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Metaphernanalyse · Systematische Metaphernanalyse
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Gender und Metapher   Beitragsliste  
Antworten | Weiterleiten Beitrag #211 von 230 |
Re: [Metaphernanalyse] Betrifft: Gender und Metapher

Lieber Herr Kimmel,
ich komme wegen vielfältiger Arbeiten nur dazu, einige Punkte zu diskutieren
bzw.
mich zu positionieren. Ihre weiter reichenden Vorschläge werden davon nicht
berührt.


"denn wir brauchen außer mehr lege artis Studien beim Thema sozio-kulturelles
leiblich basiertes Wissens mehr als Metaphernforschung alleine"

Damit stimme ich völlig überein. Für eine reflektierte Triangulation
unterschiedlicher Methoden (siehe die wiederholten Hinweise von Uwe Flick) habe
ich
mich seit der ersten Skizze einer systematischen Metaphernanalyse ausgesprochen.


Sie spielen mehrfach auf meine Zurückhaltung an, jene Schemata, wie sie von
Lakoff
und vor allem Johnson beschrieben werden, als Universalien zu akzeptieren, und
schreiben: "Daher sehe ich eine Notwendigkeit einer "stereoskopischen Sicht" auf
Schemata, die Kulturspezifika und Universalien Rechnung trägt (Kimmel 2005,
2008)."

Auch hier: kein Widerspruch. Ich will nur die Möglichkeit offenlassen, dass
Menschen unter besonderen Bedingungen eben auch Abwandlungen von kinaesthetic
image
schemas entwickeln - so auch Gibbs (2006) in seiner Übersicht über die
entwicklungspsychologischen Forschungen zur kognitiven Linguistik (S. 208-238)
Gibbs, Raymond W. Jr. (2006). Embodiment and Cognitive Sciences. Cambridge:
Cambridge University Press.


"Wie Metaphern oder andere imaginative Praktiken soziokulturell auf ein Kind
einwirken, wurde meines Wissens selten in Fallstudien oder Surveys erforscht.
(Ich
zweifle aber an Bourdieus Behauptung, das dies rein osmotisch aus der Praxis
übernommen wird, ohne sprachliche oder sogar explizite Instruktion.)"

Gottfried und Jow (2003) haben in zwei- bis fünfjährigen Langzeituntersuchungen
der
Spontansprache von vier Kindern mit vergleichender Untersuchung der Vorlese- und
Bilderbücher beschrieben, wie darin das >Herz< als konventionelle Metapher für
sozialpositive wie -negative Emotionen dominiert und ebenso >erfolgreich<
vermittelt wird - andere Körperteile (z. B. >Bauch<) werden erheblich weniger in
metaphorischer Form von den Medien genutzt. Eine quantitative Übersicht über den
metaphorischen Input durch populäre Kinderliteratur in den USA geben Colston und
Kuiper (2002):
Gottfried, Gail M. & Jow, Erin E. (2003). >I just talk with my heart<: The
mind-body problem, linguistic input, and the acquisition of folk psychological
beliefs. Cognitive-Development, 18(1), 79-90.
Colston, Herbert L. & Kuiper, Melissa S. (2002). Figurative language development
research and popular children's literature: Why we should know, >where the wild
things are.< Metaphor and Symbol, 17(1), 27-43.


"Zwischenbemerkung: Unter den Tisch fällt bei Lakoff und Johnson wie auch in
Schmitts Einleitung, dass viele Metaphern eigentlich gar nicht im eindeutigen
Sinn
image schemata als Quelldomäne haben, sondern reicheres Wissen, das zumeist im
Rahmen von propositionalen Schemata oder frames diskutiert wird (z.B. "Spiel").
Empirisch wäre zunächst zu gucken, ob dieses Grundphänomen das Feld der
Geschlechtsmetaphern betrifft, und warum sollte es nicht? Wenn ja, was weiter?
Werfen wir dann die Embodiment-Hypothese über Bord für diese Metaphern-Gruppe?"

