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Die Rückkehr der Seesender (Teil 2)

CHRONIK 1985

Plötzlich entfachte sich ein erbitterter kalter Krieg
zwischen Vincent Monsey von Radio Caroline und Roy Lindau
von Laser 558. Grund war hier die Akquisition von möglichen
Werbekunden. Für eine weitere Verschlechterung sorgten
schließlich die ausgestrahlten Nikon-Spots, die anstatt
bei Laser nun bei Caroline landeten. Dadurch gab es nicht
mehr die Option, gewisse Provisionen miteinander zu verrechnen
oder zu teilen. Zu dieser Zeit war Laser beliebter als Caroline.
Denn Monsey konnte bisher O'Rahilly nicht überreden, ein
anderes Musikformat zu wählen. Im Gegenzug verstehen sich
aber die jeweiligen DJ's ausgezeichnet und feiern abwechselnd
kleine Partys miteinander.

Das begonnene Projekt von Radio Monique International wird
offensichtlich durch eine Gruppe niederländischer Musikverlage
getragen. Diese Vermutung wird dadurch gestützt, dass gezielte
Werbung für in den Niederlanden produzierte Scheiben betrieben
wird und eine Stunde lang nur NL-Produkte gespielt werden. Sehr
raffiniert gemacht ist auch der Einsatz von typischen Hits aus
der "Dutch Era" der Seesender 1969 - 1974. Die DJ's an Bord haben
teilweise noch für Radio Mi Amigo gearbeitet. Da ein eigenes ins
Auge gefasstes Projekt scheiterte (die MV Cederlea von Radio
Paradijs wurde vor dem offiziellen Programmstart von den nieder-
ländischen Behörden aufgebracht), entschloss man sich zu einer
erneuten Zusammenarbeit mit O'Rahilly.

Radio Caroline hatte mit dem Empfang seiner Sendungen am
Tage Probleme. Um auf der eingesetzten Frequenz 576 kHz
effektiv arbeiten zu können, war eine T-Antenne wie bei
Laser 558 notwendig. So kam der Antennenspezialist Peter
Chicago wieder an Bord. In New York hatte Vincent Moncey
erhebliche Probleme, die Station mit Werbung zu versorgen.
Diese sollten ebenfalls aus dem miesen Tagessignal und
schließlich aus dem verwendeten Musikformat resultieren.
Sorgen bereiteten dabei vor allem die "Hippie-Discjockeys",
die immer wieder Uraltrock von den Eagles, Santana, Dire
Straits, Led Zeppelin u. a. auf den Plattenteller legten
und die zu spielende neue Musik oft einfach boykottierten.
So verschwanden nachweislich neu gelieferte Platten plötzlich
spurlos. Unter diesen Umständen entschloss sich O'Rahilly zu
einem leicht geänderten Format: tagsüber poppiger unter dem
Programmchef Jay Jackson und nachts heavier unter Programmchef
Tom Anderson. Weiterhin gibt es Probleme mit der alten Ankerkette,
die aber noch nicht bezahlt war (40.000,-- Gulden) aus Rache
gegenüber dem einstigen Verhalten der Reederei Wijsmüller im
März 1968. Denn sie riss am 06. 01. 1985. Doch war man am 11.
01. 1985 neu verankert wieder im Äther.

Was die Bezahlung der DJ's betrifft, gibt es zwei Gruppen.
Die einen bekommen ein mehr oder minder regelmäßiges Gehalt.
Die anderen arbeiten nur für Kost und Logis. Wenn noch etwas
vom Budget übrig sein sollte, noch ein kleines Handgeld. Die
erste Gruppe besitzt die seltene, kunstvolle Gabe, Oldies,
Rock der 70-er und 80-er Jahre miteinander zu vermischen.
Die durch Radio Monique International eingehenden Gelder
wurden vorrangig für die Begleichung der Schulden, für
die Leute der Landorganisation, für die nötige Bevorratung,
etwa mit Öl und Lebensmitteln, und für neue Investitionen
benutzt.

