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Anlässlich des 1.Mai folgende Gedanken:

Aus der Perspekive eines "militanten Rationalismus" gilt es, den
Begriff der "Vereinigung"/"Einheit" bei Spinoza aus den
spiritualistischen Fallstricken zu retten.

Folgendes klingt doch ziemlich esoterisch oder?

Kurze Abhandlung Kap 4/10
"Und darum ist das der vollkommenste Mensch, der mit Gott (der das
allervollkommenste Wesen ist) sich vereinigt und ihn so genießt."

Und
TIE 1/13
"Das höchste Gut* freilich besteht für ihn darin, dahin zu gelangen,
sich einer solchen Natur nach Möglichkeit in Gemeinschaft mit anderen
Individuen zu erfreuen. Was das für eine Natur ist, werden wir an
gehöriger Stelle zeigen, nämlich daß sie die Erkenntnis[3] der Einheit
ist, die der Geist mit der Natur im Ganzen in sich enthält."

Gitbt es einen nicht-spiritualistischen Begriff von Einheit mit Gott
bzw. mit dem Ganzen der Natur?

Auch in der 'Ethik' beruht die intellektuelle Liebe Gottes anscheinend
auf einer Integration der Vorstellungsbilder in "die" Idee Gottes
(E5P14, P32)

Die Idee einer Einheit ist zentral für jede Idee eines Zugewinns an
Handlungsfähigkeit.

Warum?

Gehen wir aus von der Beschreibung der "corpora simplicissima" in E2.
Der "Grenzbegriff" (Balibar) der "einfachsten Körper" beschreibt ein
abstraktes Modell, das der begrifflichen Konstruktion der Körper und
der Individuen vorausgeht. In dieser Abstraktheit ist es zwar
einerseits bloß eine rationale Hilfskonstruktion in der Entwicklung
des nächsten theoretischen Schritts, gleichzeitig besitzt, sie auch
eine fiktive Dimension. "Jeder einfache Körper, als ob er ein Staat im
Staat wäre, behauptet sich selbst indem er sich seinem Umfeld
entgegenstellt." (Matheron, IC, 28) Somit entspricht dieses abstrakte
Modell der Fiktion des "Krieges aller gegen alle" – also der Fiktion
eines atomistischen Individualismus einer Welt verallgemeinerter
Konkurrenz, - von McPherson auch als _possessive_ _individualism_ am
Beginn der "Moderne" (der Epoche der Durchsetzung der kapitalistischen
Produktionsweise) beschrieben. Dennoch ist diese Beschreibung auf
einer Abstrakionsstufe angesiedelt, die in eine umfassendere
Konzeption eines organisierten Universums (facies totius universi) und
der Ordnung komplexer Individuen einbezogen wird. Auf dieser Ebene
wird die Logik des "Krieges aller gegen alle" als von einer
umfassenden Netzwerkkausalität abhängig denkbar, wonach jedes
Indivuduum sich nur in Abhängigkeit und im Zusammenwirken mit anderen
Individuen herausbilden kann. Die allgemeine Konkurrenz ist nur
möglich, weil es eine noch grundlegendere gegenseitige Abhängigkeit
und ein noch grundlegenderes Zusammenwirken der Individuen gibt.

Demnach resultiert das menschliche Drama aus der relativen
Vorherrschaft der Getrenntheit über das Zusammenwirken. Die
Getrenntheit besitzt hier den Charakter einer Realabstraktion, die
zwar imaginär, dennoch fähig ist die Verhältnisse zu strukturieren und
die gemeinsame Handlungsfähigkeit von Individuen zu verstümmeln und zu
behindern.

Von hier aus wird das Erkennen der gemeinsamen und gegenseitigen
Abhängigkeit zu einem entscheidenden Moment der Erweiterung der
Handlungsfähigkeit. Da diese Abhängigkeit letztlich nicht aufhebbar
ist, kann sie nur im gemeinsamen Verstehen und Handeln gestaltet
werden. Für die Menschen führt die Einheit mit Gott oder der Natur,
über die Einheit mit anderen Menschen in gesellschaftlichen
Verhältnissen, die den gemeinsamen Nutzen aller optimiert, also die
Überwindung jedes _possessive_ _individualism_ erfordert:

E4P18Anmerkung
"Dem Menschen ist also nichts nützlicher als der Mensch; nichts
Geeigneteres, sage ich, können sich Menschen zur Erhaltung ihres Seins
wünschen, als daß alle in allem so übereinstimmten, daß die Geister
und Körper von allen zusammen gleichsam einen einzigen Geist und einen
einzigen Körper bilden, daß alle zusammen, soviel sie können,
strebten, ihr Sein zu erhalten, und daß alle zusammen für sich selbst
den gemeinsamen Nutzen aller suchten."

Freilich ist jedes Ganze bei Spinoza immer differentiell, als Teil
einer anderen Ganzheit, bestimmt. Daher ist diese Einheit immer nur
konkret, in einer vermittelnden Aktivität und somit auch
differentiell, nicht im Gegensatz zur singulären Essenz der Individuen
zu verwirklichen, wie dies etwa in einer spiritualistischen,
unmittelbaren und "expressiven" Einheit mit wem oder was auch immer
der Fall wäre.

Somit gibt es bei Spinoza eine Analogie zu Marx'/Engels' "Assoziation,
worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie
Entwicklung aller ist". (MEW4, 482)






Do 1. Mai 2008 12:30

hans19682000
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hans19682000
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1. Mai 2008
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