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Projekt Gemeinbegriffe 1: Produktion von Ideen   Beitragsliste  
Antworten | Weiterleiten Beitrag #32 von 51 |
Betrifft: Projekt Gemeinbegriffe 5: Gemeinbegriffe/Verhältnisse

Beschäftigen wir uns jetzt also mit den Lehrsätzen, in denen die
Gemeinbegriffe ausgearbeitet werden: E2P37, 38

P37 und P38 werden durch die Formulierungen "was allen Dingen
gemeinsam ist" und "was gleichermaßen im Teil wie im Ganzen ist"
verbunden. Doch fällt P37 durch seine Verneinung auf: die
Gemeinsamkeiten und was im Teil wie im Ganzen ist "macht nicht die
Essenz eines Einzeldinges aus". Dennoch kann dieses
"Nicht-Essenzielle" "adäquat begriffen werden (P38).
Erkannt werden hier nicht "Dinge" im strikten Sinn, sondern Merkmale
an den Dingen. Setzt man Essenz mit Wirklichkeit gleich (Essenz =
Vollkommenheit = Wirklichkeit), so ergeben sich "seltsam" (Macherey,
IE2, 281) anmutende Merkmale, die nicht wirklich sind, dennoch aber
für bestimmte Ideen "Gegenstände" darstellen. Macherey schlägt vor,
diese adäquat begriffenen Merkmale, die allerdings keine "Dinge" sind,
als _Verhältnisse_ zu verstehen.

kleiner Exkurs:
Dieser interpretatorische Schritt Machereys ist absolut zentral. Denn
nachdem weder die wahrgenommenen empirischen Phänomene, noch
metaphysische Wesenheiten den Erkenntnisprozess anleiten können,
schafft Spinoza Platz für eine neue Position Weder Empirismus noch
"Prima Philosophia" – wird hier Platz geschaffen für eine "Ontologie
der Verhältnisse" (Balibar, Morfino), die allerdings keine
eigenständige Ontologie etabliert, sondern eine permanent kritische
Position zu jeder ersten Ontologie/Metaphysik darstellt. Spinozas
Rhetorik, sein strategischer Stil kann somit als eine Dekonstruktion
avant la lettre verstanden werden, der auf seine Weise Leistungen
Kants vorwegnimmt und darüber hinaus den Kritizismus historisch
einbettet. Mit dem Begriff der "Verhältnisse", die logische Priorität
vor den Dingen genießen, kann diese neue historisch-kritische Position
kohärent gedacht werden, auch wenn Spinoza selbst dem Wort
"Verhältnisse" nicht diesen Stellenwert gibt.
Exkurs Ende


"Adäquat begriffen" würden somit, die Verhältnisse in denen die Dinge
stehen. Weder die empirische Besonderheit noch die wesenhafte
singuläre Besonderheit ist hier Gegenstand der vernünftigen
Erkenntnis, sondern die Verhältnisse, die die Wirklichkeit der Dinge
beeinflussen, determinieren. Dass die Dinge in Verhältnissen adäquat
begriffen werden können, bedeutet, dass man über mechanische
Kausalbeziehungen hinausgelangen kann. Auch wenn eine gewisse "Seite"
an den Dingen noch unerkannt bleibt und der dritten Erkenntnisweise
vorbehalten ist, so werden sie dennoch bereits unter einem gewissen
Gesichtspunkt der Notwendigkeit und Ewigkeit betrachtet – unerkannt
bleibt hier noch die ganze Vollkommenheit, Wirklichkeit, jenes
_quid_positivum_ (E1P26Dem), jenes Aktivitätsprinzip, "dessentwegen
man sagt, daß Dinge bestimmt sind, irgendetwas zu bewirken" (ebd.).


Was aber wird dann erkannt? Spinoza wird die Gemeinbegriffe später (in
E2P40S1 und E2P48S) von den transzendentalen und den allgemeinen
Begriffen unterscheiden, die eher Ideale oder willkürliche
Abstraktionen darstellen. Demgegenüber werden Gemeinbegriffe eher aus
induktiven "Schlussverfahren" (E2P40S) gewonnen – dadurch, dass
"mehrere Dinge zugleich betrachtet" werden und "an ihnen
Übereinstimmungen, Unterschiede und Gegensätze" (E2P29S) erkannt
werden. Die Gemeinbegriffe sind also ebenfalls allgemein und umfassen
größere Zusammenhänge. Die Gemeinbegriffe unterscheiden sich von
schlechten "Allgemeinbegriffen" und Abstraktionen.

Deleuze fasst den Unterschied konzise zusammen: Bei der abstrakten
Idee begnügen wir uns damit "vorzustellen anstatt zu verstehen: wir
versuchen dann nicht mehr, die Verhältnisse, die sich zusammensetzen,
zu verstehen, sondern behalten nur ein äußerliches Zeichen zurück
(...), das unser Vorstellungsvermögen verblüfft und das wir, während
wir die anderen vernachlässigen, zum wesentlichen Zug erhaben."
(Praktische Philosophie, 60)

"Abstraktion" wird hier von Deleuze so verstanden: als eine Art
Reduktionsprozess, dem man die empirischen Phänomene unterzieht, bis
man bei Klassen, Arten und Gattungen anlangt. Diese werden dann als
das "Wesen" der Einzeldinge betrachtet. Spinozas Wesensbegriff als
auch sein "Empirismus" unterscheiden sich grundlegend von solchen
Herangehensweisen, die man vielleicht "aristotelisch" nennen könnte.