Auch bei Laser 558 gab es Probleme. Nur ein Sender läuft
und lässt sich nur bis 23 kW ausreizen, bei knapp hundert-
prozentiger Modulation. Der andere Sender kann zusam-
mengeschaltet nur auf der Frequenz von 729 kHz einge-
setzt werden. Auch liefert ein Generator an Bord nur 5 kW
Leistung. So halten sich hartnäckig die Gerüchte, dass man
das Senderschiff verlustfrei weiterverkaufen wolle. Es heißt,
ein neues Schiff soll mit den in Florida gelagerten Sendern
und den auf der MV Communicator vorhandenen bald aus-
gerüstet und ersetzt werden. Schließlich bekommen noch
die Geldgeber kalte Füße, was zum Rücktritt von Lindau
führt. Eine Summe in Höhe von 1,5 Millionen US-Dollar
wird als Verkaufspreis für Laser 558 genannt. Wie beim
Seesender Radio Caroline hatte auch Laser 558 mit dem
Unwetter auf See zu kämpfen. So brach der vordere An-
tennenmast ab und stürzte ins Meer. So hoffte man, dass
man spätestens Anfang Februar mit einem starken Signal
und mit über um 100 m verlängerten Sendemasten wieder
zurück sein würde. Auf jeden Fall gelang es, neue Werbe-
partner zu gewinnen. Des weitern machen Gerüchte die
Runde, dass stundenweise auf der Frequenz 558 kHz ein
niederländischer Dienst kommen soll. Definitiv ist jetzt
ein neuer 2-kW-Sender an Bord, mit dem man London noch
besser als bisher versorgen will. So will man den UKW-
Plänen von Radio Caroline zuvorkommen.

Laser 558 fand einen neuen Geldgeber: Richard Branson,
den Chef der Plattenfirma "Virgin". Diese Firma erhofft
sich hier gute Chancen, seine eigenen Produkte zu promoten.
Ferner wurde die weibliche Crew durch Holly Michaels und
weiteren drei Frauen verstärkt. Dagegen feierte Caroline
an Ostern 1985 den 21. Geburtstag. Damit war man effektiv
der älteste Seesender, gefolgt von Veronica und der Voice
of Peace. Neue Werbespots garantieren die Deckung der
Kosten für die Bevorratung der Ross Revenge. Ende Feb-
ruar wurde mit Hilfe eines neuen Generators und diversen
Ersatzteilen das Signal auf 576 spürbar verbessert, dass
sogar in Köln ein schwaches, aber gestörtes Signal hör-
bar war. Wegen Geldmangels ist aber ein neuer Sender
nicht in Sicht.

Nach einer repräsentativen Umfrage der NOS in den
Niederlanden schalteten die Hörer von Programmen,
die von Senderschiffen ausgestrahlt wurden, zu 58 %
Radio Caroline, 25 % Monique, 7 % Laser 558 und zu
1 % alle Seesender ein. Es zeigte sich aber auch,
dass die rosigen Zeiten der Seesender langsam dem
Ende zugeht. Die UKW-Frequenzen sollten immer mehr den
Betrieb auf der Mittelwelle ablösen. Am 25. Mai 1985
feierte Laser 558 nun auch den 1. Geburtstag. Mit der
Zeit wird der Trend zur Marktnähe deutlicher. So wird
der amerikanische Musikexperte Lee Abrahams von Radio
Caroline beauftragt, binnen sechs Monaten für die
Station ein klar erkennbares Musikkonzept auszu-
arbeiten, um auch weitere Werbekunden zu gewinnen.
Bei Monique erblickt eine eigene "Top 50" die Welt.
Laser 558 starte Ende Mai die "European Top 30".
Zuvor brach zum dritten Mal der Antennenmast, so
dass der Sender bis 7. Mai außer Betrieb war.

Das Management von Radio Caroline vermietet jetzt
Sendezeit wieder an religiöse Gruppen. Auch möchte
O'Rahilly die einstigen kanadischen Investoren bald
möglichst auszahlen und dazu braucht er jeden Cent.
Auf 576 kHz verfügt man nun über einen vollwertigen
10-kW-Sender. Tagsüber kann man das Signal zwar als
zufriedenstellend bezeichnen, liegt allerdings doch
hinter dem von Laser 558. Am 27. 07. nahm man das
zweite Studio im Heck in Betrieb.

