Die Theorie der drei Welten
Am 09. April 1974 hielt Deng Xiaoping als Leiter der chinesischen
Delegation in Vertretung für den zu dieser Zeit schwer erkrankten
Ministerpräsidenten Zhou Enlai eine Rede auf der 6. Sondertagung
der UNO-Vollversammlung über das Thema „Studium der Probleme
der Rohstoffe und der Entwicklung", in der er u. a. sagte:
„Sieht man sich die Änderung der internationalen Beziehungen an,
so gibt es heute in der Welt drei Teile, drei Welten, die sowohl
voneinander abhängig sind, als auch im Widerspruch zueinander stehen.
Die USA und die Sowjetunion bilden die Erste Welt. Die Entwicklungs-
länder in Asien, Afrika und Lateinamerika sowie in anderen Gebieten
bilden die Dritte Welt. Und die entwickelten Länder, die sich
zwischen diesen beiden Welten befinden, bilden die Zweite Welt."
(Beijing Rundschau Nr. 15 vom 16. 04. 1974, Seite 8)
Bis man zu dieser Einstellung gelangte, musste man in der Welt viele
Änderungen registrieren. So im August 1968 die Niederschlagung des
Prager Frühlings mit sowjetischen Panzern und danach die Absetzung
der bisherigen Parteiführung unter Alexander Dubcek, deren Ziele
man aber in China als revisionistisch einstufte. Dennoch hatte man
in den offiziellen Verlautbarungen diesen Schritt hart verurteilt.
Des weitern blieb die Erinnerung an den Vietnamkrieg frisch, der
mit bisher nicht gekannten Mitteln geführt wurde. Zuletzt handelte
es sich hier gar um einen Stellvertreterkrieg, an dem die beiden
Supermächte indirekt beteiligt waren. Zuvor stellten vor allem
die USA das Hauptkontingent der kämpfenden Truppen auf der Seite
Südvietnams. China stellte der nordvietnamesischen Regierung Waffen
und Militärberater zur Verfügung.
Schon 1963 machte man in der chinesischen Außenpolitik einen
wesentlichen Unterschied zwischen den einzelnen Nationalstaaten,
die nach nationaler Unabhängigkeit strebten, und den Staaten, die
auf der Seite des Imperialismus standen. Die Nationalstaaten hatten
oft mit den sozialistischen Staaten gemeinsame Interessen. Im Laufe
der Zeit entwickelten sich aus diesen die Entwicklungsländer. Schon
damals sah man auch einen Unterschied zwischen den gewöhnlichen
kapitalistischen Ländern, die man in späteren Jahren der Zweiten
Welt zuordnen sollte, und den so genannten imperialistischen
Staaten („Zwei völlig entgegengesetzte Arten der Politik der
friedlichen Koexistenz", in Beijing 1964 erschienen).
Wenn man all diese Dinge berücksichtigt, kommt man zu dem Schluss,
dass die „Theorie der drei Welten" im Laufe der Jahre entwickelt
wurde und keiner einzelnen Person zuzuschreiben ist. Wir wissen
aber nur, dass Mao Zedong gegenüber dem Präsidenten Kaunda aus
Sambia öfters diese Vorstellungen geäußert hatte. So bleibt es
somit in der Folgerung schwierig, allein den späteren Führungs-
persönlichkeiten diese Auffassung anzuheften.
Um die Hintergründe näher zu beleuchten, muss man diverse Artikel
aus dieser Zeit studieren. Auffallend ist hierbei, dass sich China
der Dritten Welt explizit zuordnete. Denn man litt in der Vergangen-
heit auch unter den verschiedenen Bedingungen, ähnlich wie bei den
Entwicklungsländern, lange unter Aggression und Ausplünderung
durch den Imperialismus und unter den Hegemoniebestrebungen
der Großmächte. So hatten schließlich auch beide Länder gegen
dieses Phänomen zu kämpfen und noch gleichzeitig ihre Länder
aufzubauen. Sowohl das gemeinsame geschichtliche Geschick
als auch die gemeinsamen Aufgaben des Kampfes verbinden das
chinesische Volk eng mit den Völkern aller anderen Entwicklungs-
länder in Asien und dem Fernen Osten (Beijing Rundschau Nr. 15
vom 16. 04. 1974, Seite 31).
Besonderes Augenmerk schenkte man den westeuropäischen Staaten.
Hier beklagte man den mangelnden Einfluss auf die Verhandlungen
zur Lösung des Mittelost-Konflikts. Dies gab sogar zu Irritationen
Anlass, da keiner der NATO-Bündnispartner entweder über die Absichten
oder über die Entscheidungen der Vereinigten Staaten im Zusammenhang
mit dem Konflikt im Vorderen Orient informiert war. Dies musste in
der Konsequenz nicht selten zu Missverständnissen führen (Beijing
Rundschau Nr. 45 vom 13. 11. 1973, Seite 22).
Im Blickwinkel Chinas standen ebenfalls die Verhältnisse in den
Ländern Osteuropas. Hier kontrollierte insbesondere die Sowjetunion
größtenteils die Energieversorgung ihrer Satelliten. So musste z. B.
der Kohlebergbau zugunsten von Öl und Erdgas eingeschränkt werden,
das mit der Zeit eine größere Abhängigkeit von der Sowjetunion
nach sich zog (Beijing Rundschau Nr. 22 vom 03. 06. 1975, Seite
21). Damit verbunden waren auch höhere Preise für sowjetische Roh-
und Brennstoffe. Das Gleiche galt für die Preise von Maschinen und
Anlagen, die aus der Sowjetunion importiert wurden. Dadurch gerieten
die Staaten innerhalb des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe in
eine ungünstige Position im Handel mit der Sowjetunion. Verschärft
wird diese Situation durch die Tatsache, dass schlechte Einflüsse
auf dem kapitalistischen Markt direkt auf die anderen RGW-Mitglieds-
staaten abgewälzt wurden (BR Nr. 30 vom 29. 07. 1975, Seiten 10 + 11).
Am 8. November 1977 erschien in der Beijing Rundschau ein mehr-
seitiger Grundsatzartikel über die Drei-Welten-Theorie. Zum Teil
wurden die hier aufgestellten Thesen durch Verweise aus den
klassischen Werken des Marxismus-Leninismus untermauert. Ab
dem 31. 01. 1978 erschien eine ganze Artikelserie mit dem
Schwerpunkt „Europa". Müßig erscheint mir hier hinzuweisen,
dass die entnommenen Zitate lediglich historischen Bezug
haben konnten. Auf die Zeit Ende der Siebziger Jahre waren
diese nur bedingt anzuwenden. Was die Werke von Marx und
Engels angeht, bestanden oft Mängel in der Übersetzung
dieser Werke aus dem Russischen ins Chinesische. Erst
in letzter Zeit ging man daran, diese Mängel zu beseitigen.
So konnten also einzelne Verweisstellen in China anders als
in der Sowjetunion verstanden werden. Was die Bezugnahme
deutschsprachiger Werksangaben angeht, muss noch darauf
hingewiesen werden, dass die Werke von Marx-Engels-Lenin
erst in den Siebziger Jahren herausgegeben wurden. Die
Werke von Stalin wurden teilweise schon in den Sechziger
Jahren veröffentlicht.
Josef Theobald