Eventuell habe ich da einem Missverständnis Vorschub geleistet. Ich gehe nicht
davon aus, dass alle Metaphern direkt auf kinaesthetic image schemas aufsetzen,
sondern eben auch auf komplexeren - ja, auf was: Ist "Spiel" ein propositionales
Schema? Oder ein "Frame"? - Aber ist das für die systematische Metaphernanalyse
überhaupt wichtig? Es geht in ihr darum, an einem Text eine Übertragung zu
rekonstruieren, die von bestimmten Sprechenden ein Muster des Denkens von einem
Bereich auf einen anderen überträgt. Es geht darum, diese Muster durch Vergleich
als Konzept zu formulieren. Die Kenntnis 'dahinter liegender' Schemata hilft auf
jeden Fall, metaphorische Übertragungen zu erkennen, aber ihr Vorhandensein ist
nicht zwingend. (Es geht in der systematischen Metaphernanalyse nicht darum, den
gesamten Begriffsapparat der kognitiven Linguistik zu aktivieren, sonder nur so
weit, wie er für das Erkennen von Metaphern hilfreich ist. Die Metaphernanalyse
ist
ein bescheidener Ansatz ... )


"Und, geht es um body image, das reflexive Bild unsrer Körper, oder ums body
schema, den weitgehend automatischen Funktionen? Ist das im Bereich der
Metaphermethode ex post überhaupt klar trennbar und wenn ja wie?"

Ich übe mich da lieber weiter in Bescheidenheit: Uns ist ein Text gegeben, der
auf
seine Metaphern zu rekonstruieren ist. Und auf dieser sprachlichen Ebene lässt
sich
body image und body schema empirisch vermutlich nicht trennen. Das body schema,
also die tatsächliche Aktivierung neuronaler Vernetzungen dürfte wohl eher über
biochemische oder bio-physikalische Messmethoden eruierbar sein - das ist nicht
meine Aufgabe ...


"Teilweise scheint mir auch die Metaphernanalyse von Interviews gewöhnlichen
Zuschnitts als Zugang zu Embodiment nicht zu greifen, wenn ich mir die eher
mageren
und allgemein ausfallenden Resultate ansehe: Inwiefern ist eine Selbst-Strategie
einer Krebskranken "die ihren Weg geht" im Sinne einer Metapher embodied? Kann
es
sein, dass hier die Metapher etwas ganz anderes beleuchtet als ihr
Körpererleben,
nämlich ein abstrakte Idee von Problembewältigung in Reaktion auf die
Krankheitserfahrung als ganze?"

Sicherlich ist in dieser Metaphorik des Wegs sehr viel präsenter eine kulturell
vermittelte Problembewältigung enthalten als ein besonderes embodiment. Ich
ordne
das eher in die Frühphase der Beschäftigung mit Metaphern durch die jeweiligen
Autor/innen ein - das fällt nun mal am ersten auf und wird auch, weil
einprägsame
Metaphern vorhanden sind, publiziert. Differenziertere Analysen müssen immer
noch
erklärt werden ...


"Warum Lakoff und Johnson androzentrisch sein könnten und "männliche
Erlebnismuster
verallgemeinern", verstehe ich nicht."

Altmanns Kritik ging dahin, dass Lakoff und Johnson die Anwendung z.B.
räumlicher
Metaphern von oben und unten durchaus in ihrer Anwendugen auf soziale Bezüge
("upper class") beschreiben können, etwaige Geschlechtszuschreibungen aber
nirgends
thematisieren. Und Patthey-Chavez beschreibt, dass die Metapher des Zerfließens
für
Sexualität bei Lakoff nirgends vorkommt, obschon er Sexualität in anderen
Bezügen
immer wieder streift - vor allem die Verknüpfung von Sexualität und
Kampf/Krieg/Jagd.
Altmann, Meryl (1990). How not to do things with metaphors we live by. College
English, 52(5), 495-506.
Patthey-Chavez, Genevieve; Clare, Lindsay & Youmans, Madeleine (1996). Watery
passion: The struggle between hegemony and sexual liberation in erotic fiction
for
women. Discourse and society, 7, 77-106.


