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Betrifft: Spinoza - weder Atheist, noch Nicht-Atheist
Was also ist "Gott" für Spinoza? Immerhin konstruiert sich sein
"System" um diesen Begriff herum. Ebenso wie in den
Offenbarungsreligionen ist "Gott" die Ursache schlechthin.
Gleichzeitig scheint er aber bei Spinoza keines der Merkmale jenes
Gottes der Offenbarungsreligionen zu besitzen. Spinozas Gott ist weder
gut, noch gerecht, weder milde, noch missgünstig.
Dennoch gilt für Spinoza: "Gott oder jenes Vorbild des wahren Lebens"
(Deus, sive illud verae vitae exemplar, TTP, 14) liegt dem rationalen
Glaubensbekenntnis zugrunde und kann in diesem Rahmen dann sogar als
"höchst gerecht und barmherzig" bezeichnet werden (ebd.)
Was also bedeutet diese Formulierung?
Moreau gibt dann eine wunderbar knappe Beschreibung, nicht nur Gottes,
sondern des spinozistischen Projekts schlechthin wie auch des
Verhältnisses der Weisen zu den Gerechten unter den Gläubigen:
"Kann man den Ausdruck 'Gott oder Vorbild des wahren Lebens' nicht in
Verbindung mit dem Umstand begreifen, dass die ewige, unendliche und
aus unendlichen Attributen sich konstituierende Substanz, aufgrund
ihre Dynamik, dazu angehalten ist, sich zu modalisieren? Wenn man
gänzlich die Idee akzeptiert hat, dass Spinoza eine dynamische, und
nicht statische, Konzeption von Gott hat, so kann das Leben des weisen
oder frommen Menschen wie ein Echo oder eine Imitation dieser
göttlichen Dynamik sein. Die Kraft, die den conatus des Philosophen
auf sein höchstes Niveau treibt, und auch zweifellos die Sorge um
Gerechtigkeit und Frömmigkeit (die den Propheten, durch Neigungen, die
wir nicht kennen dazu führt, sich das, was gut für die Menschen ist
vorzustellen), erscheinen auf der Ebene des Modus wie das Echo, die
Konsequenzen, der Widerhall dieses Lebens Gottes; so dass man mit
Recht sagen kann, dass Gott das Leben ist, dass Gott der lebendige
Gott ist. Man muss sich vielleicht in einer spinozistischen
Perspektive die Offenbarung auf eine nicht-voluntaristische Weise
vorstellen und somit zugestehen, dass es legitim ist, zu sagen, dass
manche Menschen eine Offenbarung haben, ohne damit zuzugestehen, dass
Gott sich offenbaren _wollte_. Kurz, man muss die Idee der Offenbarung
zugestehen, ohne zuzugestehen, dass sie das notwendige Resultat [fait]
eines göttlichen Willens ist. Die Menschen, die durch ihre Frömmigkeit
und ihre Gerechtigkeit ein Echo zur Dynamik des göttlichen Lebens
bilden, naturalisieren gewissermaßen die Offenbarung, welche damit
einen ausschließlich übernatürlichen Sinn verliert. (...) Freilich
entspricht diese Konzeption keinesfalls dem, was die Religionen über
die Prophetie sagen."
(Moreau, Problèmes, 56)
Ich denke, diese Passage zeigt sehr schön, wie der spinozistische
Begriff Gottes das Phänomen der Religion im Rahmen einer politischen
Anthropologie begreifen lässt und darüber hinaus eine zwar bestimmte,
aber nicht zuspitzend laizistische, Haltung ihr gegenüber einnimmt.
Außerdem finde ich die Formulierung, dass das Leben der
Philosophierenden ein Echo oder eine Imitation der göttlichen Dynamik
darstellt und die Sorge um Gerechtigkeit mit einschließt, für mich
persönlich sehr inspirierend.
Der immanente Imperativ würde also lauten: "Lass in deinem Leben die
Dynamik Gottes widerhallen!" Oder aktiver: "Mache dein Leben zum Echo
der göttlichen Dynamik!"
In diesem Sinne, einen schönen Tag noch.
hans
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"hans19682000" <hans68@...>
hans19682000
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