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Die Empörung der Menge   Beitragsliste  
Antworten | Weiterleiten Beitrag #36 von 51 |

Der Massenaufstand der Jugend in Griechenland ist eine gute
Gelegenheit, sich nach dem ethisch-politischen Potential solcher
Ereignisse zu fragen. Ausgangspunkt könnte hierfür Laurent Boves
Begriff einer "Ethik des Widerstands" sein, die er aus Spinozas
politischer Philosophie herausliest (Stratégie du conatus, 264f und
286f).
Für Spinoza gibt es ein Art "physischer Notwendigkeit" für die Menge
sich gegen einen Zustand der Tyrannei, oder allgemeiner, gegen einen
Zustand, der sich nicht mehr auf ihre Zustimmung stützt, zu empören.
Ist diese Zustimmung, die zwischen den Polen Furcht und Achtung
schwankt, verloren, liegt es an den Bürgern den "Kriegszustand" zu
eröffnen, gemäß einem natürlichen Recht.

==TP 4, 5
Denn die Regeln unterliegenden Ursachen für Furcht und Achtung, die
ein Gemeinwesen im eigenen Interesse zu beachten gehalten ist, gehören
nicht zu den vom Staat erlassenen Rechtsgesetzen, sondern in das Feld
des natürlichen Rechts, weil sie ja (nach dem vorherigen §) kraft des
Rechts des Krieges beansprucht werden können und nicht kraft des
staatlichen Rechts. Ein Gemeinwesen ist nur in dem Sinne an sie
gebunden, in dem ein Mensch im Naturzustand, um unter eigenem Recht
stehen zu können, d.h. um nicht sein eigener Feind zu sein, gehalten
ist, Vorsorge gegen den eigenen Untergang zu treffen. Diese Vorsicht
hat nichts mit Unterwerfung zu tun; sie gehört vielmehr zu der in der
menschlichen Natur [verankerten] Freiheit.
==

Ebenso wie die Menschen im Naturzustand alles tun, um sich selbst zu
erhalten und nichts gegen seinen Selbsterhalt unternehmen kann, so
kann sich auch die Souveränität niemals gegen jene Gesetze bzw. gegen
die Grundlagen des Staates ausgeübt werden, die von der großen
Mehrheit der Bevölkerung als ihre Lebensgrundlagen angesehen werden.

==TP 4, 6
Sind diese Gesetze indes von der Art, daß sie nicht verletzt werden
können, ohne daß zugleich das Gemeinwesen seiner Stärke beraubt wird,
d.h. ohne daß zugleich die gemeinsame Furcht der Mehrzahl der Bürger
in Empörung umschlägt, dann löst sich, wenn dies geschieht, das
Gemeinwesen auf; d.h.: der Vertrag zerbricht, der also nur nach dem
Recht des Krieges respektiert wird, nicht aber nach staatlichem Recht.
Deshalb ist der Inhaber der Regierungsgewalt auch nur aus demselben
Grund gehalten, die Bedingungen dieses Vertrages zu beachten, aus dem
ein Mensch im Naturzustand, um nicht sein eigener Feind zu sein,
gehalten ist, Vorsorge gegen den eigenen Untergang zu treffen,
==

Zwischen der _multitudinis_ _potentia_ (oder ihrem
Selbsterhaltungstreben) und der Ausübung der Souveränität gibt es also
ein Spannungsverhältnis, das bis zum Antagonsimus gehen kann. Die
Macht der Menge ist eine de facto Widerstandsmacht gegen die Ausübung
der Souveränität. Im Zentrum des staatlichen Zustands befindet sich
der latente Kriegszustand, der an die Oberfläche treibt, wenn die
Ausübung der Souveränität von der Menge in Wirklichkeit als Aggression
erlebt wird. Wie etwa im Fall unliebsam gewordener Könige:

==TP7, 30
Denn wie wir in §§ 5 und 6 des Kapitels IV gezeigt haben, kann der
König nicht nach staatlichem Recht, sondern nur nach dem Recht des
Krieges seiner Macht, durch die er herrscht, beraubt werden: seiner
Gewalttätigkeit können die Untertanen deshalb nur mit Gewalttätigkeit
begegnen.
==

Nun scheint in Griechenland eine ökonomische Krise mit einer
politischen und moralischen Zusammenzutreffen, die vor allem der
Jugend jede Perspektive nimmt und gleichzeitig die Korruption, die
Bestechlichkeit, den Nepotismus offen ungestraft lässt. Der Empörung,
dem Widerstand kann in einer solchen Situation eine "konstituierende
Macht" zukommen. Freilich muss die Menge zu einer eigenen Qualität der
Selbstorganisation und –konzentration kommen. So ermahnt Leonidas
Kyrkos, der nun schon über achtzigjährige Veteran der Linken:
"Willkommen im sozialen Kampf, meine Freunde! Nun müsst ihr euch um
euch selbst kümmern und um euren Kampf."(1)

Für Eliten wie für die Subalternen gilt dieselbe menschliche Natur und
insofern gilt auch die Frage für alle gleich, inwiefern nämlich sie
fähig sind, sich selbst zu regieren:

==TP, 7, 27
Zu wollen, daß man alles ohne Wissen der Bürger erledige und diese
gleichwohl nicht verkehrte Urteile darüber fällen und alles ungünstig
auslegen, ist die größte Torheit. Denn könnte der Pöbel sich mäßigen,
also über das zu wenig Bekannte sein Urteil zurückhalten oder auf der
Basis einer geringen Information über Sachverhalte ein richtiges
Urteil fällen, dann verdiente er wahrlich, eher zu regieren als
regiert zu werden.
==

(1) Le Monde diplomatique, Jänner 2009, englische online-Ausgabe:
Valia Kaimaki, Mass uprising of Greece's youth. Bailout for the banks,
bullets for the people.






Fr 2. Jan 2009 13:43

hans19682000
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Der Massenaufstand der Jugend in Griechenland ist eine gute Gelegenheit, sich nach dem ethisch-politischen Potential solcher Ereignisse zu fragen....
hans19682000
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2. Jan 2009
13:43
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