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Betrifft: Spinoza und Sprache 2
In diesem Mail möchte ich die Gedanken zu Sprache und
Netzwerkkausalität zusammenführen.
Spinozas Kausalitätskonzept – die Notwendigkeit in der Ordnung und
Verknüpfung der Dinge – ist keine metaphysische Erste Philosophie.
Zwar könnte E1 und die "geometrische Methode" es so erscheinen lassen,
dass Spinoza hier einen absoluten Anfang machen wollte und über "Gott
und die Welt", das "Sein selbst" philosophieren wollte. Doch es ist
letztlich klar, dass Spinoza in vieler Hinsicht in und mit Kategorien
der scholastischen Tradition und von Descartes arbeitet. Trotz
"geometrischer Methode" ist Spinozas Methode eine des
_Verschiebens_von_Diskursen_und_von_Bedeutungen wichtiger Kategorien
oder Redeweisen. Indem er die Bedeutung bestimmter Kategorien
verschiebt (z. B. "Gott") produziert er Begriffe, die anders
Funktionieren, die aber dennoch mit den vorhergehenden Redeweisen in
Verbindung stehen, so dass Leser "abgeholt" werden können und die
Bedeutungsverschiebung mitvollziehen können.
Zweitens, die inhaltliche Bestimmung dieses Kausalitätskonzepts ist
erst aus der "menschlichen Perspektive" (bei Bartuschat ist das
ausführlich dargestellt) von E2 möglich. Hier liegt vielleicht _die_
zentrale Verschiebung in Spinozas Werk bzw. in der 'Ethik': Das
metaphysische Denken ist rein spekulativ. Erst aus der Perspektive
menschlicher Bedeutungen bekommt es Sinn. (Das bedeutet aber auch,
dass seine Vorrangigkeit - Erste Philosophie - eine Illusion ist.)
Während Metaphysik aber "Bedeutung" dadurch zu fixieren sucht, dass
sie "Wesensschau" betreibt und hofft, das "Wesen" das den Einzeldingen
zugrunde liegt betrachten zu können, erzeugt Spinoza ein Terrain, auf
dem das Produzieren, Verschieben, die "Aktivität" der Bedeutungen, dem
Wesen nicht äußerlich ist.
Einerseits zeigt sich diese Methode in der "Vielstimmigkeit", also
etwa in den Polemiken und Ausführungen zwischen den Lehrsätzen.
Andererseits in der wichtigen Verschiebung der "kleinen Physik" in E2.
Balibar (Transindividuality, 17f) meint, dass die zugrunde liegende
Lehre der kleinen Physik nicht einfach eine "physische" ist, sondern
eine ontologische und die "Dinge" oder "Individuen" als solche betrifft.
D.h._inhaltlich_bestimmbar_, wird das allgemeine "ontologische"
Kausalitätskonzept erst mit der Thematisierung der Körper und deren
netzwerkhaften gegenseitigen Abhängigkeit und Interaktion. Die
gegenseitige Abhängigkeit und Interaktion der Körper betrifft
natürlich alle Körper unterschiedslos. Für menschliche Körper mit
ihrer reicheren Affektivität ist aber v.a. die Abhängigkeit und
Interaktion über Bedeutungen spezifisch.
D.h. die Rede von Ursachen, Erkenntnisweisen, Einzeldingen, Wesen,
etc. bleibt völlig leer und inhaltlich unbestimmt, wenn wir nicht vor
dem Hintergrund der Körper, den Strom der Bedeutungen zwischen ihnen
bestimmen können. Hier findet dann auch ein wichtiger Wechsel statt:
Körper sind als menschliche Individuen nichts anderes als relative
Verdichtungen im Netzwerk der Bedeutungen.
Ich hoffe, dass diese Bemerkungen die folgende Behauptung plausibler
erscheinen lassen:
Spinozas "Netzwerkkausalität" ist strukturiert wie ein "offenes
Bedeutungssystem" – oder kurz: wie eine Sprache. In weiterer Folge
bedeutet das dann auch, dass Spinozas Kritik der Sprache v.a.
bestimmte Verwendungsweisen und bestimmte Fiktionen betrifft, dass
aber die Sprache, die Bedeutungen und ihre Geschichte
_das_Feld_von_Erkenntnis_schlechthin_ ist – freilich vor dem
Hintergrund der Organisation menschlicher Gesellschaften. Wichtig
also: "Die Sprache ist nicht bloß ein Kleid des Denkens, sondern das
Denken selbst. (Park, Historicité, 217)
Auch die höchste Erkenntnisweise (zu der durchaus auch Schweigen und
Stille gehören mögen) ist immer noch sprachlich artikuliert und nicht
ein "reines, intuitives Schauen".
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