Halten wir fest, dass auch Deleuze die Gemeinbegriffe auf Verhältnisse
bezieht: "[V]om Gesichtpunkt der Natur oder Gottes her gibt es immer
Verhältnisse, die sich zusammensetzen, und nichts anderes als
Verhältnisse, die sich zusammensetzen, gemäß den ewigen Gesetzen.
Jedesmal, wenn eine Idee adäquat ist, erfaßt sie genau zwei Körper
mindestens, meinen und einen anderen, - je nach dem, wie sie ihre
Verhältnisse zusammensetzen ('Gemeinschaft')." (50)

Sehen wir weiter:
Was also "gemeinsam" und "gleichermaßen im Teil wie im Ganzen" ist,
sind _allgemeine Verhältnisse_ zwischen den Dingen, die unbeeinflusst
sind von der imaginären Perspektive unter dem Einfluss der Körper.

Einerseits formuliert Spinoza also Gemeinbegriffe unter
Berücksichtigung der Verhältnisse von _Körpern_ ("A möge etwas sein,
das allen Körpern gemeinsam ist und das gleichermaßen in dem Teil
eines jeden Körpers wie in dem Ganzen ist." E2P38Dem) – sie werden
Gemeinbegriffe genannt, nicht "weil sie allen Geistern gemeinsam sind,
sondern zuerst, weil sei etwas vergegenwärtigen, was den Körpern
gemeinsam ist." (Deleuze, 94). Andererseits ist diese Erkenntnisweise
"ohne Beziehung (relatione) auf die Existenz des Körpers" (E5P40S).
Anders formuliert: Gemeinbegriffe vergegenwärtigen _Verhältnisse_ der
Körper, sie sind Ideen, die dem Affiziertwerden durch die Verhältnisse
der Köper entsprechen und nicht dem Affiziertwerden durch die Körper
selbst.

Einerseits sind diese Verhältnisse, insofern wir sie auf die
einfachsten Körper beziehen Proportionen von Ruhe und Bewegung.
Gemeinbegriffe beziehen sich hier auf die allgemeinsten Verhältnisse
innerhalb des Attributs der Ausdehnung. Andererseits aber unterhalten
zusammengesetzte Körper, die eine geschichtete "Dicke" besitzen, zu
anderen komplexen Körpern auch zeichenhafte Beziehungen.
Gemeinbegriffe können sich, so gesehen, auf je konkrete semiotische
oder diskurshafte Kontexte beziehen. Diese sind zunächst auch zur
ersten Erkenntnisweise, zur Imagination, zu rechnen. Doch implizit
beherbergen sie Verhältnisse, die rational erkannt werden können.
Allerdings können hier keine mathematischen Proportionsbegriffe
ausreichen – vielmehr muss man die je vorfindbaren empirischen
Phänomene, Beziehungen, Entitäten, Singularitäten "terminologisch als
Verhältnisse denken".

Diese Formulierung eröffnet eine weitere "Baustelle". Ich habe sie aus
folgender Passage:

Die "historischen Individuen sind Körper die Disziplinen, Normen und
politischen Regulationen unterworfen sind", diese Körper müssen in
ihrer Klassensingularität (und warum nicht in ihrer Geschlechts-,
Wissens-, oder kulturellen Singularität) terminologisch als
Verhältnisse gedacht werden." (Balibar 1991, Foucault et Marx, 303)
Zusammen mit dem Zitat von Macherey im letzten Posting zeichnet sich
hier ein diskurstheoretisch informiertes politisch-ethisches Projekt
ab. Genauso möchte ich mein Projekt verstehen.

Dieses Projekt beginnt, wenn wir uns selbst als Verhältnis, unsere
Situation in Verhältnissen und gemeinsam "unsere" Verhältnisse
verstehen und praktisch erweitern.





Sam 30. Aug 2008 12:41

hans19682000
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Hi, Ich möchte mich in ein paar postings auf die Suche nach einer Rekonstruktion der Theorie der Gemeinbegriffe bei Spinoza machen. Denn sie sind es, wie mir...
hans19682000
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16. Aug 2008
15:25

Warum kann Macherey von der "Produktion von Ideen" sprechen? Wie können wir von einem Prozess sprechen? Das Verb "producere", das in E1 sehr prominent ist...
hans19682000
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17. Aug 2008
11:42

Nochmals in verdichteter Form: Die Seele nimmt Dinge wahr. Gott hat auch die Ideen dieser Dinge. Die Natur der Seele wird von Gott konstituiert. Gott hat die...
hans19682000
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22. Aug 2008
10:15

Um in der Folge zu verstehen, wie Gemeinbegriffe gebildet werden können, galt es zunächst zu verstehen, welche Dimensionen Spinozas Ideentheorie ("Ideen...
hans19682000
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22. Aug 2008
10:20

Beschäftigen wir uns jetzt also mit den Lehrsätzen, in denen die Gemeinbegriffe ausgearbeitet werden: E2P37, 38 P37 und P38 werden durch die Formulierungen...
hans19682000
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30. Aug 2008
12:41
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