Karl Marx – vom Wissenschaftler zum Dogmatiker
Karl Marx wurde als Sohn eines Advokaten mit jüdischen Wurzeln
(Mordechai) 1818 in Trier geboren. Nach einem Jurastudium sollte
er sich der Geschichte und der Philosophie widmen mit dem Ziel
einer akademischen Laufbahn. Doch wurde seine Herkunft zu einem
Hindernis. Deshalb arbeitete er als Redakteur für einige liberale
Blätter. Doch sein radikaler Kurs sorgte aber schnell für die
Unterdrückung durch staatliche Stellen. Nach mehreren Aufent-
halten in Frankreich, Belgien und Deutschland siedelte er auf
die britische Insel über, wo er auch 1883 in London starb.
In Deutschland ist Marx als einer der Väter der Arbeiterbewegung
nicht wegzudenken. In Frankreich wurden seine Thesen Stück für
Stück als Marxismus bezeichnet. In Russland entwickelte sich mit
der Zeit der Weg zu einer Ideologisierung der Marx'schen Ideen,
die als Marxismus-Leninismus zur maßgeblichen Lehre des sich
neu herausbildenden Kommunismus nach der Oktoberrevolution 1917
propagiert wurden. Mit der Bewegung des 4. Mai des Jahres 1919
kamen auch diese Ideen nach China und wurden Werkzeuge der
Befreiung Chinas aus den Fesseln des Imperialismus und des
kolonialen Systems.
Die heute vorliegenden Einzelschriften gehen auf eine Sammlung
des Moskauer Marx-Engels-Lenin-Institut zurück, das, ausgestattet
mit vielen ausländischen Korrespondenten zur Zeit der Zwanziger
und Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts, unter Leitung der
Historikerin Galina Golowina diverse Schriften gut sortieren
und katalogisieren konnte. So standen erstmalig Tausende Blätter
Archivmaterial zur Auswertung zur Verfügung. Seit 1975 wurde
ständig in der früheren DDR an einer Gesamtausgabe der Marx-
Engels-Werke gearbeitet, die seit 1990 gewollt unter dem Dach
der politisch unabhängigen Marx-Engels-Stiftung in Amsterdam
(IMES) herausgegeben wird. Dies war hauptsächlich das Resultat
einer internationalen Rettungsaktion, die vom deutschen Wissen-
schaftsrat begleitet wurde, angesichts des Zusammenbruchs der
DDR ab dem Jahre 1989.
Infolge der Modernisierung der Wirtschaft Chinas und den
absehbaren sozialen Folgen gab es auch hier ein Interesse
an einer aktualisierten Ausgabe der Marx-Engels-Werke. So
arbeitete auch Prof. Eike Kopf seit 1997 bei der Marx-Engels-
Abteilung des Instituts für die Sammlung und Übersetzung der
klassischen Werke beim ZK der KP Chinas. Zuvor gründete
Kopf 1967 die „Marx-Engels-Forschung" an der PH Erfurt/
Mühlhausen. Man arbeitet jetzt an einer zweiten Ausgabe,
die sich vorwiegend an den Originaltexten orientieren soll.
Grundlage der ersten Übertragung ins Chinesische war die
zweite russische Ausgabe. Doch sind die ursprünglichen
Texte meist in Deutsch oder Englisch verfasst worden. So
sind eventuelle Fehler vorprogrammiert. Für das Jahr 2007
hatte man sich zum Ziel eine zehnbändige Ausgabe gestellt.
Insgesamt sind aber wenigstens 70 Bände geplant.
Der Verlag für fremdsprachige Literatur in Beijing gab
seit den Sechziger Jahren einzelne Werke von Marx, Engels,
Lenin und Stalin in Deutsch heraus, die auf den Ausgaben
des Ostberliner Dietz-Verlages beruhten. Diese hatten in
ihrer Übersetzung den damals aktuellen Stand. Englisch-
sprachige Ausgaben der Werke Maos verweisen auf die
Editionen der Marx-Engels-Werke in Moskau aus dem
Jahre 1958, die im dortigen FLPH erschienen sind.
Schon Anfang der Achtziger Jahre beschäftigten sich die
chinesischen Wirtschaftstheoretiker mit den Werken von
Marx und Lenin, um eine Handlungsanweisung bei der In-
angriffnahme der Wirtschaftsreformen zu haben. Erste
philosophische Abhandlungen gibt es allerdings schon
seit der Staatsgründung im Jahre 1949. So sei hier nur
an dieser Stelle die Arbeit von Yu Guangyuan mit dem
Titel „Die marxistische Philosophie studieren" genannt.
Diese Werke spielten bei der landesweiten Verbreitung
der marxistischen Philosophie eine wichtige Rolle.
Zuletzt soll hier auf die Marx-Engels-Kontroverse ein-
gegangen werden. Denn viele Kritiker trugen nämlich
vor, Engels habe die Werke von Karl Marx in seinem
Sinne verändert. Dies gar leichtfertig oder vorsätzlich.
Doch hat die eingehende Forschung ergeben, dass zahlreiche
Abweichungen im vorliegenden Text sich dadurch erklären
lassen, dass Mängel in der Vorlage einer Verbesserung
bedurften. In diesen Fällen hat Engels eindeutige Fehler
des ursprünglichen Manuskripts korrigiert und sie durch
verkürzte Passagen ergänzt. Als nächstes ist die Unfertig-
keit der Marx'schen Manuskripte zu berücksichtigen. So hatte
Marx in vielen aufkommenden Fragen erst den Versuch unternommen,
neue Erkenntnisse zu formulieren, ohne bereits zu abschließenden
Ergebnissen gelangt zu sein. Daher können heute solche oft rein
spekulative Vorbehalte lediglich als unhaltbar hingestellt werden.
Josef Theobald