Umstrittene Geschichtsschreibung
Nachdem das kaiserliche Japan 1931 die Mandschurei besetzt
hatte, besaß es dort einen sehr starken Brückenkopf für
künftige Eroberungszüge in China und in ganz Ost- und Südostasien.
Dieses kontinentale und maritime Reich erstreckte sich von Norden
bis Süden mit einer Ausdehnung von 6500 km und von Sachalin bis
an die Grenze Australiens bzw. westöstlich von Burma bis zu den
Gilbertinseln im westlichen Pazifik mit einer Länge von rund
8000 km. In China selbst eroberten die Japaner vor allem die
wirtschaftlich wichtigen Küstenregionen, so dass der Guomindang-
Regierung wichtige Einnahmen für die Bestreitung der Kosten
für die Kriegsrüstung fehlten. Die Seezölle, die bisher einen
großen Einnahmeposten darstellten, kassierten nunmehr die
Japaner. Es entstand somit eine erhebliche Ausgabenlücke. Die
Folge war eine ausufernde Inflation. Wenn die USA nicht General
Tschiang Kai-schek finanziell unterstützt hätten, wäre es noch viel
schlimmer gekommen. So waren 1944 die Preise fünfhundertmal höher
gewesen als vor dem Kriegsausbruch 1937. Der US-Dollar erhielt
als Ersatzwährung Einzug.
Nach dem Sieg über die japanische Aggression ist im Jahre 1946
der Bürgerkrieg von neuem aufgeflammt. Die Geldentwertung ging
nach einer Pause wieder weiter. Der Grund war die Disparität der
zu optimistischen Einschätzung des Wertes des Fabi, des legalen
Geldes des "freien" China, im Vergleich mit den von der japanischen
Besatzung in den Ostprovinzen herausgegebnen Geldscheinen. Zuweilen
war auch die Kriegsführung der Nationalisten zu kostspielig. So
kostete z. B. eine Luftbrücke für die Versorgung des in der Pro-
vinz Jilin gelegenen und von den Kommunisten eingeschlossenen
Ortes Changchun das gesamte Militärbudget des zweiten Halbjahres
1948. Auch haben die chinesischen Kapitalisten zum Schutz vor dem
staatlichen Zugriff ihr Geld ins Ausland verschoben, so dass dieses
Geld dem Kapitalmarkt vollständig entzogen wurde. So stiegen
zwischen Januar 1946 und August 1948 die Preise um das 67fache.
In der Gegend um Guangzhou kostete nunmehr ein Reiskorn 15
Fabi. Zu spät ergriff die Guomindang-Regierung entsprechende
Gegenmaßnahmen. So wurden zum einen Höchstpreise festgelegt
und zum andern ein Zwangsumtausch von Devisen und Edelmetallen
angeordnet. Schließlich wurde am 19. August 1948 der Fabi durch
den Gold-Yuan ersetzt. Doch das Misstrauen der Bevölkerung in
diese Währung und das ständige Anlaufen der Notenpressen für die
Bestreitung der Kosten für die Kriegsmaschinerie wendete sich in
ihr Gegenteil. Man sehnte sich regelrecht nach anderen Verhält-
nissen. So sollen dem "einäugigen" roten General Liu Bocheng bei
seinem Vormarsch nach Zentralchina ganze Lastzüge mit Stoffen
entgegengefahren sein. Es waren Geschenke der Webereibesitzer
in Shanghai, die sich bei den Kommunisten ins positive Licht
setzen wollten.
In den USA erschien vor einiger Zeit ein Buch mit dem Titel "Gold
warriors", das die systematischen Raubzüge der kaiserlichen Armee
Japans in den besetzten Ländern Asiens während des II. Weltkrieges
behandelt. US-Truppen hätten die geraubten Güter aber wieder den
Japanern abgejagt und damit die Voraussetzungen für eine frühe volle
Souveränität Japans mit lediglich kleinen Einschränkungen ohne eine
wesentliche Verpflichtung zur Zahlung von Reparationsleistungen durch
den Friedensvertrag von San Francisco 1951 geschaffen. Der damalige
Präsident Truman hätte das japanische Beutegut für die Finanzierung
geheimer Operationen während des Kalten Krieges eingesetzt.
Die genannten Edelmetalle können aufgrund vorheriger Ausführungen
nur im geringen Umfang aus China stammen, da man dort am Rande der
Zahlungsunfähigkeit stand. In einem solchen Land mit hoher Infla-
tion flüchtet das Geld ins Ausland, wo auch höhere Profite zu erwarten
sind. Lediglich Kunstschätze wären als Beute geeignet gewesen. Auch
wurden hohe Geldsummen für die Rüstung in beiden Kriegen benötigt,
das wiederum dem inländischen Kapitalmarkt zusätzliche Mittel für
den Aufbau einer nationalen und wettbewerbsfähigen Industrie entzog.
So war man dem kräftigen Warenstrom aus den USA nach dem Ende des
II. Weltkrieges hilflos ausgeliefert.
Die wirtschaftlichen Daten entnahm ich der Fischer Weltgeschichte,
Band 33: "Das moderne Asien", die sich inhaltlich mit den Quellen
aus China decken. Dies zur Klarstellung, damit nicht behauptet
werden kann, es würden dubiose Informationsquellen verwendet.
Josef Theobald