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Ich versuche einen neuen Anlauf, um zu einer Art spinozistischer
Selbstreflexion mittels Literatur zu kommen. Ich gehe davon aus, dass
Selbsterkenntnis nicht durch Introspektion zu gewinnen ist, sondern
über die Herausbildung von Gemeinbegriffen, die zugleich mit andern
gemeinsame Erkenntnisse sind. Insofern ist Selbsterkenntnis
"dialogisch" – es ist Teilen und Mitteilen, indem Dialog, Diskussion
und gegebenenfalls ein "gutes Schweigen" einander ergänzen.
In diesem Sinne Suche ich nach Beispielen, in denen Spinozisten
Literatur lesen – auf spinozistische Weise. Dabei kann es nicht nur
darum gehen, einen mehr oder weniger impliziten Spinozismus eines
literarischen Autors oder seines Textes herauszuarbeiten, als wäre der
Text eine Repräsentation dieses oder jenes spinozistischen Gedankens.
Eher geht es darum, zu zeigen, wie der Text selbst fähig ist in immer
neuen Kontexten, sich selbst zu bewahren, seinen conatus zu
realisieren. Es ginge also darum, den eigenen conatus, das eigene
Streben, seine Denk- und Handlungsfähigkeit zu erweitern, mit dem
conatus des Textes zu verbinden. Indem uns andere Autoren dabei
helfen, bauen wir zugleich denkende Verbindungen auch mit diesen auf.
Ich möchte folgenden Text aufgreifen:
Citton, Yves, 2008: "Jacques le fataliste: une ontologie spinoziste de
l'écriture pluraliste", In: Archives de Philosophie, 2008/1 – Band 71,
S. 77-93
zunächst das Abstract des Artikels:
Der Artikel rekonstruiert Diderots grundlegende spinozistische
Konzeption menschlicher Handlungsfähigkeit mittels einer eingehenden
Analyse einer Episode aus 'Jacques der Fatalist und sein Herr', die
Pater Hudson gewidmet ist. Diese Konzeption wird als eine Ontologie
der Spur und des (quasi-physichen) Eindrucks dargestellt, in der
Handlungsfähigkeit in Begriffen des Schreibens, Vorschreibens, Gegen-
und Meta-Schreibens hinsichtlich des Verhaltens anderer Akteure neu
definiert wird. Jacques' Motto, wonach "alles, was uns hienieden an
Gutem oder Bösem widerfahre (...) da droben geschrieben" stehe, wird
reinterpretiert und als zutreffend herausgestellt: Menschliche
Handlungsfähigkeit muss in Begriffen einer Hierarchie von Schichtungen
untersucht werden, die sich auf die höheren Ebenen eines
Meta-Schreibens oder Über-Codierens beziehen, welche "da droben"
niederschreiben, was "hienieden" geschieht. In einem abschließenden
Abschnitt wird zu zeigen versucht, wie eine solche Definition
menschlicher Handlungsfähigkeit, es Diderot erlaubt, eine zugleich
monistische und dennoch radikal pluralistische Position einzunehmen.
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