Man sollte es nicht für möglich halten: Jetzt kommen sie alle aus ihren Löchern gekrochen. Bei der großen Revolution von 1918 waren sie noch nicht auf der Welt, bei der Volkserhebung in der DDR fanden sie sich auf der falschen Seite des Todesstreifens, weil im reichen deutschen Südwesten geboren. War also 1989 auch nix mit ihrer Teilnahme am Umsturz.
Aber jetzt, jetzt können sie sich revolutionär gebärden. Jetzt haben sie entdeckt, daß die baden-württembergische Landesregierung „einen Kniefall vor dem Adel“ vollführt. Ute Vogt entdeckte 88 Jahre nach dem Umsturz, daß es hier im Ländle offenbar noch immer monarchische Herrschaft zu beseitigen gilt. „Die Regierung hat vor dem Haus Baden kapituliert, ohne dessen Ansprüche wirklich geprüft zu haben,“ meinte die aus Berlin heimgekehrte SPD-Politikerin.
Nicht mehr Staatssekretärin darf sie sich nennen, sondern muß die harte Oppositionsbank im Stuttgarter Landtag drücken. Die Oppositionsbank verursacht offenbar nicht nur ihr Schwielen an nicht zu nennenden Stellen, sondern erscheint auch dem Landtagspräsidenten als zu unbequem, denn der würde am liebsten das ganze alte Glump (aus dem Jahr 1961) abreißen, um einem „zeitgemäßen Bau“ Platz zu schaffen. Aber das ist ein anderes Thema. Oder doch nicht? Den Landtag in Stuttgart neu aufzubauen dürfte mehr kosten als das Schloß Salem zu renovieren. Dafür will der Ministerpräsident nun mit dem Klingelbeutel durch’s Land ziehen und Spenden sammeln. Im Haushalt findet er keinen Posten, den er für Salem abzweigen könnte.
Sicher, der Stuttgarter Landtag verströmt wenig Charme, kann mit Schloß Salem auch von der Lage am Bodensee
her nicht konkurrieren. Aber es hausen in Stuttgart Landtagsabgeordnete, die sich an 19 (!) Sitzungstagen im Jahr versammeln. In Salem wohnt der Markgraf und Chef des Hauses Baden. Das ist der Unterschied. Ja, wie kommt denn der Nachfahre der Großherzöge von Baden auch dazu, sich solch einen Luxus zu erlauben, wo die gewählten Volksvertreter ihre durchschnittlichen eineinhalb Sitzungstage im Monat dermaßen unbefriedigend verbringen müssen?
Mit diesem Reflex scheint frau in Stuttgart zu spielen. Der Südwestrundfunk wird seiner Rolle alles dominierendes Medium im Land endlich einmal gerecht und berichtet vermittelnd zwischen beiden Streitparteien. „Das Haus Baden ist klamm“, beschrieb er zu Beginn des versuchten
„Handschriftenverkaufs“ die Ausgangslage. Niemand, auch nicht Ute Vogt, hat behauptet, es ginge den Badnern darum, Kunstwerke zu verkaufen, um sich ein Luxusleben zu gönnen. Immerhin hatte das Haus Baden ein Konzept, um Schloß Salem dauerhaft zu sichern. Von einem Konzept sind Regierung und Opposition in Baden-Württemberg weit entfernt. Jeder Fernsehzuschauer konnte sich davon überzeugen, wie marode das Schloß ist – Eliteinternat hin oder her. Es deutete sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung dezent an, wenn sich das Großherzogshaus das Schloß nicht mehr leisten könne, müsse es halt vom Land übernommen werden. Fürstenenteignung als Lösung im 21. Jahrhundert?
Prinz Bernhard von Baden, als künftiger Hauschef, waren die Sorgen anzusehen, die ihn umtreiben, wenn er an die Zukunftssicherung denkt. Es fiel
ihm auch sichtlich schwer, die Handschriften auf den Markt zu werfen. Niemand trennt sich leichtfertig von diesen Schätzen. Es sollte ihm und seinem Haus geholfen werden, aus der schwierigen Lage dauerhaft herauszukommen. Seine Idee von einer Stiftung gemäß dem Prinzip des britischen National Trust wäre dafür ein guter Ansatz. Als Hilfe sind Ute Vogts Äußerungen nicht geeignet. Sie empfiehlt sich mit ihrem Griff in die Mottenkiste à la 1918 nicht als nächste Ministerpräsidentin. Wer so offensichtlich in der Vergangenheit lebt, taugt nicht als Regierungschefin für bald 11 Millionen Einwohner. Dabei bräuchte das Land dringend einen Wechsel. Die CDU regiert seit 1953 ununterbrochen (wenn auch in wechselnden Koalitionen). Schade, daß die SPD beim Handschriftenstreit erneut bewiesen hat, wie wenig sie eigene Konzepte vorlegen kann, die sie positiv von der CDU/FDP-Koalition abheben würde. Armes, reiches Baden-Württemberg, das die Schlösser im Staatsbesitz mit Protz herausstellt
(mir fällt Weikersheim ein), aber einem Juwel in privater Hand, nur verstaubtes Revoluzzertum anbietet.
H.
Do you Yahoo!?
Join the Girlfriend magazine VIP Club for inside info, freebies and more