Wesentlich mehr Probleme gibt es immer noch um die
Communicator. Hier machen die täglich schwankende
Modulation, die Signalstärke und der ab und an um-
knickende Sendemast Sorgen. Auch hier häufen sich
Klagen über mangelhafte Verpflegung und derzeitig
schleppende Bezahlung der Crew. Bei Laser ist man
somit auf Sparkurs gegangen. So sind die Büros in
New York in preiswertere Quartiere umgezogen. In
den Sendungen tauchen immer mehr Produktionen von
Fremdfirmen, meist Werbekunden, auf. Mittwochs
um 18.00 Uhr startet die "Wednesday Top 40 Show".
Immerhin ist Laser 558 die Offshore-Station mit der
niedrigsten Fluktuation beim Personal.

Bei Laser 558 kündigen sich harte Zeiten an. Geld
verdient man nur noch durch "airplugging", d. h. das
gezielte Abspielen von Platten, die von der Industrie
gepusht wurden. Andere Geldquellen fingen an zu
versiegen. Dann am 7. August kam aber für beide
Seesender ein Rückschlag. Seit dem Morgen liegt
ein ca. 30 m langes, kleines Schiff in Sichtweite. Es
stellt sich als ein Beobachtungsschiff der DTI heraus,
das mit der Verfolgung illegaler Sender beauftragt war.
An Bord sind dafür die sowohl geeigneten Abhör- als
auch die Aufklärungsgeräte installiert. Mit ähnlichen
Methoden, wie sie bei der Polizei angewandt werden,
wurden alle Schiffe kontrolliert, die sich den Sender-
schiffen näherten. Auch wurden sie gründlich unter-
sucht. Die Seesender reagierten darauf mit lustigen
Anspielungen. Der wahre Grund solcher Maßnahmen liegt
im Druck kleiner küstennaher IBA-Stationen, die mit
allen Mitteln die ungeliebte populäre Konkurrenz
weghaben wollte. Am 24. 08. lichtete plötzlich die
MV Communicator den Anker und bezog eine Position
10 Seemeilen nördlich der Ross Revenge, so dass
eine weitere Beobachtung der Schiffe unmöglich wurde.
Nach drei Tagen kehrte man aber zur alten Position
zurück. Die Versorgung aus Spanien wurde bekannt
gegeben. O'Rahilly könne sich auch daran beteiligen.
Man wolle aber zuerst Geld sehen. Bei Laser hat sich
zwar das ausgestrahlte Signal hörbar verbessert, aber
die Arbeitsmoral an Bord sank immer mehr. In der ein-
schlägigen Fachpresse war schon vom bevorstehenden
Untergang des Seesenders die Rede. Doch sollte es an
Bord irgendwie weitergehen, trotz aller Probleme.

Nachdem das britische Beobachtungsschiff wegen des
schweren Seegangs seine Position aufgeben musste,
kam längsseits zur Ross Revenge das niederländische
Marineboot Mecken und bewirkte die Stilllegung des
963-kHz-Senders. Weitere Befürchtungen traten aber
nicht ein. Im Blickfeld der Beobachtung standen die
Mitarbeiter von Radio Monique und die ankommenden
Besucherschiffe. Von der britischen Presse wurde zur
gleichen Zeit die Relation der eingesetzten Mittel für
die Beobachtungsaktion zum erwarteten möglichen Erfolg
als Missverhältnis betrachtet und in der Folge stark
gerügt.

