<RPG>
Ort: Arrestblock
Zeit: MD 49.0150
<quote>
"Alles O.K.?"
"Ja, L'Ark."
"Anni denkt der Falke wäre Tod."
"Keine Sorge L'Ark ich spüre den Falken - er fliegt."
</quote>
Ohne es zu ahnen, hatte L'Ark mit seiner unbedachten Aktion
Seoman alles in die Hand geliefert, worauf dieser gewartet
hatte. Hier waren der CO und der ansonsten höchstrangigste
Offizier, den er mit dessen Gesundheit erpressen konnte. Die
kurze Bilderflut, gegen die Tom zu kämpfen gehabt hatte, war nur
ein kleiner Test gewesen.
Bisher waren Seomans Manipulationen sehr subtil gewesen. Er hatte
sich darauf beschränkt, seine Möglichkeiten zu untersuchen und
mögliche Gefahren einzuschätzen. So hatte er auch erkannt, dass
die TO mit ihren für einen Menschen ungewöhnlichen geistigen
Fähigkeiten eine Gefahr für ihn werden könnte. Er konnte den
Falken oder gar die Anderswelt nicht beeinflussen, aber was er
konnte, war, Anni davon zu trennen. Er spürte ihr Entsetzen und
ihre Verwirrung noch immer und war überzeugt, dass sie ihm nicht
in die Quere kommen würde.
Eine bessere Gelegenheit würde so schnell nicht kommen.
Mit roher Gewalt brach Seoman in den Geist des CO ein, der von
seiner Sorge um Anni abgelenkt war und zudem seine ganze
Aufmerksamkeit auf den TAK gerichtet hatte. Tom schrie auf,
faßte sich mit beiden Händen an die Schläfen und krümmte sich
zusammen. Mit einem Satz war L'Ark bei ihm und packte ihn am Arm,
um ihn zu stützen; mit der anderen hatte er bereits sein Messer
gezogen. (Dessen Format für so manch anderen ein Schwert
dargestellt hätte.)
"Öffnen Sie das Kraftfeld!" brüllte er Bronson an, der völlig
perplex dastand und überhaupt nicht kapierte, was vor sich ging.
Der 'Gorilla', wie er hinter seinem Rücken genannt wurde, war
noch nie sonderlich helle gewesen. Für Seoman war sein Geist
der reinste Sumpf, aber Manipulationen waren bei ihm auch völlig
überflüssig. Er war gut zu gebrauchen, um wie ein Rhinozeros
gegen einzureißende Mauern zu stürmen, oder um wild auf Gegner
zu ballern, aber wo Mitdenken gefragt war, versagte er kläglich.
Seoman hatte sich aufgerichtet und lächelte den wutentbrannten
TAK kalt an.
"Wenn Sie mich töten, wird er auch sterben", erklärte er mit
schneidend kalter Stimme und einer Kopfbewegung zu Tom hin. Er
unterstrich seine Worte mit einem geistigen Schlag, der den CO
zusammenzucken und in die Knie gehen ließ. L'Ark hielt ihn fest,
damit er nicht hart aufschlug.
Tom gab ein gequältes Stöhnen von sich. Vorübergebeugt hockte er
auf den Knien und hielt sich den Kopf. Sein Hirn schien in
Flammen zu stehen; die Bilderfluten waren ein Scheißdreck gegen
das, was er jetzt erlebte. Er spürte Seomans Geist in dem seinen
wie eine aus tausend rasiermesserscharfen Schwertern bestehende
Kugel, die das Fleisch seiner Seele zerschnitten. Er kämpfte
gegen diese fremde Präsenz an, indem er versuchte, sich ihr zu
verschließen, aber dafür war es zu spät.
"Aufhören!" Die Wut in L'Arks Augen und Stimme hätte so manchem
Gegner Respekt eingeflößt, aber Seoman hatte keine Angst vor
ihm. Er fühlte sich in der besseren Position und war sich sicher,
dass der TAK ihn nicht angreifen würde, so lange er seine
geistigen Finger im Hirn des CO verkrallt hatte.
"Ich werde aufhören, wenn Sie mich gehen lassen. Sofort."
