China und die Religion
Der Buddhismus, der Taoismus und der Islam sind die Religionen, die
in China seit vielen Jahrhunderten existieren und daher tief verwurzelt
sind. Der Buddhismus erhielt im 1. Jahrhundert aus Indien kommend dort
Einzug. Mehrere Male wanderten chinesische Mönche nach Indien, um dort
die buddhistische Religion zu studieren. Der klassische chinesische Roman
"Pilgerfahrt nach dem Westen" macht diese damaligen Umstände
deutlich. Der Taoismus entstand während der Regierungszeit des
Kaisers Shundi (125-144) in der Östlichen Han-Dynastie. Als der
Philosoph Lao Zi auftauchte, wurde dieser immer mehr die Leitfigur
des Taoismus. Der Islam kam während der Herrschaft des Tang-Kaisers
Suzong nach China. Dieser heuerte aus Dashi (dem arabischen Reich)
Söldner an, um mit deren Hilfe einen Aufruhr im Inland zu unterdrücken.
Nach der Niederschlagung des Aufstandes ließen sich viele arabische
Soldaten in China nieder. Während der Westfeldzüge Tschingis Khans
kamen im frühen 13. Jahrhundert viele aus Zentral- und Westasien
rekrutierte Moslems nach China. Der größte Teil von ihnen waren
Soldaten, daneben gab es Handwerker und Beamte, die man während
der Yuan-Dynastie als "Hui" bezeichnete. Die islamischen "Hui"-
Soldaten nahmen am Krieg von Kublai Khan zur Vereinigung Chinas
teil und verbreiteten den Islam dort, wo sie stationiert waren
und das Land urbar machten.
Das Christentum zog in China seine erste Spur im Jahre 635 durch
die in der römischen Kirche als Häretiker bezeichnete Nestorianer.
Als später im Jahre 1245 französische und italienische Mönche
eine Christianisierung versuchten, so war dies von keinem großen
Erfolg gekrönt. Nennenswerten Zuwachs erhielten die Katholiken
erst mit der beginnenden Kolonialisierung durch westliche Mächte.
Als Makao durch die Portugiesen besetzt wurde, wurde es bald für
westliche Missionare ein Stützpunkt für die Verbreitung des Katho-
lizismus in China. Gegen Ende der Ming-Zeit hatte die katholische
Kirche etwa 40 000 Gläubige. Als der Papst verboten hatte, dass
chinesische Katholiken sich an traditionellen Zeremonien zur Ver-
ehrung der Vorfahren und des Konfuzius beteiligen dürfen, ging
die Zahl der Gläubigen zurück, zumal der Qing-Kaiser Kangxi den
Katholizismus in China verbot. Mit dem Opiumkrieg von 1840 er-
hielten die westlichen Missionare verstärkten Zugang nach China,
da durch abgeschlossene Verträge die örtlichen Beamten verpflich-
tet waren, die missionarische Tätigkeit er ausländischen Priester
zu schützen. Mit dem Vertrag von Beijing aus dem Jahre 1860 wurde
es möglich, die Missionierung massiv voranzutreiben, da man von
nun an Land pachten und darauf Kirchen bauen konnte. Im Jahre
1946 betrug die Zahl der Katholiken 3 270 000.
Die protestantische Mission begann im Jahre 1807, als ein Mann
mit Namen Robert Morrison, ein Pfarrer von der Londoner Missi-
onsgesellschaft der anglikanischen Kirche den chinesischen Bo-
den betrat. Nachweisbar ist eine enge Verflechtung mit der briti-
schen East India Company, die damals China mit Opium versorgte.
Nach der Yihetuan-Bewegung verlegten die westlichen Missionare
und die verschiedenen protestantischen Missionsgesellschaften den
Schwerpunkt auf den kulturellen Bereich. Sie errichteten Schulen,
Krankenhäuser und andere kirchliche und kulturelle Institutionen
in China. So wird auch in China die Meinung vertreten, dass die
einzelnen Missionsgesellschaften auch an der kolonialen Expan-
sion und an der Sicherung der kolonialen Interessen im Lande
mitwirkten. Deswegen hatten fortan die christlichen Religions-
gemeinschaften stets einen schweren Stand in China gehabt.
Dies sollte man beherzigen.
Josef Theobald