Im Laufe der Ereignisse kam für Laser 558 plötzlich
das Ende. Zunächst machte man trotz Wegfall des
früheren Geldgebers Smythe aus Irland nunmehr
unter britischer Regie weiter, angeblich sogar mit
Überschüssen. Doch stellte sich heraus, dass das
britische Beobachtungsschiff es eigentlich auf Laser
abgesehen hatte. Obwohl sich die finanzielle Lage
durch verschiedene Maßnahmen besserte, unter-
ließ man die Aufrechterhaltung der Versorgung,
die Beschaffung von Ersatzteilen und die Wartung
der tückischen technischen Apparatur an Bord. So
drohte öfters der Kapitän, die MV Communicator
an Land zu bringen. Auch wurde jetzt die "Gardline
Tracker" als Beobachtungsschiff eingesetzt, ein von
der Größe her mit der Communicator vergleichbares
Schiff. So wurde am Donnerstag, dem 05. 11., auf
ein Mal das moderierte Programm abgesetzt und durch
lange Musikblöcke ersetzt. Ab 13.20 Uhr war lediglich
noch ein Trägerton zu hören. Der Grund hierfür lag in
der Unterschätzung der absehbaren Gefahren durch
den Generator. Dieser drohte zu explodieren und war
für schwere elektrische Entladungen an Bord verant-
wortlich. So war man gezwungen, an Land zu gehen.
So kam man am 06. 11. bei Harwich an und ankerte
außerhalb im River Stour. Zwar hatten die britischen
Behörden gegen das Senderschiff nichts in der Hand,
aber der Nachweis für die Seetauglichkeit fehlte. Auch
hatten die Gläubiger nun ihre Forderungen eingeklagt,
das ein erneutes Auslaufen vorerst in Frage stellte. So
kam ein "Keeper" an Bord, der schließlich das Ende von
Laser einläutete. Die DJ's kehrten mit dem Flugzeug in
die USA zurück. Am 16. 12. folgte das Ende. Die Teile
des Schiffes wurden einzeln verkauft. Am Ende haben
die Kosten die Marke von 100.000,-- Pfund erreicht.
So sah das Laser-Management hier keine Chance für
ein erneutes Auslaufen.

Nach Sendeschluss von Radio Monique um 19.00 Uhr
folgten auf 963 kHz verschiedene religiöse Programme.
Am 06. 10. wechselten diese auf 576 kHz. Tags darauf
kam man auf 963 kHz mit verstärktem Signal zurück.
Die Hörer auf dem Kontinent konnten nun ab 21.00
Uhr das "normale" Programm von Caroline genießen.
Um 21.20 Uhr waren die täglichen Gig-Guide, also die
Veranstaltungshinweise, zu hören. Die Lage an Bord
sollte sich verbessern. Die anfängliche Übernervosität
wich bald dem Spaß an der Sache. Denn die neue
Köchin Jenny McKenzie hatte eine gute Stimme.
Auch wurde die Crew durch neue Leute verstärkt.
Die Versorgung des Schiffes erfolgte durch einen
Tender unter honduranischer Flagge. Das Schiff
wurde winterfest gemacht. Einem erneuten Anker-
bruch wurde vorgebeugt und neue Leitungsdrähte
wurden verlegt. Auch hatte man einen eventuellen
Ersatz für den derzeitigen Sendezeitmieter Monique.
Am 08. 11. belegte man die Frequenz von Laser 558
und meldete sich unter dem Namen "Caroline Five-
Five-Eight". Damit wollte man die Belegung durch
Radio Kent verhindern. Auch wollte man die 558
kHz freihalten, falls Laser wieder zurückgekehrt
wäre.

Radio Monique International konnte auf ein erfolg-
reiches und "fettes" Jahr zurückblicken. Man hatte
keine Probleme mit Werbekunden. Die Blockade-
aktionen wurden augenscheinlich von der nieder-
ländischen Seite nicht betrieben. Nur britische
Besucherschiffe wurden kontrolliert. Trotzdem
kündigte die NL-Justiz an, endlich etwas gegen
die Hintermänner an Land zu unternehmen und
die Werbekunden zu "überprüfen". In den Kreis
der DJ's ist mittlerweile auch Ruhe eingekehrt,
da die Tests von neuen Stimmen nun eingestellt
wurden. Auch strahlte man englische "International
News" aus, die von Caroline-Leuten vorgetragen
wurden. Jede Menge neuer Jingles kamen zum
Einsatz.

Josef Theobald









Sam 22. Sep 2007 7:46

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