Rückschau auf die vierteilige Serie
"Mao – Eine chinesische Geschichte"
Am letzten Mittwoch Abend liefen über den Fernsehkanal ARTE
die letzten zwei Teile der oben genannten Serie.
In der Serie war wieder bei Jiang Qing von Maos Witwe die Rede.
Nur dies ist nicht ganz korrekt. Mao heiratete sie zwar im Jahre
1937, aber mit der Auflage, dass seine Frau sich aus der Politik
heraushalten solle. Aber um Mitte der Sechziger Jahren hatte
Jiang Qing ihre Meinung geändert. Doch hatten sich Mao und
seine Frau mittlerweile auseinandergelebt. So hatte jeder
von beiden Eheleuten seine Affären gehabt. Eine Scheidung
war aber ausgeschlossen, da das ZK der Partei wegen der dama-
ligen Forderung nach sittlicher Erhabenheit für eine erneute
Trennung nicht zu haben war. Dabei wollte man sich von den
Verhältnissen in der alten Gesellschaft abgrenzen.
Im Jahre 1976 erschien in der chinesischen Presse der Vergleich
mit einer Kurtisane mit Namen Sai Jinhua, die von 1864 bis 1936
lebte. Ursprünglich in ein Bordell verkauft, hatte sie das Glück
gehabt, als Nebenfrau und später als augenscheinliche Gattin eines
Diplomaten in Berlin zu leben. Später konnte ihr Mann in den aus-
wärtigen Dienst wechseln. Doch hinderte der konfuzianische Moral-
kodex sie daran, auch in China ihre frühere Position einzunehmen.
Schlagzeilen machte sie aber, als sie nach der Trennung, vor allem
nach der Einnahme Beijings durch alliierte Truppen nach dem Boxer-
aufstand, mit der Behauptung in die Öffentlichkeit trat, sie sei
zu dieser Zeit eine Konkubine des deutschen Oberbefehlshabers, des
Grafen Waldersee, gewesen und habe sich angesichts dieser Funk-
tion bei den gegnerischen Parteien für einen Ausgleich eingesetzt.
Doch ist hier zu sagen, dass neuere Forschungsergebnisse diese
Aussage allerdings widerlegen und somit einstigen Kritikern Recht
geben. So hatte dieser Vorfall nicht nur in China für landesweite
Empörung gesorgt, sondern auch im Deutschen Kaiserreich.
All diese Dinge sind nachzulesen in dem Buch von Erwin Wickert,
dem damaligen Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in
Beijing (VR China), mit dem Titel "CHINA von innen gesehen",
das 1984 auch bei HEYNE als Taschenbuch erschienen ist. Des
weitern sei auf die politische Zeitschrift BEIJING RUNDSCHAU
Nr. 7 vom 15. Februar 1977 verwiesen, die auf den Seiten 16
bis 19 Jiang Qing einen speziellen Artikel widmet.
Was die Zeit der Großen Proletarischen Kulturrevolution anbe-
trifft, sollte man ein endgültiges Urteil den Chinesen selbst
überlassen. In einem Interview äußerte sich 1981 einmal ein
Funktionär des Kommunistischen Jugendverbandes über die Lage
bei den Jugendlichen wie folgt:
"Manche von diesen jungen Leuten können die Situation
und Politik der Übergangsperiode nicht unmittelbar be-
greifen. Einigen fehlt das Vermögen, zwischen richtig
und falsch zu unterscheiden, und sie werden leicht vom
Anarchismus und der feudalen Mentalität der Brüderlich-
keit beeinflusst, die Loyalität über Prinzipien stellt.
Im Bewusstsein ziemlich vieler Jugendlicher ist die richtige
Weltanschauung nicht sehr verwurzelt. Einige wenige Jugend-
liche beachten weder die Gesetze, noch die öffentliche Mei-
nung, einige begehen sogar Verbrechen.
Das technische bzw. Bildungsniveau vieler Jugendlicher
ist sehr niedrig und entspricht nicht den Erfordernissen
der Modernisierung des Landes. Das alles sind Probleme,
denen wir unsere größte Aufmerksamkeit schenken müssen."
"Vom Jugendlichen zum Pensionären", CHINA HEUTE, Spezial-
serie der BEIJING RUNDSCHAU, Erste Auflage 1983, Seite 42.
Josef Theobald