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Antworten | Weiterleiten Beitrag #48 von 51 |

===E4Def8
Unter Tugend und Macht verstehe ich dasselbe; d.h. (nach Lehrsatz 7 des 3.
Teils): Tugend, bezogen auf den Menschen, ist genau des Menschen Essenz oder
Natur, insofern es in seiner Gewalt steht, etwas zuwege zu bringen, das durch
die Gesetze seiner Natur allein eingesehen werden kann.
===


Diese Definition geht von einer den Menschen innewohnenden Potentialität aus,
die mittels Tugend zur Entfaltung gebracht werden kann. Tugend bezieht sich
somit auf Zukünftiges und Mögliches. Die Tugend benötigt somit eine Projektion
des individuellen Wesens auf die Existenz hin, auf eine zukünftige Existenz.
Diese Erwartung eines zukünftig Möglichen ist für Spinoza immer mit den Affekten
von Furcht und Hoffnung begleitet, die der Imagination angehören und auf
"unvollständiger Erkenntnis" basieren. Furcht und Hoffnung und die ihnen
entsprechenden Ideen sind somit instabil und bedürfen einer fortgesetzten
Korrektur und Anpassung, um mit dem essentiellen Verlangen (conatus), dem Gesetz
der eigenen Natur, dem folgend man selbst in höherem Ausmaß die adäquate Ursache
der eigenen Handlungen ist, immer wieder in Übereinstimmung gebracht zu werden.
Was wiederum nur geht, wenn wir auch in unserer Rationalität, unserer adäquaten
Erkenntnis bereits Fortschritte gemacht haben und diese einen gewissen Teil
unseres Geistes ausmacht.

Dennoch muss man im Rahmen einer Pragmatik dem imaginären,
hoffnungsvoll-zukünftigen Möglichen einen Platz in unserem ethischen
Befreiungsprojekt einräumen. Man könnte hier auch von einer Pragmatik des Ideals
sprechen und einige Passagen Spinozas lassen sich in diesem Sinn verstehen:

Wichtig ist aber an dieser Pragmatik, nicht in die Spontaneität des Musterbildes
zurückzufallen, wie es im Vorwort zu E4 kritisiert wird.

Das "hinter" dem menschlichen Trieb liegende Verlangen ist die Ursache und nicht
die Zweckmäßigkeit einer als ideal vorgestellten Ordnung, innerhalb der ein
Ideal seine Rechtfertigung finden würde. Beherzigen wir diese Ableitung (immer
wieder), so meint auch Spinoza, dass wir auf ein Musterbild hinschauen sollten:
auf eine "Idee des Menschen, gleichsam als Musterbild der menschlichen Natur".
(E4Vorwort) In anderen Passagen seines Werkes macht uns Spinoza auf Regeln und
auf eine rationale und freudvolle Lebensführung aufmerksam, ebenso wie auf eine
kollektive Orientierung.

Zwischen dem/einem Musterbild der menschlichen Natur und Gott als dem "Vorbild
des wahren Lebens" (TTP, Kap. 14) wird ein Kontinuum guter, nützlicher
Imagination aufgespannt, das in der Spannung dieser zweier Bilder die Gefahr
verringert, das Bild idealistisch zu verfestigen, zu fetischisieren. Es kommt
darauf an, Hoffnungen, Ziele, Zwecke, Ideale, Muster- und Vorbilder immer wieder
ausgehend von unserem natürlichen Antrieb, von unserem grundlegenden
Seinsverlangen aus zu denken und nicht umgehrt. Unter diesem Vorzeichen und in
dieser komplexen und flexiblen Anlage, können wir erwarten, dass unser ethisches
Projekt kohärenter und stabiler wird.









Son 14. Juni 2009 8:40

hans19682000
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===E4Def8 Unter Tugend und Macht verstehe ich dasselbe; d.h. (nach Lehrsatz 7 des 3. Teils): Tugend, bezogen auf den Menschen, ist genau des Menschen Essenz...
hans19682000
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14. Juni 2009
8:42
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