Seoman war aufgestanden und stand nun mitten in seiner kleinen
Arrestzelle. Ihm war die Anstrengung nicht anzusehen, die es
kostete, gegen den Widerstand des CO anzukämpfen. Aber er war
darauf vorbereitet, dass dieser Widerstand stärker ausfallen
würde als bei einem reinblütigen Menschen, da Tom keiner war.
Das Gute daran war, dass er es nicht wußte.
L'Arks Fäuste öffneten und schlossen sich krampfhaft, wobei er
das Messer fest zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand
hielt, der Hand, die noch über einen vollständigen Satz Finger
verfügte. Er bebte vor Zorn - aber dieser Zorn richtete sich
nicht allein gegen Seoman. Hier stand er, der geschworen hatte,
dass nie wieder irgendjemand seiner Familie etwas antun würde,
und wieder mußte er machtlos mit ansehen, wie es dennoch geschah.
Sein unbändiger Zorn war vermischt mit Angst.
"Weg mit dem Kraftfeld!" herrschte er Bronson an, der noch immer
dumm in der Gegend herumstand und wie eine bei Tag aufgeschreckte
Eule blinzelte. Erschrocken fuhr Bronson herum und hieb auf die
Konsole.
*sirr*
In diesem Augenblick stürmte auch Alan Parker, der CSO, in den
Arrestblock. Er hatte den Phaser im Anschlag, der auf maximale
Energie gestellt war, und war bereit, hier und jetzt seine
Rache auszuüben.
"NEIN! Sie können ihn nicht laufen lassen!" brüllte er, richtete
den Phaser auf Seoman und war kurz davor zu feuern - doch L'Ark
trat zwischen ihn und den e'schnarwarnegud!
Im letzten Moment schwang Alan den Phaser herum, und der tödliche
Schuß, der für Seoman bestimmt gewesen war, traf nur die Wand
und hinterließ ein rauchendes Loch. Zum Glück lag der Arrestblock
tief im Schiffsinnern und verfügte über keine Außenwände, sonst
hätte dieser Fehlschuß gravierende Folgen gehabt. Der interne
Alarm jaulte los, als das Phaserfeuer registriert wurde.
"VERDAMMT, WAS TUN SIE DA!?" Alan war vor Wut wie von Sinnen. So
lange hatte er auf diesen Moment gewartet, seine Rache geplant,
und jetzt trat ihm dieser verdammte Halbklingone in den Weg und
schützte Eahlferent mit seinem Körper.
Seoman stand noch immer an Ort und Stelle und wirkte äußerlich
völlig gelassen, ja fast fröhlich, aber das schien nur so. In
Wahrheit hatte er stärker um seine Macht über Tom zu kämpfen, als
er erwartet hatte. Der CO leistete erbitterten Widerstand gegen
den fremden Geist in seinem Kopf und mobilisierte dabei Kräfte,
mit denen Seoman nicht gerechnet hatte.
Dann sah Seoman eine schwarzhaarige Frau, die in der Tür hinter
Alan aufgetaucht war, und obwohl er sie noch nie gesehen hatte,
wußte er, dass dies die Frau mit dem Falken war. Die Frau, die
er von ihrer inneren Welt abgeschnitten hatte. Sein Kampf um die
Kontrolle über den CO hatte ihn von ihr getrennt, und so hatte
sie sich ein wenig gefangen. Warum sie zu Alan gegangen war,
hätte sie selbst nicht sagen können, aber es war eine Art innerer
Zwang gewesen.
Anni sah Tom gekrümmt auf den Knien hocken und wäre am liebsten
sofort zu ihm gelaufen, aber sie erkannte auch, was vor sich
ging - und dass sie helfen konnte. Sie schloß die Augen und fing
an, leise vor sich hin zu summen.
"Ich verlange freies Geleit", erklärte Seoman, äußerlich noch
immer völlig gelassen, in Wirklichkeit aber mit wachsender
Unsicherheit. Er spürte, dass ihm die Zeit davon lief. "Geben
Sie mir das Shuttle, diese 'Beltane', und lassen Sie mich gehen.
Dann wird niemandem hier etwas passieren."
"Niemals!" Alan und L'Ark fuhren überrascht herum, denn das mit
schneidender Kälte gezischte Wort kam von Tom. Der CO stützte
sich mit einer Hand auf dem Boden ab, die andere hatte er noch
immer an die Schläfe gepreßt. Er hatte den Kopf gehoben und
starrte Seoman aus brennenden Augen an. Aus seinen Nasenlöchern
tropfte Blut, und sein Atem ging schnell und stoßweise.
