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Betrifft: Spinozistisch Literatur lesen (3)
Citton bezieht sich vor allem auf die Episode des Pater Hudson aus
'Jacques' (reclam, 208-222). Diese Geschichte handelt von dem strengen
Abt eines Klosters, der seinen fleischlichen Gelüsten ergeben ist.
Während einer ihn betreffenden Untersuchung, versteht er es geschickt,
vielfache Fäden zu ziehen. Nicht nur zieht er sich damit aus der
Affäre, sondern lässt zugleich seine "Verfolger" als die eigentlich
Ruchlosen dastehen. Der Abt agiert strategisch, führt Menschen hinters
Licht und instrumentalisiert diejenigen Personen, die in seine
Machenschaften einbezogen sind.
Handelt der Held der Geschichte auch höchst unmoralisch, so zieht
Citton dennoch spinozistisch-ethische Schlüsse daraus. Es geht ihm
eben nicht moralisch um Werte und um die Frage inwiefern die Figuren
der Geschichte diese erfüllen oder erfüllen wollen. Vielmehr geht es
ihm um eine Art strategische Theorie des Handelns in den affektiv
determinierten Verhältnissen.
In der Geschichte Diderots wird ständig irgendwie geschrieben, so dass
naheliegt, an Hand der verschiedenen Schreibaktivitäten eine
allegorische Interpretation zu entwickeln. Die Allegorie des
Schreibens im Text erlaubt es, dass der Leser sowohl die
buchstäbliche, darstellerische Ebene der Figuren, ihrer Handlungen,
Absichten und Äußererungen auf eine fiktional-imaginative Weise
miterlebt – als auch andererseits, in dieser Fiktion, das
determinierte Geflecht der strategischen Interaktionen rational
versteht – auch auf der Ebene einer Selbsterkenntnis.
"Während ich über die Großzügigkeit des Marquis des Arcis am Ende
weine oder über die Streiche Jacques' gegenüber seinem Herren lache,
erlaubt es mir die Meta-fiktionalität des Romans das Spiel der
Übercodierung zu verstehen, das in den Spurungen, die uns
konstituieren, (aktiv und passiv) am Werk ist – auch und gerade hier
und jetzt in den literarischen Interaktionen, in die ich beim Lesen
einbezogen bin und die mich beherrschen." (88)
Die Selbsterkenntnis läuft über die Aktivierung von Affekten - also
quasi über eine spontane, "naive" Übertagungsreaktion unsererseits.
Gleichzeitig durchkreuzt der Text als _Schrift_, diese Affekte und
fügt in unserer rezeptiven Aktivität einen aktiven Affekt und ein
Verstehen hinzu. Diese Akivierung durch den Text, bzw. durch unsere
Rezeption, die unser Erleben zugleich stimuliert als auch "aufhebt",
lässt uns unsere eigene Determiniertheit verstehen - und zwar gerade
dort, wo wir uns spontan in der souveränen, freien Position des Lesers
wähnen. Der Text schreibt sich in uns ein und macht dadurch die
multiple "Geschriebenheit" der Wirklichkeit verstehbar ("lesbar").
Das Werk lässt uns fähiger werden, teilhaben an der Fähigkeit des Autors:
==E2P13S
"Je befähigter ein Körper ist, vieles zugleich zu tun oder zu leiden,
desto befähigter ist auch sein Geist, vieles zugleich zu erfassen.
==
wird fortgesetzt ...
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