Soweit. Ich stimme Ihrer Schlussthese zu, dass hier in diesem Feld noch deutlich
viel mehr getan werden könnte. Aber - damit komme ich wieder auf den Anfang - es
wäre unfair, dem Instrument der systematischen Metaphernanalyse als
hermeneutischem
Verfahren Ansprüche aufzuladen, die durch andere Verfahren der Dokumentation und
der Analyse besser eingelöst werden können.

Mit freundlichem Gruß,
rudolf schmitt


Michael Kimmel schrieb:
>
> Liebe KollegInnen,
>
> Das faszinierende vor kurzem hier diskutierte Thema der gender-Metaphern

--
Prof. Dr. Rudolf Schmitt
Hochschule Zittau/Görlitz
Fachbereich Sozialwesen
Brückenstr. 1, G 1
02826 Görlitz
E-Mail: r.schmitt@...
Homepage: http://www.hs-zigr.de/~schmitt/
Qualitative Forschung: http://de.groups.yahoo.com/group/Metaphernanalyse/
Promotionsförderung:
http://www.hs-zigr.de/~schmitt/promotionen/index_promotion.htm



Die 12. Mai 2009 19:37

metaphernana...
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Liebe Listenmitglieder, nachdem hier schon einmal von Frau von Alemann die Frage nach Geschlecht und Metaphernverwendung gestellt worden ist (siehe ...
Rudolf Schmitt
metaphernana...
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3. Mai 2008
18:49

Liebe Listenteilnehmer/innen, ursprünglich hatte Frau von Alemann hier eine Frage nach Metapher und Geschlecht / Gender gestellt...
Rudolf Schmitt
metaphernana...
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25. Mrz 2009
9:56

Lieber Herr Schmitt! Könnten Sie die erwähnte Idee mit der Erweiterung der image schemas weiter erläutern, wie das zu verstehen wäre? So wie ich diese...
Michael Kimmel
mik_kimmel
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25. Mrz 2009
11:39

Lieber Herr Kimmel, genau das ist der Punkt: In der bisherigen Diskussion beziehen sich "image schemas [...] doch auf sehr schematisch-topologische ...
Rudolf Schmitt
metaphernana...
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25. Mrz 2009
13:25

Lieber Herr Schmitt, ich bin begeistert! Der Aufsatz fasst meinen eigenen Eindruck des Literaturstandes zusammen. Herzliche Grüße Annette von Alemann ... ...
Annette von Alemann
anvona
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25. Mrz 2009
12:22

Liebe Frau von Alemann, freut mich :-). Und es müsste noch auszubauen sein ... Ob die Revision des Schema-Begriffs angenommen wird (siehe auch die vorige...
Rudolf Schmitt
metaphernana...
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25. Mrz 2009
14:16

Lieber Herr Schmitt, liebe Listenmitglieder, ich lese gerade "Die männliche Herrschaft" von Pierre Bourdieu und finde hier viele Überlegungen wieder. Ich...
Annette von Alemann
anvona
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25. Mrz 2009
14:29

Liebe alle, Ich hatte witzigerweise bei meinen Kurzbeispielen im vorigen Beitrag ebenfalls an Bourdieu gedacht, weil mir beim Lesen seiner kabylischen...
Michael Kimmel
mik_kimmel
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25. Mrz 2009
15:38

Liebe KollegInnen, Das faszinierende vor kurzem hier diskutierte Thema der gender-Metaphern hat mich zu einer Replik auf Rudolf Schmitts Artikel in FQS...
Michael Kimmel
mik_kimmel
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1. Mai 2009
11:57

Lieber Herr Kimmel, vielen Dank für die ausführliche Kommentierung, die ich im Moment noch gar nicht beantworten kann (wird auch wegen anderer Arbeiten etwas...
Rudolf Schmitt
metaphernana...
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1. Mai 2009
12:56

Lieber Herr Kimmel, ich komme wegen vielfältiger Arbeiten nur dazu, einige Punkte zu diskutieren bzw. mich zu positionieren. Ihre weiter reichenden...
Rudolf Schmitt
metaphernana...
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12. Mai 2009
19:38
Erweitert

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