V1
Im ganzen Kapitel haben wir uns (wie in Exodus 20) dafür entschieden,
das Pluralwort im Deutschen als "Gott" zu übersetzen. Damit wird auch
die unerträgliche Konkurrenz und Verwechslungsgefahr deutlich.
Götzendienst ist ja eben nicht der direkte offensichtliche Abfall vom
lebendigen Gott, sondern eine religiöse Variante.
V2
Aaron befriedigt das religiöse Gefühl, das sich den Götzendienst
etwas kosten lassen und damit kulturell und vom Opfer her
ernstgenommen werden will. Er nimmt das Heft in die Hand und wird
aktiv, macht mit handwerklicher Arbeit etwas daraus. Angesichts
dessen wirkt seine Entschuldigung Mose gegenüber (Ende V25) "wa jeze
ha egäl" ("da kam das Kalb heraus") schon sehr fadenscheinig.
V5
Zu einer Religion gehört unbedingt ein Altar bzw. eine Opferstätte.
Bishierher ist alles sehr geistig-religiös. Aaron versucht, das Fest
dem HERRN zu weihen. Selbst das anschließende essen und trinken hört
sich gar nicht schlecht an. Allerdings ist das Ganze offensichtlich
dann doch entgleist. Wir wissen, dass "zachak" im Piel auch für
eindeutig intime Handlungen verwendet wird, da Abimelech am "zachak"
erkannte, dass Isaak und Rebekka Mann und Frau waren, was dem Namen
Jizchak eine weitere Bedeutung verlieh (Gen 26,8). Und dahört die
Harmlosigkeit dieses netten Festes auf, weil es wohl ungeordnet
abgegangen ist.
V6
Während das Volk erst Mose als den benannte, der er aus Ägypten
heraufführte, später das Gottkalb, schreibt Gott es durchgehend Mose
zu und Mose umgekehrt Gott. Das geht in diesem Kapitel immer hin und
her. Zumindest will Gott damit sagen: "Du, das ist deine Sache,
kümmere dich darum! Die schreiben den Exodus doch glatt diesem
anderen Gott zu!"
V10
Gott weiß, dass Mose sich seinem Zorn in den Weg stellen könnte und
wie sehr ihn die Fürbitte eines Menschen bewegen kann. Er möchte
eigentlich nicht besänftigt werden und macht dem Mose ein aufregendes
Angebot, um ihn vom Gebet für das Volk abzuhalten.
V11
Aber Mose lässt sich nicht darauf ein. Wie würden wir angesichts
einer solchen Offerte reagieren? Mose redet Gott zu, umschmeichelt
ihn ("chalah") und stellt ihm zwei Fragen: "Was bringt dieser Zorn
über das Volk, das DU heraufgeführt hast? Warum soll den Ägyptern
Spott und Missdeutung ermöglicht werden? Das schadet Deinem Image und
Ruf!"
V12
Das "sich reuen / besänftigen LASSEN" ist mit der reflexiven und
passiven Bedeutung im Nifal das Ergebnis eines Einflusses von außen.
Das löst möglicherweise den Widerspruch auf, dass es ja auf der
anderen Seite heißt, dass Gott nicht Reue zeigt. In Genesis 6,6
steht "nacham" ebenfalls im Nifal; wieder geht es um den Einfluss von
außen, in dem Fall die Einwirkung der Beobachtung der Bosheit der
Menschen, die Ihn deren Erschaffung gereuen lässt.
Dagegen ist die Lehre aus Numeri 23,19, dass Gott es sich nicht
plötzlich bei sich selbst anders überlegt (wie Bileam bei seinem
Aufbruch zu Balak dachte), sondern Er für sich bleibt dabei. Das
steht im Hithpael, also dem Reflexiv zum Piel, was bedeutet: Er
überlegt es sich nicht selbst anders, im Unterschied dazu, dass er
von außen umgestimmt wird und sich umstimmen lässt (Nifal).
V13
Das ist immer ein guter Weg im Gebet, auch in der Fürbitte, sich und
Gott an die Dinge zu erinnern, die er schon zugesagt hat. Denke nicht
an diese Generation, sondern an die, mit der Du den Bund geschlossen
und was du ihnen versprochen hast. Ich habe doch nur zwei Söhne, wie
soll da so ein riesiges Volk, wie es das jetzt schon ist, daraus
werden? Das Land soll der Nachkommenschaft Abrahams "leolam" = auf
Dauer gegeben werden. (Das Bibelstudium über "olam" hänge ich bei
Gelegenheit extra an)
V14
Gott ließ sich umstimmen (Nifal von "nacham", s.V12)! Gebet übt
Einfluss auf Gott aus.