Hallo Lou,
ist es nicht bemerkenswert, dass Du beim Nachsinnen über Polizisten an
dem entscheidenden Merkmal von Polizisten vorbeisiehst?
Polizisten haben Pistolen und dürfen sie unter bestimmten Umständen auch
für andere Dinge verwenden als für Selbstverteidigung.
Wenn Du von "selbsternannten Polizisten" sprichst, meinst Du ja nur
Petzer, die die Macht herbeirufen.
Mir ging es darum festzustellen, dass auch das Justizkomitee nur deshalb
Macht hat, weil ein Schüler einen Vertrag unterschrieben hat. Er hat
sich an die freiwillig akzeptierten Regeln zu halten oder kann
ausgeschlossen zu werden. Wenn er meint, er könnte sich darüber
hinwegsetzen, also den vertraglichen Rahmen verläßt und damit auch den
Sudbury-Rahmen, dann kann die Polizei gerufen werden. Das kann aber auch
ein Schüler, wenn die Schule ihm den Zutritt vertragswidrig verhält.
Insofern ist hier Machtgleichheit was Pistolen angeht.
Bei politischen Wahlen ist das anders. Hier machen die Gewählten die
Regeln (Gesetze), nach denen Pistolen straffrei und angeblich heldenhaft
einsetzen dürfen, z. B. in Begleitung eines Gerichtsvollziehers, der
Steuerschulden eintreibt. Die Wählenden, also Du und ich, haben keine
Möglichkeit, solchen Einfluß zu nehmen.
Ich habe da so einen Gedanken, der zwar keine Lösung ist, aber doch gut
tut: Nach jeder Wahlperiode wird von den Wählern ein Gesetz gemacht,
wieviel den Politikern von ihrem Einkommen und ihrer Freiheit
weggenommen wird, je nachdem, wieviel von unserem Geld sie verschwendet
haben, wieviele ihrer Versprechen sie gebrochen haben, wieviele unserer
Freiheiten sie uns genommen haben und wie zufrieden wir mit ihnen sind.
Und wenn sie nicht wollen, kommt der Gerichtsvollzieher - zur Sicherheit
gleich mit einem gut bewaffneten Polizisten. Hä hä.
Ob Strafen oder andere soziale Lösungsversuche für Konflikte und
Verstöße angewandt werden, ist m. E. ein Problem, das relativ unabhängig
von Machtverhältnissen gelöst werden kann. Sudbury muss m.E. nicht auf
Strafen festgelegt werden. Strafen im klassischen Sinne sind sowieso
eher selten an Sudbury-Schulen. Ich habe mal von demokratischen Schulen
gehört (Kapriole?), die das Strafen zu vermeiden versuchen. Ich finde
Strafen auch nicht so klasse, aber ich finde, dass eine Schule die
Möglichkeit haben muss, sich gegen Regelverstöße zu wehren. Ausschluß
muss keine Strafe sein, sie kann auch ein Schutz eines bestimmten Raumes
sein, der Schülern angeboten werden soll. Nur mit Ausschluß als letzem
Mittel oder davor nur mit Diskussion zu arbeiten, scheint mir
unpraktisch, es muss m. E. auch abgestufte Warnschüsse geben können,
damit klar ist, dass nicht jeder unter allen Umständen gehalten wird.
Wenn das Justizkomitee tätig wird, geht es ja nicht unbedingt um
Strafen. Wenn mir einer was tut, ist die Beziehung belastet. Wir können
uns wieder versöhnen, wenn derjenige das Unrecht anerkennt, das er an
mir begangen hat, wenn er mit dem Unrecht aufhört und wenn er vielleicht
eine Art Wiedergutmachung leistet. Die kann schon im Anerkennen und
Bedauern des Unrechts liegen. In diesem Rahmen bewegen sich m. E. viele
Aktivitäten des JusKom. Das hat mit Strafen nix zu tun. Die meisten
akzeptieren den Spruch des JusKom ja auch und fühlen sich nicht
bestraft, sondern einen Verstoß gegen Menschen oder die Gemeinschaft
bereinigt.
Der Unterschied zum Strafen ist da doch klar, oder?
Herzliche Grüße
Heiko
Lou Brass schrieb:
>
>
> Hallo Heiko,
>
> das mit der Polizei bzw. der Durchsetzung der Regeln bei Sudbury ohne
> Exekutive macht mir Kopfzerbrechen.
> Kann nicht jeder/jede sich als PolizistIn aufspielen, rumlaufen und
> andere für Regelübertretung vorbringen? Ich weiß, dass sich ein
> solches Verhalten auf die Dauer unter Garantie totläuft, wegen der
> Langwierigkeit des Verfahrens usw. - dass also die Gefahr, dass sich
> selbsternannte PolizistInnen formieren relativ gering ist.
> Andererseits birgt die Gegebenheit, dass ein und dasselbe Vergehen in
> einem Fall (jemand, der es mitkriegt, zeigt es an/bringt es vor)
> Folgen hat, in einem anderen Fall (keiner bringt es vor) keine Folgen
> hat, nicht eine Ungerechtigkeit? Vor allem dann, wenn Strafen verhängt
> werden.
> Überhaupt ist das Strafen-Ding der Punkt am Sudbury-Konzept, den ich
> für überdenkenswert halte.
> Gesamtgesellschaftlich haben Strafen - wie die letzten Jahrhunderte
> gezeigt haben - keine positive Wirkung gezeitigt. Ist das Konzept der
> Strafe nicht überhaupt irrational?
> Wieso sollten Strafen in einer Schule eine positive Wirkung haben?
> (Bzw. kann man sich nicht eine Sudbury-Schule ohne Strafen vorstellen?)
>
>
>
>