Als in Deutschland Riesenlöwen jagten.
von Ernst Probst.
Als am Rhein und Main die Riesenlöwen jagten.
http://www.geoberg.de/text/geology/04080102.php
Vor mehr als 500000 Jahren lebten in Deutschland etliche Großkatzen
Nicht der schwarze Mann in Afrika jagte einst die größten Löwen
aller Zeiten, sondern sein roter Bruder in Nordamerika. Dort, wo
heute Los Angeles liegt, lebten vor etwa 10000 Jahren, als das
Eiszeitalter zu Ende ging, noch Löwen, die größer als alle bisher
bekannten Artgenossen waren. Aber auch auf heute deutschem Boden
machten stattliche Großkatzen ihre Beutezüge.
Bereits seit dem 19. Jahrhundert ist man in den kalifornischen
Asphaltsümpfen bei Los Angeles immer wieder auf Überreste von Löwen
gestoßen, und bis heute hat man Hunderte ihrer Skelette bergen
können. Dass es sich dabei um Löwen handelte, war allerdings die
erste und die richtige, doch nicht die letzte Vermutung. Denn 1941
beschrieb der amerikanische Paläontologe George Gaylord Simpson ein
derartiges Skelett als das eines Riesenjaguars und setzte damit
einen Irrtum in die Welt, der erst 1971 korrigiert wurde, als der
russische Forscher N. K. Wereschtschagin und der Mainzer Zoologe
Helmut Hemmer unabhängig voneinander zu dem Schluß kamen, daß
diese "nordamerikanische Pantherkatze" doch ein Löwe ist.
Ähnlich prächtige Großkatzen wie bei Los Angeles lebten vor mehr als
500000 Jahren auch dort, wo heute Wiesbaden liegt. Dies zeigen
fossile Skelettreste von Löwen der Unterart "Panthera leo fossilis",
die 1906 erstmals von dem Mainzer Paläontologen Wilhelm von
Reichenau beschrieben wurden. Derartige Löwenreste werden im
Naturhistorischen Museum Mainz aufbewahrt. Sie stammen aus den
sogenannten Mosbacher Sanden. Dabei handelt es sich um Ablagerungen
des Rheins, des Mains und von Taunusbächen, die von den Forschern
nach dem kleineren, später in Wiesbaden eingemeindeten Ort Mosbach
benannt worden sind.
Die "Wiesbadener Riesenlöwen" lebten in einer klimatisch milden
Phase des Eiszeitalters, die nach einem englischen Fundort als
Cromer-Warmzeit bezeichnet wird. Damals gab es bei Wiesbaden auch
Säbelzahnkatzen ("Homotherium crenatidens"), Europäische Jaguare
("Panthera gombaszoegensis") und Geparden ("Acinonyx pardinensis").
An den Ufern des Neckars unweit von Mauer bei Heidelberg jagten zur
gleichen Zeit auch Leoparden der Unterart "Panthera pardus
sickenbergi". Letztere wurden 1969 nach einem Fund bei Mauer durch
Helmut Hemmer und die damals in Mainz tätige Paläontologin Gerda
Schütt publiziert; im Namen dieser Raubkatze wird an den
Hannoveraner Geologen Otto Sickenberg erinnert.
Die kalifornischen Riesenlöwen aus der Zeit vor 10000 Jahren werden
als Amerikanische Höhlenlöwen bezeichnet und der Unterart "Panthera
leo atrox" zugerechnet. Die Benennung dieser Unterart geht auf den
amerikanischen Forscher Joseph Leidy zurück, der schon 1854
derartige Skelettreste untersucht hatte. "Panthera leo atrox" hatte
eine Körperlänge von 2,40 Meter, zu der noch ein mindestens 1,20
Meter langer Schwanz hinzugerechnet werden muß. Ein Vergleich mit
Löwen, die vom Jahre 1700 bis heute erlegt wurden, zeigt auf, dass
diese allenfalls eine Gesamtlänge von 3,25 Meter (Kapland) oder 3,33
Meter (Ostafrika) hatten, doch waren das Rekord- und keine
Durchschnittsgrößen. Gegenüber "normalen" Löwen hatten die
kalifornischen Großkatzen also einen um einen halben Meter längeren
Körper, der dem des sibirischen Tigers - der größten Katze, die
gegenwärtig auf der Erde existiert - entspricht.
Daß die riesigen Raubtiere in Kalifornien zu Zeiten lebten, in denen
die Indianer bereits von Nordamerika Besitz ergriffen hatten, bewies
der Fund einer Säbelzahnkatze, in deren Knochen eine Pfeilspitze
steckte. Und eben jene Säbelzahnkatze war aus einem Asphaltloch
geborgen worden, in dem auch Löwenteile lagen.
Der Löwe ist einst nach Südkalifornien eingewandert. Seine Urheimat
liegt nach heutigem Wissen in Afrika. Dort sind die \\"ältesten\\"
Löwen in den berühmten Fossilfundstellen um den Rudolfsee
ausgegraben worden, wo einst auch der Australopithecus-Vormensch
lebte. Diese Löwenfunde auf dem Schwarzen Erdteil sind etwa zwei
Millionen Jahre alt. In Europa tauchte der Löwe vor etwa 700000
Jahren auf. Außerdem machten sich die Löwen nach Asien und Sibirien
auf und verbreiteten sich von dort aus über die ganze Welt. Sie
gelangten bis nach Ceylon und Indien, und vor etwa 250000 Jahren,
als eine Vereisungsphase den Meeresspiegel absinken ließ, über
die "Beringbrücke", die heute von der Beringsee bedeckt wird, auch
nach Nordamerika.
Dort verbreiteten sie sich rasch über den gesamten Halbkontinent und
erreichten zudem das nördliche Südamerika. Fast gleichzeitig wie
ihre Artgenossen in Europa sind sie dann dort vor etwa 10000 Jahren
zum Ende des Eiszeitalters ausgestorben. Die letzten eiszeitlichen
Großkatzen heißen Höhlenlöwen ("Panthera leo spelaea"), weil ihre
Reste häufig in Höhlen zum Vorschein kamen. Sie waren jedoch keine
ausschließlichen Höhlenbewohner. Die Bezeichnung "Panthera leo
spelaea" geht auf den Bonner Arzt Georg August Goldfuß zurück, der
1810 einen Schädelfund aus einer Höhle in Oberfranken beschrieb.
Das Verschwinden der Löwen in Amerika, Europa und Asien wurde nach
Ansicht von Helmut Hemmer vermutlich dadurch ausgelöst, daß die
Beutetiere ausstarben. Zum Ende des Eiszeitalters wuchsen nämlich
da, wo vorher Graslandschaft gewesen war, wieder die Wälder. Das
Aussterben der an Futternot leidenden Huftiere könnte den großen
Raubtieren ebenfalls die Nahrungsbasis entzogen haben.
In Europa sind die letzten Löwen übrigens von den Alten Griechen
gesichtet worden, der Schriftsteller Herodot berichtet noch über
sie. Doch dann hat man diese Großkatzen heftig bejagt, bis sie
schließlich ausgerottet waren. Denn der Löwe war für den Menschen
von der Zeit an zum erklärten Feind geworden, als der begann, sich
Haustiere zu halten. Deshalb ist diese Großkatze auch im Vorderen
Orient, in dem sich die Bauernkulturen am frühesten entwickelten, am
raschesten verschwunden.
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© 01.08.2004 Ernst Probst (Mainz-Kostheim) ⇒ kontaktieren
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