Nach langer Zeit wenden wir uns in unserem Hebräisch-Kurs mal wieder
einem Propheten zu. Der schlichten (und für uns erholsamen)
Sprachstufe der Thora steht nun die Herausforderung eines
Späthebräisch mit vielen sog. "hapax legomenoi", also nur einmal
vorkommenden Vokabeln, und hier im 7. Kapitel des noch aramäischen
Textes im Buch Daniel gegenüber.
Vereinfacht habe ich einige Besonderheiten des Aramäisch im Vergleich
zum Hebräisch anhand dieser Verse von Daniel 7 skizziert:
1. Bei vielen Worten ist der Konsonanten bzw. Buchstabenbestand (fast)
identisch, jedoch verschiebt sich die Vokalisation oft
von "o" zu "e/ä" bzw. "a" und
von "a" zu "e" und
von "i" zu "a"
wie z.B. von "rosch" zu "resch", "schanah" zu "schenah", "chalom" zu
"cheläm", "schamajim" zu "schemaja", "chaja" zu "chewa", "lajla" zu
"lelja", "basar zu "besar" usw.
2. Am Wortende steht oft statt einem "he" ein "aleph" als "mater
lectionis" (nicht hörbare "Lesemutter") wie in den beiden letzten
Beispielen und beim Plural der Substantive statt "im" ein "in"
3. Das Suffix für die 3.Person Singular "o" (waw) wird zu "e" (he mit
Dageschpunkt).
4. Oft wird an Substantive ein "a" (aleph) angehängt, das an das
Akkusativzeichen "et" (aleph taw) erinnert.
5. Entsprechend zu den unter 1. aufgeführten Lautverschiebungen wird
aus der Konjugation Kal nach dem Muster "pa-al" ein "pe-al",
also z.B. aus dem "cataw" (schreiben) ein "cetaw";
beim Partizip verschieben sich die Vokale von "o" nach "a" wie bei
"aneh" und "chaseh" im Singular und "amrin" (Vers 5) im Plural.
Aus dem Hiphil wird ein Haphel wie bei "megichan",
aus dem Nifal ein Pe-il wie bei "merithu", "nethilat" und "mehiw"
(Vers 4),
aus dem Hithpael ein Hithpaal wie bei "mistacal" (Vers 8)
Doch nun zum Text selbst:
Vers 1
Die Bedeutung der Namen sind:
"Bel-schazar" = Bel (Göttername, der "Gebieter" bedeutet) schirme den
König (entsprechend zu "God save the king")
"Bawel" = nach 1. Mose 11,9 Verwirrung (balal vermischen)
"Daniel" = Mein Richter ist Gott
Das 1. Jahr dieses belegten Königs ist 553 v.Chr.
Da das Wort "resch" in diesem Vers zweimal verwendet wird, liegt
beidemale die Bedeutung "Haupt-, Summe" nahe, also er schaute
"Hauptgesichte" und schrieb die "Haupt-Sache" bzw. "Hauptsache von der
Begebenheit" nieder. Vielleicht hatte Daniel verschiedene Visionen,
diese hier, mit dem der prophetische Teil seines Buches beginnt ist
zweifellos das wichtigste bzw. das Hauptgesicht, auf dem alle anderen
aufbauen und aus dem sie sich entfalten.
Verse 2-3
Die vier Winde sind (wie in Offenbarung 7,1) vier Windrichtungen, also
nicht Geister, was "ruach" ja auch bedeuten kann. Während hier von
vier verschiedenen Tieren die Rede ist, die aus dem (Völker-)Meer
aufsteigen, ist es bei Johannes ein Tier (Off.13,1)
Vers 4
"kadma" ist nicht das erste, sondern das "vorderste", das Daniel
sieht. Es vereinigt die Raubtiernatur des Löwen mit der Übersicht des
Adlers. Geflügelte Löwenfiguren bewachten die Tore des Königspalastes
in Babylon, wofür dieses Tier ein Sinnbild ist. Mit dem Ausraufen der
Federn und dem Verleihen eines menschlichen Herzens könnte der in
Dan.4 beschriebene Niedergang von Nebukadnezar und seine Veränderung
nach der Demütigung und Wiedereinsetzung angedeutet sein.
Vers 5-6
Der Bär mit den so unterschiedlichen Seiten symbolisiert das
medo-persische Reich, dessen persische Seite sich militärisch dominant
verhielt und den medischen Einfluss mehr und mehr verdrängte. Mit dem
schnellen Raubtier, Panther oder Leopard (imperialistischer Charakter
aller Reiche) ist das Griechenland Alexanders des Großen gemeint, der,
als er mit 33 Jahren starb, innerhalb von wenigen Jahren seine
Herrschaft von Europa über Afrika bis nach Indien (vier Flügel für
vier Himmelsrichtungen?) ausgedehnt hatte. Während die drei Zähne im
Maul des Bären ungedeutet bleiben, beziehen viele Ausleger die vier
Köpfe auf die vier Generäle (Diadochen), die nach Alexanders Tod das
Reich unter sich aufteilten. Aus dem aramäischen Wort für Herrschaft
"schaltan" ist später der "Sultan" geworden.
Verse 7-8
Nun ist von diesem außergewöhnlichen ("jatir") Tier die Rede, das es
in der Natur gar nicht gibt, dessen Eisen ("parsäl" statt hebr.
"barsäl") nur an das in der Vision Dan.2,40 und damit an das noch
aufsteigende römische Weltreich erinnert. Irgendwann steigt nach den
10 Hörnern, während schon drei von ihnen "entwurzelt" ("akar") sind
oder in dem Zusammenhang werden, dieses bemerkenswerte kleine Horn
auf. Das Besondere ist die visuelle (Menschenaugen) und auditive
("Großmaul") Kommunikation. Spätestens hier wird man erneut an die
Vision in Off.13 (V1-3 und 5-7) erinnert, wo im Prinzip eine
Komprimierung aller Weltreiche auf eins beschrieben wird, so als gäbe
es, wie Johannes sagt, schon immer antichristliche Strukturen und
Persönlichkeiten (1.Joh.2,18), die aber zur Zeit des kleinen Horns
ihre ultimative, finale Erfüllung finden.
Vers 9
In dem Augenblick schwenkt die Vision (wie so oft auch bei Johannes)
in den Himmel und zum Thron eines noch Mächtigeren, vor dem sich alle
diese Reiche zu verantworten haben werden. Der "Hochbetagte" hat ein
schneeweißes Gewand und volles "wollenes" Haar (keine Altersglatze!).
Da in Bezug auf die Flammen ("schewiwin") das vergleichende "ke" fehlt
ist wohl gemeint, dass Sein Thron aus Feuerflammen besteht, aus dessen
Rädern es flackerte. Daher halten es in Seiner Gegenwart entweder
beschirmende ("cherubim") oder selbst brennende ("seraphim") Engel aus.