Ich möchte euch mein Email an D. nicht vorenthalten. Freilich könnte auch ihr
antworten.
lg
Hi D.,
I denke, ich sollte mit einigen Bemerkungen beginnen, die meine Lesart von E4P12
betreffen und die vielleicht diskussionswürdig sind.
In E3 lernten wir die Unterscheidung von zwei Arten Affekt kennen – Aktionen und
Leidenschaften (E3Def3)
Spinoza schreibt:
"Wenn wir also die adäquate Ursache irgendeiner dieser Affektionen sein können,
verstehe ich unter dem Affekt eine Aktivität, im anderen Fall eine
Leidenschaft."
Trotz dieser Unterscheidung behandelt Spinoza meistens jene Affekte, deren
inadäquate Ursache wir sind und er spricht erst spät von den Aktionen, die er
dann auf die 'fortitudo', die Seelen- oder persönliche Stärke bezieht (E3P59S).
E4 ist dann betitelt: "Von menschlicher Knechtschaft oder von den Kräften der
Affekte". Es ist ein wenig seltsam, dass Spinoza in E4 wieder die Leidenschaften
behandeln will, nachdem er schon in E3 gezeigt hat, in welchem Ausmaß wir von
den äußeren Ursachen getrieben werden, wie die von den "Winden bewegten Wellen
auf dem Meer, unkundig unseres Ausgangs und Schicksals". (ibd,)
Spinoza scheint sich aber auch für einen solchen Pessimismus zu entschuldigen.
Nachdem er in E4P17S, das biblische Sprichwort "Wer Wissen mehrt, mehrt
Schmerz.", fährt er gemäßigter fort:
"Es bleibt mir noch zu zeigen, was es denn ist, das die Vernunft uns vorschreibt
und welche Affekte mit den Regeln menschlicher Vernunft übereinstimmen und
welche andererseits ihnen entgegengesetzt sind." (E4P18S)
Der Titel von E4 scheint "Knechtschaft" und die "Kräfte der Affekte"
gleichzusetzen, indem er die beiden Terme mit seinem berühmten "sive" verbindet,
dass ja bei ihm einen quasi-theoretischen Status hat. Doch meint "Kräfte" der
Affekte mehr als Knechtschaft, denn nicht jeder Affekt ist eine Leidenschaft und
nicht jede Leidenschaft ist schlecht – manche können auch nützlich sein. Und vor
allem gibt es die aktiven Affekte, die auf 'fortitudo' beruhen. In diesem Sinne
scheint der Titel auf eine gewisse versteckte Weise den verwickelten Charakter
von Knechtschaft und persönlicher Stärke in unserem Leben anzudeuten.
Diese Ambivalenz finden wir auch in E4Vorwort wieder, wenn Spinoza erklärt, dass
er sich zum Ziel gesetzt habe, darzulegen, "was es an Gutem und Schlechtem in
den Affekten" gibt. Außerdem finden wir auch den doppelten Status der
Musterbilder oder Ideale, von denen wir ebenfalls einen doppelten Gebrauch
machen können. Zunächst einen passiven, der gänzlich innerhalb der Beschränkung
des Zweckdenkens verbleibt und zweitens einen aktiven Gebrauch, der auf eine
"deutliche und lebendige" Imagination verweist (siehe E5P6S), die ja selbst auch
eine Erkenntnisweise ist – trotz ihres problematischen Charakters.
In eben diesem deutlichen und lebendigen (intensiven und "heftigen") Sinn von
Imagination möchte ich E4P12 verstehen.
Was, wenn wir das zukünftige, mögliche Ding in E4P12 im Sinne des "Musterbildes
der menschlichen Natur, auf das wir hinschauen sollten" (E4Vorwort) verstehen –
als Musterbild oder Ideal eines Menschen, der mit persönlicher Stärke
ausgestattet ist, mit 'fortitudo'? Was, wenn ich mich selbst als eine solche
Person vorstelle? Was, wenn ich meine Beziehungen zu anderen auf eine Vision
beziehe, die sich auf geteilte, gemeinsame und kommunizierte Stärke bezieht?
Dies scheint doch ein aktiver, guter Gebrauch der Imagination zu sein, oder?
Wenn wir E4P12 in diesem Lichte verstehen, dann kann dieses Musterbild als ein
Bestandteil einer (begrenzten) Strategie oder Pragmatik der Imagination,
fungieren, welche zugleich eine Pragmatik der Hoffnung und des guten Gebrauchs
von Idealen und Zwecken ist, auf die wir auf unserem ethischen Weg nicht
verzichten können.
Meine künftigen "life observations" bezüglich E4P12 möchte ich also in diesem
Sinn von "personal mastery" und "Vision" anstrengen. Dabei werden bestimmte
Ideale und Ziele Thema sein. Genug für heute. Lass mich wissen, wenn dir meine
Lesart nicht zutreffen erscheint.
Alles Gute
Hans