In seinem Inneren tobte ein furchtbarer Kampf. Tom hatte
versucht, Seomans Angriff abzuwehren, indem er sein Selbst vor
dem immer schneller rotierenden Ball aus Rasiermessern zurückzog
und mit einer schützenden Mauer umgab, aber Seoman riß diese
Mauern ein, bevor sie stark genug waren. Als nächstes hatte er
die Trümmer dieser Mauern gegen die Messer geworfen, sie seine
Seele zu zerstückeln versuchten, aber wenig damit ausgerichtet.
Immerhin hatte er sich damit ein wenig Zeit verschafft.
Schließlich hatte er erkannt, dass es ihm nicht half, vor dem
Angriff zu fliehen. Er mußte selbst angreifen. Und so hatte er
Seoman weiter damit abgelenkt, dass er Mauern aufbaute und mit
Steintrümmern warf, während er einen Teil seines Geistes in eine
dunkle Ecke zurückzog und seine eigene Waffe baute.
Dann war Anni gekommen, hatte erkannt, dass sie Seoman nicht
angreifen konnte, und unterstützte Tom statt dessen beim Aufbau
von Mauern, die jetzt nicht mehr allein dem Schutz dienten,
sondern den Geist des e'schnarwarnegud in seiner
Bewegungsfreiheit einschränkten.
Seoman spürte, dass der geistige Kampf umzuschlagen drohte, und
verstärkte seine Bemühungen. Erneut schrie Tom auf, als Seoman
ihm einen geistigen Schlag verpaßte, und krümmte sich zusammen.
Auch Anni zuckte zusammen, als ein ähnlicher geistiger Hieb sie
traf und zeitweise aus dem Kampfgeschehen herausschleuderte. Sie
war an der Wand neben der Tür heruntergerutscht und saß nun
zusammengesunken dort wie eine fallengelassene Marionette.
"VERDAMMT NOCHMAL, LASSEN SIE MICH MEINE ARBEIT TUN!" brüllte
Alan L'Ark an, der noch immer zwischen ihm und Seoman stand und
den CSO nicht vorbei ließ. "Er bringt sie beide um, sehen Sie
das nicht?!"
"Er wird sie umbringen, wenn Sie ihn töten!" brüllte L'Ark
zurück. Seine Machtlosigkeit trieb ihn selbst fast zum Wahnsinn.
Er wünschte sich nichts sehnlicher, als Seomans dürren Hals
zwischen seinen Fingern zu spüren und ihm langsam die Luft
abzuschnüren. Nicht mehr schnell und sauber - der Mistkerl
sollte leiden!
Keiner der Anwesenden wußte, welche Möglichkeiten Seoman
wirklich hatte. Vielleicht war es nur ein Bluff, dass er Tom
mit in den Tod reißen würde, wenn er selber starb, vielleicht
aber auch nicht. Tom selbst war ziemlich sicher, dass Seoman
die Wahrheit sprach - würde dieser Ball aus Schwertern mit einem
Ruck aus seinem Geist gezogen, würden nur noch Fetzen seiner
Selbst zurückbleiben. Vermutlich wäre eine tödliche Gehirnblutung
die Folge.
Und jetzt ging es nicht mehr allein um ihn, sondern auch um Anni.
Die zähe kleine Indianerin kehrte gerade hinkend in die Arena
zurück und fing sofort wieder an, eine gerade im Einsturz
befindliche Mauer zu verstärken.
Tom war mit dem Bau seiner eigenen geistigen Waffe fertig. Er
hatte in seiner dunklen Ecke darüber nachgedacht, was wohl am
besten gegen rotierende Rasiermesser half, die stark genug waren,
um Mauern einzureißen. Er hatte an Schleifsteine gedacht, die
in der Lage waren, ein Messer stumpf zu machen - aber das Risiko
war zu groß, dass er sie nur noch mehr schärfen würde.
Dann hatte er an irgendein hartes Material gedacht, das die
Schwerter zerbrechen würde, und sich überlegt, was wohl
besonders hart war - Diamanten? Duranium? Aber wäre er unter den
ständigen Verletzungen, die ihm dieser Angriff zufügte,
überhaupt in der Lage, etwas so Mächtiges zu erschaffen?
