Gestern haben wir tatsächlich nur zwei Verse behandelt, deren
Ergebnisse aber wert sind, festgehalten bzw. weitergegeben zu werden.
Danke, Andreas, für Deine Notizen!
Zu Vers 11:
Eine Bändigung ("musar", Lieblingswort von Salomo schon 1,2.3.7.8) des
(vom) HERRN wirst du, mein Sohn, doch nicht verschmähen (verwerfen,
Gegenteil von "bachar" = erwählen) und du wirst doch nicht überdrüssig
werden (von "koz", woher tatsächlich kotzen, zum Kotzen finden
herkommt, http://de.wiktionary.org/wiki/kotzen) gegenüber seiner
Zurechtweisung / Korrektur (s. 1,23, sym, syno)
Zu Vers 12:
Denn denjenigen, den der HERR lieben wird (Imperfekt bzw. Futur oft
unbeachtet, den wird er (auch) zurechtweisen / korrigieren ("jachach",
richten lassen, Hifil) und wird ihn doch gütig behandeln /
wohlgefällig aufnehmen / ihm wohlgesonnen sein ("raza", vgl. Spr.16,7,
Gen.33,10; Deut.33,11; Ps.44,4; 85,2; Koh.9,7) wie ein Vater einen /
einem Sohn
"raza" wäre mit "be" = Wohlgefallen haben an (intransitiv); hier steht
aber der Akkkusativ und hat damit die transitive Bedeutung
"wohlgefällig aufnehmen", "gütig behandeln"
In der Septuaginta ist "mastigoi" = geißelt eingefügt, während das
"we" und weggelassen worden ist.
Dadurch fehlt dem parallel geführten zweiten Halbsatz das
einschränkend und adversativ gebrauchte "und"
Das Ergebnis ist, dass die hier gar nicht erwähnte Prügelstrafe als
logische Folge des freundlichen Annehmens erscheint, während obige
Übersetzung zwar die korrigierende Erziehungsmaßnahme erwähnt, sie
aber in den Kontext väterlicher Zuwendung und entsprechenden
Maßhaltens stellt. Im Hebräischen Text steht also nicht, dass der
Vater jeden Sohn, den er freundlich annimt, verprügelt, sondern dass
er ihn auch bei nötiger Zurechtweisung gütig behandelt.
Das entspricht der Aufforderung von Paulus zum Maßhalten gerade im
Bereich der Erziehung: Eph.6,4 und Kol.3,20 (Väter sollen ihre Kinder
nicht zum Zorn reizen oder sie zu streng behandeln, "damit sie nicht
entmutigt werden")
Der Schreiber des Hebräerbriefes hat im Vers Hebr.12,6 den
Septuagintatext dieses Verses übernommen, der den jüdischen Adressaten
in der Diaspora sicherlich vertraut war. Interessant ist, dass dieses
Zitat nicht eingeführt wird als Schriftbeweis mit der Formel "wie
geschrieben steht", das Wort wird auch nicht Gott in den Mund gelegt,
sondern ist zunächst nur im Hebräischen Teil des inspirierten Buches
von Salomo.
Wenn auch in Hebr.12,6 das Geißeln erwähnt wird, ist wiederum nicht
von der assoziierten Rute die Rede, weshalb durchaus auch
Schicksalsschläge gemeint sein können, die Gott u.U. als
Erziehungsmaßnahme zulässt bzw. schickt.
Zusammenfassung: In vielen Übersetzungen sind also drei Fehler bzw.
Schwachstellen enthalten:
1) Das Imperfekt "jäahaw" wird mit Präsens und nicht Futur übersetzt
2) Das "und" wird im zweiten Halbsatz weggelassen, was die zweite
Aussage (wird gütig behandeln) an die erste (wird zurechtweisen)
anfügt. Die Elberfelder übersetzt z.B:: "den züchtigt er wie ein
Vater den Sohn, den er gern hat" und bezieht "wie ein Vater einen
(ohne Artikel) Sohn" auf das "Züchtigen" des ersten Halbsatz, obwohl
es nach dem "und" steht und auf das Lieben im zweiten Halbsatz
bezogen werden muß. Damit fällt außerdem der antithetische
Paralelismus (wird ihn doch gütig behandeln) des zweiten Halbsatzes
aus der Waagschale.
3) Die transitive Bedeutung von "raza" (gütig behandlen) wird nicht
beachtet und es wird statt dessen intransitiv "Wohlgefallen haben
an" übersetzt.