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Lenin und die russische Revolution

Bevor auf die Biographie Lenins eingegangen wird, sei hier
zunächst die Zeit in Russland beschrieben. In einem alten
deutschen Geschichtswerk aus dem 19. Jahrhundert heißt
es: "Von einer Entwicklung lässt sich freilich in Russland,
insofern man die inneren Angelegenheiten des großen Reiches
ins Auge fasst, auch in diesem Zeitraume nicht sprechen. Von
Reformen wusste der hochmütige und beschränkte Despot, der
seit 1825 das ungeheure Reich regierte, nichts: die Frage der
Abschaffung der Leibeigenschaft, die zuerst auf diesem Wege
einer Lösung hätte entgegengeführt werden müssen, machte
unter ihm keine Fortschritte von Bedeutung. Der Despotismus
zeigte hier wie überall das Bestreben, die nationalen Eigentüm-
lichkeiten, die sich in diesem Reiche zusammengefunden hatten,
zu verwischen… Der Aufhebung der Leibeigenschaft folgte die
Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (1874), welche Gesetze
über Verwaltung und Organisation des Volksschulwesens zur
notwendigen Voraussetzung und mithin zur Folge hatte… und
wenn dies Reich in der Tat im Fortschreiten begriffen ist,
so geht dieser Fortschritt so langsam und trägt so besondere
Züge, dass man im Westen noch wenig Glauben an dessen Wirk-
lichkeit begegnet." (Oskar Jäger – Weltgeschichte in vier
Bänden, IV. Band, Dritte Auflage, Bielefeld und Leipzig 1899,
Seiten 471 und 687) Angesprochen von der Lektüre der Werke
von Marx und Engels bildete sich allmählich in Russland eine
revolutionäre Bewegung heraus. Einer dieser Vordenker war
Lenin gewesen, der im Jahre 1900 die "Iskra" ("Der Funke")
herausgab. Diese Zeitschrift erschien zwar im Ausland, wurde
aber illegal in Russland verbreitet. Für die Kommunisten dort
spielt sie eine gewaltige historische Rolle, da sie den Boden für
eine selbständige politische Partei des russischen Proletariats
bereitete. So war noch der Standpunkt in der alten Sowjetunion,
der aber nach heutigen Erkenntnissen der Forschung kritisch zu
hinterfragen ist.

Denn hier offenbart sich ein anderes Bild. Seine Zeitgenossen
stellten ihn in das revolutionäre Milieu seiner Zeit. Das von
ihm entwickelte Modell der Partei neuen Typs war eines von vielen.
Lenin, der von 1870 bis 1924 lebte, hatte in seiner Biographie
Zeiträume, die völlig im Dunkeln liegen. Nämlich die Jahre bis
1900 und die Zeitspanne von 1903 bis 1909. Als er im Jahre
1895 die Schweiz, Frankreich und Deutschland bereiste, fand
er ein vielfältiges Spektrum sozialistischer Ideen vor. So ist
er im Jahre 1906 mehr als Praktiker denn als Theoretiker, als
ein einfacher Durchschnittsmarxist zu betrachten. In der Zeit
der Verbannung initiierte ein System der "Besserung durch Arbeit",
das später nur noch durch Stalin perfektioniert werden konnte.

In den Folgejahren im Ausland nimmt er erst das Pseudonym
"Lenin", eine Anlehnung an den russischen Strom "Lena", an.
Damit will er verdeutlichen, dass er die vertretenen Theorien
von Marx und Engels als allgemeingültig für Russland ansah.
Damit bezweckte er nicht eine allgemeingültige Theorie für
die revolutionäre Bewegung in aller Welt. Die Verhältnisse
in Russland betrachtete er als Soziologe und Ökonom. In
diesem Sinne forderte er eine alles steuernde und regelnde
Avantgardepartei, verschiedene Etappen der Revolution und
die Möglichkeit, in einem Bauernland den Sozialismus aufzu-
bauen, auch mit der Zulässigkeit des Gebrauchs von Waffen.