Dann war ihm eine andere Idee gekommen...
Aus der dunklen Ecke in Toms Geist, die Seoman bisher übersehen
hatte, ergoß sich ein stetiger Strom aus - Dreck. Dicker
Morast floß zwischen die Mauern, die ihn kanalisierten und direkt
zu dem rasenden Ball leiteten. Seoman sah den heranfließenden
Sumpf, erkannte jedoch nicht die Absicht dahinter und war für
einen Moment erfreut, weil er glaubte, er habe Toms verschüttete
Erinnerungen nun endgültig freigesetzt. Das würde Toms Widerstand
mit Sicherheit erlahmen lassen.
Zu spät erkannte der e'schnarwarnegud, was wirklich hinter dem
dicken, dunklen, erdigen Strom steckte, nämlich als er merkte,
dass das zähe Zeug seine geistigen Schwerter umfing und
festhielt. Er hatte wohl noch nie ein Tier gesehen, dass im
Sumpf stecken geblieben war...
Beinahe panisch versuchte er, sich vor dem Morast in Sicherheit
zu bringen, aber die Mauern um ihn herum versperrten ihm den
Weg. Der geistige Morast stieg hoch, brachte den rotierenden
Ball zum Stillstand und machte die Messer stumpf.
Hilflos standen L'Ark, Alan und Bronson daneben. Sie hatten
keine Ahnung, was vor sich ging; sie sahen nur die
zusammengekrümmte Gestalt des CO und den kalt lächelnden
e'schnarwarnegud. Anni hatte sich mit geschlossenen Augen
aufgerichtet, ihr Gesicht war schweißüberströmt, aber es schien
ihr gut zu gehen. Die Zeit hier draußen verging langsamer als
auf der geistigen Ebene, trotzdem hatten alle das Gefühl, als
wäre die Zeit stehen geblieben.
Dann veränderte sich der Ausdruck in Seomans Gesicht, und seine
Augen wurden weit. Tom hob den Kopf und starrte ihn an. "Jetzt!"
stieß er grimmig hervor.
L'Ark und Alan reagierten gleichzeitig. Als L'Arks Messer den
e'schnarwarnegud erreichte, hatte ihn Alans Phaser bereits
getötet.
Der klebrige Morast in Toms Geist hatte den Messerball nicht nur
zum Stillstand gebracht und abgestumpft, er verklebte ihn auch
vollkommen. In dem Moment, als er 'Jetzt' sagte, riß Tom seine
geistigen Mauern auf einen Schlag ein.
Ein einzelne, herausragende Spitze schlitzte seinen Geist auf,
als Seomans sterbender Geist mit einem heftigen Ruck
herausgerissen wurde, und ließ Tom aufstöhnen. Dann war es
vorbei.
L'Ark und Alan standen da wie vom Donner gerührt, als der tote
e'schnarwarnegud gegen die Wand seiner Zelle geschleudert wurde
und auf dem Bett zusammensank. Calvin Bronson war aschfahl im
Gesicht; er hatte den Luftzug des an seiner Nasenspitze vorbei
fliegenden Messers so deutlich gespürt, dass er einen Moment
lang dachte, es hätte ihm tatsächlich die Nase abgeschnitten.
Aus dem Augenwinkel sah L'Ark Anni auf allen vieren
vorbeikrabbeln und sah zu Tom, der keuchend noch immer auf den
Knien hockte. Wer keuchen und knien konnte, lebte. Mit einem
hörbaren *uff!* entwich die angehaltene Luft aus den mächtigen
Lungen des TAK.
Anni hatte Tom erreicht, legte die Arme um seine Schultern und
zog ihn an sich. Einen Moment lang fürchtete sie, dass er sich
dagegen wehren würde, aber er ließ sich widerstandlos in ihre
Umarmung sinken. Blut tropfte aus seiner Nase auf ihre Uniform.
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<SUM>
* MD 49.0150: Das Ende des e'schnarwarnegud
</SUM>
---
submitted by Bianka Martinovic
aka
Thomas Mitchell, LtCmdr., CO USS Explorer
SD 120908.1230