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Betrifft: Projekt Gemeinbegriffe 2: Produktion von Ideen
Warum kann Macherey von der "Produktion von Ideen" sprechen? Wie
können wir von einem Prozess sprechen? Das Verb "producere", das in E1
sehr prominent ist verschwindet in E2 und auch "procedere" hat keine
tragende Funktion. Wenn wir von Produktion und Prozess sprechen, so
kann das nur das Ergebnis einer begründeten Übersetzung sein. Wobei
wir nicht die Sprache übersetzen, sondern die "philosophische
Grammatik" – Elemente mit denen Spinoza denkt.
So möchte ich meine Lesart von "Ideen haben" verstehen.
"Haben" ist ja ein völlig alltägliches Verb. Etwas zu haben wirft
keine großen Fragen auf. Lassen wir die juristische Denkweise (Besitz,
Eigentum) beiseite, so meint "haben" bloß, die Verfügung über eine
Sache oder die Teilhaftigkeit an einer Sache oder umgekehrt die
Teilhaftikgkeit einer Sache an mir (Schnupfen haben), oder die
Teilhaftigkeit zwischen Sachen (der Becher hat einen Henkel) etc.
Dieses Alltagsvokabel erklärt im einem philosophischen Kontext wenig.
Wir müssen vielmehr fragen: _Wie_ hat dieses jenes?
Nehmen wir eine besonders wichtige Passage aus E2, nämlich eine Stelle
aus dem Folgesatz (Corollarium) zu P11. Darin wird zusammengefasst
erklärt, was eigentlich passiert wenn der menschliche Geist "dieses
oder jenes wahrnimmt.":
"Wenn wir daher sagen, der menschliche Geist nimmt dieses oder jenes
wahr, so sagen wir nichts anderes, als daß Gott, nicht insofern er
un|endlich
ist, sondern insofern er durch die Natur des menschlichen Geistes
erklärt wird, d.h. insofern er die Essenz des menschlichen Geistes
ausmacht, diese oder jene Idee hat. Und wenn wir sagen, Gott hat diese
oder jene Idee, nicht insofern er nur die Natur des menschlichen
Geistes ausmacht, sondern insofern er zusammen mit dem menschlichen
Geist auch die Idee eines anderen Dinges hat, dann sagen wir, daß der
menschliche Geist das Ding nur zum Teil, anders formuliert inadäquat,
wahrnimmt."
Kürzen wir diese Passage unter Verwendung von E2P13Dem:
"Wir haben aber (...) Ideen der Affektionen des Körpers." = "dieses
oder jenes wahrnehmen"
So ergibt sich
"Wenn wir sagen, der menschliche Geist hat Ideen der Affektionen des
Körpers, so sagen wir nichts anderes, als dass Gott (...) diese Ideen
hat."
Hier sehen wir die umfassende Klammer unserer Passage. Bleibt zu
klären, _wie_ dieses gegenseitige oder gleichzeitige haben erläutert
wird. Folgende Elemente finden sich:
insofern, Natur des menschlichen Geistes, Essenz des menschlichen
Geistes, erklären, ausmachen –
1. insofern
lässt sich entweder
a) statisch-logisch auffassen. Etwa: Ein Ding fällt unter die
Kategorie Würfel, insofern (wenn) es folgende Bedingungen erfüllt ..."
oder
b) relationell, eine Beziehung anzeigend
2. Die Verwendung der Begriffe "Natur" und "Essenz", oder "Wesen"
lässt sich nicht immer leicht abgrenzen. Man muss den Kontext zu rate
ziehen, ob einmal nicht eher der Zusammenhang von natura
naturans/naturata gemeint ist mit der gedanklichen Nähe zur
"gewöhnlichen Naturordnung" und das andere mal nicht eher das Prinzip
immanenter Kausalität, Wesen.
Zunächst scheinen wir Natur und Wesen in dieser Passage
unterschiedlichen Dimensionen zuordnen zu können, da im ersten Fall
"Gott" durch das eine "erklärt" wird, und das andere "ausmacht".
x) _Gott_ – durch die _Natur_ des menschlichen Geistes _erklärt_
y) _Gott_ – _macht_ die _Essenz_ des menschlichen Geistes _aus_
Allerdings fällt diese Unterscheidung nach den verwendeten Verben
wieder zusammen, da bei der nächsten Verwendung:
z) _Gott_ – _macht_ die _Natur_ des menschlichen Geistes _aus_
Wie auch immer. Die Passage wurde eingeleitet, um einen Zusammenhang
zu beschreiben und letztlich lässt sich hier im Sinne
logisch-begriffler Beziehungen kaum etwas herauslesen. Es bleibt eher
der Eindruck einer relationalen Spannung zwischen den Polen "Gott" und
"menschlicher Geist". Begriffe wie Natur, Wesen, und eventuell
Existenz, Verben wie ausdrücken und ausmachen, dienen so gesehen
weniger einer begrifflichen Klärung als vielmehr einer Beschreibung,
der Beschreibung einer Spannung zwischen Polen, wo einmal der eine,
einmal der andere eine Betonung erfährt.
Es scheint kein Zufall, dass die Formulierung aus E1P25S ganz ähnlich ist:
"um es kurz zu sagen, in der Bedeutung, in der Gott Ursache seiner
selbst genannt wird, muß er auch Ursache aller Dinge genannt werden"
Gott ist die Ursache seiner selbst indem er die Ursache der
Einzeldinge ist – und, zumindest in der Ordnung von Diskursen, auch
umgekehrt!
Wir haben Ideen indem Gott sie hat – und, in der Ordnung diverser
Redeweisen, in denen wir uns darüber klar werden, auch umgekehrt!
Vor dem Hintergurnd der Passage aus E1 können wir die Dimension der
Kausalität und der Produktion/des Hervorbringens mitdenken.
"Ideen haben" ist also vor allem die Teilhabe an der Produktion von
Ideen. Diese findet immer in einem Kontext statt. Diesen "Kontext"
lese ich aus "Gott insofern er auch die Idee/n eines/von andern
Dinges/n hat". Je umfassender unser Geist in diesen produktiven
Kontext einbezogen ist, desto aktiver sind wir, desto mehr
Denkfähigkeit haben wir, desto produktiver ist unser Geist.
Ab einem bestimmten Umfang dieser Aktivität, die man dann auch
"perfekt" und "völlständig" nennen kann, gehen wir zur
Produktionsweise adäquater Ideen, zur zweiten Erkenntnisweise über –
zu den Gemeinbegriffen.
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"hans19682000" <hans68@...>
hans19682000
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