Nach der erneuten Ausreise im Jahre 1912 bereitet Lenin
seine erneute Rückreise vor. So war es ihm möglich, nach
der Februarrevolution bei den überraschten Genossen mit
den Aprilthesen aufzuwarten. Doch herrscht allerdings
in der Forschung die zentrale These vor, dass Lenin
kein ausgearbeitetes und allgemeingültiges Programm des
sozialistischen Aufbaus hinterlassen hat. Was die noch
unbekannten Dokumente angeht, betreffen diese meist
die Parteienfinanzierung, die Malinowski-Affäre und
die Beziehungen zu Ines Armand. Doch änderten diese in
keiner Weise das tradierte Leitbild. Lediglich so einige
Ereignisse aus der Zeit des Bürgerkrieges und aus den
Anfangsjahren der NÖP erscheinen im neuen Licht. Es
sind aber auch nicht zu schließende Lücken im Nachlass
vorhanden, die sich vor allem auf seine Korrespondenz
beziehen. In den Ausgaben der Lenin-Werke gibt es oft
Textstellen, die anderen Autoren, wie z. B. Trotzki und
Bucharin zuzuordnen sind. So blieb weitgehend der Weg
Lenins zum Marxismus verschüttet und unreflektiert. Bis
auf den heutigen Tag sind für dessen Einschätzung als
Theoretiker wichtige Texte aus den Jahren 1899 bis 1908
nicht aufzufinden.

Sinowjew (1883–1936) begonnene Erinnerungen an Lenin
reichen bis in das Jahr 1902 zurück. Dabei schildert
er ihn als Parteiführer und nicht als "Cheftheoretiker".
So ist Lenin in seiner Entwicklung zu zeichnen und nicht
als fertig von Anfang an zu skizzieren. Von einem Leninismus
als ein theoretisches System kann erst nach dem I. Weltkrieg
gesprochen werden. In der Tat ist er keineswegs eine
einheitliche geschlossene Lehre; er umschließt nicht
wenige heterogene, ja manchmal geradezu widersprechende
Elemente.

Sehr kontrovers ist das politische Testament Lenins
zu sehen. Es wurde von Maria Woloditschewa und von
L. A. Fotijewa (1881- 1975) aufgezeichnet und liegt
uns in mehreren Niederschriften vor. Gewisse Teile
davon wurden bekanntlich von Stalin verfälscht. Der
"Brief an den Parteitag" wurde aber 1956 in der
Zeitschrift "Kommunist" erstmals in der Urversion in
Moskau veröffentlicht. Ein Artikel "Lieber weniger,
als besser" konnte erst nach Interventionen im
März 1923 in der "Prawda" einen Tag später
erscheinen. So gab es zu dieser Zeit nicht
zu überwindende Spannungen zwischen Stalin
und der Witwe Lenins. Stalin hatte kein Interesse
an einer Kursänderung. Trotz seiner liberalen
Auslegung der Wirtschafts- und Agrarpolitik
stellte er ihr den auf "Tribut" und "Vorwärts-
peitschen" ausgerichteten Kurs entgegen. Der
Kampf um die Deutungshoheit hinsichtlich des
leninschen Erbes hatte hier seinen Höhepunkt
erreicht.

Nach damaligen Erkenntnissen des Auswärtigen
Amtes während des I. Weltkrieges, die meist auf
Berichten der Geheimdienste beruhen, war hier
Lenins starke Seite seine organisatorische Fähig-
keit. Er vertraute auf eine straffe Zentralisation.
So war seine politische Bewegung als die relativ
beste unter den russischen Organisationen ein-
zustufen. Merkwürdigerweise hatte er in jeder
Situation Geld zur Hand. Auch verfügte er über
die brutalste und rücksichtsloseste Energie.
Das gewissen- und kompromisslose Draufgängertum
ist ein willkommenes Seitenstück zu der verfolgten
Orient-Diplomatie Russlands. Mit Hilfe der Botschaft
Deutschlands in Bern wurde die Rückkehr Lenins
über Stockholm nach Russland eingefädelt, indem
er rechtzeitig in St. Petersburg eintrifft, um
dann mit deutscher Hilfe an die Macht zu gelangen.
Der in späteren Jahren als Agent des deutschen
Imperialismus gebrandmarkte Parvus (alias A. L.
Gelfand <1869-1924>) hatte diesen im Jahre
1915 ersonnenen Coup mit deutschen Stellen
aus langer Hand vorbereitet. Infolge einer
Festigung der Macht durch Stalin nach
Lenins Tod im Jahre 1924 hatte dieser
die früheren Mitwisser umbringen lassen.
Doch sah die frühere deutsche Einschätzung
vor, dass später ein erneuter Sturz der Lenin-
Regierung eintreten würde. Hier irrte man sich
allerdings in seiner Prognose.

Josef Theobald











Son 24. Mai 2009 11:52

weisheitsborn
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Josef Theobald
weisheitsborn
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24. Mai 2009
12:04
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