Hi,
Ich möchte mich in ein paar postings auf die Suche nach einer
Rekonstruktion der Theorie der Gemeinbegriffe bei Spinoza machen. Denn
sie sind es, wie mir scheint, mit denen das ethisch-politische Projekt
gedacht werden kann. Mit Gemeinbegriffen wird das ethisch-politische
Projekt denkbar und die Bildung von Gemeinbegriffen ist eine zentrale
Aktivität des Projekts selbst.
- Die Idee des Geistes als die Produktion von Ideen
Grundsätzliches: Die Philosophie Spinozas formuliert sich stark in
einem bestimmten Sprachmaterial, dem der Scholastik und dem Descartes,
das es zugleich anwendet und entscheidend verändert. Diese
strategische Schreibweise erfordert beim Leser, die Aufmerksamkeit auf
sukzessive Verschiebungen zu legen, die einerseits an dem
Sprachmaterial vorgenommen werden und andererseits den Gedankengang
Spinozas begleiten. Diese Verschiebungen finden teilweise auch dadurch
statt, dass bestimmten Wortformen, wie Präpositionen und Verben, eine
stärkere Bedeutung im Kontext einer eigenen philosophische "Grammatik"
Spinozas erhalten. Deutlich ist dies bei Konstruktionen wie "in sich",
"aus sich", "durch sich", etc. aber auch bei Verben, denen selbst
schon ein begrifflicher Status zugeschrieben werden kann. Berühmt ist
das Beispiel von "exprimere", das dem Buch von Deleuze zugrunde liegt.
Bei der Rekonstruktion von Spinozas Philosophie geht es also nicht nur
darum, die Ideen zu rekonstruieren, sondern auch zu verstehen, wie er
Sprache einsetzt. Es geht also auch darum, Spinozas Sprache zu lesen.
Verstehen, was Spinoza geschrieben hat, ist dann v.a. eine Art
Übersetzung, die möglichst kohärent versucht, das Eigentümliche von
Spinozas Philosophie zu reformulieren.
Ich möchte die Rekonstruktion der Bedeutung der Gemeinbegriffe mit der
Eigentümlichkeit des "Ideen-habens" bei Spinoza beginnen. Aus dem
einfachen Grund, weil Gemeinbegriffe Ideen sind und weil "haben" auf
die Prozesse verweist, diese zu bilden. Im Grunde geht es um die
Frage: Wie erreichen wir Gemeinbegriffe? Wie können wir sie "haben"?
Zunächst aber Grundsätzliches zu den Ideen:
Schon aus E2Ax. wissen wir: "Der Mensch denkt." Zugleich wissen wir
aber, dass sich dieses Axiom vom cartesischen "cogito" als Fundament
des denkendes Subjekts unterscheidet. Dieses Axiom wird in E2P11Dem
wieder aufgenommen:
"Es sind bestimmte Modi der Attribute Gottes, die (...) die Essenz des
Menschen ausmachen, nämlich (...) Modi des Denkens, denen allen (...)
die Idee ihrer Natur nach vorangeht."
Das menschlichen Denken besitzt nicht einen autonomen, von der Ordnung
der Natur losgelösten Auslöser in sich. Das menschliche Sein ist also
nicht per se Subjekt seines Denkens, sondern vielmehr eine besondere
Bestimmung des Denkens. Als ein "Einzelding des Denkens" (E2Def 7) ist
es vor allem ein endliches und innerhalb eines Bildungsprozesses
determiniertes Denken.
siehe E2Def7
"Unter Idee verstehe ich einen Begriff des Geistes, den der Geist
bildet, weil er ein denkendes Ding ist."
Diese Geist-Idee besitzt eine komplexe Einheit:
E2Ax3
"Modi des Denkens, wie Liebe, Begierde oder was sonst noch mit dem
Ausdruck Affekte des Gemüts bezeichnet wird, sind nur gegeben, wenn in
demselben Individuum die Idee des geliebten, begehrten usw. Dinges
gegeben ist."
Wichtig scheint hier, die passive lateinischen Verbformen von "dari"
nicht mit dem Deutschen "es gibt" wiederzugeben, da es den
Gedankengang leichter ins Metaphysische abgleiten lässt. Die
Fortsetzung dieses Axioms mit alternativer Übersetzung lautet daher:
"Eine Idee kann auch gegeben sein, wenn keine anderen Modi des
Denkens gegeben sind."
Die passive Verbform lässt uns für die "erste Idee" eher einen Kontext
annehmen, von dem her sie sich ergibt, als die einfache
Existenzbehauptung "es gibt". Der Kontext wird dann auch in den
zusammenhängenden Lehrsätzen E2P11-P13 gegeben. Er besteht in der
"Idee eines wirklich existierenden Einzeldings" (E11), dem Stattfinden
von Ereignissen, die dieses Einzelding betreffen, und dem Gegebensein
von Ideen-Wahrnehmungen im Geist, und der Feststellung, dass das
Objekt der Idee, die den menschlichen Geist ausmacht, der Körper ist.
Es ist dieser Kontext der verhindert, hier an das Cartesische Cogito
zu denken.
Diese Idee des Geistes – des Geistes als Idee – geht den anderen
psychischen Bildungsprozessen logisch voran. Dennoch kann man sie
nicht als "eine Idee", die _zeitlich_ zuvor gebildet wird, auffassen.
Die Priorität der Idee ist die Priorität ihrer Natur nach. Ist diese
Idee gegeben, so gibt es gleichzeitig die Seinsweisen des Denkens.
Ähnlich wie die Substanz den Attributen logisch vorangeht, (oder wie
das Begehren nicht als "nacktes" Wesen des Menschen vorangeht, sondern
affiziertes Wesen ist, Vinicguerra, 68) aber als einzelne nur in der
Vielheit existiert, so hier analog und homolog die Idee des Geistes
und die Seinsweisen des Denkens
Dass die Idee des Geistes gegeben ist, ohne das andere Ideen gegeben
sein brauchen, heißt lediglich, dass sie "keine Position eines anderen
vorhergehenden Modus benötigt", wie z.B. der Verstand, der zwar das
Wesen des Geistes ausmacht [wirklich?, noch überprüfen hans], ohne
Liebe, ohne Begehren sein kann, aber diese nicht ohne ihn." (Gueroult,
II, 32)
Fassen wir zusammen: Die Idee des Geistes ist eine
komplex-strukturierte Einheit. "Alle anderen psychischen Bildungen
[Affekte des Geistes] hängen von ihr ab" (Macerhey IE2, 41). Zugleich
besteht sie aber in nichts anderem als diesen Bildungsprozessen. Kurz:
Dass das "erste, was das wirkliche Sein des menschlichen Geistes
ausmacht" eine "Idee" ist, lässt sich kurz so reformulieren:
"Die Produktion von Ideen ist also das grundlegende Element (...) der
Funktionsweise der menschlichen Seele: sie begleitet, als ihre
Bedingung, alle ihre anderen Tätigkeiten – so wenig "intellektuell"
diese zunächst auch erscheinen mögen." (ebd., 42)