|
Nach längerem wieder einmal...
Zu den anregendesten Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe,
gehören zwei Titel von Jan Assmann: _Moses der Ägypter_ und _Die
mosaische Unterscheidung_. Im Grunde handeln beide Bücher vom selben
Thema, wenn auch entscheidende Verschiebungen zwischen beiden
festzustellen sind. Grob gesagt behandelt der Ägyptologe Assmann zwei
Typen von kultureller und/oder ideologischer Integration von
Gesellschaft. Eine eher poly- bzw. kosmotheistische und die
monotheistische. Wenn sich diese Integrationstypen auch in
geschichtlichen Religionen in mehr oder weniger bewussten Formen und
in einem einmal mehr offenen, einmal unterschwelligen Kampf
ausdrückten, so reicht ihre Bedeutung dennoch über die Religion hinaus
und betrifft letztlich alle Bedeutungsverhältnisse von
"abendländischen" Gesellschaften.
Die mosaische Unterscheidung ist weniger ein realhistorischer
Gründungsakt (die Verkündigung des mosaischen Gesetztes in Folge des
Exodus: "Es gibt nur einen wahren Gott."), sondern eher eine Vielzahl
von Gründungsakten, -aktivitäten, "-gesten", im Laufe der Geschichte.
Im Wesentlichen besteht sie in der Idee des einen, wahren Gottes im
Gegensatz zu einem oder mehreren falschen Göttern. Im dadurch
begründeten Monotheismus werden erstmals geschichtlich Wahrheit und
der Glaube an Gott gemeinsam artikuliert. Dies bedeutet mindestens
zweierlei: Da sich der Monotheismus explizit gegen die religiöse Welt
des "Polytheismus" richtet, ist er grundsätzlich eine "Gegenreligion",
eine Art Kampfideologie, versucht Volk und Gegenvolk zu trennen.
Andererseits eröffnet dieser "Wahrheitsraum" einen allumfassenden
Universalismus, der über Besonderheiten hinwegzugehen vermag und eher
inklusiv ist.
Für den "kosmotheistischen" Integrationstyp gibt es "den", einzigen,
wahren Gott nicht, sondern alle Götter sind irgendwie identisch,
womöglich gibt auch nur einen Gott in vielen Gestalten, etc. Somit
besteht dieser Integrationstyp v.a. in der Vergleichung der Götter, in
der Suche nach Ähnlichkeiten und in der kulturellen Übersetzung. Bei
Assmann klingt v.a. im "Moses-Buch" eine Präferenz für den
Kosmotheismus als einem toleranten Typus an, auch wenn er immer wieder
zugibt, dass auch die Reiche in denen "Polytheismus" praktiziert
wurde, keine gewaltlosen Idyllen waren.
Nun wichtig ist – und deshalb schreibe ich dies hier in der
Spinoza-Liste – , dass philosophie-, ideen-, diskurs-,
etc.-geschichtlich die Wiederentdeckung des alten Ägypten seit der
Renaissance sich immer wieder in die Nähe Spinozas bzw, eines gewissen
Spinozismus begeben hat. Neben der Esoterik, die sich ebenfalls auf
ein bestimmtes Ägyptenbild stützt, gibt es die aufklärerische
Tradition, die gegen die monotheistische "Intoleranz" die Natur zum
höchsten Ideal erhob.
"Spinozas berühmt.berüchtigete Formel _deus sive natura_ lief auf
eine Zerstörung nicht nur der Mosaischen Unterscheidung, sondern der
fundamentalsten aller Unterscheidungen hinaus: der zwischen Gott und
Welt. Diese Dekonstruktion war ebenso revolutionär wie die
Konstruktion Moses. Sie führte unmittelbar zu einer Wertschätzung
Ägyptens. Die Ägypter wurden als 'Spinozisten' und 'Kosmotheisten'
betrachtet." (Assmann, Moses, 26)
Die Aktualität von Assmanns Arbeit liegt auf der Hand und spiegelt
sich in verschiedenen Debatten wieder, z.B. der um Universalismus
und/oder/versus Multikulturalismus, oder den neuen Religionsdiskussionen.
Ich denke, dass sich aus dem Ansatz Assmans für Spinozisten eine neue
Perspektive der Aktualisierung Spinozas ergibt. Ich persönlich bin der
Ansicht, dass es tatsächlich richtig ist, Spinoza als einen
Dekonstruktivisten der "mosaischen Unterscheidung" zu betrachten, dass
man aber nicht die vereindeutigenden Fehler begehen darf, aus ihm
einen "Kosmotheisten", "Panteisten", "Monisten", etc. zu machen. Eine
kulturelle/ideologische Formation, die seit Jahrtausenden Bestand hat,
wie der Monotheismus lässt sich nicht Zerstören. Unsere ganze Kultur
atmet ihn bis in die grundlegenden Metaphern. "Dekonstruktion" ist ja
auch nicht Destruktion. Tatsächlich geht es hier um Umbau, Rückbau und
auch partielle Befestigung und Erneuerung des Alten, wo Neues noch fehlt.
So sehr Spinoza auch traditionelle Unterscheidungen unterläuft
(Gott/Welt, Körper/Geist, etc.) – so positioniert er sich dennoch
nicht "gegenüber". Spinoza kann den Grundzug des "abendländischen"
Bewusstseins – die Trennung, Spaltung – nicht Überwinden. (Die
Illusion dieser Überwindung führt in die Esoterik) Er steht aber für
einen mächtigen, dauerhaften und flexiblen Brückenpunkt am Ort dieser
Spaltung.
Welche Thesen anknüpfend an Spinoza ergeben sich daraus?
lg
hans
|
"hans19682000" <hans68@...>
hans19682000
Offline Mail senden
|