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Hallo Josef, Gabriel, Thomas (?),
Freut mich, dass ihr euch in die Liste eingetragen habt. Ich wünsche
uns in Zukunft eine rege Diskussion und einen anregenden Austausch.
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Wie angekündigt ein paar Zeilen zu Moreaus Buch, das ich methodisch
und inhaltlich sehr lehrreich finde:
Am interessantesten finde ich Interpreten, die es vermeiden, Spinoza
auf bestimmte –ismen festzulegen und stattdessen, das Ungewöhnliche
und eigenständig Produktive seines Denkens hervorheben. Was wissen wir
wirklich über Spinoza, wenn wir ihn als Materialisten, Deterministen,
Pantheisten, Monisten oder Atheisten u.ä. bezeichnen? Öfter verstecken
solche Bezeichnungen mehr als sie enthüllen.
Nun, man weiß, dass der Großteil von Spinozas Zeitgenossen ihn als
Atheisten wahrgenommen haben – zumindest für die theologischen
Polemiker des 17. Jh. war dies erwiesen. Die Attacken, so Moreau,
richteten sich v.a. gegen seine Theorie der Substanz, die dem Gott der
Offenbarung kaum Bedeutung einräumt; gegen seine (relativistische)
Theorie von Gut und Böse und gegen seine Analysen der Religion und der
Bibel.
Andererseits ändert sich diese Sicht am Ende des 18. Jh., das Spinoza
eher als "gotttrunken" (Novalis) erachtete. Spinoza sei so von der
Göttlichkeit erfüllt, dass er alles auf diese reduziere und dadurch
"weltlos" würde (Hegels Vorwurf des "Akosmismus").
Lehrreich und beispielhaft ist es, wie Moreau (Problèmes du
spinozisme) mit der Frage: War Spinoza Atheist?" umgeht. Vor allem
vermeidet er sie mit "ja" oder "nein" zu beantworten. Vielmehr
versucht er sie vor dem Hintergrund einer "Realgeschichte des Denkens"
zu beantworten, in der "nicht die Intentionen der Philosophen, und
auch nicht ihre bloßen Lehren, die einzigen Objekte der Analyse
darstellen". (62)
Moreau definiert zunächst was Atheismus im 17.Jh vor allem bedeutete.
Wenn die Theologen damals von Atheisten sprachen, so sprachen sie
nicht von jemanden, der nicht an Gott glaubte, sondern von jemanden,
der nicht an den Gott der Offenbarung glaubte, an den Gott Abrahams,
Isaak und Jakobs, nicht an den Gott, der den Dekalog diktierte, nicht
an die Auferstehung Christi, etc. Zwar hatten die meisten
fortschrittlichen Philosophen einen Gottesbegriff, doch diente dieser
eher der Begründung der neuen Physik – als der Ursprung und Garant
ihrer Naturgesetze, doch verabsäumten sie es – in den Augen der
Theologen – ihren Gott mit dem Gott der Offenbarung zu identifizieren.
(Interessantes Detail: die "echten" Atheisten damals, waren meist –
philosophisch gesehen – reaktionäre Aristoteliker, die mit der neuen
Physik nichts anfangen konnten!)
Moreau weist darauf hin, dass sich der theologische Gottesbegriff am
Ende des 18.Jhs. wandelt. Wir haben es nun mit einem Gott zu tun, der
das Fundament der Natur und des Geistes darstellt, also mit einem
Absoluten, dass die Welt verständlich macht und der Garant der
Vorsehung und der Gegenpol des Chaos ist. Im Gegensatz zum 17.Jh., das
das Böse fürchtete, ängstigte man sich an der Grenze zwischen dem 18.
und 19.Jh. eher vor Chaos und Unordnung. Dementsprechend ist um 1800
derjenige Atheist, der sich nicht die Frage nach dem Chaos und dem
Absoluten stellt, während im 17.Jh derjenige Atheist ist, der nicht
die Frage nach dem Bösen stellt.
Zweifellos gehört "Gott" zu den zentralen Begriffen in Spinozas Werk.
Hinsichtlich der historischen Semantik des Atheismus muss man sich,
nach Moreau, aber weniger fragen, ob Spinoza Atheist war oder nicht,
sondern, welche Entwicklung der Begriff Gottes nehmen musste, sodass
man Spinoza über die Jahrhunderte derart unterschiedlich einschätzen
konnte.
Geht man also von dem Gott der Offenbarung und des wiedererweckten
Christus des 17 Jh. aus, so war Spinoza unbesteitbar Atheist. Geht man
hingegen von der Romantik und vom deutschen Idealismus aus, also von
einem "Gott", der die Frage nach dem Absoluten zu stellen erlaubt, so
ist Spinoza keinesfalls Atheist.
Moreaus Position ist eine dritte, also weder Atheist noch
"gotttrunkener" Spinoza. Doch davon mehr in einem nächsten Mail ...
Nicht zuletzt halte ich den Ansatz von Moreau deswegen auch für
erhellend, weil er nahelegt auch in gegenwärtigen Gottes- und
Religionsdebatten, weniger eine Position der –ismen einzunehmen,
sondern sie in der Realgeschichte zu verorten, in der sich unser
Bewusstsein bewegt.
grüße
hans
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"hans19682000" <hans68@...>
hans19682000
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