des „Núcleo do Cantagalo“, einem der vier Aktionszentren von Grupo Cultural Afro Reggae. Sie arbeitet mit Jugendlichen der Favela Cantagalo in zwei Projekten: „Projeto Levantando a Lona“, in dem Zirkustechniken gelehrt werden und „Programa Jovens Escolhas“, in dem ein professionelles Produktionsteam für eigene Dokumentationen ausgebildet wird.
Myriam Pelazas lehrt argentinische und lateinamerikanische Geschichte an der Universität von Buenos Aires. Sie ist Mitarbeiterin von "Apuntes del Futuro" (Stichworte der Zukunft), einer Zeitschrift für Kultur und Politik, und wissenschaftliche Beraterin der Fraktion "Piquete Socialista" im Stadtparlament von Buenos Aires.
Nuevo Rumbo ist eine Kooperative von Kartonsammlern, die wieder verwertbaren Müll in Lomas de Zamora, einem Vorort von Buenos Aires sammeln. Mehr als 400 ”cartoneros” sind an dem Projekt beteiligt, dessen Hauptziel es ist, die Recycling-Kleinstunternehmen zu unterstützen. Auf dem Gelände von Nuevo Rumbo werden schon jetzt jeden Monat zwischen 250 und 300 Tonnen Plastik, Glas, Papier, Metall und Karton gesammelt und für den Verkauf aufbereitet.
Pepe Córdoba ist Präsident der Kooperative Nuevo Rumbo. Bevor er sich am Aufbau von Nuevo Rumbo beteiligte, war er Besitzer eines kleinen Textilunternehmens, das nach dem Öffnen der Grenzen für Importe seine Tore schließen musste.
Rede CCAP ist ein Netzwerk verschiedener selbständig geführter Projekte aus den Favelas Manguinhos, Lagartixa und Pedreira in Rio de Janeiro. Sein Ziel ist es, den marginalisierten Gruppen eine Stimme zu verleihen. Die beteiligten Projekte sind Bewohnerinitiativen mit verschiedenen Schwerpunkten (z.B. Aufbau eines Fernsehprogramms, Erwachsenenbildung, Rechtshilfe), deren gemeinsames Ideal eine sozial gerechte und eigenständige Entwicklung ist.
Ute Hermanns ist Brasilianistin, Übersetzerin und Dolmetscherin und lehrt an der Freien Universität Berlin.
Ximena Tordini ist Mitglied im Leitungsgremium von La Tribu, Spezialistin im Organisieren von alternativen Projekten, Dozentin und Erforscherin autonomer politischer Praktiken und alternativer Kommunikation.
City of COOP wird unterstützt vom Goetheinstitut Rio de Janeiro. ErsatzStadt ist ein Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Volksühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Weitere Informationen www.ersatzmedia.info.
City of COOP: Konzept: Stephan Lanz, Jochen Becker (metroZones) / Assistenz (metroZones): Katja Reichard / Leitung Workshop & Konzept Präsentation Coopa Roca: Hermann Hiller / Übersetzung: Marcel Vejmelka, Ute Hermanns / Gästebetreuung: Thomas Bodenschatz, Nele Harlan, Axel Lischke, Florence Poppe / ErsatzStadtBüro: Organisationsleitung: Ellen Hofmann / Produktionsleitung: Katharina von Wilcke / Dramaturgie Volksbühne: Christoph Gurk / Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Ferdinand Muggenthaler / Assistenz: Jenny Helch / Projektkoordination Buenos Aires: Alejandra Lopez / Mit vielem Dank an die Mitarbeiter im Prater und die Damen- und Herrenschneiderei in der Volksbühne: Technischer Direktor: Stefan Pelz / Theatermeister: Andreas Speichert / Bühnentechnik: Olaf Streck / Video: Lisa Böffgen / Ton: Martin Renning / Licht: Frank Novak / Requisite: Eike Grögel / Kostümdirektion: Ulrike Köhler / Herrengewandmeister: Udo Höft.
Ersatzstadt wird in wechselnden Präsentationen von zwei Kuratorenteams, metroZones (Jochen Becker, Stephan Lanz) und Tulip House (Anselm Franke, Hannah Hurtzig) realisiert.
ErsatzBüro, Kastanienallee 7-9 , Telefon: 030 44037362, info@..., www.ersatzmedia.info
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demnaechst:
Kabul/Teheran: 1979 ff
Filmlandschaften,
überforderte Stadtentwicklung und Migration
Filme
und Vorträge vom 5. – 14. Dezember 2003